Quelle: Archiv MG - BRD KIRCHE - Vom Mißbrauch des Verstandes durch den Glauben
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Küngs "Ökumenische Theologie"
FORTSCHRITTS-GLAUBE
Professor Hans Küng, infolge des erwarteten Weggangs seines
Freundes und Bruders im Geiste, Walter Jens, nach Hamburg Solo-
Star in der Tübinger Sinn-Szene, darf seit Beginn dieses Seme-
sters als "fakultätsunabhängiger" Frei-Geist seine sattsam be-
kannten Einfälle zu Kirche, Papst, Gott und Welt als "studium ge-
nerale" präsentieren. Die Adressaten, von Haus aus mit einem
ziemlich unausrottbaren Faible für die "letzten (tja...) Fragen
der Menschheit" ausgestattet, danken ihm dies Unterfangen haufen-
weis': bis zu 1500 Studenten und sonstige Geisthänger strömen in
den Fest(!)-Saal um zu hören, was dieser fortschrittliche Mann
Gottes in seinem Vorlesungszyklus: "Ökumenische Theologie" zu
bieten hat. Und das ist wahrlich allerhand:
Schon wieder: Küng wagt seinen Hals
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Damit gleich jeder wußte, worum's geht - schließlich ist die
"Orientierungslosigkeit" das Hauptübel in der heutigen Welt -,
zog Küng als erstes seinen gewohnten und nach wie vor publikums-
wirksamen Standard-Knüller ab: Die Verfolgung und Unterdrückung
des kritischen Kirchenfreundes Hans Küng dargestellt von ihm sel-
ber unter Anleitung von Herrn Jesus von Nazareth; welchselbiges
Drama er mit der Feststellung einleitete: "Ökumenische Theologie
- ein waghalsiges Unternehmen?" Ist doch gar keine Frage! Kaum
hat er, wie man weiß, mit seinen kritischen Anfragen und sonsti-
gen Quengeleien so erfolgreich seinen Hals gewagt, daß er wohldo-
tiert weiterquengeln darf, wagt er schon wieder... wieviel Hälse
hat der Mann eigentlich?
Wenn man's recht bedenkt, sind so betrachtet die Christen beider
Fraktionen überhaupt ein ungeheuer mutiges Volk: Bekanntlich sind
sie ja alle (einschließlich Papst) mehr oder weniger für Ökumene.
Was natürlich nicht heißt, sie würden nicht mehr darauf insistie-
ren, daß ihre Variante, gläubig zu sein, die einzig richtige Tour
ist - man anerkennt sich halt als Gläubige, demonstriert also To-
leranz, was eben schon einschließt, daß man auf dem jeweils eige-
nen Schmarrn besteht. Und daß der Küng die Sache im Prinzip auch
so sieht, hat er unlängst vor den Amis, mit denen er auch sein
studium generale durchzog ("Zu Tausenden strömten Amerikaner,
Gläubige und religiöse Zweifler, zu den Veranstaltungen"...), be-
kräftigt: "Er habe keinen Zweifel daran gelassen, daß er in der
katholischen Kirche zu bleiben beabsichtige..."
Der Papst: ein Stalinist?
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Um seinen Mut im Kampf für die Ökumene im rechten Licht erschei-
nen zu lassen, muß er schon ein paar gar nicht unwesentliche Ver-
änderungen an der Realität vornehmen. Er bastelt sich einen Kir-
chenstaat zurecht, der es mit seiner ganz real vorgestellten
Macht ständig darauf abgesehen hat, die Ökumene zu boykottieren
und Leute wie ihn, und d.h. hauptsächlich i h n zu unterdrüc-
ken: Als Auftakt zu seiner "Kritik am Papst kriecht er ihm erst-
mal kräftig in den Arsch, damit klargestellt ist, wie sie gemeint
ist, "durchaus konstruktiv" nämlich:
"Nicht zu leugnen der persönliche Charme, eine Faszination und
Publikumswirksamkeit, die an Pius IX., Pius X. und Pius XII. er-
innern; nicht zu tadeln die betonte Weltoffenheit, Sportlichkeit,
auch Betriebsamkeit, gar Reisefreudigkeit des Papstes, voll zu
bejahen selbstverständlich alle die sozialen und humanitären Ap-
pelle an die Erste, Zweite und Dritte Welt für Frieden, Freiheit,
Gerechtigkeit, Menschenwürde."
