Quelle: Archiv MG - BRD KIRCHE - Vom Mißbrauch des Verstandes durch den Glauben
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Moderne Theologie
GOTT IM SINN GEHT MIT DER ZEIT
"Im christlichen Glauben kommt die V e r n u n f t zum Vor-
schein; gerade als Glaube will er Vernunft.
Die Vernunft kommt durch den christlichen G l a u b e n zum
Vorschein; die Vernunft setzt den G l a u b e n als ihren Le-
bensraum voraus." (Kardinal Ratzinger)
- Die Kirche und ihre Theologie haben noch nie ein Problem mit
dem Gegensatz von Wissen und Glauben gehabt. Zu einer Zeit, da
das katholische Abendland noch in Ordnung war und bestimmte, was
die Untertanen des Heiligen Römischen Reiches zu glauben hatten,
und nur a n d e r e Weltanschauungen wegzuputzen waren, sowieso
nicht. Heute, nachdem die Aufklärung die ratio gegen den Glauben
gestellt hat und Wissenschaften zum Inventar jedes fortschrittli-
chen Staatswesens gehören, auch nicht. Die Ideologen Gottes haben
die Aufklärung und die Entstehung der Naturwissenschaften gut
überstanden und halten die modernen Geisteswissenschaften bequem
neben sich aus.
Der christliche Glaube stellt sich positiv zu den Wissenschaften,
von denen man annehmen sollte, sie seien sein Gegenteil:
"Vorausgesetzt, daß die methodische Forschung in allen Wissensbe-
reichen in einer wirklichen wissenschaftlichen Weise und (sic!)
gemäß den Normen der Sittlichkeit vorgeht, wird sie niemals in
einen echten Konflikt mit dem Glauben kommen, weil die Wirklich-
keiten des profanen Bereichs und die des Glaubens in demselben
Gott ihren Ursprung haben. Ja, wer bescheiden (!) und ausdauernd
die Geheimnisse der Wirklichkeit zu erforschen versucht, wird,
auch wenn er sich dessen nicht bewußt ist, von dem Gott an der
Hand geführt, der alle Wirklichkeit trägt und sie in sein Eigen-
sein einsetzt. Deshalb sind gewisse Geisteshaltungen, die einst
auch unter Christen wegen eines unzulänglichen Verständnisses für
die legitime Autonomie der Wissenschaft vorkamen, zu bedauern.
Durch die dadurch entfachten Streitigkeiten und Auseinanderset-
zungen schufen sie in der Mentalität vieler die Überzeugung von
einem Widerspruch zwischen Glauben und Wissenschaft." (Zweites
Vatikanum)
Dieses friedliche Nebeneinander von fides und ratio hat - am
Rande vermerkt - darin seinen Grund, daß trotz mancher Revolution
die 'Macht' des Wissens eine pure Ideologie geblieben ist. Die
bürgerlichen Wissenschaften benennen dies im übrigen sehr eindeu-
tig, wenn sie die Glaubensgewißheit neben sich dulden. So ist es
auch nicht schwer aufzuweisen, daß die heutige Theologie sich
ganz problemlos für ihre Lehre von Gott der Wissenschaften be-
dient.
Es hat sich nichts geändert
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Der in der Theologie als der Große Aquitaner geehrte und weiter-
hin als Meilenstein christlicher Lehre angesehene Thomas von
Aquin dachte sich damals seine summa theologica so auseinander:
"Ist die Körperwelt um der Gutheit Gottes willen geschaffen?
1. Im Buche der Weisheit (1,14) heißt es: 'Zum Sein hat Gott al-
les erschaffen.' Also ist alles geschaffen um des eigenen Seins
willen und nicht um der Gutheit Gottes willen.
2. Das Gute hat die Wesensart des Zieles. Das höhere Gute in den
Dingen ist daher das Ziel des minderen Guten. Die geistigen Wesen
verhalten sich nun aber zu den körperlichen wie das höhere Gute
zum minderen Guten. Die Körperwesen sind also um der Geistwesen
und nicht um der Gutheit Gottes willen da.
