Quelle: Archiv MG - BRD KIRCHE - Vom Mißbrauch des Verstandes durch den Glauben
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Kirche und Politik
CHRISTENTUM DURCH DIE POLITIK MIT DER POLITIK IN DER POLITIK
Ein neuer Erzbischof knallt sich flach auf ein Bodenkissen, wird
frisch beweihwässert, eingeölt und angeräuchert. Landesherren,
Minister und andere hohe weltliche Würdenträger sind zugegen und
sitzen beim anschließenden Festmahl zur Rechten und zur Linken
des Gottgesalbten. Kanzler und Bundespräsident würdigen in Gruß-
telegrammen die Verdienste von Person und Amt des Bischofs.
Nach intensivem christlichen Stechen kürt eine Landessynode einen
neuen Landesbischof. Bei der Amtseinsetzung sind ziemlich hohe
und viele politische Herren anwesend. Ihre Trinksprüche beim
glänzenden Mahl entbehren nicht des Lobes für den evangelischen
Gottesmann. Kanzler , und Bundespräsident würdigen in Grußadres-
sen.....
Zum Neujahrsempfang lädt der Bundespräsident sämtliche protokol-
larisch festgelegten violetten, roten und schwarzweißen Amtsträ-
ger der beiden christlichen Kirchen. Er drückt ihnen extra fest
die Hände. Jede Woche ein anderer Politiker der westlichen Hemi-
sphäre beim Papst. Der eine lutscht seiner Heiligkeit knieend den
Ring ab, der zweite katzbuckelt sautief, der dritte verbeugt sich
klar erkennbar. Das Bild steht in allen Fernsehern und Zeitungen.
- Die Staatsgewalten wissen, was sie an ihren Kirchen haben.
Keine Reise des Papstes, wo dieser nicht die Obrigkeit des gerade
heimgesuchten Staats offiziell trifft - mag sie auch noch so
viele Oppositionelle oder Nebenbuhler umlegen lassen und das po-
litische Gangstertum hervorragend beherrschen.
Kein evangelischer Kirchentag oder Katholikentag, auf dem nicht
Männer der politischen Parteien, vom Minister bis zum Bundeskanz-
ler reden dürfen und sollen. Keine Wahl, zu der nicht Landes-
bischöfe und Oberhirten ihre christlichen Schäflein auffordern,
der politischen Pflicht des Christenmenschen zahlreich zu genügen
und Männern, die für Recht, Ordnung und Sitte eintreten, ihre
Stimme zu geben. Kein diktatorischer Schlächter, zu dem sich
nicht ein Bischof findet, der ihm demonstrativ vor aller Öffent-
lichkeit die Heilige Kommunion verabreicht. Kein demonstrativer
Protest von unten in unseren Breiten, zu dem nicht beide Kirchen
ihre Gläubigen darin unterweisen, daß man gefälligst die Ent-
scheidungsfreiheit und Verantwortung des Staats und seiner ge-
wählten Vertreter zu ehren habe und keinem Menschen das Recht zu-
komme, die Politiker mit Gewalt in ihrem Tun zu behindern. Noch
jeder Kirchenmann würdigt die Vorzüge der Ordnung, in Freiheit
und Demokratie. Man betet für die weltlichen Herrschaften. - Die
Kirchen wissen, was sie an ihren Staatsgewalten haben.
Da wäscht die eine Hand die andere. Den politischen Herrschaften
sind die Kirchen, die die Schafsnatur des Christenmenschen, den
Sünder, der überhaupt und vor Gott schon gar nichts ist, predi-
gen, gerade recht. Gläubigen Christen, denen der liebe Gott die
Notwendigkeit des Opfers und die Willfährigkeit gegenüber der Ob-
rigkeit aus der Menschennatur der Gotteskindschaft weismacht,
sind keine schlechten Untertanen. So stützt und hofiert die Poli-
tik die Kirchen, die mit ihrem Glauben organisiert einen funktio-
nalen Beitrag zur rechten Moral der Staatsbürger leisten. Dafür
schließt der Staat sogar Verträge (Konkordate) mit ihnen. Bei uns
sorgt der Staat schließlich noch dafür, daß den christlichen Pro-
pagandainstanzen nicht die Mittel ausgehen: Wer Mitglied der bei-
den kirchlichen Vereine ist, hat neben der Lohnsteuer Kirchen-
steuer zu zahlen, die das staatliche Finanzamt großzügig selbst
erhebt.
