Quelle: Archiv MG - BRD KIRCHE - Vom Mißbrauch des Verstandes durch den Glauben
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Papstreise
DER GROSSE WEISSE MEDIZINMANN AUF DEM SCHWARZEN KONTINENT
Wenn die Schwarzen anläßlich des Papstbesuches in einigen afrika-
nischen Diktaturen ein großes Tam-Tam mit Urwaldtrommeln, Kult-
tänzen und weißen Zaubermännern auf Stelzen veranstalten und sich
vor Begeisterung gleich noch gegenseitig tottrampeln, wenn der
Oberkatholik Wojtyla "nachsichtig lächelnd" seine Sprüche vom
"Erbe der afrikanischen Seele" vom Stapel läßt und noch den letz-
ten verhungernden Negergreis als "jungen Menschen auf einem jun-
gen Kontinent" tituliert, dann kommt zurecht niemand auf die
Idee, hier würde gegen den christlichen Auftrag verstoßen. Der
mit Affenfell und sonstigen Insignien des großen Medizinmannes
ausstaffierte Seelenhirte verkörpert die Wertschätzung der Neger
als durchaus taugliche Christenmenschen, die heutzutage auch auf
dem Gebiet des Höheren "ihren eigenen afrikanischen Weg gehen".
Wo der Imperialismus höchst erfolgreich auf schwarze Souveräne
setzt, will die Kirche nicht zurückstehen: sie beglückt die Mobu-
tus mit einem päpstlichen Staatsbesuch, die Opfer der Herrschaft
mit der Anerkennung als souveräne Gläubige.
Der neue Mann auf Petri Stuhl... überließ sich schier hemmungslos
dem Anschauungsunterricht, dem Lernprozeß der Begegnung... Nicht
die Kirchenverfassung, nicht die Strukturen sind das Eigentliche,
sondern der spontan, jeweils in Andersartigkeit gelebte Glaube.
Und wie sollte ein so sehr der Tradition verhafteter und ver-
pflichteter Wojtyla nicht fasziniert worden sein vom afrikani-
schen Reichtum an Formen und Farben, an Riten und Haltungen, die
sich allesamt als katholisch verstehen möchten!" (alle Zitate
wahllos aus der deutschen Presse)
Sehr eindrucksvoll, wie der weiße Vater in Zaire zunächst seine
römische Zentralautorität in Sachen Liturgie und Christenmoral in
den Vordergrund rückte - von wegen Vielweiberei, freie afrikani-
sche Liturgie und so! -, um als Resultat eines eigens dafür in-
szenierten "Lernprozesses" dann endlich in Kenia mit "spontaner
Natürlichkeit" selber zur Trommel zu greifen! Da soll noch einer
sagen, die Kirche würde das dunkelhäutige Volk nicht für voll
nehmen. Vorbei sind also die Zeiten, wo der Neger als Inbegriff
des barbarischen Heiden galt, der überhaupt keinen respektablen
geistigen Herrn hat, weshalb hiesige Schulkinder von ihrem Ge-
sparten arme Negerseelen ins Himmelreich einkaufen durften. Statt
sich wie früher mit einem Zehner das Pläsier zu machen, den Sa-
rottimohr im Kirchenvorraum mit dem Kopf wackeln zu lassen, wird
heute ganz brüderlich der farbigen Rasse vom 'Brot für die Welt'
etwas abgegeben. Indem der Papst dem "schwarzen Kontinent" seine
Reverenz erweist, zieht er einen Schlußstrich unter
"kolonialistische Irrtümer" der Kirche, wie sie sich seinerzeit
auch ein christlicher Philosoph zuschulden kommen ließ:
"Die N e g e r sind als eine aus ihrer uninteressierten und in-
teresselosen Unbefangenheit nicht heraustretende Kindernation zu
fassen... Das Höhere, das sie empfinden, halten sie nicht fest;
dasselbe geht ihnen nur flüchtig durch den Kopf. Sie übertragen
dies Höhere auf den ersten besten Stein, machen diesen dadurch zu
ihrem Fetisch und verwerfen diesen Fetisch, wenn er ihnen nicht
geholfen hat." (Die Leprakranken, die dem Papst "für die Hoff-
nung, die er ihnen gebracht habe", Lobgesänge darboten, sind da-
gegen wirklich ein Fortschritt!) "...Die Fähigkeit zur Bildung
ist ihnen nicht abzusprechen; sie haben... hier und da das Chri-
stentum mit der größten Dankbarkeit angenommen und mit Rührung
von ihrer durch dasselbe nach langer Geistesknechtschaft erlang-
ten Freiheit gesprochen... Aber einen inneren Trieb zur Kultur
zeigen sie nicht. In ihrer Heimat herrscht der entsetzlichste
Despotismus; da kommen sie nicht zum Gefühl der Persönlichkeit
des Menschen, da ist ihr Geist ganz schlummernd, bleibt in sich
versunken, macht keinen Fortschritt und entspricht so der kompak-
ten, u n t e r s c h i e d s l o s e n Masse des afrikanischen
Landes." (G.W.F. Hegel, Enzyklopädie III)
Auch wenn Papst Wojtyla die bornierte Naturidolatrie des Neger-
volks, seine Hingabe an überall herumwesende Schicksalsmächte,
nicht mehr so schön aus der Geographie des "schwarzen Kontinents"
ableitet, wie dies Hegel in seiner Rechtfertigung der Kolonial-
herren zuwege bringt: denselben Rassismus beherrscht der aufge-
klärte Kirchenmann lässig und versteht es sogar, ihn als Achtung
vor den in spiritueller Hinsicht doch so wertvollen Exoten er-
scheinen zu lassen:
"Die afrikanische Seele verfügt über ein Erbe, das bewahrt, ent-
faltet und, ich wage zu sagen, befreit werden muß." (Johannes
Paul II.)
