Quelle: Archiv MG - BRD KIRCHE - Vom Mißbrauch des Verstandes durch den Glauben


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       Schwere Zeiten
       

DER ALLTAG IM VERHÄLTNIS VON KIRCHE UND POLITIK

Christus in der BRD ------------------- In der Bundesrepublik Deutschland fühlen sich die Kirchen ausge- sprochen wohl. Der Staat gefällt ihnen, sie haben es gut in ihm, genießen Anerkennung und erhalten Ehrungen, Geld und sonstige geistliche Mittel. Heute brauchen sie sich auch nicht mehr groß in den Arsch beißen, weil sie so herzlich wenig Widerstand gegen den Hitler getrieben haben. Ein wenig Schuldbekenntnis ist gelau- fen, mehr christliche Vorzeige-Widerständler, als gedacht, hat man auch gefunden. Das ist vorbei. Die verfassungsmäßige Bundes- republik ist so gut, daß die Kirchen, ohne rot zu werden, für sie eintreten. Das Verhältnis von Kirche und Staat ist ausgezeichnet. Die Katholikentage sind machtvolle Demonstrationen der Einheit der vielen Schafe mit Gott und der (christlichen) Obrigkeit. Ei- gentlich langweilig für die "Kämpfende Kirche", die schon in die- ser Welt - natürlich nur, soweit das geht - überall das Heil er- streiten will: nix Hunger und Hungertote; kein Guerillakrieg; Marxisten sind kein Gegner; kein Christ, der wegen Kohl und Gen- scher erst zur politischen Theologie und dann zur Waffe greift; dem Papst können die deutschen Christen genauso wie Kohl zuju- beln. Was bleibt da noch zu tun? Nicht wenig. Aufmerksam machen möchten die Kirchen schon immer auf sich. Man soll es schon merken, daß in diesem Staate eine reiche und mächtige Jesus-Lobby zugange ist. Und da passiert schon einiges. Gottgefällige Wahl ------------------ Man denke nur an die Bundestagswahl 1980, als die Katholenführung zum ersten Mal in ihrer deutschen Geschichte die "Staatsverschuldung" angriff und damit voll in den Wahlkampf ein- griff. Nach dem Grundsatz: "Der Christ wird bei seiner Wahlent- scheidung bedenken, was die Gebote Gottes in der Politik for- dern", kam der schräge Josef (Höffner) über das 11. Gebot: Du sollst Deine Heuchelei tunlichst nicht unter den Scheffel stel- len! flugs beim Votum für die C-Parteien an, ohne es ausdrücklich gesagt zu haben: "Die Ausweitung der Staatstätigkeit, die damit verbundene Büro- kratisierung und die gefährlich hohe Staatsverschuldung müssen jetzt korrigiert werden. Es ist ein Trugschluß zu meinen, der Staat könne alles..." (Hirtenwort zur Wahl 1980) Gleich waren acht namhafte Theologen auf der Matte, die eine an- dere Bibelübersetzung vorweisen konnten: "Die Theologie und das bischöfliche Lehramt haben kein besonderes Wissen darüber, ob die staatlichen Anleihen für unsere Wirtschaft notwendig, zweckmäßig oder überhöht seien. ... Der politische Standpunkt der biblischen Botschaft richtet sich nicht nach links oder rechts, sondern nach oben und unten..." Die evangelische Kirche hingegen ließ gläubig neutral durchblic- ken, nicht gegen die SPD zu sein. Letztere grub katholische Chri- sten aus ihren Reihen aus, damit sie die passende Lehrmeinung von sich gaben. Es entbrannte der Streit, ob die Kirchen so in die Politik eingreifen dürfen. Ja, sie haben das "Recht, zu öffentli- chen Fragen Stellung zu nehmen", erklärte der Höffner. Das hatten beide Kirchen ja auch gerade praktiziert. Grundsätzlich will ih- nen das keine politische Partei streitig machen, solange nicht eine einen eigenen Nachteil darin wittert. Für den demokratischen kirchlichen Appell: "Nichtwählen ist in der Regel eher ein Zei- chen der Flucht vor der Verantwortung" sind noch alle. - Inzwi- schen ist einige Zeit vergangen und eine Menge Heiliger Geist den Bach runtergeplätschert. Nach der kirchlichen Devise: "...auch wir haben unsere Existenz, unser 'Heil' konkret inner- halb einer Geschichte, innerhalb einer politischen Ordnung und merken Tag um Tag, wie sehr unser 'Heil' an den Wechselfällen dieser politischen Ordnung hängt..." (Kardinal Ratzinger) Gott ist keineswegs statisch zu denken. Das sehr profane Anliegen der Kirchen, zu allem und jedem die Stimme des christlich-morali- schen Sittenwächters zu erheben (oder auch die Schnauze zu hal- ten, wenn es opportun ist), geht mit den politischen Konjunktu- ren. Zwar paßt der Spruch: "Der Mensch lebt nicht nur von Kühl- schränken und Bilanzen" immer und wird aucti im Grunde kirchli- cherseits nicht geändert, Höchstens würde Ratzinger heute die Kühlschränke durch Videos ersetzen. Aber daß Christen zu Europa Stellung nehmen, hängt natürlich irgendwie doch mit der Europa- wahl zusammen. Christen sind selbstverständlich für Europa, weil schon vor 2000 Jahren der Heilige Paulus von seiner Missionsreise in Asien abberufen und nach Europa rübergeholt wurde. Das sind geschichtsträchtige Zeichen: "Komm herüber nach Makedonien und hilf uns" (Apostelgeschichte). Trotzalledem muß darauf verwiesen werden, daß Europa ohne den christlichen Sauerteig kein Europa mehr ist. "In einer Gesellschaft aber, in der Gott nicht mehr gemeinsames und öffentliches Summum bonum sein kann, sondern ins Private ver- wiesen ist, ist der Rang Gottes auch für den einzelnen verändert. Eine Gesellschaft, in der die eben gezeichnete Bewegung total ge- worden wäre, würde ich als post-europäisch bezeichnen." (Kardinal Ratzinger) Ach Gott! Gottesfürchtige Fortpflanzung ----------------------------- Am Retortenbaby ist der christliche Europagedanke kirchlicher- seits bisher noch nicht entwickelt worden. Dafür wird aber die heiße Frage gewälzt, ob sich da die Wissenschaft nicht an Gottes Ebenbild vergeht: Kann man die Würde der personalen freien Per- sönlichkeit in ein Reagenzglas stecken; ohne den Kleinen vorher zu fragen? Nein, sagen die einen Christen. Zumindest eine Grenz- situation menschlichen Wagnisses, sagen die anderen. Ein Pfarrer verweigert einem Behinderten die Ehe, weil ihm der Schwanz ab- geht, dieses Mittel im wörtlichen Sinne, mit dem nach göttlichem Ratschluß Mann und Frau "ein Fleisch" werden sollen. Darf der Pfarrer das? Schwierig, schwierig! Wäre künstliche Befruchtung ein christli- cher Mittelweg? Katholen meinen, es fehle die Ganzheitlichkeit des personalen Aktes. Der Samenhüpfer passiert, ohne daß sich Mami und Papi in die Augen sehen. Ja, der Vater ist völlig unbe- kannt. Man solle lieber für den Behinderten beten. Evangelen tre- ten mehr für den ungerecht Entrechteten ein. Das Du ließe sich auch ohne Mittelglied finden, so daß der Samenpimpf in Geborgen- heit... Überhaupt sind Ehe, Kind und Abtreibung Dauerbrenner kirchlicher Mahnungen an die politischen Gesetzgeber. Sie waren es nicht nur zu Zeiten der sozialliberalen Koalition. Wo der