Einfach begeisternd, dieser Mann; aber - und jetzt wird's hart:
"Aber in all dem doch, zum Bedauern vieler, ein eklatanter Unter-
schied zwischen einer zumindest im Sozialen fortschrittlichen Au-
ßenpolitik (?!) und einer - theologisch wie praktisch - rück-
schrittlichen Innenpolitik (?!). Zweifellos hat unter diesem
Papst, der von seiner polnischen Heimat her bestimmte Überzeugun-
gen und ein bestimmtes Modell von Einheitskirche zu übertragen
scheint, innerkirchlich eine E p o c h e d e r R e s t a u-
r a t i o n begonnen, die ökumenisch verheerende Auswirkungen
haben kann."
Keiner hat bis jetzt gemerkt, daß sich die Kirche - bei aller
Nützlichkeit, die es für den Westen hat, daß der Papst ein Po-
lacke ist - damit einen Bärendienst erwiesen hat: Da braucht's
schon das pfiffige Pfäffchen aus der Schweiz, das nachweist, daß
dieser Vizegott auf Erden - zumindest nach innen - ein heimlicher
Stalinist ist, der "Menschenrechte in der Welt predigt und in der
Kirche unterdrückt." So kann man auch sagen, daß man dafür ist,
daß die höchst eigene professorale Meinung in der Kirche endlich
gebührend gewürdigt wird.
Aber es kommt noch schlimmer: "Und während der Papst reist, re-
giert in Rom die Kurie." Die veranstalteten "Geheim- und Schein-
synoden" verfolgen überhaupt "eine Linie der Repression", so daß
das Resultat unvermeidlich ist: "Angst und Schweigen breiten sich
aus, und nur noch Mutige protestieren." Die Angst vor der Kurie
in Rom soll ja unter der Menschheit mittlerweile so verbreitet
sein, daß die Millionen beim letzten Papstbesuch nur mit größter
Mühe vom Schweigen abzubringen waren.
Wer hier mutig protestiert, ist mittlerweile ja klar, und warum
auch: Wenn die ihn mit-synodeln ließen, wäre der ganze kritische
Zauber augenblicklich vorbei.
So geht er halt weiter, und damit er so richtig ans Laufen kommt,
macht der kämpferische Hans eine zweite Front auf: Auch evangeli-
sche Oberpfaffen sind nicht gescheit für die Ökumene und lassen
sich von ihren Konkurrenten einmachen:
"Der Eindruck drängt sich auf: Protestantische Bischöfe überlas-
sen das Protestieren heutzutage lieber kritischen Katholiken."
Ist ja auch ein unbestrittener Sachverhalt, daß die Protestanten
eigentlich alte Protestler sind und nichts anderes im Sinn haben,
als eine Demo nach der anderen "gegen Repression und Verletzung
der Menschenrechte in der katholischen Kirche" durchzuziehen,
wenn ihre Führung sie nur ließe. In seiner Demonstration toleran-
ter Aufgeschlossenheit sprengt Küng lässig die "verkrustete"' Ab-
grenzung beider Glaubensvereine und präsentiert sich als prote-
stantischster Protestant und katholischster Katholik ("Rom sei
paradoxerweise unter einem polnischen Papst römischer geworden.
Sie, Küngs Theologie, aber sei katholisch geblieben") zugleich;
was kein Widerspruch nicht ist, weil er beides ist - in
"dialektischer Einheit" versteht sich.