3. Die Gerechtigkeit verteilt Ungleiches nur an Ungleiches Gott
aber ist gerecht. Also liegt vor jeder von Gott erschaffenen Un-
gleichheit eine Ungleichheit, die von Gott nicht erschaffen
wurde. Diese von Gott nicht erschaffene Ungleichheit kann nur aus
der freien Selbstbestimmung der Geschöpfe stammen. Also folgt
alle Ungleichheit aus den verschiedenen Bewegungen der freien
Selbstbestimmung. Die körperlichen Geschöpfe sind aber den gei-
stigen ungleich. Also sind die Körperwesen geschaffen um gewisser
Bewegungen der freien Selbstbestimmung und nicht um der Gutheit
Gottes willen.
ANDERERSEITS heißt es Spr. 16,4: 'Alles hat der Herr um Seiner
selbst willen gewirkt.'
ANTWORT: Origines nahm an, die Erschaffung der Körperwelt sei
nicht in der ursprünglichen Absicht Gottes gelegen, sondern sei
nachträglich zur Strafe der Sünden der Geisterwelt geschehn...
Diese Annahme ist irrig. Erstens widerspricht sie der Hl.
Schrift. Diese fügt dem Bericht über die Erschaffung einer jeden
Art von Körperwesen hinzu: 'Und Gott sah, daß es gut war.' Als ob
sie sagen wollte: ein jedes Ding sei deshalb geschaffen, weil es
gut ist, daß es Sein habe...
Zweitens würde nach dieser Meinung die Ordnung der Körperwelt,
wie sie letzt ist, auf Zufall beruhen. Wenn nämlich z.B. die
Sonne nur deshalb so wie sie ist, geschaffen wurde, weil es so
der Strafe für die Sünde eines Geistes entsprach, so könnte es
sehr gut sein, daß es mehrere Sonnen gäbe, für den Fall nämlich,
daß mehrere Geister in dieselbe Sünde gefallen wären wie jener,
für dessen Sünde die Sonne zur Strafe geschaffen sei. Das ist
aber durchaus unangebracht. ..." (summa, 65. Frage)
Haarscharf bewiesen, daß Gott die Körperwelt um seiner Gutheit
willen geschaffen hat. Der gute Thomas hätte auch sofort hin-
schreiben können, daß er an Gott den Einen und absolut Guten
glaubt. Er wollte aber ein wenig seinen Verstand gebrauchen, von
dem Hegel später sagt, daß "diesem geistverlassenen Verstand die
Philosophie des Aristoteles in die Hände gefallen" sei.
"Insofern der Verstand sich an den gegebenen religiösen Inhalt
hält, so kann er diesen Inhalt beweisen, daß es so sein muß; und
diese Einsicht kann aufgewiesen werden wie bei einem geometri-
schen Satze." (Hegel, WW 19, S. 591)
Ist ja auch kein Wunder, daß so etwas herauskommt, wenn jemand in
den G l a u b e n Logik hineinbringen will. Gott kommt noch im-
mer heraus bei dieser scholastischen Theologie, die auch einmal
im 4-x-einerseits- und 1-x-andererseits-Verfahren das Problem zu-
rechtstanzt, ob die sieben Tage der Schöpfung zur Schöpfung
"ausreichen", oder gar nach der Apfelsorte fragt, welche im Para-
dies so verheerende Folgen hatte.
Ein moderner Theologe würde zweifellos auf derartige Spitzfindig-
keiten ungläubig zurückblicken. Mit so etwas Kleingläubigem be-
schäftigt er sich nicht mehr, obwohl er das selbstverständliche
theologische Dogma, daß am Anfang, am Ende oder in der Mitte im-
mer der liebe Gott daherzukommen hat, ebenso konsequent verfolgt
wie seine als etwas hölzern denkend angesehenen Vorfahren.