Staat, der auch grundsätzlich für die Unauflöslichkeit der Keim- zelle Ehe und das Kinderkriegen fürs Vaterland eintritt, das Recht den faktischen Gegebenheiten des Umgangs der Leute mit die- sem Zeug anpaßt und Ausnahmeregelungen gesetzlich fixiert, gibt sich die Kirche ziemlich radikal, die katholische etwas mehr als die evangelische. Anstatt von der "Zerrüttung" der Mehrzahl der Ehen auszugehen, solle man die Eheleute lieber darauf verweisen, auf was sie sich da eingelassen haben. Sonst Aushöhlung der Sit- ten. Der Papst greift von Rom aus ein, setzt die Tradition des Pillenpapstes Paul VI. fort, fordert, daß das Vögeln allein des Kindes wegen auch Lust bereiten dürfe. Irgendein evangelischer Theologe - ein katholischer schließt sich an - findet, daß "Liebe" schon ein hinreichender Grund sei. - Schutz des Lebens, des ungeborenen zumal, ist der Schlachtplan beider Kirchen gegen Abtreibung. Kirchenmänner, die dem Staat nicht das Recht absprechen, über Tod und Leben zu entscheiden, die vor Soldaten predigen und Vaterlandsverteidigung für ein göttliches Recht halten, werden fanatisch, wenn es um den Wutzel im Mutterleib geht. Von "Mord" ist die Rede, und mit Horror-Vi- deos über zerstückelte Embryos wird die katholische Jugend ver- roht. Ein wiedererwachtes "Zentrum" tritt damit zur Europawahl an. Theologen klären die Frage, wann das kleine menschliche L e b e n, wann gar die P e r s o n beginnt: Kann man schon bei der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle von einem "individuellen personal-menschlichen Leben" sprechen oder erst dann, wenn der Fötus sich, daranmacht, "Gehirnfunktionen zu dif- ferenzieren"? "Doch erscheint ein rein biologisches Kriterium unzureichend, um den genauen Termin für die Existenz der Geist-Seele des Menschen anzugeben. Vielmehr wird man heute (wieso heute?) die Embryo- nalentwicklung als einen kontinuierlichen Prozeß ansehen, der ei- nem Geistprinzip zugeordnet bleibt - ein Prozeß, der sicherlich noch lange nicht abgeschlossen ist..." (Professor Gründel, katho- lischer Moraltheologe) Diesen letzten Eindruck haben wir, was Prof. Gründel anbetrifft, auch. Macht aber auch nichts. Irgendein day after wird schon rauskommen, ab dem dem freien Willen des Embryos schwer Gewalt angetan wird. Andererseits führt der schwere Vorwurf des Mords auch nicht dazu, daß die Kirchen die politischen Gesetzgeber we- gen Mittäterschaft vor Gericht zerren. Dazu sind die Kirchen viel zu realistisch. Als unrealistische kirchliche Entgleisung muß die Tat eines evan- gelischen Pastors gelten, der im April dieses Jahres zwei Les- bierinnen traute. Der Pastor bekam seine disziplinarischen Ver- fahren aufgebrummt. Böse Zungen behaupten, eine der Lesbierinnen sei sogar nicht einmal getauft gewesen und Höffner habe zu dem Fall bemerkt, er sei einfach unmöglich, weil der katholischen Er- ziehung der Kinder jede Grundlage fehle. Christliche Ökologie -------------------- Ungefähr zur gleichen Zeit beschäftigen sich die Kirchen offizi- ell mit dem Umweltschmutz. Wenn der deutsche Wald stirbt, kann der liebe Gott nicht schweigend zusehen. Wieder einmal finden Bischöfe, die zu dem Thema einfach Stellung nehmen, weil es aktu- ell ist, ihren christlichen Grund, warum sie gegenüber dem Um- weltproblem keinesfalls "neutral" bleiben können. Denn dabei "geht es um den Menschen selbst und um die Erde selbst, und das heißt christlich; um Gottes Ebenbild". Weil es ab er um das Eben- bild Gottes geht, plädieren die Bischöfe "für m e h r e r e En- ergiequellen". Einem Pfarrer aus Niedersachsen geht so viel Ver- weltlichung des öffentlichen Lebens der Kirche zu weit. Sitte sei wichtiger, also macht er einen Vergleich; vorehelicher Verkehr und Abtreibung seien "schlimmer als Umweltverschmutzung". Wahr- scheinlich hat er dabei an die immer wieder vorkommenden Fälle gedacht, in denen zu früh geschwängerte Mädchen ihr Baby einfach ins Bahnhofsklo werfen, das dann verstopft ist. Kardinal Höffner gefällt der Umweltgedanke auch sehr gut. Voll auf der Höhe der Zeit geißelt er die "Erniedrigung der Frau zum Blickfang und Kon- sumgut" als "Umweltverschmutzung" im sittlichen Sinne, die ver- heerender sei als die chemische Umweltverschmutzung, "da sie die Herzen verwüste". Mein Gott! Ora et labora - mindestens 35 Stunden ------------------------------------- Während sich noch diverse kirchliche Gremien damit befassen, wie sie am besten die bedenklichen Wirkungen von Kabelfernsehen und Video anprangern und dann übers Fernsehen verbreiten lassen kön- nen (bekanntlich führt häufiges Kabelfernsehen bei schwangeren Frauen in der dritten Woche oft zu Heißhungergefühlen), wird auch die 35-Stunden-Woche vom christlichen Glauben erreicht. Ein Ar- beitskreis evangelischer Unternehmer erklärt: "Die Aufgabe der Kirche in der gegenwärtigen Situation ist es, zur Liebe und gegenseitigen Solidarität anzuleiten. Dies bedeu- tet, allen Gruppen nahezubringen, daß sie Opfer bringen müssen und bereit sind zu verzichten." Eigenartigerweise haben diese p r o t e s t a n t i s c h e n Kapitalisten die Enzyklika des P a p s t e s zur Arbeit und ih- ren Kärgst: "das Prinzip des Vorranges der Arbeit gegenüber dem Kapital" völlig richtig verstanden. So kann es natürlich nicht ausbleiben, daß evangelische Theologen im Neuen Testament nach- schauen, dort die "eindeutige Parteinahme (der Bibel) für die Ar- men" feststellen und deshalb zu dem Schluß kommen: "Gott ist ein- deutig für die 35-Stunden-Woche". Mitarbeiter der katholischen Betriebsseelsorge, die in der Gewerkschaft verankert sind, halten Arbeitszeitverkürzung schon "aus Nächstenliebe" für notwendig. Der Bund der katholischen Jugend fordert einen "neuen Wachstums- begriff". Gottes süßen Senf zu allen Fragen --------------------------------- Kirchen kümmern sich eben um alles und geben zu allem und jedem ihren Senf ab. So oder so, ob ein wenig kritisch oder voll auf Linie der Obrigkeit, nutzt das der Bedeutung dieser Vereine. Der Kaplan, der mit seinen Meßdienern Fußball spielt und abends bei Kola und Beat auf die jungen Leute zugeht, damit sie vielleicht montags zum Friedensgottesdienst kommen, ist zwar auch ein Zyni- ker im Auftrage des christlichen Glaubens. Aber der Doldi kann sich ja daran erfreuen, daß am Mittwoch Bischof Lohse der deut- schen Fußballmannschaft zur Europameisterschaft alles Gute wünscht, aber vor der Massenhysterie im Sport warnt. Vielleicht schimpft der Kaplan auch auf die Bürokratisierung und Linientreue seiner Kirchenführung, gründet eine Initiative Kirche von unten. Mag sie auch zurechtgewiesen werden, für die Rolle der Kirchen im öffentlichen