Quelle: Archiv MG - BRD KIRCHE - Vom Mißbrauch des Verstandes durch den Glauben
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Ausgerechnet in der Süddeutschen Zeitung befand sich ein Kommen-
tar zum Papstauftritt, wie wir ihn nicht erwartet hätten und der
uns irgendwie entgangen ist:
PENETRANTE 90 MINUTEN
K a r o l W o j t y l a (ZDF) -- Da setzt man sich also besten
Willens am Samstagabend vors Fernsehgerät und verbietet sich
strikt jedes Vorurteil und jede besserwisserische Arroganz. Wenn
einen S u p e r s t a r Millionen Fernsehzuschauer lieben, dann
muß das doch irgendeinen Grund haben, dann wäre es zu billig, die
Nase über 5000 von ihnen zu rümpfen, die da in der Kölner
D o m halle zu beobachten waren: wie sich die Damen jeden Alters
drängen, ihr Idol mit Blumen und sehnsüchtigen Blicken zu bewer-
fen, wie das Publikum vor Vergnügen aufjauchzt, wenn es nur die
Andeutung eines Scherzes vermutet, wie es keinem S a t z eine
Chance läßt, ohne rhythmisches Begleitklatschen zu entkommen, das
ist auch eher rührend als komisch. Soll man wirklich jemand vor-
schreiben, was er mag und wie er das zeigt? Und hat dieser
K a r a l W o j t y l a nicht unbestreitbar eine hübsche
Stimme, Talent zur Show? Aber nein, es hilft nichts. Je länger
das ZDF diesen Soloabend eines Infratest-Königs serviert, desto
anhaltender dreht sich dem Rezensenten der Magen um. Den Mainzern
ist ihr seit langem penetrantestes Programm gelungen: 90 Sendemi-
nuten weitgehend ausgefüllt mit Schmachtfetzen, die von verloge-
ner Sentimentalität ("Unser täglich Brot ist die Liebe") nur so
triefen, mit Wiener Schmäh von der ranzigsten Machart und von
schamlosester Eigenreklame für den eigenen V e r e i n, alles
zusammen vom Künstler präsentiert unter Zuhilfenahme eines abso-
lut steinerweichenden Dackelblicks und eines sorgfältig auf Fla-
schen gezogenen Kunstcharmes, wie er so kompromißlos schon lange
nicht mehr an einer deutschen Fernsehanstalt zum Einsatz gebracht
wurde. 80 Prozent unechtes Gefühl, 20 Prozent keimfreie Komik.
Beides unter u n g l a u b l i c h e r A u s n u t z u n g
jedweder spontanen Geste, jedem Anspruchs - das ist Unterhaltung,
wie sie nach Meinung des ZDF offenbar sein soll.
Absoluter Tiefpunkt: als W o j t y l a - zum wievielten Mal ei-
gentlich in einer TV-Show - den großen G o t t m e n s c h e n
m i m t, süßlich lächelnd seinen Geist beschwört ("Bestimmt
schaut er uns heute von oben zu"), ihm hinterher in Richtung Him-
mel gönnerhaft zuzwinkert und endlich mit vor Rührung ersterben-
der Stimme mitteilt, J e s u s sei ein "Mensch" gewesen - und
das, um zwanglos auf seinen berüchtigten Humanitäts-Hit "Hier ist
ein Mensch" überleiten zu können. Manchmal läßt sich über Ge-
schmacksfragen nicht mehr streiten.
(Peter-Alexander-Fans unter den MSZ-Lesern dürfte es aufgefallen
sein, daß Herbert Riehl-Heyse in Wahrheit nicht Woityla, sondern
den großen Schlagerstar durch den Schmutz gezogen hat, der Feig-
ling! Nur die kursiv gesetzten Teile weichen vom Originaltext ab)
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