Quelle: Archiv MG - BRD KIRCHE - Vom Mißbrauch des Verstandes durch den Glauben
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Kirche, Papst und Krieg
DER GOTT DER NATO IST AUCH FÜR FRIEDEN
Die römischen Bischöfe in der BRD und in den USA sind den Kriegs-
herrn der NATO mit Briefen moralisch in die Flanke gesprungen.
Moralische Kriterien, geschöpft aus dem Evangelium und päpstli-
chen Enzykliken, sollen klären, unter welchen Voraussetzungen der
Staat ausdrücklich töten darf. Dies begrüßen christliche Staats-
männer im Prinzip. Kritik wird nur an der US-Version katholischer
Kriegsethik laut, insofern das Hirtenwort alternative Rüstungs-
vorschläge zur Pentagon-Planung enthält.
"Gottes Stimme auf Erden ist die streitbare Kirche." (Shaw, Saint
Joan)
Wie gut, daß die Zeiten vorbei sind, da die Kirche Jesu Christi
noch selbst über Waffen und Soldaten verfügte, um damit - nach
eingehender theologischer Prüfung und genauer Exegese der Heili-
gen Schrift - blutige Kreuzzüge, also "gerechte Kriege" abzuwic-
keln! Oder die Zeiten, da weltliche Macht und das Reich des Hei-
ligen Geistes so innig einander verbunden waren, daß der gesalbte
Bischof des Herrn seine Opfer nur der weltlichen Gewalt zu über-
geben brauchte, damit diese sie dann um die Ecke brachte. Auch
kirchliche Segnungen von Soldaten und Waffen für Führer und Va-
terland kommen heute fast gar nicht mehr vor in den zivilisierten
Ländern. Heute kümmert sich Gottes Reich auf Erden allein noch um
die Seelen seiner Schafe; der Anspruch, mit der "weltlichen Herr-
schaft" zu konkurrieren, gehört dem "finsteren Mittelalter" an
und die geistigen Herrschaften kämpfen nur noch mit dem Geist
Jesu Christi an der Front des Glaubens dafür, daß die Botschaft
der Bergpredigt zu aller Menschen Segen beherzigt werde, ohne den
Druck der Politik dafür zu benutzen. In den zivilisierten Chri-
stennationen sind heute Kirche und Staat so einvernehmlich und
total voneinander getrennt, daß nicht nur gute Christen daneben
auch noch verantwortungsvolle Politiker sein können. Es kommt so-
gar vor, daß Bischöfe sowie andere Kirchenführer der Politik mo-
ralisch auf die Finger klopfen und die erste Frage an ihre welt-
lichen Herren stellen: "Ob Du das tun darfst?" Schließlich soll
die Politik mit ihrem Segen ausgestattet sein und der Christen-
mensch guten Gewissens gehorchen.
Wo selbst vom Wort Gottes erleuchtete Episkopaten nicht umhin
können festzustellen, daß es mal wieder auf Krieg zugeht, laufen
diese geistigen Retter der Menschheit zu besonderer Form auf: Sie
werden sogar hin und wieder zu idealen Systemkritikern, während
die Politiker in Anerkennung der Getrenntheit ihrer pragmatischen
Sphäre von der Ebene der christlichen Moral - die der Jesus wert-
neutral gestiftet hat - diese ehrwürdige Haltung ehrfürchtig ak-
zeptieren. Zum Beispiel hat der Papst vor seinem Besuch in Gua-
temala um die Begnadigung mehrerer Todeskandidaten gebetet - zu-
mindest um Aufschub der Exekution - und ist nach erfolgreicher
Hinrichtung doch zum Staatsbesuch angetreten, was als Beweis für
die rein seelsorgerische Mission der Kirche gelten darf. - Der-
selbe radikale Abgesandte der christlichen Nächstenliebe, der in
Polen das Volk gegen das ... System in Schutz nimmt, ist in Nica-
ragua sehr ungehalten darüber, daß Volksmassen, die gerade ein
diktatorisches System vertrieben haben, gegen seine päpstliche
Botschaft der Gewaltlosigkeit und einzig legitimen Kirchenhierar-
chie den ketzerischen Ausruf für ihre Volkskirchenbewegung wagen:
"Alle Macht dem Volke"! Auch das beweist wieder den zutiefst neu-
tralistischen Standpunkt Jesu Christi und seiner Nachfolger, die
sich nur um das geistliche Wohl der Ebenbilder Gottes kümmern
(besonders, wenn Not und Tod die Perspektive dieser Ebenbilder
sind), weil ihnen der Charakter der politischen Systeme vor der
Allmacht der göttlichen Liebe als völlig gleichgültig erscheint -
jedenfalls wenn sie sich zu Gott und dem obersten Gebot der Äch-
tung antichristlicher Herrschaften bekennen. Andersherum ist der
demokratischen Politik die absolute Wahrheit der christlichen
Botschaft so selbstverständlich, daß die Reagan-Administration
gegen ein Hirtenwort der amerikanischen Bischöfe beim Papst in-
terveniert, während die aus derselben Bergpredigt geborene Hir-
tenpredigt der deutschen Bischöfe vom Kanzler Kohl voll und ganz
begrüßt wird. Eigenartigerweise wird daraus kein Ketzerprozeß,
weder gegen die amerikanischen Bischöfe, noch gegen die deut-
schen; weder gegen Reagan, noch gegen Kohl. Wenn das nicht am Sy-
stem liegt, das der alte Jesus von Nazareth geahnt haben muß, als
er den dazu passenden Glauben erfand!
