Quelle: Archiv MG - BRD KIRCHE - Vom Mißbrauch des Verstandes durch den Glauben
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"Hilfe" für die "Dritte Welt"
LINIENTREUE FÜR NÄCHSTENLIEBE
Ausgerechnet die katholischen und evangelischen Hilfswerke
"Misereor" und "Brot für die Welt" sowie eine überall in Schulen
verwendete Kinderfibel zur "Dritten Welt" sind unter ideologi-
schen Generalverdacht bei der neuen christdemokratischen Führung
gefallen.
Die verbreitete Manier, ein eigentliches entwicklungspolitisches
Anliegen der Nation hochleben zu lassen, das von der Politik im-
mer nur mehr schlecht als recht oder gar nicht verfolgt würde,
diese verständnisvolle Kritik ist dem neuen Minister Warnke (CSU)
und seinen Freunden ein Dorn im Auge. Sie führen einen regelrech-
ten Feldzug gegen all diejenigen, die mit Idealen von Entwick-
lungshilfe die Erfolge deutschen Wirkens in diesen Regionen als
Scheitern und Verstoß gegen diese Ideale kritisieren. Gegen je-
den, der auch nur im entferntesten den Eindruck erweckt, getrennt
von den entwicklungspolitischen Taten gäbe es gültige moralische
Maßstäbe, an denen sich die Politik blamieren könne, wird offizi-
ell gegeifert - egal, wie sehr er überhaupt der Politik ins Ge-
hege kommen will oder nur mit dem Appell an die Verantwortung
jedes einzelnen zum Spenden animieren will. Ohne große Rücksicht
auf geistige Verwandtschaft wird da mit der Vorstellung, ja auch
nur dem berechnenden Schein, "Entwicklungshilfe" sei ein in
höheren humanitären Sphären angesiedelter A n s p r u c h an
die Politik und nicht ihr e x k l u s i v e s M i t t e l,
aufgeräumt. Was human ist, das definiert sich einzig durch unsere
nationalen Interessen, und kritikabel sind einzig die
Hindernisse, die sich dem überall in den Weg stellen! Unter
diesem Motto beansprucht die neue Mannschaft eine umstandslose
moralische Berechtigung, also umstandslose Billigung durch
jedermann.
Verboten: Die Kinderfibel zur "Nord-Süd-Problematik"
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"Die Autoren der Schrift haben es geschickt verstanden, die Ge-
danken der subjektiven Wertlehre von Karl Marx in Kinderdeutsch
umzusetzen." (CDU-Stellungnahme, lt. "Stuttgarter Nachrichten"
vom 8.12.82)
"Von 30 Pf., die eine Banane hier kostet, fließen 27 Pf. dem Han-
del und nur 3 Pf. dem Bauern zu: 3 Pf. sind aber zu wenig für den
Landmann, der den Boden pflegt, auf dem die Bananen wachsen. We-
nig für einen, der sie in brütender Hitze ernten muß. Auch Bana-
nenpflücker wollen anständig verdienen... Die Menschen, bei denen
der Kakao wächst, verkaufen ihn an andere Länder. Aber was er ko-
sten soll, dürfen sie nicht bestimmen. Das legen die anderen
fest, ausgerechnet die, die Schokolade nur aufessen." (Schön
wär's!) "...Wo der Kakao wächst, sollte auch die Schokolade ge-
macht werden." (Zitate aus dem inzwischen aus dem Verkehr gezoge-
nen Kinderbuch)
Mit Marxens "Wertlehre" und "klassenkämpferischer Schwarz-Weiß-
Malerei" hat zwar die Beschwerde über einen ungerechten Preis für
Bananenpflücker, über mangelnde Preisgestaltungsmöglichkeiten der
Kakaomenschen (Plantagenbesitzer kommen ebensowenig vor wie Scho-
koladenfabrikarbeiter, alles sind produzierende und konsumierende
"Menschen"! ) und über die ungute Trennung von Kakaopflanze und
Schokoladenproduktionsstätten nichts zu tun. Aber den politischen
Anwälten weltweiten deutschen Geschäfts reicht für den Kommunis-
musverdacht die Vorstellung aus, der Welthandel hätte einen au-
ßerhalb jeglichen Geschäftskalküls liegenden Zweck, dem er leider
immer nicht Genüge tut: z.B. den Baumwollpflückern einen
"anständigen Verdienst" zu verschaffen. Nicht einmal hierzulande
geht es doch beim Kaufen und Verkaufen jemals darum, daß eine
G e r e c h t i g k e i t sein soll und schon gar nicht geht es
um einen anständigen Verdienst und Konsum. Solche Maßstäbe taugen
einzig und allein dazu, die Wirkungen des Markts in einen
V e r s t o ß gegen seine eigenen Prinzipien umzudeuten und da-
mit den M a r k t hochleben zu lassen. Wenn der Welthandel
wirklich zur Versorgung der Völker da wäre, dann wäre es aller-
dings ein ziemliches "Paradox", daß es noch einmal ein Extra-Pech
ist, als lebendes Inventar eines "Rohstofflandes" geboren zu wer-
den! Und mit genau solchen fingierten "Paradoxien" =
"Ungerechtigkeiten" hat besagte Fibel Kinder "aufgerüttelt",
sprich: für ein staatsbürgerliches schlechtes Gewissen agitiert.