Leben taugt auch das. Jüngst haben die Evangelen die 50. Wiederkehr der "Barmer Erklä- rung" zum Anlaß genommen, Mißverständnisse auszuräumen. Daß die damalige Erklärung nicht voll auf Opposition gegen alle Unarten des Nazistaates gegangen sei, müsse man aus der schwierigen Si- tuation verstehen. Falsch wäre es auf jeden Fall, aus "Barmen" ein Recht auf Widerstand gegen jeden Staat abzuleiten. "Die Freiheit zu vollartikulierter Opposition darf nicht mit dem existentiellen Widerstandsrecht gegen Diktaturregime verwechselt werden. Daran sollte jeder denken, dem es schwerfällt, sich mit den in freier Wahl zustandegekommenen Mehrheitsverhältnissen ab- zufinden..." (Historiker Bracher) "Niemand könne aus den Barmer Thesen das Recht ableiten, sich ge- genüber dem Vorgehen des Staates indifferent zu verhalten. Umge- kehrt sei mit Berufung auf Barmen aber auch mangelhafte Loyalität gegenüber dem demokratischen Staat nicht zu begründen." (Kirchenrechtler Kriele) Sonst gab es noch den Streit zwischen westdeutschen Protestanten und solchen aus der DDR. Letztere sprachen sich für "kooperative Mitarbeit" auch im Realen Sozialismus aus. Die Westdeutschen wa- ren schwer dagegen, wegen Totalitarismus und so. Landesbischof Lohse schlichtete den Streit: "Trotz Mißbrauch und Entstellung staatlicher Macht durch Gewalt- haber könne man in der Kirche nicht bestreiten, daß nach der Hei- ligen Schrift der Staat aufgrund göttlicher Anordnung für die Menschen da sei, selbst wenn er sich atheistisch verstehe." Kirchen sind eben zwar von Gott, aber nur mit der Politik stellen sie etwas dar. Nur logisch deshalb der letzte Opportunismus: "Die Bischöfe (Katholen) verfolgen die Diskussion um den Entwurf einer Amnestie für Steuerstraftaten im Zusammenhang mit Spenden für politische Parteien mit Aufmerksamkeit. Für sie stehen dabei ethische Fragen im Vordergrund... Eine Amnestie als ein außergewöhnlicher Eingriff in die Rechts- ordnung sollte nur aufgrund umfassender Erwägung aller Umstände und nach ausführlicher Diskussion erlassen werden. Aus diesem Grunde ist zu begrüßen, daß der Amnestieentwurf im üblichen Ge- setzgebungsverfahren im Deutschen Bundestag beraten werden wird. Die Katholische Kirche hat immer den Zusammenhang von Moral, Recht und Gesetz betont." Der Zusammenhang stimmt! Der Heiland in der Dritten Welt oder ------------------------------------ Pastorale Papst-Pilger-Reisen in die Hinterhöfe der Imperialismus ----------------------------------------------------------------- In den Ländern der Dritten Welt, in Lateinamerika, Afrika und im fernen Osten sieht das Verhältnis von Kirche und Staat ein wenig anders aus. Zwar sind Hunger, Elend und Tod durch die Staatsge- walt einerseits ein guter Boden für den Glauben im ursprünglichen Sinne: für den Trost des alleinseligmachenden Heils nach dem Tode. Andererseits aber stehen die verelendeten und unterdrückten Menschenmassen samt ihren diktatorischen Schlächtern doch auch ein wenig im Widerspruch zu den verkündeten christlich-demokrati- schen Idealen von Gerechtigkeit, Menschenwürde/Menschenrechten, menschenwürdigem Leben. Heißt: Um der Kirchen willen stoßen die- sen solche "Ungerechtigkeiten" auf. So kommt in diesen Ländern, obwohl die Kirchen auch dort alles tun, mit der gottgewollten Ob- rigkeit ins Reine zu kommen, ein ungestörtes Miteinander von Kir- che und Staat nicht auf, wie es hierzulande üblich ist. Dort gibt es neben Bischöfen, die einen Gorilla in der Kirche umarmen, sol- che, die ein wenig zur Gegenwehr auffordern, zumindest aber für die Verwirklichung demokratischer Ideale plädieren und so in Ge- gensatz zur Obrigkeit geraten. Dort werden Priester und auch mal Bischöfe umgelegt, während an- dere Kirchenmänner zum Gehorsam gegenüber dem zuständigen General auffordern. Dort protestieren auch einmal ganze Bischofskonferen- zen gegen "Ausbeutung, Folter und ungerechte Verteilung des Grundbesitzes". Alles um der Kirchen willen. Und das bedeutet, daß ein wirklicher Kampf für die Aufhebung des Massenelends nicht stattfindet. Da ist Gott davor, der den Staat gewollt hat und den Glauben an die sündige Knechtsnatur des Menschen verlangt. Wer es nicht glauben will, möge verfolgen, wie einseitig klar die Poli- tik ist, die der Papst auf seinen Reisen zu den Ärmsten der Armen verfolgt. Vor gut einem Jahr suchte er Mittelamerika ------------- heim. Überall, wo er hinkam, küßte er den vaterländischen Boden, von dessen Früchten die Massen nichts sehen, auf dem sie höchstens dahinvegetieren und abkratzen dürfen. In Panama ging der moralische Oberpriester des Imperialismus auf die gebeutelten Massen so ein, daß er ihnen mit der Unverschämtheit kam, sie hät- ten gefälligst Empfängnisverhütung, außerehelichen Verkehr und Scheidung zu unterlassen, weil solche Sünden "gegen den Willen Gottes" gerichtet seien. Mit der Obrigkeit gab es bei dieser ge- schickten Diplomatie überhaupt keine Probleme. In El Salvador zeigte er seine Abneigung gegenüber den dort Herrschenden da- durch, daß er alle begrüßte, auch den Typen, der für die Ermor- dung des Bischofs Romero gesorgt hatte. Für die Mahnung, "daß kein ideologisches Interesse sein Opfer ausnutzen solle", bekam er Beifall von der Regierung auf der Ehrentribüne. Auf einer Ver- sammlung zentralamerikanischer Kleriker rief er diese zur Ord- nung. Das kann man schon fast nicht mehr Zynismus nennen: "Ihr seid keine sozialen und politischen Führer oder Funktionäre einer zeitgebundenen Macht, ihr habt der Sache der Armen zu die- nen. Dabei dürfen ideologische oder militante Erwägungen keinen Einfluß haben." Christliche Erwägungen waren es dann auch, die den Papst seine Reise nach Guatemala nicht abbrechen ließen, obwohl die Junta kurz zuvor das Bild mit der Hinrichtung von sechs angeblichen Linksterroristen ein wenig verunschönert hatte. Die 100.000 Leute dieses Landes, die so nach und nach von der Obrigkeit umgelegt wurden (unter ihnen nicht wenige Nonnen und Priester), nahm der Papst mal gerade zum Anlaß, "flagrante Ungerechtigkeiten, Folter und Gewalt, welche die Würde des Menschen verletzen und Gott be- leidigen", zu brandmarken. Genauer war der Grund ein protestanti- scher Konkurrent, der dort an der Macht war und sich "von Gott gesandt" wähnte. Eine Forderung an die Betroffenen, gegen die po- litischen Sauereien aufzubegehren, wird nie daraus. Das verbietet die kirchliche Diplomatie. Im Gegenteil: Der Diener der Armen be- saß die Frechheit, vor 700.000 Indianern, die gar nicht anders können, als mit Gewalt vielleicht das Überleben zu schaffen, "jede Form von Gewalt - auch von Gegengewalt" - zu verurteilen. In