Gottes Stimme in Amerika - von der Kirche moralisch eingefroren
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"Seit den Tagen, als Christen in der römischen Armee dienten, hat
die Kirche ihren Völkern bei der Entscheidung geholfen, wann es
zu kämpfen und wann die Waffen niederzulegen gilt, wann der Staat
gerecht handelt und wann er Unrecht begeht."
(Verteidigungsminister Weinberger zum amerikanischen Hirtenbrief)
Die Rolle der Kirche im freien Westen steht ohne ein extra Dogma
aus Rom ein für allemal fest: Sie hat die Tugenden der braven
Staatsbürger zu pflegen - im Namen Gottes natürlich -, die Ideale
des demokratischen Staatswesens hochzuhalten - im Geiste der Bi-
bel -; sie hat also die Taten der Politik und die ziemliche Un-
terwerfung unter sie mit den Geboten christlicher Moral zu unter-
stützen. Das bereitet ihr keine Schwierigkeiten und sie tut es
gern, weiß sie doch, daß darin das Reich Gottes auf Erden seinen
sicheren Bestand hat. Ebenso gern bedienen sich die verantwortli-
chen Politiker der christlichen Grundsätze und abendländischen
Werte für die Propaganda. Sie betonen immer wieder, daß ihre
Handlungen diesen moralischen Grundsätzen folgen, natürlich
nicht, ohne darauf hinzuweisen, daß ihnen kein Gott und kein
sittliches Gebot die realpolitische Entscheidung im "konkreten
Fall" abnehmen kann. Gleichzeitig beanspruchen sie für sich das
Recht, sich auf christliche Gebote zu berufen, wo es ihnen in den
Kram paßt, und wollen umgekehrt auf der Diskrepanz des "harten
Alltags" zu den christlichen Idealen bestehen, wenn sie sich an
den Geboten gerade einmal nicht messen lassen wollen. Dann gibt
es für sie nur ein christliches Gebot: das des christlichen Ge-
horsams eines jeden Untertan gegenüber seinem politischen Herrn.
Derselbe Politiker, der vorher Nächstenliebe und christliches
Friedensgebot als Kronzeugen seiner verantwortungsvollen Politik
angerufen hat, erklärt dann ebenso im gegebenen Falle christliche
Ideale zu einer Gesinnung des Einzelnen, die bei dem ganz gut
wäre, die Politik aber keineswegs leiten könnte.
In den USA wagen es die katholischen Bischöfe, ohne daß sie damit
auch nur im geringsten ihr Vaterland (an den Teufel des...)
verraten wollten, die Botschaft der Bergpredigt so ernst zu neh-
men, daß sie sie nicht gleich wieder an den Interessen der Nation
relativieren, sondern der Politik Vorhaltungen machen:
"Wir können uns keine Situation vorstellen, in der der absichtli-
che Beginn eines nuklearen Kriegs, so beschränkt im Ausmaß er
auch sein möge, moralisch gerechtfertigt wäre. Nichtnuklearen An-
griffen seitens eines anderen Staates muß durch andere als nu-
kleare Mittel widerstanden werden ... Für uns gibt es für die mo-
ralische Verantwortung, einen nuklearen Krieg zu beginnen, keine
rationale politische Rechtfertigung."