"Weil die Theologie den gesamten Bereich der Wirklichkeit unter
dem Gesichtspunkt Gottes betrachtet, ist sie eine theozentrische
Wissenschaft im strengsten Sinne. ...
Die Theologie nimmt ihre Betrachtung vor mit den Augen Gottes
(Schmerz). Denn Gott ist für den Theologen der letzte Erkenntnis-
grund. Die Theologie versucht die von Gott ihr erschlossene gött-
liche Selbsterkenntnis nachzuvollziehen. Sie ist Teilnahme an
Gottes eigenem Wissen. Im Mittelalter drückte man diese Tatsache
mit dem Satze aus, daß Gott das Subjekt der Theologie ist.
Die Theologie versucht also Gott zu sehen, wie er im Antlitze
Christi aufleuchtet, und das Außergewöhnliche in der Weise, wie
es Gott selbst uns erklärt und ausdeutet. Dadurch wird ihre Be-
trachtung die sachgemäßeste und zuverlässigste, die nüchternste
und tiefste. Der Theologe wird durch den Glauben von allen das
natürliche Denken anfechtenden Illusionen und Phantastereien be-
freit." (Michael Schmaus, Katholische Dogmatik, I/33 ff.)
Im Zeitalter der - wie es heißt - Wissenschaften existiert die
Absurdität, daß bei allgemeiner Anerkennung des erkenntnistheore-
tischen Dogmas von der Unerreichbarkeit der Wahrheit wegen der
Vielfalt der Gesichtspunkte die Theologie die einzige ist, die
ihre Wahrheit nicht relativiert - sie hält an ihr fest, indem sie
e i n e n Gesichtspunkt für den ausschließlichen ansieht, Gott,
die absolute Wahrheit. Im Bekenntnis zur Begrenztheit menschli-
chen Erkennens mit den toleranten profanen Zunftbrüdern einig -
wenn auch mit der Begründung der Endlichkeit des Menschen vor dem
allwissenden Gott -, hebt sie sich von diesen ab ausgerechnet mit
dem G l a u b e n an eben den Gott, der die Wahrheit garan-
tiert, wenn man ihn sich gläubig einbildet. "Theologie a l s
Wissenschaft" (ein gedankliches Monstrum, das selbst belegt, wo-
rauf sie es abgesehen hat) konzentriert sich auch nach der Säku-
larisation der Kirche auf die theozentrische Mitte. Daran hat we-
der die sogenannte "Entmythologisierung" des bildlichen Kinder-
glaubens durch den Evangelen Bultmann noch der Einzug moderner
wissenschaftlicher Methoden in die Theologie, noch der "Aufbruch"
des Zweiten Vatikanums etwas geändert.
- "Die Theologischen Fächer sollen im Lichte des Glaubens unter
Führung des kirchlichen Lehramtes so gelehrt werden, daß die jun-
gen Theologen die katholische Lehre sorgfältig aus der göttlichen
Offenbarung schöpfen, tief in sie eindringen." (Zweites Vatika-
num)
- "Daraus folgt, daß der Einwand von einem Mißverständnis her-
rührt, Entmythologisierung sei eine Rationalisierung der christ-
lichen Botschaft, Entmythologisierung löse die christliche Bot-
schaft auf in ein Ergebnis vernünftigen menschlichen Denkens, und
das Geheimnis Gottes werde von der Entmythologisierung zer-
stört... Entmythologisierung macht im Gegenteil erst die wahre
Bedeutung von Gottes Geheimnis deutlich." (R. Bultmann, Jesus
Christus und die Mythologie, S. 47)
- "Seit der Aufklärung befindet sich das Christentum in einem un-
geheueren Prozeß der Neuinterpretation seines Dogmas, d.h. der
Transposition dieses Dogmas aus den Verstehenshorizonten der An-
tike und des Mittelalters in die der gegenwärtigen Zeit... Dieser
Prozeß kann... auch dort, wo er mutig und unbefangen, Schritt für
Schritt, das Einzelne und das Ganze erwägend, vollzogen wird, dem