Nicaragua bekämpfte der Stellvertreter Gottes gefährliche Ab- spaltungstendenzen. Hier begegnete der Diener der Armem der "Volkskirche" mit der Predigt vom A n t i materialismus: "Die Kirche muß einig bleiben, um den verschiedenen Formen des Materialismus, denen sie sich in dieser Welt gegenübersieht, ent- gegentreten zu können. ... Einzige Aufgabe der Priester ist es, die Gläubigen auf das ewige Leben vorzubereiten." So wurden Pfiffe gegen ihn und Rufe: "Wir wollen eine Kirche der Armen" als Entgleisung gegenüber dem Papst empfunden. Ja, in Ni- caragua weiß der Papst, daß er seinen Bannfluch auf unchristliche Guerilleros abzugeben hat, schließlich sind das keine Diktatoren, die dem freien Westen genehm sind. Die "Schmach von Managua" hatte ein Nachspiel, Zehntausende leisteten in Rom Sühne für den bekleckerten Papst. Dieser beklagte ausgerechnet die "organisierte Profanierung der eucharistischen Liturgie" (der Papst denkt bekanntlich in jeder seiner Reisemessen nur daran, wie er die Politik raushalten kann) und fand einen christlichen Kompromiß, indem er Bischof Romero "ein Opfer der Guerilla" nannte. Neulich war der Heilige Vater in Südostasien ----------- Vorher noch ein kurzer Treff mit der westlichen Führungsmacht: Beide bekundeten ihren Respekt voreinander. Sie seien sich "so ähnlich", meinte Nancy Reagan, "beide sehr stark", Mordanschlägen knapp entkommen, In Südkorea, wo die Kirche Zulauf hat, war "Versöhnung" das entscheidende Schlagwort - Versöhnung der beiden Landesteile (dies sein Entgegenkommen gegenüber den Eingemein- dungsgelüsten der Regierenden Südkoreas); Versöhnung mit der Re- gierung und Absage an die christlichen Teilnehmer am Volksauf- stand von Kwangju 1980, der blutig niedergeschlagen wurde; er selbst wollte nur als "Instrument der Versöhnung" dasein. Bei der Heiligsprechung von 200 Märtyrern dachte der Gottesmann, der wirklich die Leute mit fast jeder weltlichen Macht versöhnen will und so jede politische Schlächterei in den Rang eines gottgewoll- ten Schicksals erhebt, gar nicht versöhnlerisch an die Kommuni- sten im Norden: "Auch heute noch hält ihr (der Märtyrer) unsterblicher Geist die Christen in der Kirche des Schweigens im Norden dieses tragisch geteilten Landes aufrecht." Auf Neuguinea war dann kirchliche "pastorale" Diplomatie ganz überflüssig. Die Buschmänner, denen das Tragen von Pfeil und Bo- gen verboten war bei der Messe wegen Gefahr von Stammesfehden, betrommelten den großen weißen Geist aus dem großen Vogel begei- stert, schenkten ihm Schweinszähne und riefen "Mi laikum yu pop!". Den blöden Buschnegern gegenüber zeigte der Papst Einfüh- lungsvermögen. Der schlichte christliche Opportunismus ohne Men- schenwürde und so stand an. Von Gottes Regen, der Segen bringe, predigte er; vom Erzengel Michael, der gegen den Satan helfe. "Denn Ihr glaubt ja an gute Geister". Den Bischöfen und Priestern dort gegenüber fiel er aber dann doch wieder in seinen alten Trott. Die sollen nämlich den halben Wilden "moralische und ge- sellschaftliche Übel" austreiben wie den Alkoholismus und die Vielehe und die "Reinheit und Vollständigkeit" der katholischen Lehre verkünden. Offenbar haben die Priester dort denselben Trick drauf, wie der Papst ihn bei der Sache mit den "guten Geistern" anwandte. Jetzt war der Papst in der Schweiz ------- Nachdem er sie geküßt hatte, galt es, den Führungsanspruch der Katholischen Kirche im Lager der Christen zu betonen, Deshalb ha- ben natürlich auch Frauen im Priesteramt nichts zu suchen. Die schweizer politischen Repräsentanten, obwohl kaum katholisch, empfingen den Papst mit den gebührenden Ehrungen. Ach so, in der Schweiz ist ihm auch noch eingefallen, daß sich "die moderne Kul- tur in einer Krise" befindet. Der letzte Opportunismus: Südafrikas Regierungschef ------------------------- Botha, der die Menschenwürde ihrem Inhalt gemäß handhabt, nach ihrer Nützlichkeit fürs System nämlich, war in Privataudienz beim Papst. Damit kein falscher Eindruck entstehe, hat der Vatikan dazu eine extra Erklärung abgegeben: "Der Papst habe m e h r f a c h die Unabhängigkeit Namibias gefordert und bedauere die Spannungen an den Grenzen zu den afri- kanischen Völkern, die 's e l b s t u e r s t ä n d l i c h jede Form von Kolonialismus und Rassendiskriminierung ablehnen', betonte der Vatikan. Die Kirchenführung erinnerte in ihrer Stel- lungnahme daran, daß der Papst mit Politikern und Regierenden der verschiedensten Regime zusammenkomme, die um ein Treffen gebeten hätten, Dies bedeute nicht, daß die jeweilige Politik einer Re- gierung akzeptiert werde. Es sei vielmehr Gelegenheit, den Stand- punkt der Kirche zu den verschiedenen Fragen darzulegen." (Süddeutsche Zeitung) Alles klar? Der Allmächtige im Reich des Bösen ---------------------------------- Die Kirchen kennen viele Sünden: von Naschen, Völlerei über Hoffart und christliche Heuchelei bis - zum unschamhaften An- schauen von schwarzen Tänzerinnen auf einem CDU-Parteitag oder dem sündhaften "Machtmißbrauch" eines selbstherrlichen Diktators. All diesen Sünden kann verziehen werden. Unverzeihlich ist aber für die Kirchen ein Standpunkt, der sich nicht nur nicht Gottes Willen beugt, sondern von Gott und dem Glauben an ihn nichts wis- sen will, ja den Glauben als ideologische Verblendung der Massen bekämpft. Geradezu um das Böse schlechthin, den Antichristen der Apokalypse, wie ihn Reagan gern zitiert, handelt es sich, wenn ganze Staaten von kommunistischen Regierungen beherrscht werden, die sich zum Atheismus bekennen. Der Osten ist Der systemgewordene Teufel -------------------------- der Kirchen. Der Freie Westen hat seine politischen Gründe, den Ostblock als den Hauptfeind zu bekämpfen. Das ist auch für die Kirchen, die im Westen einen geachteten Platz einnehmen und das Wesen des Reichs der Freiheit in der Bibel stehen haben, ein guter Grund, gegen das kommunistische Lager zu sein. Doch bringt die Kirchen noch ein besonderer Umstand auf die antikommunisti- sche Palme. Ihnen wird die so geliebte Rolle als die christliche Moralinstanz im Staate bestritten, zumindest ist sie nicht selbstverständlich wie hier bei uns. Das ist zwar nicht besonders erstaunlich. Schließlich gibt es ja auch hierzulande keine ge- setzlich geschützte Rücksicht auf marxistische Gefühle und keine öffentliche Würdigung des Atheismus, obwohl es sich da doch auch um eine Art Religion handeln soll. Vom göttlichen Standpunkt aus betrachtet ist ein Verzicht auf behördlich anerkannte und poli- tisch gewürdigte Frömmigkeit aber ein Werk des Bösen und gehört bekämpft. So kämpfen die Kirchen Seite an Seite mit dem gottgewollten