Mag auch die Kritik nurmehr aus der tödlichen Mas-
sen w i r k u n g von Atomwaffen geboren sein und sich nicht
überhaupt gegen die kriegerische "Verteidigung" der Nation rich-
ten, geschweige denn gegen den maßlosen Anspruch der Weltmacht
auf ungehinderte Benutzung aller Welt als Grund für die selbst-
verständliche Kalkulation mit der Zerstörung von Land und Leuten
daheim und anderswo - die Wahl der Mittel in der amerikanischen
Militärstrategie für unsittlich zu erklären, befindet die Regie-
rung in Washington als unziemliche kirchliche Einmischung in ihre
politische Handlungsfreiheit. Die Forderung nach "Stop" der nu-
klearen Aufrüstung und die Ablehnung des Ersteinsatzes von Atom-
waffen paßt nicht zur Rüstungspropaganda der Regierung; die
Schuldzuweisung unmenschenrechtlicher Praktiken gar geht an die
völlig falsche Adresse, mag sie auch noch so abgeschwächt sein -
"Unsere Regierung hat zeitweise (!) im Namen der Freiheit repres-
sive Regierungen unterstützt, hat verabscheuungswürdige heimliche
Operationen ausgeführt und bleibt unvollkommen (!!) in der innen-
politischen Aufgabe, gleiches Recht für alle zu sichern."
Der Aufruf schließlich zu "klarem, öffentlichem Widerstand" gegen
die "These von einem gewinnbaren Nuklearkrieg" - das grenzt schon
fast an geistige Sabotage der ideologischen Regierungsgebote.
Also alles für das State Department mehrmals Grund genug, diese
christliche Sicht der katholischen Gottesmänner als "völlige
Fehlinterpretation" der amerikanischen Friedenspolitik empört zu-
rückzuweisen! Obwohl die amerikanische Friedenspolitik aus der
Position der Stärke heraus ihre Anstrengungen, den Feldzug gegen
den Osten mit einem siegreichen Schlag gegen "das Reich des Bö-
sen" vollenden zu können, sich am allerwenigsten von moralischen
Maximen leiten läßt - die Weltmacht Nr. 1 ist sich da 'Argument'
genug -, will sie diesen gewaltsamen Anspruch auch noch als mora-
lisches Recht gewertet wissen und den kirchlichen Segen nicht
ausgerechnet der "Freeze"-Opposition im Repräsentantenhaus zuteil
werden lassen. Der rechte Mann für solche Glaubensstreitigkeiten,
Reagans S i c h e r h e i t s berater William Clark, schaltet
sich ein, wohl weil er weiß, daß Kirchenpolitik auch zur Bot-
schaft der Bergpredigt gehört. Einen "brillanten politisch-theo-
logisch-nationalen Brief" verfaßt er, ruft den Papst theoretisch
und diplomatisch als Zeugen an (der Papst aus Polen ist natürlich
nicht grundsätzlich gegen Kernwaffen, dazu ist er ein zu guter
polnischer Christ) und beweist nach allen Regeln der Sicherheits-
politik, daß sich die "Verteidigungspolitik" genannte Offensive
der USA gegen den Kommunismus "von moralischen Erwägungen leiten"
lasse. Dies stimmt insofern, als das Recht des Stärkeren immer
auch seinen sittlichen Anspruch findet, wofür man nicht im Alten
Testament nachschlagen muß und nicht wie bei der Gewissensprüfung
für Wehrdienstverweigerer die Bergpredigt - die Sache mit der
Feindesliebe - ins Verhältnis zur vergewaltigten Schwester zu
setzen braucht, die doch wohl Nächstenliebe mit der Waffe ver-
langt. Da die Bischöfe nun trotzdem an ihrer kritischen Position
festhalten, geht die Regierung der neuen freien Welt dazu über,
die Zurückweisung der moralischen Fehlinterpretation zu wiederho-
len und dann zu demonstrieren, wie scheißegal ihr die ernsten mo-
ralischen Bedenken der Kirchenmänner sind: Als "Beitrag zu der
komplexen Diskussion, der man sich als Volk und Regierung stellen
müsse", werden sie abgekanzelt. Verteidigungsminister Weinberger
höchstpersönlich beweist in einer öffentlichen Rede haarklein,
daß alle kritischen Friedensdogmen des Hirtenbriefes haargenau
auf Reagans Rüstungsprogramm hinauslaufen:
Erstens - siehe Motto - hat die Regierung sich schon immer der
"Hilfe der Militärbischöfe und Militärkapläne" erfreut und kann
sich auf "His Holiness, Pope John Paul Two", berufen, der haar-
genau wie Weinberger "das Recht und sogar die Pflicht" betont"
"seine Existenz und seine Freiheit mit angemessenen Mitteln gegen
eine ungerechte Aggression zu schützen". Bleibt also nur noch
nachzuweisen, daß eine solche Aggression vorliegt und immer mehr
Atomraketen genau das angemessene Mittel sind, sich zu
"schützen". Dieser Nachweis kann sich darauf berufen, daß auch
für die Bischöfe Existenz dasselbe wie Staat und Freiheit das-
selbe wie Demokratie ist, für deren Verteidigung das Volk mit
seiner Existenz geradezustehen hat. Der Nachweis von Weinberger
fällt deshalb ebenso leicht wie zynisch aus.