Aber nach Warnkes Vorstellung soll sich ein mündiger Staatsbürger
unserer deutschen Weltmacht aus den allen humanitären Idealen
spottenden Resultaten deutscher Geschäftstätigkeit und politi-
schen Einflusses in allen Weltgegenden gar kein Gewissen machen,
sondern sich um den Erfolg unserer Nation sorgen : Erstens ist
schon der Gedanke, billige Asiaten, Afrikaner oder Lateinamerika-
ner in auswärtigen Schokolade-Fabriken zu vernutzen - statt ar-
beitsame Deutsche in "unserer" Süßwaren-Industrie - ein Anschlag
auf "unsere Interessen" ("Jetzt ist den Schoko-Herstellern Genug-
tuung zuteil geworden... denn Jürgen Warnke ist jetzt Entwick-
lungshilfe-Minister"); und zweitens ist die Vorstellung vom noch
herzustellenden "wechselseitigen Nutzen" ein Anspruch, den legi-
timerweise nur "w i r" zu stellen haben. ( Siehe Warnke-Arti-
kel!)
Abgekanzelt: Südafrika - Fastenaktion von Miseror:
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"Als 'Kenner der Situation im südlichen Afrika', so kanzelte der
bayerische Ministerpräsident den Kölner Kardinal ab, sei er
'zutiefst empört über soviel Unkenntnis, Verhetzung und Wahr-
heitsverletzung, obwohl ich kein Advokat der Apartheid bin'."
Strauß' Predigt zeigt "inzwischen deutliche Wirkung. Nicht nur in
den bayerischen Diözesen weigern sich vereinzelt Pfarrer, Mitar-
beiter von Misereor in ihren Gemeinden über Südafrika sprechen zu
lassen. Oft werden auch Plakate, auf denen ein verhärmter schwar-
zer Minenarbeiter abgebildet ist, gar nicht erst aufgehängt."
(Süddeutsche Zeitung, 25.3.83)
Einem von der weltpolitischen Berufung Deutschlands überzeugten
Politiker ist es nicht einmal peinlich, daß die Sterblichkeits-
raten, mit denen Misereor das Verhungern der Schwarzen in den Ho-
melands illustriert, immerhin aus der offiziellen südafrikani-
schen Statistik zitiert sind. Er erklärt sie für Lug und Trug,
der einzig zum "Aufreißen von Fronten", sprich: zu verbotenem Ge-
mecker über einen verdienten "Freund des Westens" führen kann.
Dabei wollten die Katholen gar nicht "der Gewalt das Wort reden"
(schon gar nicht der der Opfer!), sondern eine der K i r c h e
und ihrem sozialpolitischem Wirken zuträgliche falsche Deutung
des von der RSA inszenierten Elends hier unter die Leute bringen:
An "Verständigung" zwischen den Hautfarben und "menschlicher
Teilhabe" mangelt es dort drunten - ein Auftrag an jeden Chri-
sten, es daran wenigstens hierzulande nicht fehlen zu lassen und
mit Spenden, teilzuhaben am "Schicksal" der Menschen dort. So als
ob es nicht offensichtlich wäre, daß es sich bei den Homelands um
sehr g e s c h ä f t s dienliche, die freie Verfügung über ein
Heer von Billiglohnsklaven garantierende Einrichtungen handelt.
So als ob A r m u t nicht auch hierzulande das Erpressungsmit-
tel wäre, mit dem die profitliche Benutzung des staatlichen Men-
schenmaterials ins Werk gesetzt wird. Aber all das ist gleichgül-
tig, weil der deutsche Mentor gewaltsam geordneter Verhältnisse
in Südafrika, Lateinamerika, Türkei und anderswo an solcher Ord-
nung nichts kritisieren lassen will - auch nicht aus kirchenpoli-
tischen Gründen. Also muß die "Glaubwürdigkeit der kirchlichen
Entwicklungsarbeit" noch eine Spur unterwürfiger, rein nach
staatspolitischen Gesichtspunkten unter Beweis gestellt werden:
Hungerspenden und Freiheitsparolen nur gegen Osten!
Auf dem Gesinnungsprüfstand: "Brot für die Welt"
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"Agrarökonomen kritisieren 'Brot für die Welt' / Arbeitshefte zum
Thema 'Hunger durch Überfluß?' erregten Anstoß / Protestbrief an
Bischof Lohse... 'Haben Sie eigentlich keine Spur von Selbstzwei-
fel, ob Ihre pauschalen Thesen über den Agrarexport stimmen?'"
(Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.12.82)
"Doktrinäre Aussagen", "intellektuelle Überheblichkeit" statt ge-
botener "Differenzierung", "Rundumschlag" -
ausgerechnet die engagierten Christen von "Brot für die Welt" ha-
ben sich von Anhängern der Politchristen Totschlägersprüche ein-
gefangen, die sonst für die Entlarvung kommunistischer Umtriebe
reserviert sind. Womit haben die Anhänger der Brotvermehrung sich
den Vorwurf unverantwortlicher Nestbeschmutzung eigentlich ver-
dient? Zwei Beispiele:
"Verkleinert oder vergrößert unser Überfluß den Mangel von Mil-
lionen in den Entwicklungsländern? ...Die Produktion für den
Agrarexport geht oft zu Lasten der Nahrungsmittelselbstversorgung
breiter Bevölkerungsgruppen, die von den Exporterlösen (Devisen)
kaum profitieren." (Arbeitsheft 1982/83)
"...Ich war hungrig, und Ihr wolltet nicht auf das Steak aus Süd-
amerika verzichten.
Ich war hungrig, und Eure Konzerne pflanzten auf meinen besten
Böden Eure Wintertomaten..." (Beispiele aus einem "Meditations-
text", ebda.)
Was die in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" zitierten Herren
von der Zeitgeistfront daran anstößig finden? Sicher nicht die
F e h l e r einer Betrachtungsweise, die die Wirkungen der impe-
rialistischen Weltordnung zum moralischen Imperativ für "uns
alle" zurechtdeutet.
- Von wegen "reicher Norden", "Überfluß" und "wir"! Nur weil es
den Schwarzen vergleichsweise noch schlechter geht als den hiesi-
gen Opfern des Wirtschaftssystems! Am demokratischen Umgang mit
überzähligen "Gastarbeitern", Arbeitslosen (nicht nur in De-
troit), Rentnern etc. könnte einem doch auffallen, daß die
"Dritte-Welt-Eliten", wenn sie den für den Nationalreichtum un-
brauchbaren Leuten ein Elendsleben verordnen, gar keinen so exo-
tischen Standpunkt einnehmen!
- Von wegen Konsumenten mit unersättlichen Bedürfnissen nach Ba-
nanen, Steaks etc.! Bekanntlich wissen die arbeitenden Massen
hierzulande gar nicht mehr wohin mit den Steaks, die sie den In-
dios in Lateinamerika samt ihren Ländereien weggenommen haben;
bekanntlich wird Kapital nicht durch die kostengünstige, also
billige und extensive Anwendung von Arbeitskräften, sondern durch
das Übermaß von Konsum und Lohn hierzulande vermehrt.
Und überhaupt: Mit welcher "Zwangsläufigkeit" folgt denn ausge-
rechnet aus dem Bedürfnis nach südländischen G e b r a u c h s-
w e r t e n, daß diese auf eine A r t u n d W e i s e pro-
duziert werden, die Millionen ins Elend stürzt? Da braucht es
schon die absurde Fiktion einer Welt g e b r a u c h s-
wertproduktion, die einen f e s t s t e h e n d e n Kuchen
hervorbringt, von dem für die einen immerzu nichts übrigbleibt,
weil die anderen...
Und deshalb schließlich von wegen: bei weniger Konsum und zah-
lungsfähiger Nachfrage von "uns" werden Agrarüberschüsse an die
Bevölkerung dort unten verteilt. Ausgerechnet der schlechte
G e s c h ä f t s gang südlicher Exportprodukte soll die Souver-
äne zum V e r s o r g u n g s standpunkt bekehren? Als ob die
Umstürzler von "Brot für die Welt" nicht wüßten, daß diese Zulie-
ferstaaten des Weltmarkts aus Absatzschwierigkeiten ganz andere,
brutale Konsequenzen ziehen, weil sie sich auf den Weltmarkt als
ihr Reichtumsmittel beziehen?
Die "FAZ" stören aber nicht diese Fehler, sondern allein der
m o r a l i s c h e I m p e r a t i v, alle Menschheit müßte
doch gerechterweise durch einen ordentlichen Weltmarkt versorgt
werden. Deswegen reicht die pure Feststellung des Faktums, daß
die "ökonomische Zusammenarbeit" der Dritten Welt mit der Ersten
mit Hunger und Elend einhergeht - daß es durch diese
"Zusammenarbeit" produziert wird, wollen die Christenfunktionäre
ja gar nicht behaupten -, um gehorsame Kirchenvertreter in den
Ruch ideologischer Unzuverlässigkeit zu bringen.
Da mag der Christenverein diesen Sachverhalt noch so treudoof
deuten - v o r k o m m e n darf er offenbar nur in einer Weise:
Etwa im Lob der "politischen Reife" eines Mugabe, der Zimbabwes
florierende Exportplantagen vor dem Zugriff des "landhungrigen"
Pöbels rettet.
Not und Elend haben ausschließlich als ein Argument für die Poli-
tik zu gelten, die sie hervorbringt. Alles andere ist Abweichler-
tum von der geltenden Politik und damit auch schon widerlegt.
Deshalb gilt selbst eine aus kirchenpolitischem Verantwortungs-
sinn heraus fingierte Zuständigkeit für notleidende Völker schon
als Anmaßung, weil sie sich nicht ohne Wenn und Aber für die
wirklich Zuständigen und ihre segensreichen Interessen stark
macht.
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