Die Kirchen hinwiederum sind sehr froh über die gewichtige Rolle,
die ihnen der Staat einräumt. Sie wissen sehr wohl, daß ihre
Macht mit all den Mitteln, die dazu gehören, ihre Autorität in
der Öffentlichkeit nicht vom Organisationsgrad der (aktiven)
Gläubigen abhängt, sondern von der Anerkennung durch die weltli-
chen Herrschaften. Ihre gesellschaftliche Bedeutung, ja ihre Exi-
stenz verdanken die Kirchen ihrer Funktionalität für das demokra-
tische Staatswesen, die von oben gewürdigt und belohnt wird. Ohne
diese politische Anerkennung als Institution im Staate wäre die
Nützlichkeit der christlichen Moral für die Kirchen wenig wert.
Man stelle sich Josef Höffner vor, wie er als einfacher Gottes-
mann, ohne Fernsehen und politische Unterstützung mit einer Agi-
tationstruppe das Evangelium zu den Menschen draußen im Lande
trägt!
So aber, da die Kirchen etwas gelten im Lande, beweisen sie nicht
nur mit ihrer Glaubensideologie, daß sie auf diesen Staat stehen,
sondern sie erweisen auch, wo sie nur können, ihre Hochachtung
vor der politischen Macht, der sie als moralische Sittenwächter
hilfreich zur Seite stehen. Den Staat im Rücken und eine gesunde
Institution unter den Füßen läßt sich gut predigen oder Presse-
konferenz machen.
Nichts fürchten die geweihten Manager der Kirchen mehr - nicht
einmal den Teufel, dem sie mit Weihwasser oder umweltfreundliche-
ren moralischen Giftspritzen zu Leibe rücken - als die Degradie-
rung der Kirchen zu reinen Glaubensgemeinden.
"Manche fordern eine radikale Trennung von Kirche und Staat und
streben dadurch eine völlige Ausschaltung des kirchlichen Ein-
flusses in der Öffentlichkeit an. Eine solche (feindselige) Tren-
nung von Kirche und Staat muß jedoch abgelehnt werden." (Warum
eigentlich? Predigen, Messe halten und beten dürften sie doch
weiter. Ach so!) "Die Kirche hat von ihrem Auftrag und ihrer Auf-
gabe her Öffentlichkeitsanspruch. Ihre Unterdrückung ist ein Ver-
stoß gegen die Freiheit im Staat und bringt der ganzen staatli-
chen Gemeinschaft schwersten Schaden."
Dahin möchten sie ungern zurück, unsere Diener des Herrn in De-
mut: Wie der Jesus selig mühsam mit Bergpredigten Leute vom Glau-
ben begeistern müssen; sich ein Wunder nach dem anderen aus den
Fingern saugen zu müssen, um die spärlichen Massen vom Blödsinn
des Glaubens zu überzeugen; und dann noch Kreuzestod, um den -
unsicheren - schlagenden Durchbruch zu schaffen...! Da schon lie-
ber bei einem Empfang den Herrgott bzw. ähnlich hochgelagerte
Größen r e p r ä s e n t i e r e n oder in einer Fernsehdiskus-
sion mit Helmut Schmidt, Karl Carstens, Hildegard Hamm-Brücher
und, Horst Hrubesch den Kopf schief legen und aus Matthäus am
Letzten ableiten, daß die Kirchen auf keinen Fall "ins Privat-
rechtliche" zurückgedrängt werden dürften. Sektenführer mögen un-
sere Oberhirten und Landesbischöfe gar nicht leiden, nicht mal in
sich selbst. Dann wär nämlich Schluß mit der Kirchenpolitik.
Göttliche Staatspropaganda
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Das für beide Seiten so ersprießliche "gute Verhältnis" von Staat
und Kirche hat trotz aller Gottgewolltheit doch einen Haken. We-
niger für die Herren der Politik: Die stellen schnell fest, daß
sie sich ihre politische Verantwortung und Entscheidung von kei-
nem abnehmen lassen, nicht einmal vom Herrgott, wenn ihnen eine
kirchliche Stellungnahme oder Kritik von Gläubigen nicht paßt.