Zweitens nämlich - was die Mittel angeht - entspricht die
"Abschreckung" mit immer mehr und immer schlagkräftigeren Atomra-
keten genau der Forderung des Hirtenbriefes nach einer
"Grundeinstellung gegen den Krieg und für eine friedliche Eini-
gung durch Gespräche". Schließlich verstehen die Russen nur die
Sprache der Gewalt, die man selber sprechen will. Außerdem ist
die Atomstreitmacht "gegen die furchtbare konventionelle Streit-
macht der SU" das Angemessenste, weil auch ein konventioneller
Krieg Millionen Tote kostet und ein "alternatives Verteidigungs-
konzept" mit konventionellen Mitteln "einen viel größeren Vertei-
digungshaushalt und viel mehr Mann unter Waffen" erfordern würde.
So gesehen ist der totale Erstschlag die billigste, sozialste und
schonendste Kriegsführung! Ferner - die Reagansche 'Enthauptungs-
strategie' gegen die russische Führung und ihre Kriegsmittel paßt
da blendend zu den feinen Kirchenunterschieden zwischen
notwendigen und unschuldigen also unmoralischen Kriegsopfern -
sind die zielsichersten Raketen die bischöflichsten: Nur "moderne
und treffsichere Waffen" erlauben "Vergeltungsschläge gegen
militärische Ziele". "Wäre es etwa ethischer, sich nur auf
weniger treffsichere Waffen zu beschränken, die ausschließlich
Bevölkerungszentren angreifen können " - hält der politische Mo-
ralheuchler den Kirchenpolitikern entgegen, so als ob die Waffen
über ihren Einsatz entscheiden und die Pershings zum Schutz der
Zivilbevölkerung gegen den Krieg entwickelt worden wären, in dem
ihr millionenfacher Tod einkalkuliert ist.
Drittens - und dagegen darf doch ein am freien Wirken der Kirche
interessierter Bischof nun wirklich nichts mehr einwenden - ist
die SU "ein Regime, das ausdrücklich die Gebote und die Liebe
Gottes verwirft", also der ungerechte Aggressor, was man an ihrer
Rüstung sieht. Also ist die eigene Rüstung im Reagan-Format - das
sollen sich die katholischen Hirten in ihre nationalen Gebetbü-
cher schreiben - "eine Strategie für einen reicheren Frieden:
einen Frieden in Freiheit, in Gerechtigkeit und mit der Freiheit,
den Geboten Gottes zu folgen und unserer Vernunft".
Die moralische Vernunft und alle 10 Gebote verlangen also nach
amerikanischen Rüstungsbilliarden und der Vernichtung der SU,
denn "Friede ist das Ziel der US-Nuklearstrategie" schmettert
Weinberger den Bischöfen entgegen - nicht zu Unrecht: Es führt ja
keiner so oft Gott und alle seine westlichen Werte im Mund wie
sein demokratischer Oberstellvertreter Reagan, wenn er wieder
eine weitere kriegsträchtige Maßnahme zur Befriedung des
Welt-"terrorismus" verkündet; und es handelt sich eben anderer-
seits bei der Kritik im Namen Gottes um Einwände gegen die poli-
tische Realisierung der gemeinsamen Ideale von Freiheit, Gleich-
heit, Brüderlichkeit und Völkerfreundschaft, und nicht um ein
Kampfprogramm, das den Verantwortlichen des "moralisch nicht zu
rechtfertigenden" Kriegsprogramms die Entscheidungsbefugnis ent-
ziehen will. - "Wir sprechen als Seelsorger, nicht als Politi-
ker." So wird am Gott der Amerikaner der Dritte Weltkrieg nicht
scheitern.