Impe- rialismus (Der Christ hat das Recht, sich gegen das Böse zu "verteidigen") von außen und im Osten selbst gegen die kommuni- stisch gelenkte Ordnung. Mit Kreuz, Bibel, Menschenrechten, KSZE und "echtem" Nationalismus betreiben sie christliche Wühlarbeit und göttliche Propagandahetze. Das Gebot der Feindesliebe war schon immer das gute Gewissen dafür, den Feind nach Kräften zu hassen. Freilich sind die Kirchen im Osten nicht so arm im Gei- ste, daß sie nicht mehr an ihre Existenz dächten und sich selig im Glauben dem ungeliebten Staat ans Messer liefern würden. Kampf gegen das System ist die eine Seite. Sich mit dem Staat taktisch zu arrangieren, soweit das notwendig ist, damit man weiter Kirche bleibt und weiter noch besser wühlen kann, die andere. Und da die realsozialistischen Staaten um des lieben Friedens der Untertanen willen den Kampf gegen das Opium des Volks mehr oder weniger auf- geben, schließlich vom Nationalismus ihrer Bürger viel halten, besitzen die Kirchen sogar Erpressungsmittel. Ihre Erfolge sind nicht zu übersehen. Ziemlich trostlos noch die Lage an der kirchlichen Kampffront in der tiefsten Diaspora Zentralasien. ---------------------- Ein Rußlanddeutscher schreibt: "So etwas gab es in Aktjubinsk noch nie, ... war Begräbnis, waren sieben Priester hier. Morgens waren hl. Messen. Von 10 bis 11 Uhr hat Pater Alexander gepredigt, deutsch und russisch - wie gut und fromm und arbeitsam unser Priester war. Von 11 bis 12 Uhr haben sechs Priester neben dem Altar auf jeder Seite drei gesessen und hatte jeder ein Buch und haben die Totenvesper gesungen... Auch der Bevollmächtigte für Religion, der Kasache Anurow, war bei der Totenfeier und mußte sich anhören, daß nur Vieh und Teu- fel nicht beten, aber ein Mensch mit Verstand, der muß beten und jeden Tag... Die Straße war voll mit Leuten von einem End bis zum andern. Immer wurde gebetet und gesungen. Der P. Josef hat nicht nachgelassen." Immerhin, der Bevollmächtigte für Religion war schon anwesend. Anderswo in Kasachstan haben die gewieften gläubigen Deutschen sogar noch mehr als ein gelungenes Begräbnis herausgeholt: "Um die Auswanderungsgesuche nach Deutschland etwas zu stoppen, mußten die Sowjets sogar neue Kirchengemeinden zulassen. In Ka- sachstan gab es Fälle, wo Rußlanddeutsche sogar das Ultimatum stellten: Entweder wir dürfen eine Kirche bauen oder wir beantra- gen die Ausreise nach Deutschland. So entstanden registrierte Ge- meinden in Karanga, Alma-Ata, Franse und anderen Städten Zen- tralasiens." (Informationsdienst des Katholischen Arbeitskreises für zeitgeschichtliche Fragen e.V.) In dem überwiegend katholischen Litauen ------- hofft die Geistlichkeit, "durch Zurückhaltung dem Staat weitere Zugeständnisse abzuringen". Da Litauen an Polen angrenzt, jeder 10. Litaue auch noch Pole ist, fürchten die staatlichen Behörden "polnische Verhältnisse", die wirkungsvolle Verbindung von Chri- stentum und Patriotismus. Dementsprechend "zurückhaltend" geht die katholische Kirche zu Werke. So gut wie alle Pfarrer erklären in einer Resolution, "die staatlichen Religionsgesetze stünden in Widerspruch zu Evangelium, Kirchenrecht, Sowjetverfassung und Helsinki-Akte". Radio Vatikan bringt jeden Samstag eine Sonder- sendung für Litauens Jugend: Die christliche Erbauung besteht in Berichten über Dissidenten und in der Pflege litauischen Natio- nalbewußtseins. Die Jugend strömt zuhauf in die Kirchen, singt nationalistische Kirchenlieder. Der Staat gibt nach: Mehr Prie- ster dürfen ausgebildet werden; aus Lagerhäusern werden wieder Kirchen. Erste Verhandlungen laufen, ob der Papst zum 500. Todes- tag des Nationalheiligen Kasimir (1985) oder zum 600. Jahrestag der Christianisierung (1987) auch nach Litauen einen Kreuzzug starten darf. Auf höherer Ebene intensiviert das päpstliche Au- ßenministerium seine Beziehungen zur Sowjetunion. Es empfängt die Stieftochter Sacharows und erzielt damit "Signalwirkung". Der Weltkirchenrat zieht nach. Er fordert die russisch-orthodoxe Kir- che auf, sämtliche Unterlagen über den Gesundheitszustand Sacha- rows zu besorgen. In Siebenbürgen --------------- sieht sich die lutherische Kirche mit der Gefahr konfrontiert, daß der feindlichen Bastion im fremden Land die Agitatoren ausge- hen. Deutsche Geistliche ziehen aus ihrem Patriotismus den falschen Schluß, in die BRD auszuwandern. Jetzt verfügte die Kir- che dort, daß das Dienstverhältnis für alle diejenigen Pfarrer erlischt, die Auswanderungsgelüste zeigen oder die Auswanderung predigen. Bischof Klein in Hermannstadt: "Die Kirche wandert nicht aus." Das braucht sie auch gar nicht, wie man an Ungarn sieht: "Die 'Zeit des Versuchs einer radikalen Abschaffung der Kirche' ist in Ungarn nach Ansicht des Primas der ungarischen Kirche, Kardinal Lekai, vorbei... Im Gegensatz zu früher achte der kommu- nistische Staat jetzt religiöse überzeugung und störe religiöses Leben nicht. Nach dem Grundsatz 'Wer nicht gegen uns ist, ist mit uns' werde religiöse Tätigkeit in Ungarn als Arbeit am Sozialis- mus gewertet." (Frankfurter Allgemeine Zeitung) Wie fein! Unterdessen muß Patriarch Maxim, das Oberhaupt der or- thodoxen Kirche in Bulgarien --------- der sein Vaterland liebt, Schmutz von seinem Lande abwehren. Ge- gen die Räubergeschichte, die CIA und die angeschlossenen Spione aus dem Vatikan recherchiert haben, daß ein kommunistisches Kom- plott, das von Moskau über Sofia und Ankara bis nach Rom reiche, hinter dem Attentat am Papst stecke, erklärt er entrüstet: "Ich kann mir nicht vorstellen, daß ein Mann aus meinem Volk bei dem Mordanschlag auf Papst Johannes Paul II. seine Hände im Spiel ge- habt hat." In der CSSR ---- wird eine Lehrerin wegen religiöser Betätigung aus dem Staats- dienst entlassen. Während bei uns auch einmal Religionslehrer völlig zu recht wegen politischer Betätigung mit Berufsverbot be- dacht werden, ist der Fall drüben natürlich ein schwerer Angriff gegen das Recht auf Religionsfreiheit und überhaupt die Menschen- rechte. Jugendliche Christen der Tschechoslowakei reagieren ziemlich frech. Andererseits nicht ungeschickt. Sie tun so, als hätten sie nichts gegen den Kommunismus, versuchen nachzuweisen, daß der Fall im Widerspruch zum Marxismus-Leninismus stünde, wenden sich heuchlerisch an den Präsidenten Husak, als stünde der irgendwie noch eher auf ihrer Seite, zeigen sich enttäuscht von der staat- lichen Repräsentation, entdecken Vaterlandsverräter, preisen sich als nützliche Staatsbürger an: "Geehrter Herr Präsident! Mit unermeßlicher Erbitterung verfolgen wir die Geschehnisse der letzten Jahre in unserem Vaterland. Uns Jugendliche