Gläubigen und dem Theologen die Erfahrung vermitteln, die ja an
sich, rein geschichtlich gesehen, gar nicht selbstverständlich
ist, aber zur Hoffnung des Glaubens des Gläubigen gehört, daß
nämlich dieser Transpositionsprozeß die Selbigkeit des christli-
chen Glaubens und der Kirche durch all die radikal sich wandeln-
den Epochen der Geistesgeschichte hindurch nicht aufhebt, sondern
bestätigt, daß der neue Glaube der alte ist und der alte Glaube
immer neu wird." (K. Rahner, Gott und Offenbarung, S. 370-371)
Viele Wege sind erlaubt, um theologisch nach Rom zu gelangen, und
die protestantische "menschliche Rede von Gott" hat viele Weisen
zu reden und "lebt (doch) von der der Kirche gegebenen Verhei-
ßung" (Karl Barth). Die ausdrückliche Trennung der e i n e n
Wahrheit, die im Lichte des Glaubens unumstößlich ist, von ihrer
Weise, sie "ausdrücken", ist dasselbe wie das Postulat, dem sich
die Theologen ganz frei unterwerfen: das ganze Arsenal existie-
render Wissenschaften, ihrer Methoden und Ansätze
i n s t r u m e n t e l l für den Glauben zu benutzen. Führt die
Subjektivität und das jeweilige Interesse des profanen bürgerli-
chen Wissenschaftlers zu vielen Wahrheiten, also zu keiner, so
macht sich der Theologe je nach Gusto über die Wissenschaften her
und stellt sie in den Dienst des e i n e n Interesses, der
G l a u b e n s wahrheit Plausibilität zu verschaffen.
Es hat sich etwas geändert
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Daß der vernünftige Beweis der Glaubensgewißheit eine contradic-
tio in adiecto darstellt, ist ein alter Hut. Schon immer galt un-
ter Christen das Diktum vom unendlichen und letztlich uner-
forschlichen Geheimnis Gottes. Trotzdem konnte der - geoffenbarte
Gott nicht umhin, in seiner Weisheit den Menschen zuzugestehen,
als arme Erdenwürmer doch auch mit Vernunft begabte auch ihren
Verstand benützen dürften, wenn er dem Glauben nützt, und selbst-
verständlich nur so. Die alten Theologen bemühten dafür die an-
tike Philosophie. Die moderne Theologie zieht dafür auch die ge-
samte philosophische Tradition heran, wie es ihr genehm er-
scheint, und - das ist das Neue - die modernen Wissenschaften.
Und noch ein zweites fällt auf, der Opportunismus der modernen
Theologie, die im Dienste der säkularisierten Kirche keine Mittel
und Wege scheut, der weltlichen Welt den Glauben an den christli-
chen Gott g l a u b w ü r d i g zu machen, ganz im Sinne des
kirchlichen Lehramtes:
"Außerdem sehen sich die Theologen veranlaßt, immer unter Wahrung
der der Theologie eigenen Methoden und Erfordernisse nach einer
geeigneten Weise zu suchen, die Lehre des Glaubens den Menschen
ihrer Zeit zu vermitteln. Denn die Glaubenshinterlage selbst, das
heißt die Glaubenswahrheiten, darf nicht verwechselt werden mit
ihrer Aussageweise, auch wenn diese immer denselben Sinn und In-
halt meint. In der Seelsorge sollen nicht nur die theologischen
Prinzipien, sondern auch die Ergebnisse der profanen Wissenschaf-
ten, vor allem der Psychologie und der Soziologie wirklich beach-
tet und angewendet werden, so daß auch die Lauen zu einem reine-
ren und reiferen Glaubensleben kommen." (Zweites Vatikanum)
Es darf also nicht verwundern, in welch vielfältigen Formen Gott
oder der Glaube an ihn heute an den Mann gebracht wird, indem
noch jede wissenschaftliche Ideologie für das Lob des Herrn be-
nutzt wird.