Der Gott der Amis wohnt eigentlich in Bonn
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Trotzdem erregt die Differenz der amerikanischen Bischöfe zur Mi-
litärstrategie ihrer Machthaber - "größter Zusammenprall zwischen
Religion und Politik in der Geschichte der USA" - weltweit die
Gemüter des freien Westens. Es ist nämlich noch gar nicht ausge-
macht (es sei denn die Opposition in den USA wie in der BRD be-
nutzt das Hirtenwort), ob der liebe Gott in Gestalt seiner ameri-
kanischen Nachdenker hinter dem Großen Teich nicht eigentlich auf
Abwege geraten ist, die mit seinem Heiligen Geist und seiner Bi-
bel kaum vereinbar sein könnten. Und siehe da, in der abendländi-
schen Bundesrepublik laufen die nationalen Wege Gottes ganz an-
ders, nämlich ziemlich nach der politischen Bibel von Reagan,
Weinberger u. Co. Vielleicht ist der Gott der Deutschen doch die
exaktere Exegese des Neuen Testaments! Eine Zeitung am Bonner
Hauptwohnsitz der westdeutschen Regierung, die "Bonner Welt",
will nach eingehender Prüfung der Sprüche Salomons entdeckt ha-
ben, daß die amerikanischen Bischöfe sich in eine "geistige Iso-
lation" begeben hätten (das, wo sie so bekannt geworden sind!),
weil sie "keinen Beitrag zur moralischen Aufgabe der Verteidi-
gung" geleistet hätten. Anstatt, so die theologische Weitsicht
dieses Weltblattes, alle Waffen unter dem Gesichtspunkt der
Brauchbarkeit für den nationalen Erfolg abzusegnen, begehe die
amerikanische Kirche einen untröstlichen Fehler: "Sie schaut auf
das Ding an sich, die Atombombe." Zwei Männer der politischen
Praxis, der ehemalige Verteidigungsminister Georg Leber (SPD) und
Staatsminister Alois Mertes (CDU), komplettieren die Kritik an
dieser einseitigen Sicht der Dinge in Übersee, ohne den Fehler zu
machen, allzu plump geradewegs den lieben Gott für das nationale
Interesse der BRD in der NATO gegen den Osten zu vereinnahmen.
Dazu sind diese guten Christen mit politischer Erfahrung zu cle-
ver Erst einmal betonen sie, daß sie - gemäß christlicher Bot-
schaft - gegen Russen eigentlich überhaupt nichts haben -
"Der Feststellung des Entwurfs des Hirtenbriefes, das sowjetische
Volk und seine Führer seien 'Menschen, die nach dem Ebenbild Got-
tes geschaffen sind', stimmen wir als Christen gern und nach-
drücklich, zu." -,
um sogleich feststellen zu können, daß diese Asiaten "Ebenbilder"
von besonders teuflischer Art sind:
"Wir sind verpflichtet (gegenüber wem eigentlich?) zu einer nüch-
ternen Analyse der revolutionären und expansiven Ziele, zu denen
sich die Führung der Sowjetunion nach wie vor offen bekennt."
Wie gut, daß der dreieinige Gott das christliche Gewissen zuge-
lassen hat. Mit diesem keineswegs als 'Ding an sich' zu bezeich-
nenden Aspekt zweier guter deutscher Christen läßt sich eine
Menge anfangen. Denn erstens ist das Gewissen ein bestimmtes und
fällt nicht einfach so überall - hin. Der Gott des Westens ach-
tet, bei aller Besonderheit, die er dem persönlichen Gewissen zu-
billigt, auf die Werte und deren Örtlichkeiten:
"Ein Hirtenbrief amerikanischer Bischöfe, dessen politische
Schlußfolgerungen im Ergebnis Krieg und Unterwerfung in Europa
wahrscheinlicher machen, stellt eine Herausforderung an unser
christliches Gewissen dar."
Zweitens darf kein Gewissen so überheblich sein, sich über die -
deutschen - Umstände erheben zu wollen. Es muß doch wissen, daß
es harte politische Fakten = Absichten gibt; die es interessiert
zu verfolgen und moralisch zu untermauern hat.
"Der 2. Entwurf (des amerikanischen Hirtenbriefes) trägt weder
allen (?) relevanten moralischen Kriterien, noch allen relevanten
politisch-strategischen Tatsachen gebührend Rechnung, er stellt
vielmehr bisher die Ethik (!) und die Fakten (!) selektiv dar."
Drittens ist damit die neutrale Selektion dieser zwei guten deut-
schen Gewissen (über alle Parteien hinweg) soweit geläutert, daß
der Gott der NATO und des westdeutschen Antikommunismus seine
helle Freude ob dieser Beweisführung haben muß:
"Nach unserem besten Wissen und Gewissen ist (!) die vorausseh-
bare Konsequenz des Verzichts auf die Option des defensiven Er-
steinsatzes amerikanischer Kernwaffen mit der christlichen Ethik
nicht vereinbar, weil sie den Frieden in Freiheit gefährdet, hin-
gegen einen Frieden der Selbstunterwerfung begünstigt, in dem
dann wohl auch die Verkündigung der christlichen Botschaft ver-
hindert oder unterdrückt wird."
Mit letzterem wird die ach so unabhängige christliche Moral sehr
praktisch an ihren kirchenpolitischen Egoismus erinnert, weil Re-
alpolitiker in Kenntnis ihrer Kirche der Kinder Gottes darin ein
wesentlich härteres Argument erblicken, als es die Sache mit dem
Ebenbild oder der Bergpredigt jemals sein könnte.