Keineswegs will er die Afrikaner mit "geistigem Kolonialismus"
und "abendländischem Denken" vergewaltigen. Im Gegenteil: die mo-
derne Befreiung von der "Geistesknechtschaft" des Fetischglau-
bens, hin zur höchst zivilisierten "geistigen Unterwerfung" unter
den Herrn Jesus, bedient sich ganz offiziell der zum rassischen
Erbe verfabelten Borniertheit und weiß an den Negern, wenn schon
nicht den lupenreinen Glauben, so doch um so mehr ihre durch
keine überflüssige intellektuelle Regung behinderte G l ä u-
b i g k e i t zu schätzen, kurzum:
"Zehn Tage Afrika haben den Papst glücklich gemacht."
Funktionaler Aberglaube an die höhere Macht
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Auch in dieser kontinentalen Provinz der imperialistischen Welt-
herrschaft, wo der Großteil der einheimischen Bevölkerung im
Grunde nur stört, versteht es die Kirche also, den Glauben
f u n k t i o n a l zu gestalten und sich mit der dortigen Herr-
schaft ins Einvernehmen zu setzen. Sie nimmt sich der Ausbildung
der wenigen, für die lokalen Staatsfunktionen benötigten Funktio-
näre an, denen auf der Missionsschule die Grundregeln der aufge-
klärten Denkungsart und zivilisierten Heuchelei beigebracht wer-
den. Dem Rest der Negerwelt gönnt sie die Segnungen der Religion
ganz umstandslos als das, was er ist: Objekt der Herrschaft, zu
der er weder um seine Zustimmung befragt, noch irgendwie groß zur
Mitwirkung aufgefordert wird. Bei einer Rasse, der außer gewissen
Hilfsarbeiten vor allem die Aufgabe zukommt, den anderen mit ih-
ren Lebensbedürfnissen nicht zur Last zu fallen, für deren
(Nicht-)Benutzung die Entwicklung eines Selbstbewußtseins und
weitergehender geistiger Fähigkeiten durchaus entbehrlich ist -
also auch nicht geschieht -, nimmt die Kirche den Spruch von den
"Gotteskindern" ganz wörtlich. In Afrika baut sie erst gar nicht
den Gegensatz von Glaube und Aberglaube auf, und mit viel "Tanzen
und Symbolsprache" ist dem negermäßigen Verständnis des Höheren
schon Genüge getan. Wozu braucht es auch den Glanz der gehobenen
philosophischen Auseinandersetzungen, das demonstrativ-höchstper-
sönliche Ringen hiesiger Geister mit den eigenen Glaubenszwei-
feln, wo die Eingeborenen irgendwie erst gar nicht in die Versu-
chung geraten, der "Erniedrigung des Materialismus" (Wojtyla) an-
heimzufallen, stattdessen aber mit vielen "Werten" - sprich einem
dumpfen Sinn für höhere Mächte - ausgestattet sind. Wozu also
diesen echten Kinderglauben zerstören, anstatt ihn zu benützen?
Auf das zivilisatorische Element des Christentums, das mit dem
Messen an eigenen Grundsätzen und Gewissen dem Selbstbewußtsein
eines freien Christenmenschen Anerkennung zollt, ist in Afrika
leicht zu verzichten, wenn dort dem Herrn Jesus in Gestalt eines
Affenfells der gebührende Gehorsam entgegengebracht wird.