Gott als geschichtlicher
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Aufgrund des opportunistischen Problems, ob die kirchliche Lehre
noch ankommt -
"Jede kirchliche Lehrverkündigung durch das ordentliche oder au-
ßerordentliche Lehramt muß, soll sie wirklich verstanden werden,
'ankommen' können, immer auch interpretiert, erklärt, in die all-
gemeineren und auch profanen Verständnishorizonte der diese Ver-
kündigung Hörenden eingefügt werden." (Rahner, a.a.O., S. 77) -
haben die Theologen die Abstraktion "Geschichtlichkeit" in ihre
Gottessysteme eingebaut. Kein Theologe, der nicht mit diesem Be-
griff pausenlos operiert. Gemeint ist damit nicht die Glaubens-
tatsache, daß Gott im Jahre Null vor Christi Geburt sich in sei-
nem menschgewordenen Sohn offenbart hat und damit der christliche
Glaube f e s t s t e h t. Die geschichtliche Sichtweise deutet
vielmehr alles, was sie so deuten will, zum Wohle des christli-
chen Glaubens. Da sind gewisse Sauereien im Alten Testament als
geschichtlich bedingt anzusehen und deuten doch über sich hinaus
auf den christlichen Gott. Machtvolle Sünden der Kirche in der
Vergangenheit könne man nur aus der historischen Situation heraus
verstehen - der gute christliche Kern sei dabei aber nicht zu
übersehen. Die theologische Kirchengeschichte, die Heilsge-
schichte zu sein habe und deshalb Gott auf dem Vormarsch zu be-
weisen hat, bedient sich gern guter christlicher Lügen; wie
jüngst die Katholen in ihrer Kleinen Kirchengeschichte zum Papst-
besuch über Luther und die Reformation, die demnach gänzlich
überflüssig gewesen wäre. Vor allem aber dient der Trick mit der
Geschichtlichkeit dazu, dem gläubigen gesunden Menschenverstand
nicht gar zu viel zuzumuten, damit der weiter bei der Stange
bleiben kann. "Dogmen sind nach vorne offen", heißt es, bevor sie
über ein paar Umwege hinten wieder ganz dogmatisch geschlossen
werden. Daß der gute Jesus mit Wucht aus dem Grab gebrochen ist,
braucht man sich so nicht mehr vorzustellen, wenn man an Aufer-
stehung und Erlösung glauben soll. Ob Maria jemals gevögelt hat,
ist nicht so wichtig (obwohl diese Frage theologisch noch etwas
differenzierter gesehen wird: ante natum oder post natum?), und
ob sie nach oben in den Himmel und zum geliebten Sohn hochgedon-
nert ist - nun ja! Roma locuta, aber so wörtlich braucht man es
doch nicht nehmen, Hauptsache man glaubt den göttlichen Kern.
"Versteht sich nämlich die Kirche eschatologisch, als Kirche, die
unterwegs ist, die erst Verheißung, nicht schon in jeder Hinsicht
Erfüllung ist, die Dienst ist und nicht Selbstzweck, dann hat das
auch Folgen für das rechte Verständnis des Dogmas und damit der
Dogmatik. Das Dogma kann jetzt gar nicht mehr anders erscheinen
denn als eine relative und geschichtliche Größe, die nur
f u n k t i o n a l e Bedeutung besitzt. Das Dogma ist relativ,
i n s o f e r n es dienend, hinweisend auf das ursprüngliche
Wort Gottes bezogen ist, und es ist relativ, i n s o f e r n es
auf die Fragestellungen einer bestimmten Zeit" (wer hat denn da
gefragt?) "bezogen ist und dem rechten Verständnis des Evangeli-
ums in ganz konkreten Situationen dient. In dieser doppelten
Selbstüberschreitung muß das Dogma und die es in wissenschaft-
licher Reflexion auslegende Dogmatik betrachtet werden." (W. Kas-
per, Die Methoden der Dogmatik, S. 37-38)
Gott als gedachter
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Gott, der die ganze Weisheit mit Löffeln gefressen hat (ohne Löf-
fel natürlich) ist so modern, daß er sich ohne Gesichtsverlust im
erkenntnistheoretischen Methodenstreit der Wissenschaften seiner
Theologie wiederfindet:
"Hier geht es, so meine ich, darum, von einem zu gewinnenden Me-