So mag es niemand als Wunder oder gläubige Verirrung nehmen, wenn
deutsche Katholiken an vorderster Front das ganze christliche Ge-
wissen - und was man so von ihm denkt - total auf den Kopf stel-
len. Plötzlich geraten die zutiefst christlich-moralischen
Bischöfe der USA zu Mechanikern der Militärstrategie, denen der
Mensch, die Ethik und der homo politicus abgeht:
"Diese Vorschläge (der Ami-Bischöfe) sind technisch-militärischen
Charakters, sie (ausgerechnet sie) verkennen die anthropologi-
sche, ethische und damit (!) politische Natur des Gesamtpro-
blems."
Gottseidank haben deutsche Politiker im eigenen Land kein solches
Problem, das sie zu einer dringenden Anfrage beim Papst in Rom
nötigen würde. Die deutschen Bischöfe sind so geschult in christ-
licher Theorie und nationalkatholischer Praxis, daß sie keinen
Zweifel daran lassen, wem ihre Ehre gebührt.
Die deutschen Bischöfe sind okay!
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Dem Hirtenwort der deutschen katholischen Oberhirten wird von al-
len Seiten ungeteiltes Lob gespendet. Auch die Regierung der
Wende; die mit ihrem "Programm der Erneuerung" in tiefer Freund-
schaft zum amerikanischen Bruder das NATO-Vorkriegsprogramm in
Westdeutschland durchzieht, begrüßt die Botschaft der Bischöfe,
weil sie von "hoher theologischer und ethisch-moralischer Warte"
das Sterben für die Freiheit für gerechtfertigt erklärt, den
Hauptfeind eines solchen Krieges ausmacht und die "moralische
Rechtfertigung militärischen Dienens offen darlegt" ( Stellungs-
nahme der Bundesregierung). Deutschlands Bischöfen bereitet es
keine theologischen Schwierigkeiten und keine christlichen Gewis-
sensbisse, zwei Herren zu dienen, wobei der eine ziemlich hand-
fest in Bonn sitzt, während der andere zur Segnung des ersten
heranzitiert wird. Ob es Eulen nach Athen tragen heißt, wenn die
Bergpredigt in die Bundeshauptstadt transportiert wird, mag der
Heilige Geist selbst entscheiden. Jedenfalls läßt sie sich gut in
den Farben des freien Westens malen. Sehr konsequent darin die
deutschen Hirten, deren Chef Kardinal Höffner geradezu die Ver-
körperung dieser nationalen katholischen Friedensidee im Rahmen
der NATO darstellt: Die durch Hand und Stimme untermalte schräge
Kopfgebärde dieses gesalbten Mannes hat ihren Grund wohl nicht
nur in der dauernden Schau gen Himmel, sondern ebenso darin, daß
dieser Mensch gleichzeitig - aus tiefster Überzeugung im Geiste
des Herrn - auf die Herren dieser Welt schielt. Die Bergpredigt
spricht folgendermaßen durch seine und die Stimme seiner Mit-
streiter für das Seelenheil der Menschheit:
"...sehen wir uns vor allem... zwei drohenden Gefahren gegenüber:
Der Bedrohung der Freiheit von Nationen (!) und deren Bürgern
durch totalitäre Systeme, die in ihrem Herrschaftsbereich elemen-
tare Menschenrechte außer acht lassen und die außerdem versucht
sein könnten, ihre Macht zur Expansion oder zur politischen Ein-
flußnahme und Erpressung zu nutzen; zum anderen der Bedrohung
durch eine Rüstungseskalation mit einer ungeheuren Anhäufung nu-
klearer und konventioneller Waffen, die eines Tages, wie viele
fürchten, in die Katastrophe führen. Beiden Gefahren ist gleich-
zeitig zu begegnen, und zwar vor allem mit politischen Mitteln."
Zwei Gefahren stellt die deutsche Geistlichkeit in eigenartiger
Weise nebeneinander. Mit der ersten hat man ein Subjekt vor sich,
den - wen wundert's - Hauptfeind. Bei der zweiten sucht man den
Verursacher ( der "Rüstungseskalation") vergeblich. Und beiden
soll gleichermaßen begegnet werden? Gar mit unmilitärischen Mit-
teln? Da kommt doch wohl heraus, daß Gefahr 1 wegen ihrer so be-
schriebenen Qualität kraftvolle Wachsamkeit verlangt, während Ge-
fahr 2, das eigentliche Mittel gegen Gefahr 1 - Eskalationen rü-
sten ja bekanntlich nicht auf - mit der geltenden Ideologie ver-
sehen wird, daß keiner außer dem Osten etwas dafür könne und daß
jeder am liebsten abrüsten würde, wenn er so zum Erfolg gegen den
Osten käme. Aber der hat Waffen.