der CSSR, sowohl Parteilose wie ehrliche Parteimitglieder, Gläubige wie aufrichtig Suchende, hat insbesondere das Geschehnis um Frau Leh- rerin.. Geehrter Herr Präsident, Sie sind Jurist. Wie können Sie es zu- lassen, daß Menschenrechte in unserer Republik mit Füßen getreten werden. ... Sie bekennen sich zum Marxismus-Leninismus... Sie lassen also auf ihrem eigenen Bekenntnis herumtrampeln. ... Wie Frau Micianova stellen wir fest, daß die Repräsentanten von Re- gierung und Partei, leider die Mehrheit, uns Jugendliche voll- ständig enttäuscht haben. ... Wir fordern von Ihnen, daß auch die Gläubigen genau die Rechte erhalten, wie sie Parteimitglieder besitzen. Steuern zahlen auch Gläubige, die Staatseinnahmen erarbeiten zum größeren Teil die Gläubigen. Dennoch besitzen sie keine Presse. ... Machen Sie Schluß mit dem Unrecht in unserem Land! Beenden Sie die Willkür jener, die es nicht ehrlich meinen, weder mit dem Va- terland noch mit Ihnen!... Befehlen Sie den verantwortlichen Äm- tern und Behörden, die unvernünftigen und ungesetzlichen und unmoralischen Urteile, die gegen Gläubige und Verfechter der Men- schenrechte verhängt sind, aufzuheben. ... Für Ihr Verständnis danken wir Jugendliche der CSSR" Ein Anlaß für einen Papstbesuch ist auch schon gefunden. Zum 1100. Geburtstag des Heiligen Methodios, des Apostels der Slawen, dessen Name zufällig "der Listige" bedeutet, wird der Papst von der Kirche für 1985 nach Prag eingeladen. Es folgen Unterschrif- tenaktionen für den Papstbesuch, Flugblätter, die zum Gebet für diese "Pilgerreise" auffordern. Als die Parteizeitung "Tribuna" diese Aktionen als "Hetze gegen den Staat" angreift und auch sonst nah bei der Wahrheit bleibt: Der Papst sei einer "der reak- tionärsten Päpste dieses Jahrhunderts" (eine ziemlich scholasti- sche Frage); "Haß und angeborener Antisowjetismus" zeichneten ihn aus (nur das "angeboren" stimmt nicht), schlägt Kardinal Tomasek zurück. Da er bei der Unterdrückung sowieso bald den Martyrertod sterben muß, fällt es ihm leicht, sogar eine Drohung loszulassen: "Euer Atheismus gibt Euch nicht das Recht, Personen einer anderen ideologischen Richtung zu verleumden und zu beleidigen. Die Be- leidigung wird nicht ohne Folgen bleiben. Mit Eurer demagogischen Unehrlichkeit leistet Ihr der Verständigung und dem Weltfrieden einen schlechten Dienst. Papst Johannes Paul II. ist ein weiser Mann, dem Haß und angeborener Antisowjetmus fremd sind. Eines Ta- ges wird dieser Papst von allen als unermüdlicher Verteidiger der Menschenrechte und als einer der großen Päpste der Geschichte an- erkannt werden." Das fürchten wir leider auch, nicht nur bei diesem Papst, sondern auch bei Reagan. Im sozialistischen Staat auf deutschem Boden, der DDR --- haben die Kirchen mit einer Politik des Mittelwegs, der der Staatsapparat entgegengekommen ist, eine respektable Stellung er- reicht. Mit einem gesunden Opportunismus pflegen sie die Bezie- hungen zum sozialistischen Staat: "Bischof Leich sieht das Vertrauensverhältnis zur Kirche ge- stärkt." (Frankfurter Allgemeine Zeitung) "Ich möchte nun unterstreichen, daß wir kirchenleitenden Leute in der DDR bemüht bleiben müssen, mit den Vertretern unserer Regie- rung in offenen, aufrichtigen und fairen Kontakten zu bleiben... Wir haben den Vertretern der Staatsorgane in vielen Fällen Hilfen zu verdanken, auch in solchen, in denen unsere eigene Schwäche leicht gegen uns hätte benutzt werden können. Den Mitarbeitern im Staatssekretariat zum Beispiel Doppelgesichtigkeit zu unterstel- len, wäre unwahrhaftig." (sächsischer Landesbischof Hempel, Vor- sitzender des DDR-Kirchenrats) Um das für die Kirchen so nützliche Verhältnis aufrechtzuerhalten - die Ausbildung der zahlreichen Priesteranwärter wird nicht be- hindert; das kirchliche Leben kann laufen; Gottesdienste werden vom DDR-Fernsehen übertragen; Honecker trifft sich offiziell mit Kirchenführern auf Luther-Gedenktagen - geht man so weit, junge Christen "von Einzelaktionen" in Sachen Frieden abzuraten. Dabei vergißt man natürlich nicht, sich ins feindliche System einzumi- schen, wo es geht oder opportun erscheint. "Keineawegs hat die Kirche alle Mitverantwortung für Politik und Gesellschaft an den Staatsapparat abgegeben." (Bischof Forck, Berlin-Brandenburg) Immer wieder Angriffe auf den Wehrdienst drüben, auf die Wehrer- ziehung - Dinge, die bekanntlich nur bei uns rechtens und gebil- ligt sind. "'Wehrdienst im Sozialismus ist und bleibt Friedensdienst'. Sol- che Aussagen kann die 'Kirche im Sozialismus' nicht einfach über- nehmen." (Bischof Forck) Nein, die Kirche im Sozialismus nicht. Drüben wird das staatliche Vorgehen gegen Aufrüstungsgegner als schwerer politischer Fehler mit Folgen kritisiert: "Die zurückliegenden Aktionen der Staatsorgane gegen die 'Schwerter und Pflugscharen-Zeichen' halte ich (ohne damit Muse- umsstücke herausholen zu wollen) nach wie vor für einen schweren Fehler mit Symbolbedeutung für viele junge Menschen." Bei der ersten Äbtissinnen-Weihe in der DDR - auch das dürfen sie schon wieder - nimmt der Berliner Bischof, Kardinal Meißner, gleich die Gelegenheit wahr, seine Ansicht zum System loszuwer- den: "Der Tod Gottes führt zum Tode des Menschen. Wenn Gott ausfällt, dann fällt der Mensch ins Grund- und Ziellose. Der Atheismus al- ler Schattierungen hat den Menschen verführt, um der Erde willen auf den Himmel zu verzichten. Dabei habe er auch die Erde unter seinen Füßen verloren." Die Kirchen in der DDR dagegen stehen fest auf deutschem Boden. Einerseits freuen sie sich, daß die DDR nachgegeben hat und so viele Ausreisewillige ziehen läßt. Andererseits fürchten sie um die Kampfkraft ihrer Vereine. Man "bedauert" die Ausreisewelle, fragt sich, wie sich die Kirche "stärker als eine Beistandsge- meinschaft auch unter Belastungen erweisen kann". Kirche im So- zialismus braucht gerade die Widerspenstigen. "Selbst wenn Zehntausenden erlaubt wird, das Land zu verlassen, müssen auf jeden Fall Millionen dortbleiben. Nur werden die Ver- bleibenden durch einen Massenauszug, wie er sich gegenwärtig er- eignet, um die Kräftigsten, Widerstandsfähigsten, Erfinderisch- sten gebracht." (Frankfurter Allgemeine Zeitung) Worin wohl soll der Erfindungsreichtum der Besten bestehen? - Die Ausreisewelle läßt sich aber auch positiv wenden. Der Görlitzer Bischof Wollstadt appelliert an die DDR-Führung, "in unserem Land Verhältnisse zu schaffen, unter denen sich alle Menschen wohlfüh- len können und leben möchten." Ohne Sozialismus würden wir alle dableiben. So aber bleibt noch viel zu tun für die deutschen Kir- chen Ost. Polen! ------ Auf Polen blicken