thodenbewußtsein der Theologie her die Möglichkeit zu schaffen,
daß die Gedankenbildung des einzelnen sich in Positionen aus-
prägt, die sich dennoch im Rahmen eines gemeinsamen methodischen
Vorgehens, also in einer angebbaren Beziehung zu der Arbeit ande-
rer bewegen. Die sich hier zeigende Konvergenz unserer Auffassun-
gen schließt ein, daß Theologie es mit Problemen zu tun hat, daß
sie sich in Gestalt von Aussagen und von Hypothesenbildung voll-
zieht und daß sie auf die Bildung von Theoriezusammenhängen ab-
zielt." (Pannenberg, ev. theol., Grundlagen der Theologie - ein
Diskurs, S. 60)
Der katholische Kollege hat sich von Gott als Hypothese bei sei-
ner theologischen Engelsforschung leiten lassen und sich dabei
gedacht: Warum sollte man sich diese Flattermänner/frauen nicht
denken können, so daß seine Leistung in der Mahnung besteht,
"nicht in einem biblischen Fundamentalismus zu schnell und zu
naiv von der Existenz guter und böser Engel überzeugt zu sein; in
der Mahnung, die vom eigentlichen Wesen einer göttlichen Offenba-
rung gegebenen hermeneutischen Prinzipien ernst zu nehmen, die
beachtet werden müssen, wenn man die Existenz von Engeln theolo-
gisch nachzuweisen sucht, obwohl solche nicht zum primären und
ursprünglichen Offenbarungsgegenstand gehören können: in der Mah-
nung, nicht in einem primitiven Rationalismus zu meinen, es könne
von vornherein keine kreatürliche Subjektivität neben und 'über'
dem Menschen g e d a c h t werden, oder eine solche sei entwe-
der schlechthin unerfahrbar oder müsse so vorgestellt werden, wie
sie nicht selten in einer vulgären Auffassung gegeben ist."
(Rahner, a.a.O., S. 428)
Wieder ein anderer katholischer Kollege würde die weißen Flieger
aus empirischen Gründen ablehnen; denn er entwickelt die theolo-
gische Interpretation des Alten Testamentes derart fort, daß er
"Exegese als Literaturwissenschaft" betreibt. Er will nur mit den
Methoden der "Literaturwissenschaft als deskriptiver Wissen-
schaft" an das heilige Buch herangehen, es mittels der
"strukturellen Sprachwissenschaft" untersuchen und dann sehen,
was dabei herauskommt:
"Mit diesem Ansatz werden keineswegs theologische Ergebnisse aus-
geschlossen; sie ergeben sich aber als ein Schritt unter und nach
vielen Schritten, und zwar dann, wenn die Art des Gegenstandes es
erfordert." (W. Richter, Exegese als Literaturwissenschaft, Ent-
wurf einer alttestamentlichen Literaturtheorie und Methodologie,
S. 17)
Das nennt man göttliche Arbeitsteilung!
Gott als Moral
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geht der modernen Theologie am leichtesten von der Zunge. Mit
Gottes Hilfe nimmt man die gängige Moral auf, bedient sich sozio-
logischer Normfindungsverfahren - auch der Kinsey-Report wird als
bemerkenswert herangezogen -, um dann zu dem Urteil zu kommen,
daß ein gläubiger Mensch am besten gut sittlich leben könne oder
daß er ohne Gott ziemlich säuisch dastehen würde. Das Ganze als
Ableitung:
1. "Die Frage einer theologischen Normenfindung und Normbegrün-
dung steht heute im Vordergrund des Interesses; denn einerseits
hat die Ethnologie die sehr verschiedenen, kulturell bedingten
Inhalte der einzelnen Normensysteme aufgezeigt und damit deren
Relativität erwiesen, andererseits aber haben soziologische und
kulturanthropologische Studien die grundsätzliche Notwendigkeit
menschlicher Verhaltensnormen zur Entlastung der vorgegebenen An-
triebskräfte (currus sexualis!) und zur Sicherung der menschli-
chen Freiheit (komisch!) unterstrichen. Der moderne Mensch
übernimmt jedoch nicht mehr einfachhin fraglos die ihm von einer
Gemeinschaft, von der Autorität oder der Kirche zugewiesenen
sittlichen Normen (Scheiße!), sondern fragt nach deren
L e g i t i m i e r u n g."