Um schließlich seinem "Kampf" für eine Sache, gegen die niemand
was hat (weshalb er sich sein Recht darauf eben auf die geschil-
derte Art und Weise ganz exkulusiv reserviert hat), die ganze
Wucht weltweiter Bedeutung zu verleihen, ist der aufrechte Hans
unverschämt genug, das Elend in der Welt zu bemühen:
"Und dies alles in empfindlichem Kontrast zum ökumenischen Be-
wußtsein an der Basis, wo man es weiterhin als anachronistisch
empfindet, noch immer in getrennten Kirchen sich gegenseitig zu
'ex-kommunizieren' - statt zu kommunizieren - und dies angesichts
der ungeheuren ökonomisch-politisch-sozialen Nöte der Ersten,
Zweiten und vor allem Dritten Welt."
Wie man weiß, verschwände ja auch die Not in der Welt mit einem
Schlag, wenn sich die Kath- und Evangelen endlich friedlich zu-
sammensetzten und so manches freundliche Wort des Verständnisses
füreinander austauschten.
Und würde der Stellvertreter Gottes auf Erden - wie es sich in
einer aufgeklärten Welt eigentlich gehören tät' - endlich basis-
demokratisch gewählt, statt von finsteren elitären Kuttenmännern
in Rom ausgemauschelt zu werden - der Tübinger Theologe hätte
ohne Zweifel ernsthafte Chancen, als ökumenischer Alternativ-
Papst Johannes Küng I. in die Geschichte einzugehen.
Diesem Mann liegt die G l a u b e n s f r e i h e i t, die
Freiheit also, seinen Geist ganz selbstständig aufgeben zu dür-
fen, so sehr am Herzen, daß er sich so manchen Zwang ausdenkt -
"Repression" geheißen - und glatt leugnet, daß die Zeiten des
"cuius regio, eius religio" doch irgendwie vorbei sind, und ihn
und andere keine Sau auf der Welt daran hindern kann, aus seinem
Verein auszutreten. Aber er will ja drin bleiben und entdeckt -
urdemokratischer Erzkatholik, der er ist - in der Hierarchie der
Kirche und der "Nicht-Hinterfragbarkeit" der Dogmen ein überflüs-
siges Hindernis für ihren und seinen Zweck. Weshalb Küng seinen
Oberhirten mit der ihm eigenen Radikalität "im brüderlichen Geist
der Versöhnung" und so freundlichst darauf aufmerksam macht, daß
es doch vielleicht der gemeinsamen Sache recht dienlich wäre,
wenn dieser sich entschließen könnte, die Dogmen - keinesweg zu
suspendieren; da sei Gott vor! vielmehr - für (s)eine geistreiche
Neubegründung freizugeben.
Dogmen: Pflöcke im Chaos
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Weil Küng es für den Glauben gar nicht förderlich erachtet, daß
die Kirche von ihren Schafen den Glauben an die Dogmen einfach
verlangt, bietet er das ganze Repertoire seines beschränkten
Geists auf, um die Menschheit davon zu überzeugen, daß sich in
der Welt durchaus kein Grund findet, nicht daran zu glauben, im
Gegenteil: Die Welt schreit nachgerade nach nichts anderem als
nach "Deutung" durch die Theologie - und es wäre unverzeihlich,
den Lesern vorzuenthalten, was ein moderner Theolog aus der Welt
machen muß, um ihr dieses Bedürfnis anzuhängen:
"Horizont einer neuen Theologie kann nur unsere eigene histori-
sche Welt sein und die Erfahrungen unserer Welt. Der Horizont hat
Wirklichkeit zu sein. Wirklichkeit ist per definitionem allumfas-
send, umgreifend, ein vielschichtiger, vieldimensionaler Be-
griff... Wirklichkeit ist die Welt und das ist der Makrokosmos
und der Mikrokosmos mit all den Abgründen, mit all den Wunden und
Schrecken, dem realen Elend und der Not, mit dem Kampf ums Dasein
von Tier und Mensch; das ist die Welt in ihrer Ambivalenz...