Gott und der Papst mit Wohlwollen herab. In Po- len ist die Kirche die Nation und die Nation die Kirche. Dieses ist die "wahre Nation", der zur gänzlichen Fülle nur noch fehlt, daß die kommunistische und atheistische Fremdherrschaft wegge- putzt wird. Welche Macht die katholische Kirche in Polen dar- stellt, konnte man dem Papstbesuch entnehmen: eine antikommuni- stische Feier des Inhalts, daß Polen von Rechts wegen nicht dem Ostblock gehört. Der Papst kommt als Anwalt eines unterdrückten Volkes, hetzt gegen die Regierung, ohne daß er groß zu hetzen braucht. Das Volk bekundet durch seine Massenaufläufe, daß es mehr für den Papst als für Jaruzelski ist. Das beweist hinrei- chend, daß Polen unbedingt die Freiheit will und braucht. Die Kirche feiert mit dem Besuch den Höhepunkt einer beispiellosen politischen Karriere. Mit den Massenaufmärschen demonstriert sie sinnfallig, daß sie die anerkannte heimliche Obrigkeit ist. Einen neuen Sieg hat die Kirche in Polen gerade an der Symbolik- Front errungen. Das saudumme Anliegen der Regierung, die Laisie- rung von Schulen durch die Entfernung von Kruzifixen bewerkstel- ligen zu wollen, hat die Kirche zu einem mittleren Machtkampf ausgeweitet: Bischöfe fasten demonstrativ bei Wasser und Brot; die Jugend macht Protest; Schüler bleiben den kreuzlosen Schulen fern; Walesa gibt eine Erklärung ab; die westliche Presse berich- tet ausführlich vom "Kreuz-Krieg" in Polen. Als die Regierung darauf verzichtet, die Schüler eine Erklärung unterzeichnen zu lassen, mit der sie den "weltlichen Charakter" der Lehranstalt anerkennen sollten, steht der Sieger fest: "Aus dem Streit der Regierung um die Entfernung von Kreuzen aus staatlichen Gebäuden ist die katholische Kirche in Polen nach An- sicht von Kardinal Glemp als Siegerin hervorgegangen. Der Kon- flikt sei 'eine Art Volksabstimmung geworden, die die vorherr- schende Rolle der Kirche im Lande' bewiesen habe, sagte der pol- nische Primas in einer Ostermesse..." (Süddeutsche Zeitung) Der militante Warschauer Priester Popieluszko ruht sich nicht auf diesen Lorbeeren aus. In der traditionellen "Messe für das Vater- land" warnt er 5000 Gläubige davor, "das Böse mit der eigenen Stimme zu legalisieren". Gemeint sind die Kommunalwahlen in Po- len. "Man dürfe nicht aus Bequemlichkeit oder Angst den Mechanis- mus des Bösen unterstützen und zum Mitverantwortlichen der Ver- sklavung werden." Nur hat dieser gesunde antikommunistische christliche Fanatiker nicht mit der offiziellen politischen Ab- teilung seiner Kirche gerechnet. Die verspricht sich nämlich mehr kirchlichen Einfluß durch die Aufnahme diplomatischer Beziehungen des Vatikan mit dem Jaruzelski-Regime. Wenn's der Sache Gottes dient, hurt die Kirche auch mit dem Teufel (ist ja auch nur recht, wo sie doch auch noch nach dem zweiten Weltkrieg Nazis im christlichen Südamerika untergebracht hat). Offiziell werden immer wieder positive Erklärungen für die Bedeu- tung und das Recht der "Solidarität" abgegeben, auch vom Papst. Tatsächlich aber erscheint der Kirche für ihr politisches Vorha- ben einiges an der Untergrundorganisation "chaotisch". Walesa wird langsam aber sicher in den Hintergrund gerückt und zum Trost zum "Mönch ehrenhalber von Tschenstochau" ernannt. Er paßt jetzt nicht mehr ins Konzept. Priester, die offen ihre Sympathien mit untergetauchten "Solidaritäts"-Kämpfern predigen, werden davon befreit. Auch im sozialistischen Polen ist der "Kämpfenden Kir- che" eine rechtlich anerkannte Position lieber als unsicherer Kleinkrieg: "Ja, nach unserem Verständnis geht es dabei um die rechtliche Re- gelung der Lage der Kirche in Polen, um ihre Anerkennung als Per- son des öffentlichen Rechts, aber auch um die Rechtsperson der Diözesen (usw. )... Wir meinen, daß solchen Verständigungsabkom- men die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zum Heiligen Stuhl folgen kann. Aber das Abkommen ist dafür keine Vorbedingung." (Kardinal Glemp) Der letzte Opportunismus, den sich Gott in Polen leisten kann: "Die Kirche hat keine politischen Ambitionen; ihre Rolle im poli- tischen Leben des Landes ergibt sich nur aus der Lage des Landes, falls die Staatsmacht keine gemeinsame Sprache mit der Gesell- schaft findet..." (Glemp) Der Herr über Krieg und Frieden ------------------------------- Es gibt das Gerücht, die Kirchen hätten ihre Lehrmeinung vom "gerechten Krieg" - worunter man sich so erlesene Sachen wie Kreuzzüge, Missionierungen von Heiden mit dem Schwert, Nieder- metzelung von Türken (vor Wien z.B.) und anderen Andersgläubigen vorstellen darf - im aufgeklärten 20. Jahrhundert aufgegeben. Auch die Atomwaffen sollen zu einer Revidierung des angestammten christlichen Dogmas beigetragen haben. Diesem modernen Irrglauben über die "fortschrittliche" Politik der Kirchen können wir uns nicht anschließen. Es ist vielmehr so, daß es im christlichen La- ger wieder einmal auch auf dem Felde von Krieg und Massenmord zwei Positionen gibt, die beide von der Logik des christlichen Glaubens herrühren. Die eine ist einfach: Eingedenk der freiheit- lichen westlichen Ordnung, in der die Kirchen so frei ihr Unwesen treiben können; eingedenk des glücklichen Zufalls, daß die impe- rialistische Feindschaftserklärung der NATO gegen den Ostblock so verblüffend bruchlos mit der christlichen Erkenntnis von der Exi- stenz des menschenrechtsverachtenden atheistischen Bösen, dessen Sitz in Moskau ist, zusammenpaßt, kommt sie leicht zum Schluß: Der Osten ist der Kriegstreiber ------------------------------- "...in dem Maße, wie sich die Menschen von Systemen verführen lassen, die ein umfassendes Menschenbild vorlegen, das in ma- nichäischer Weise jedes andere ausschließt, und die aus dem Kampf gegen die anderen Weltanschauungen, aus ihrer 'Beseitigung oder Beherrschung die Bedingung für Fortschritt machen, schließen sie sich in eine Kriegsmentalität ein..." (der Papst in seiner Bot- schaft zum Weltfriedenstag 1984) Dagegen ist Bewaffnung, Wehrbereitschaft und Aufrüstung mit allen Mitteln, auch den ziemlich verheerenden atomaren, nur billig und recht: "Gegenüber der anhaltenden Bedrohung durch totalitäre Systeme bleibt der Bürger zur Verteidigung eines Friedens aufgerufen, der durch die Achtung der Menschenwürde und durch konkrete Freiheiten bestimmt wird. ... ...kann diese Verteidigung einstweilen auch auf einen militäri- schen Beitrag nicht verzichten." (Hirtenwort der deutschen katho- lischen Bischöfe: "Gerechtigkeit schafft Frieden") Atomkrieg oder Bergpredigt -------------------------- So gelangt die rechte Position im christlichen Lager sehr reali- stisch zu der Auffassung, daß