Dann mal los!
2. "Die These 'vor der Ehe überhaupt keine erotisch sexuellen
Kontakte und nach dem Eheschluß alles' kann heute so (!) nicht
mehr festgehalten werden." - sondern nur so:
"Die innere Wahrheit verlangt, daß nur so viel leiblich bekundet
(?) wird, als der einzelne tatsächlich innerlich zu geben bereit
ist."
Wieviel bitte? So viel:
3. "Die Geschlechtlichkeit weist den Menschen über sich selbst
hinaus auf die Begegnung mit dem Du. Sie entspricht der sozialen
Struktur menschlichen Lebens und dient der Befreiung des Menschen
aus seiner Isolation und aus einem bloß selbstbezogenen Streben,
ja sie ermöglicht erst seine rechte Selbstwerdung und Prüfung."
(Und was ist mit den katholischen Pfaffen?) "Geschlechtliches
Verhalten bedarf darum (darum?) einer sinnvollen Ordnung für das
menschliche Zueinander, indem gleichzeitig die Verantwortung vor
dem Mitmenschen, vor der Gemeinschaft und vor der menschlichen
Zukunft (Kinder?) einbezogen wird."
Und wie kommt jetzt da der liebe Gott herein?
4. "Wo grundsätzlich jede religiöse Bindung des Menschen an eine
Transzendenz abgelehnt und eine bloß innerweltliche Konzeption
des Menschen festgehalten (und oft geradezu dogmatisch postu-
liert) wird, verlieren die sittlichen Forderungen ihre letzte
Verbindlichkeit und erhalten mehr oder weniger nur den Charakter
von sozialen Spielregeln." (J. Gründel, Aktuelle Themen der Mo-
raltheologie)
So vorsichtig agitiert dieser Münchner Moralprofessor für den
Glauben, daß er an 'sittliches Chaos sonst' erinnert und den
christlichen Gott nurmehr als religiöse Transzendenz vorbringt.
Sein oberster Dienstherr im Lande, Kardinal Ratzinger, weiß den
Gott der Moral ebensogut, wenn nicht noch besser abzuleiten. Ein
bißchen viel Heideggerschen Faschismus - und fertig ist die Glau-
bensdefinition, wie sie angeblich aus d e m M e n s c h e n
herausfließen soll:
"Jeder Mensch muß auf irgendeine Art 'glauben'... Was ist das ei-
gentlich, das Glauben'? Es ist die nicht auf Wissen reduzierbare,
dem Wissen inkommensurable Form des Standfassens des Menschen im
Ganzen der Wirklichkeit, die Sinngebung, ohne die das Ganze des
Menschen ortlos bliebe, die dem Rechnen und Handeln des Menschen
vorausliegt und ohne die (nun mal langsam!) er letztlich auch
nicht rechnen und handeln könnte, weil er es nur kann im Ort ei-
nes Sinnes, der ihn trägt. Denn in der Tat: der Mensch lebt nicht
vom Brot der Machbarkeit allein, er lebt als M e n s c h und
gerade in dem Eigentlichen seines Menschseins vom Wort, von der
Liebe, vom Sinn. Der Sinn ist das Brot, wovon der Mensch im Ei-
gentlichen seines Menschseins besteht. Ohne das Wort, ohne den
Sinn, ohne die Liebe kommt er in die Situation des Nicht-mehr-le-
ben-könnens, selbst wenn irdischer Komfort im Überfluß vorhan-
den." (Ratzinger, Einführung in das Christentum, S. 46-47)
"Glaube als Stehen und Verstehen", so daß man dann auf dem locus
sensualis steht.