Aber die so fein mit der Politik verknüpften Kirchen haben gerade
damit das Problem, daß mancher moralisch einwandfreie Bürger in
Friedenszeiten keine Lust hat, außer dem Wählen auch noch zum wö-
chentlichen Gottesdienst zu gehen. Es ist nämlich eigentlich
nicht einzusehen, warum für das Lob des Staates, für den Aufruf
der Bravheit der Untertanen und für die Verkündigung der Moral
des guten Staatsbürgers extra Gottesmänner mit einem Kreuz auf
der Brust Propaganda machen sollen, die doch die Politiker und
ihr demokratisches Propagandaministerium, die öffentliche Mei-
nungsbildung, auch ohne Bibel bestens beherrschen. Das ist der
Punkt, den der Herr Jesus irgendwie geahnt hab en muß:
"Niemand kann zwei Herren dienen; entweder er wird den einen has-
sen und den anderen lieben, oder er wird dem einen anhangen und
den anderen verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mam-
mon." (Matthäus-Evangelium)
Und auch die modernen Kirchen sind darauf bedacht, daß der liebe
Herrgott nicht ganz und gar seinen Sitz in Bonn hat. Durchaus
staatsfromm, soll ihr Gottes-Glaube nicht ganz mit der gängigen
Staatsmoral zusammenfallen, die moralische Erbauung und Anmache
der Leute immer noch aus dem Glauben herrühren.
"Die Aufgaben von Kirche und Staat sind verschieden; das kann
aber nicht bedeuten, daß Kirche und Staat beziehungslos nebenein-
ander existieren. Beide sind von Gott gewollt und haben den Men-
schen zu dienen. Kirche und Staat werden diesen Dienst am besten
erfüllen können, wenn sie friedlich zusammenwirken. Dabei müssen
sie aber ihre Eigenständigkeit und Andersartigkeit stets beach-
ten." (Katholischer Katechismus)
So kommt dann der widerliche Zustand zustande, daß neben der un-
verhohlenen ideologischen Stützung der Herrschaft und ihrer unan-
genehmen Folgen auch einmal Distanz geübt wird zu dieser oder je-
ner politischen Entscheidung - "mit der göttlichen Lehrmeinung
nicht zu vereinbaren". Da kann Kritik lautwerden, ob denn die Po-
litiker ihrer Verantwortung vor Gott und den Menschen auch ge-
recht geworden sind. Fraktionen in den Kirchen bilden sich: Wäh-
rend die Führung der evangelischen Kirche Deutschlands ein neues
Gesetz der Wendepolitiker begrüßt, gibt irgendein Kreis ein Memo-
randum heraus, in dem der Verfall der politischen Sitten in Bonn
angeprangert wird. Alles geschieht um der Kirchen willen. Ein
mittlerer Aufstand kommt nie zustande, weder gegen den Lauf der
Republik, noch in den Kirchen selbst. Die Sache mit den zwei Her-
ren, denen man gleichzeitig nicht dienen könne, stimmt nämlich
nicht. Man will und kann, wie man sieht. Ein Herr Mammon, oder
wie der Kohl gerade heißt, hat noch keine Kirche an ihrem Gott
verzweifeln lassen. Umgekehrt ebensowenig!
***
"Jeder leiste den Trägern der staatlichen Gewalt den schuldigen
Gehorsam. Denn es gibt keine staatliche Gewalt, die nicht von
Gott stammt; jede ist von Gott eingesetzt. Wer sich daher der
staatlichen Gewalt widersetzt, stellt sich gegen die Ordnung Got-
tes, und wer sich ihm entgegenstellt, wird dem Gericht verfallen.
Vor den Trägern der Macht hat sich nicht die gute, sondern die
böse Tat zu fürchten; willst du also ohne Furcht vor der staatli-
chen Gewalt leben, dann tue das Gute, so daß du ihre Anerkennung
findest. Sie steht im Dienst Gottes und verlangt, daß du Gutes
tust. Wenn du aber Böses tust, fürchte dich! Denn nicht ohne
Grund trägt sie das Schwert. Sie steht im Dienste Gottes und
vollstreckt das Urteil an dem, der Böses tut. Deshalb ist es not-
wendig, Gehorsam zu leisten, nicht allein aus Furcht vor der
Strafe, sondern vor allem um des Gewissens willen. Das ist auch
der Grund, weshalb ihr Steuern zahlt; denn in Gottes Auftrag han-
deln jene, die Steuern einzuziehen haben. Gebt allen, was ihr ih-
nen schuldig seid, sei es die Steuer oder der Zoll, sei es die
Furcht oder die Ehre." (Paulus im Römerbrief)
***
"Ich schwöre und verspreche, die verfassungsmäßig gebildete
Regierung zu achten und von von meinem Klerus achten zu lassen.
In der pflichtgemäßen Sorge um das Wohl und das Interesse des
deutschen Staatswesens wende ich in Ausübung des mir übertragenen
geistlichen Amtes jeden Schaden zu verhüten trachten, der es
bedrohen könnte." (Treueeid auf die Verfassung gemäß Reichs-
konkordat von 1933, den alle bayerischen Bischöfe vor ihrem
Amtsantritt leisten müssen. Besoldung durch den Staat: Mini-
stergehalt)
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