für kirchliche Realpolitik Jesu Bergpredigt kein Hindernis sein darf. Der falsche Friedensfreund hat sie vielmehr falsch interpretiert: "Aber die Weisungen der Bergpredigt sind eben keine Gesetze, die schematisch anzuwenden wären... Es wäre deshalb ein Mißverständ- nis, das gesellschaftlich-politische Leben unmittelbar nach den Weisungen der Bergpredigt gestalten und ordnen zu wollen. Ver- nunft und Klugheit, die vom Träger politischer Verantwortung zu fordern sind, werden durch die Befolgung der Weisungen Jesu nicht ersetzt. Aber sie sollen sich von ihnen inspirieren lassen." - also so! - "Christliches Verhalten, das sich an der Bergpredigt orientiert, ist also nicht blind gegenüber dem Bösen. Unrecht bleibt Un- recht..." (Hirtenwort) So kommt die schöne Rechtfertigung der nuklearen NATO-Strategie zustande, daß, was man aus moralischen Gründen ablehnen müßte, aus politischen wieder zulassen kann, wenn man der Politik die ideale Absicht der Kriegsverhütung unterstellt. Und das muß man ja wohl als guter Christ: "Eine Massenvernichtung anzudrohen, die man nie vollziehen darf - eine moralisch unerträgliche Vorstel- lung - wird zum Zwecke der Kriegsverhütung als besonders wirksam angesehen. Diese ungeheuerliche Spannung ist nur hinzunehmen, wenn die gesamte Sicherheitspolitik auf das Ziel der Kriegsverhü- tung ausgerichtet ist." (Hirtenwort) Die andere Position hält an dem Idealismus der Bergpredigt fest. Sie erklärt mit dem Hinweis auf Feindesliebe und die christliche Verantwortung vor dem menschlichen Leben die moralische Untrag- barkeit nuklearer Rüstung, erst recht eines Nuklearkriegs: "Wir können uns keine Situation vorstellen, in der der absichtli- che Beginn eines nuklearen Kriegs, so beschränkt im Ausmaß er auch sein möge, moralisch gerechtfertigt wäre. Nicht-nuklearen Angriffen seitens eines anderen Staates muß durch andere als nu- kleare Mittel widerstanden werden... Für uns gibt es für die mo- ralische Verantwortung, einen nuklearen Krieg zu beginnen, keine rationale politische Rechtfertigung." (Hirtenwort amerikanischer Bischöfe) Eine Kritik, die nurmehr aus der tödlichen Massen w i r k u n g von A t o m waffen geboren ist und sich nicht überhaupt gegen die kriegerische "Verteidigung" der Nation richtet. Ganz im Ge- genteil: Die richtige Vaterlandsverteidigung behält so den Rang eines göttlichen Gebots. Trotzdem reicht das aus für einen munte- ren Streit zwischen Kirchen und Politik und in der Kirche selbst. Politiker verweisen überzeugte Anhänger der Bergpredigt in das Reich der "Gesinnungsethik": Der einzelne könne sie sich zur Richtschnur nehmen, nicht aber die Politik fürs Allgemeinwohl. Kirchen pfeifen ihre gläubigen Pazifisten zurück und verlangen, gemäß Bergpredigt von jeder gewaltsamen Gegnerschaft gegen die "Nachrüstung" Abstand zu nehmen. Der Papst erklärt gar "Pazifismus" für eine feige, schwächliche, unchristliche Haltung. Jeder Gläubige müsse gegen das systematische Unrecht kampfbereit sein. Der Vorsitzende des DDR-Kirchenbunds, Landesbischof Hempel, findet einen Weg, wie er die moralische Verurteilung der Kriegs- mittel akzeptieren kann, ohne sie zu teilen: "Ich möchte jetzt ein Wort zu dem Friedenszeugnis von Vancouver sagen. Das entsprechende... Dokument über Frieden und Gerechtig- keit hat ausgesprochen, daß Christen es ablehnen sollten, sich an einem kriegerischen Konflikt zu beteiligen, bei dem Massenver- nichtungswaffen eingesetzt werden - Die Vollversammlung hat aber auch ... angenommen: Wir bitten die Kirchen, ihre Regierungen dringend aufzufordern, das Recht zur Verweigerung des Militär- dienstes aus Gewissensgründen anzuerkennen und die Möglichkeiten für einen gewaltfreien Ersatzdienst zu schaffen! - Nach meiner überzeugung sind nur die beiden Vancouver-Äußerungen zusammen christlich." Eine feine Stellungnahme für die Notwendigkeit der Vaterlandsver- teidigung. Das ist ja auch nur logisch. Die christlichen Kirchen, die sich vor der gottgewollten Staatsgewalt verbeugen, es sei denn, sie liegt im Osten, wo sie vom Teufel ist, respektieren auch das Recht der Souveränität, zur ultima ratio zu greifen. Egal, ob sie die Waffen segnen oder eine warnende Denkschrift herausgeben: Gottes Legionen auf Erden werden brav antreten, wenn es so weit ist! *** "Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Ding und nie- mand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Ding und je- dermann untertan." (Luther) *** "Die leibliche Hingabe in der geschlechtlichen Begegnung ist ja ein Realsymbol für die Hingabe der ganzen Person; eine solche Hingabe kann aber in der gegenwärtigen Heilsordnung nur aus der Kraft der übernatürlichen Liebe, wie Christus sie schenkt, wahr- haft verwirklicht werden. Ferner ist die Ehe zwischen zwei Ge- tauften auch ein Realsymbol für die Einheit zwischen Christus und seiner Kirche, eine Einheit, die nicht zeitlich begrenzt ist oder nur "auf Probe" gilt, sondern ewige Treue bedeutet." Welches arme Schwein kann das denn aushalten, Heiliger Vater? Und welches Embryo macht schon diese symbolische Belastung mit, ohne an Selbstabtreibung zu denken? *** "So bejaht die Bibel einerseits die weltliche Obrigkeit als von Gott stammend. Gehorsam gegen die Gesetze des Staats ist eine Pflicht gegen Gott. Andererseits lehnt die Bibel einen totalen Herrschaftsanspruch des Staates ab. ... Wie können Staat und Kir- che am besten zum Wohl aller zusammenwirken ? Nicht dadurch, daß die Kirche über den Staat zu herrschen versucht oder umgekehrt der Staat die Kirche bedrückt. Beide sollen in freier Partnerschaft miteinander in den vielen gemeinsamen Fragen jeweils ihren Beitrag leisten. Ihr Zusammen- wirken ist notwendig - denn Christen sind immer auch Staatsbürger und Staatsbürger Christen." (Katholischer Katechismus) *** "Die Kirche muß sich ändern: Wenn wir sie nicht ändern, läuft uns die Welt davon." (Maurer, bolivianischer Kardinal) "AIlerdings mangelt es diesen Armen nicht nur an materiellen Gü- tern, sondern sie haben auch kaum die Möglichkeit der vollen Mit- wirkung im Gesellschaftsleben und Politik, was doch zur menschli- chen Würde gehört." (Dokument von Puebla) "Nie klage ich auf Grund von Haß oder um zu Gewalt aufzurufen. Im Gegenteil: Ich versuche die Augen derjenigen zu öffnen, die Unge- rechtigkeiten begehen." (O Cruceiro) "Befreiung ist ein Kampf, der nie endet, weil der Mensch sich im- mer mehr begrenzen muß, bis wirklich das Königreich Gottes auf Erden existiert. ... Wir wollen einen demokratischen und plurali- stischen Sozialismus..., einen gemässigten Sozialismus, der das Privateigentum respektiert..." (Ernesto Cardenal) zurück