Quelle: Archiv MG - BRD KIRCHE - Vom Mißbrauch des Verstandes durch den Glauben


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       Münchner Hochschulzeitung , 14.12.1983
       Sonderausgabe Sozialwesen
       
       Alles Wissenswerte über die Allianz von
       Glauben und Raketen
       Bekenntnissen und Krieg
       Menschennatur
       
       Teach-In
       

...UND FRIEDE AUF ERDEN

1 "... und die Bibel hat doch recht" war einmal der Titel eines Bestsellers. Sein Inhalt: Ein archäo- logisch aufgezogener Beweis, daß sich irgendwann alles haargenau so abgespielt hat, wie das Alte Testament es berichtet. "Der Glaube ist historisch verbürgt" - lautete die sensationelle Bot- schaft. Der große Regen hat stattgefunden, die Sintflut ist keine Mär, aus der es zu lernen gilt in Sachen menschlichen Anstands und göttlicher Strafe, sondern eine wissenschaftlich erklärte Tatsache. 2 "Christen liegen richtig" war und bleibt ein Beweisziel derer, die sich zum Glauben an den Dreieinigen entschlossen haben. Ganz gleich, ob sie sich auf den "Buchstaben" oder auf den "Geist" der Heiligen Schrift berufen, sie wollen Z w e i f e l b e s e i t i g e n - bei sich und bei anderen. Deswegen nehmen Christen immerzu ihren Verstand in Beschlag um ihren G l a u b e n zu begründen. Bisweilen geht das soweit, daß der Verstand den N u t z e n d e s G l a u b e n s hervorhebt. Von wegen Halt & Trost und ideeller Lohn. 3 "Einem Christen nicht angemessen!" ist ein Argument. Es übt Kritik, aber eine, die sich den Beweis für die Gültigkeit und Brauchbarkeit ihres Maßstabs spart. Daß man sich als Christ dieses oder jenes nicht erlauben dürfe, wird von Leuten vorgebracht, die sich ihres Standpunktes sicher sind. Und nicht nur das. Sie zitieren ihren Glauben in der Gewißheit, daß andere ihn teilen und nie und nimmer auf den Gedanken verfal- len, das gemeinsame Bekenntnis zu verleugnen. 4 "Christen gegen Aufrüstung" gibt es genug. Manche freilich halten eine neue Raketengarnitur für ein Gebot ihres Glaubens der ihnen die Kraft zur "Verantwortung" gibt. Wer recht hat unter den streitenden Brüdern entscheidet natürlich nicht der Glaube und die ihm gewidmete Schrift! Sondern die richtige Anwendung der geheiligten Grund- sätze auf das Hin und Her zwischen Ost und West. Ein Zufall? 5 "Für den Frieden" sind Christen allemal. Ob sie es nun so oder anders, mit oder ohne neue Raketen bewerkstelligen wollen - auf die Weihnachtsbot- schaft lassen sie nichts kommen. Dabei fällt ihnen nicht einmal auf, daß selbst Heiden, auch die modernen, Atomkriege lieber ver- meiden. Der unverwüstliche Glaube an die - längst bewiesene - Überzeugungskraft des Glaubens will sich bewähren! 6 Die Bergpredigt hat deswegen wieder Konjunktur. Sie ist Berufungsinstanz in den "Fragen", die heute die Politik ausmachen. Die "Fragen" drehen sich ausschließlich um o r g a n i s i e r t e G e w a l t - und der Bibeltext (Matthäus 5.-7.) wird als m o r a l i- s c h e r R a t g e b e r herangezogen. So weit kommt es, wenn der Glaube an die guten Werke - und ihre unvermeidlich guten Folgen zum R i c h t e r bestellt wird! zurück