Wirklichkeit, das sind besonders die Menschen, die Rassen, die
Familien, die Nächsten, alle die miteingeschlossen, die uns die
Welt zur Hölle machen (J. P. Sartre); das bin auch ich, der kein
Idealmensch ist mit all dem, was C. G. Jung die Schatten nennt,
was ich von mir denke, zu dem ich gemacht wurde. Heute wird dem
modernen Menschen die Selbstannahme zum Problem. Theologie be-
schäftigt sich mit all diesem, sie schafft keine Wirklichkeit,
sondern deutet sie, das ist die Erfüllung ihres Sinns. Und nur
solche Theologie, die sich kritischer Prüfung verpflichtet weiß,
hat Platz an der Universität." Entzug der Lehrerlaubnis für alle
Nicht-Küngs?
Die Welt - eine komplexe Vor-Hölle, in der's ohne theologische
Deutung drunter und drüber geht: So macht sich dieser Methodiker
der Irrationalität die Irrationalität der anderen Wissenschaften
(Erstes Gebot: Die Welt ist saumäßig vielschichtig) zunutze und
bietet dem versammelten Publikum, das die Welt so ähnlich sieht,
die Theologie als den fundamentalen Ausweg aus der "Sinnkrise",
die die Menschheit befallen haben soll, an. Daß dafür "die kirch-
lichen Dogmen... keineswegs nötig sind" - wenn man auch viel-
leicht nicht so wie die Amtskirche drauf rumreiten und sie eher
mal ganz modern und aufgeschlossen "Werte, Normen und Maßstäbe"
nennen sollte - macht dieser Professor der Theo-Logie an folgen-
der feinsinniger Dialektik von Pflock und Straße klar:
"Bei einer verschneiten Straße geben die Wegpflöcke die Straße
an, doch in den Boden gerammt werden sie erst dann, wenn die
Straße schon besteht."
Merke: Ramm' dir die Dogmen erst dann ins Hirn, wenn du schon an
sie glaubst, denn dann weißt du, warum du daran glaubst, und
wirst nie vom rechten Weg abkommen. Und so durfte das Publikum
heimgehen in der Gewißheit, einer bedeutenden Veranstaltung bei-
gewohnt zu haben, in der ihm der Professor ein Licht aufstecken
wollte über den durchaus irdischen Sinn des höchsten Sinns: Wer
um die Nützlichkeit des Glaubens ans Jenseits fürs Diesseits
weiß, darf sich fürderhin ohne rot zu werden mit dem Ehrentitel
schmücken, ein intellektueller Gläubiger bzw. gläubiger Intellek-
tueller zu sein.
Ökumene ökonomisch
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Daß ein derartig geistreicher und aufgeschlossener Theologie-Pro-
fessor prima als Festredner taugt, ist auch den Verantwortlichen
der "Industrie- und Handelskammer Reutlingen" aufgefallen. Als
Verzierung des Festakts zum 125jährigen Bestehens derselben
durfte er vor 600 altangestammten schwäbischen Kapitalhirnen und
sonstigen "Verantwortlichen aus Politik und Wirtschaft" seinen
üblichen Sermon ablassen und sich darin sonnen, einer so wichti-
gen Versammlung mit seinem Geist dienstbar sein zu können. Aller-
dings vergaß er nicht, angemessen auf sein Publikum einzugehen:
Selbige seien - wie alle anderen "gesellschaftlichen Gruppen"
auch, wann immer Küng zu ihnen spricht - ganz besonders verant-
wortlich für höhere Ziele wie etwa "die Menschwerdung des Men-
schen" und ebenso - weil wichtig - ganz besonders zuständig für
die Überwindung der "geistigen" Krise. Dafür dürften sie aller-
dings nicht "nur an den Markt glauben" - aber wer tut das schon?
Weshalb ihnen Küng schließlich folgende "tröstliche Antwort mit
auf den Weg zum anschließenden Empfang und Umtrunk" gab:
"Auch Sie dürfen an Gott glauben! Denn der es begriffen hat, der
weiß: Das ist kein Sollen im Sinn verdammter Pflicht und Schul-
digkeit, das ist ein Dürfen im Sinn großer Chance und großer
Freiheit."
Und die m u ß man doch einfach wahrnehmen, nicht wahr?
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