Gott als Toter
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Es darf nicht verwundern, wenn sich die Moral derjenigen, die
"atheistisch an Gott glauben" wollen, von der des dem Papst und
Gott ergebenen Kardinals im Prinzip nicht unterscheidet. Moderne
Theologen, die "ohne die supranaturale, überweltliche Vorstellung
eines himmlischen Wesens auskommen, ohne die Beruhigung und den
Trost, den eine solche Vorstellung schenken kann", wollen viel-
mehr den wahren Glauben ohne die Heuchelei der Kirche und ohne
die Hinwendung zu einem Herrgott, der's schon richten wird. So
erklären sie Gott für tot und bauen ein moralisches Kreuz auf,
das sich gewaschen hat.
"Zur Auferstehung, in der die Welt anders wird, führt nur dieser
einzige Weg - über das Kreuz. Ich meine damit das Kreuz der Wirk-
lichkeit, das getragen und erfahren wird in der Liebe. Liebe und
Kreuz gehören zusammen, nicht um einer Leidenschaft willen, die
unabänderlich gälte, sondern gemäß der Erfahrung des Lebens Chri-
sti Christus ist an der Gesellschaft gestorben, die sich der Ver-
änderung verweigert. In diesem Weltzustand, den die Bibel 'Sünde'
nennt, gilt die Erfahrung: die Liebe stürzt in Leiden. Je ernst-
hafter sich einer auf die Liebe einläßt, desto gewisser sind ihm
Schmerzen. Eine leidlose Liebe wäre Spielerei. ... Leiden ist
eine Sensibilität für andere, die zum Handeln führt. Wir können
daher auch sagen: Das Kreuz ist das Symbol dieses Zusammenhangs:
Lieben - Leiden - Revolution." (D. Sölle, Atheistisch an Gott
glauben, S. 101/102)
Diese "Teilhabe am Gesamtzusammenhang" hieß bei Ratzinger Wort -
Liebe - Sinn, woran man sieht, daß die Theologen die rechte gläu-
bige Weltanschauung - ob mit einem übernatürlichen oder einem to-
ten Gott noch immer zustandebringen.
Gott als Gegner dieser Kirche
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Eigentlich wäre damit die Palette theologischer Gottesbeweise -
bis zu dem Extrem, Gott ohne Gott suchen zu wollen - beendet,
wenn es nicht noch Theologen wie Küng gäbe, der mit einer Theolo-
gie Aufsehen erregt hat, welche "nicht an die Kirche glauben"
will.
"Christentum ist an dem Jesus interessiert, wie er uns hier und
heute begegnet, ist an dem interessiert, was er uns im gegenwär-
tigen Horizont von Mensch und Gesellschaft maßgebend zu sagen
hat." (Küng, Christ sein, S. 152)
Dieses Bekenntnis hätte Küng nie den päpstlichen Anschiß einge-
bracht, wenn er nicht das Christsein "in der Institution Kirche
oder außerhalb ihrer o d e r an ihrem Rande" angesiedelt hätte
und nicht noch einiges mehr gegen die Autorität der Kirche und
ihr Lehramt hätte verlauten lassen. In so einem Fall aber läßt
die Kirche einen Theologen nicht mehr in ihrem Namen von Gott re-
den. Deshalb ist Küng berühmt geworden bei denen, die sich beson-
ders gut finden als gläubige Christen in Distanz zur Kirche, und
die so den besonders lauteren Mist christlicher Moral vor sich
hertragen.
So bleibt nur noch anzumerken, daß auch für den modernen Gott
nichts unmöglich ist, solange alle Welt meint, irgendeiner Welt-
anschauung frönen zu müssen.
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