Kommt auch heraus! Die Lüge von der ständigen Bedrohung durch den
Kommunismus hält bei diesen ehrlichen Kirchenvätern mal wieder
dazu her, die Notwendigkeit von "gerechten Kriegen" abzuleiten,
während demgegenüber die "Leninistische Doktrin" von einem ebenso
gerechten Krieg für eine teuflische Anmaßung erklärt wird.
"Gegenüber der anhaltenden Bedrohung durch totalitäre Systeme
bleibt der Bürger zur Verteidigung eines Friedens aufgerufen, der
durch die Achtung der Menschenwürde und durch konkrete Freiheiten
bestimmt wird. ...
...kann diese Verteidigung einstweilen auch auf einen militäri-
schen Beitrag - nicht verzichten."
"Einstweilen", als wenn ein Bischof darauf vertraute, seinen und
der Nation Gegner per Diskussion überzeugen zu können. Nein, hier
wird ganz billig die Ideologie der NATO übernommen, daß alle Rü-
stungsanstrengungen nur der Kriegsverhütung dienen, um daraus den
moralischen Appell zu verfertigen, daß alle Aufrüstung und die
Wahl ihrer Mittel auch diesem ideellen Ziel dienen müßten. So
kommt großes Verständnis auf beiden Propagandisten der Nächsten-
und Gottesliebe für "Abschreckung", die logisch dann am besten
klappt, wenn man dem Gegner mit so viel Waffen kommen kann, daß
dieser notgedrungen stillhält.
Die Verteidiger des Friedens in Freiheit sind so frech,
"Überlegenheitsstreben" moralisch abzulehnen, nur solche militä-
rischen Mittel zulassen zu wollen, wie sie "zum Zwecke der an
Kriegsverhütung orientierten Abschreckung gerade noch (600 Mit-
telstreckenraketen?) erforderlich sind", daneben in Gestalt von
Höffner mit sorgenzerfurchter Miene im Fernsehen die Galgenfrist
zu beschwören, die der "Menschheit" noch zur Ein- und Umkehr ge-
geben ist, sich dann heuchlerisch in den tröstlichen und im nach-
hinein immer feststehenden "Willen Gottes" zu ergeben (der hat
nach seinem unergründlichen Ratschluß Politiker bekanntlich schon
in zwei Weltkriege und mehr "hineinschlittern" lassen!) und
zugleich dem wahren Kern der Ideologie der friedensstiftenden Ab-
schreckung zu huldigen:
"Eine Massenvernichtung anzudrohen, die man nie vollziehen darf -
eine moralisch (?) unerträgliche Vorstellung - wird zum Zweck der
Kriegsverhütung als besonders wirksam angesehen. Diese ungeheuer-
liche Spannung (!) ist nur hinzunehmen, wenn die gesamte Sicher-
heitspolitik auf das Ziel der Kriegsverhütung ausgerichtet
ist..."
Dieses friedensstiftende Ideal trägt noch jeder westliche Politi-
ker vor sich her, während er gerade mal wieder aufrüstet und ab-
schreckt. Mehr wissen die katholischen Mahner auch nicht zu sa-
gen. Von wegen "Krieg kann kein Mittel der Politik mehr sein"!
Unsere Nachfolger Jesu teilen mit der Politik den Grund für Mil-
lionen Leichen, die Freiheit und den Hauptfeind, der nicht so
will wie sie; sie akzeptieren die kriegerischen Mittel für die
Behauptung und Ausweitung dieser "Gerechtigkeit", von ihnen auch
"die höchsten Güter der Menschen" genannt - kein Zweifel, was sie
damit meinen; sie setzen nurmehr hinzu, daß die NATO-Doktrin bes-
ser ohne Krieg erreicht werden möge - wer wollte das nicht.
Wo die aufgestellten Grundsätze, die wahrlich konkret genug sind,
mit militär-politischen Entscheidungen vom Kaliber des Erstein-
satzes von Atomwaffen und der Nachrüstung in Europa konfrontiert
werden, ziehen sich die Bischöfe mit ihrer falschen Bescheiden-
heit darauf zurück, daß ihre Botschaft nur allgemein moralischen
Charakter besitze. Zur Frage des Ersteinsatzes von Atomwaffen hat
man sich "bewußt nicht geäußert", zur Nachrüstung will man nicht
mit Ja! oder Nein! Stellung nehmen, und hat so Stellung genommen:
"Ich würde weder dem einen noch dem anderen einen Vorwurf ma-
chen." Denn die Regierung hat die Aufstellung längst entschieden.
Dieser wollen die Oberhirten, die sich nur vom Geist Gottes lei-
ten lassen, nicht in die Quere kommen.