Oberfetisch Jesus Christus
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Den Vorwurf, sich gegen ein tiefverwurzeltes "Lebensgefühl" zu
vergehen, das "die Übereinstimmung der Menschen mit ihrer Lebens-
weise sichert", hat die Kirche keineswegs verdient:
"Man erlebt den afrikanischen Menschen am besten, wenn er feiert
und wenn man mit ihm feiert. Der Papst sollte das erleben und
eine Zaire-Messe feiern. ... Der Priester trägt Gewand und Kopf-
schmuck des Häuptlings, weil er ja Stellvertreter des großen
Häuptlings Jesus Christus ist... Allumfassendheit, Authentizität
bedeutet: das Eigene voll einbringen...; Basisgemeinden: der
Afrikaner ist kein Individualist. Er lebt in der Gemeinschaft und
denkt so." (Missionsschwester Lea Ackermann von den "Weißen
Schwestern")
Ein schönes Dokument für die Leistung der Missionierung, die ihre
berechnende Herablassung als Respekt vor der afrikanischen Eigen-
art ausgibt: Der christliche Glaube übernimmt den alten Urwald-
zauber und seine Überzeugungskraft, daß auch und vor allem über-
natürliche Herren walten - bloß heißt der Oberfetisch jetzt Jesus
Christus, wohnt nicht im Baum, sondern in der Kapelle. Historisch
war das die Klarstellung, daß die Weißen auch in punkto Religion
recht haben, weshalb so mancher Missionar, der sich mit dysfunk-
tionalen Formen des Aberglaubens anlegte, im Kochtopf gelandet
sein soll. Heute konkurriert die Kirche fröhlich mit der zaire-
schen Staatspartei darum, wer den authentischen Volkstumsgeist
und die jeweiligen Ansprüche auf Fügsamkeit am besten für sich
reklamieren kann. Bekanntlich war dieser Streit aber locker durch
eine nachgeholte katholische Heirat von Mobutu und seiner Haupt-
frau zu lösen. Dort, wo sich die Herrschaft mit ihrer Gewalt aus-
weist und Mobutu mit Leopardenmützchen als deren 1. Häuptling,
wäre es ja auch blöd, bloß wegen afrikanischer Identität usw. auf
den Dienst zu verzichten, den die von Rom ermächtigten Medizin-
männer für diese Herrschaft auf ihre Weise genausogut leisten.
Bekanntlich hat die Kirche von Mobutu nicht verlangt, auf seinen
allabendlichen Zauber im Fernsehen zu verzichten, wo er zu Pro-
grammbeginn als "der Mann, der aus den Wolken" auf alle Provinzen
seines Reichs mit Blitz und Trommelschlag herabkommt, wie der
Messias selbst, ohne Hilfe des Hl. Geistes, sondern mit einem He-
likopter, was für seine Untertanen ein mindestens ebenso großer
Zauber ist wie für Europäer die unbefleckte Empfängnis. So leicht
ist eben in Afrika ein bilaterales Bündnis mit dem höchsten Herrn
zu haben - was schon deshalb kein Wunder ist, weil es der Papst
bei den diversen schwarzen Staatsmännern sowieso mit der zu höhe-
rem Bewußtsein gelangten Elite der Missionszöglinge zu tun hatte.
Die spirituelle Stimme der Unschuldigen
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Es ist also nur konsequent, wenn hierzulande kein Kommentator auf
die Idee gekommen ist, der Papst hätte doch auch in Afrika - wie
er es in Polen so schön vorexerziert hat - seine Stimme gegen un-
menschliche Despoten erheben sollen. Hat sich dort ein Ostblock-
staat an dem praktischen Beweis blamiert, daß die Einheit seines
Volks ganz außerhalb der offiziellen Ideologie im Katholizismus
liegt, so braucht es dem Papst in ordentlich funktionierenden
afrikanischen Diktaturen auch nur auf das Arrangement mit der
Herrschaft anzukommen - schließlich geht es ihm ja um das Spiri-
tuelle:
"Nicht von ungefähr nutzte der Papst, der vorbei an Lenin-Bildern
zur Festmesse von Hunderttausenden fuhr, diese Gelegenheit, um
Grundsätzliches über das Kirche-Staat-Verhältnis zu sagen: bei
klarer Trennung der Aufgaben sei gegenseitiger Respekt, ja
'lokale Zusammenarbeit' möglich. 'Ich weiß, Herr Präsident, daß
Sie dies verstanden haben', lobte der vatikanische Afrika-Pilger
den Obersten N'guesso. Und doch (!) sollte der Pontifex gleich
darauf wieder im zairischen Kisangani soziale Übel anklagen, ohne
doch, wie er betonte, praktische Lösungen anbieten zu wollen."
Die Lüge des "und doch" besteht darin, daß der Oberhirte keiner-
lei Illusionen darüber verbreitete, daß ein vom Glaubensstand-
punkt aus beurteiltes Elend etwas anderes wäre als ein Argument
für die Glaubensverantwortung:
"Resigniert nicht vor der Misere und der Ungerechtigkeit: Es ist
gegen das Evangelium Christi, wenn die Stärkeren und Besserge-
stellten die anderen ausbeuten."
Auch so kann man die Neger darauf hinweisen, daß sich für sie
nichts ändert und daß das schöne Kompliment an ihren Mobutu, er
solle sich doch noch mehr gegen die Korruption starkmachen, auch
genauso gemeint war. Der Opportunismus gegenüber der Herrschaft
verträgt sich eben glänzend mit der christlichen Caritas, dem un-
verschämten Aufruf an "die Menschen" überhaupt, sie sollten in
Wojtyla "die Stimme der Unschuldigen hören, die sterben, weil sie
kein Wasser und Brot haben."
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