Wo dabei die Theologie, die Bergpredigt geblieben ist? Nun, was
Wörner ohne, kann Höffner auch mit dem lieben Jesulein (wobei
sich beide gemäß dem Gebot der Nächstenliebe eindeutig entgegen-
kommen). Theologisch geschulte Exegeten der Heiligen Schrift, die
vorher wissen, an was sie nachher glauben, bedienen sich sehr
frei skeptischer Verfahren moderner Wissenschaft, um die eigene
dogmatische Position zum Wohle der NATO und der freien Welt zu
beweisen. Hätte Jesus heute gelebt, er hätte schon gemerkt, wohin
der Hase läuft:
"Die Forderungen der Bergpredigt vertragen keine Ermäßigung auf
Kosten der Absichten Jesu." - Nein? - "Aber was hat Jesus wirk-
lich gewollt?"
Die Botschaft der Bergpredigt doch wohl, oder...! Mit dem Trick,
daß der liebe Jesus pharisäerhafter Gesetzestreue widerstanden
hätte, werden die Ideale seiner Predigt damals für den heutigen
Gebrauch - zurechtgestutzt und die Untertanenmoral des Bürgers
als einzig sichere politische Moral aus der Bergpredigt ausgedeu-
tet: Erstens darf man sie nicht dogmatisch festhalten, zweitens
muß vor allem bedacht werden, daß der liebe Herr Jesus, wenn man
ihn ernsthaft mit den politischen Realitäten vergleicht, in die-
ser Hinsicht auch ein Spinner war. Für die politische Führung
taugen sie keinesfalls, die hehren Grundsätze gottgefälligen Um-
gangs miteinander:
"Aber die Weisungen der Bergpredigt sind eben keine Gesetze, die
schematisch anzuwenden wären.... Es wäre deshalb ein Mißverständ-
nis, das gesellschaftlich-politische Leben unmittelbar (lieber
mittelbar über Höffner) nach den Weisungen der Bergpredigt ge-
stalten und ordnen zu wollen. Vernunft und Klugheit, die vom Trä-
ger politischer Verantwortung zu fordern sind, werden durch die
Befolgung der Weisungen Jesu nicht ersetzt. Aber sie sollen sich
von ihnen inspirieren lassen."
Und so haben sich die deutschen Bischöfe denn, gemäß den Weisun-
gen ihres Meisters, von dem klugen, vernünftigen, insofern kei-
neswegs schematischen Programm der NATO völlig mittelbar eingei-
sten lassen:
"Christliches Verhalten, das sich an der Bergpredigt orientiert,
ist also nicht blind gegenüber dem Bösen. Unrecht bleibt Un-
recht..."
Womit wir wieder am Anfang wären. Obwohl und gerade weil der
Höffner nicht Bundeskanzler ist, obwohl und gerade weil Kohl kein
Kardinal ist, haben die katholischen deutschen Bischöfe, ihren
Frieden mit dem Raketenkanzler und seinem NATO-Hinterhof gestif-
tet. Die Millionen Toten, die bei dieser christlich-nationalen
Glaubensgewißheit abfallen werden, sollen einem gläubigen Gewis-
sen keine Kopfschmerzen bereiten. Die katholische Führung hat die
Absolution gegeben: "Gerechtigkeit schafft Frieden." Für "die Ge-
rechtigkeit sorgt die NATO mit allen Mitteln der Gewalt. Das ist
gut so, weil es schon im deutschen Katechismus steht:
"Wo ein solcher Verzicht (auf Anwendung von Gewalt) auf Kosten
des Wohls anderer, zumal Dritter, geht, kann er sogar gegen die
Absicht Jesu sein." (Hirtenwort)
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Gebet für Führer, Volk und Wehrmacht
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"Lasset uns beten
In Deiner Hand, o Gott, liegt die Herrschaft über alle Reiche und
Völker der Erde.
Segne unser deutsches Volk in Deiner Güte und Kraft und senke uns
tief ins Herz die Liebe zu unserem Vaterlande. Laß uns ein hel-
denhaftes Geschlecht sein und unserer Ahnen würdig werden. Laß
uns den Glauben unserer Väter hüten wie ein heiliges Erbe.
Segne die deutsche Wehrmacht, welche dazu berufen ist, den Frie-
den zu wahren und den heimischen Herd zu beschützen und gib ihren
Angehörigen die Kraft zum höchsten Opfer für Führer, Volk und Va-
terland.
Segne besonders unseren Führer und Obersten Befehlshaber in allen
Aufgaben, die ihm gestellt sind. Laß uns alle unter seiner Füh-
rung in der Hingabe an Volk und Vaterland eine heilige Aufgabe
sehen, damit wir durch Glauben, Gehorsam und Treue die ewige Hei-
mat erlangen im Reiche Deines Lichtes und Deines Friedens. Amen"
Aktuelle Ideale - veraltete Aufmachung
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