Quelle: Archiv MG - BRD KIRCHE - Vom Mißbrauch des Verstandes durch den Glauben
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EIN OFFENES WORT AN ALLE GEGNER DES HIRTENBRIEFS
Kaum greifen die deutschen Bischöfe mit ihrem Hirtenwort in den
Wahlkampf ein, entsteht ein öffentlicher Wirbel, daß man meinen
könnte, die Zentrale der deutschen Katholiken sei in Gewohnheiten
ihrer finstersten Vergangenheit zurückgefallen, die für moderne,
aufgeklärte Zeiten und erst recht für das freiheitliche Modell
Deutschland unmöglich sind.
Dabei kann es doch kein Geheimnis sein, was diese guten Hirten
unter ihrer schwarzen Kutte bewegt. Sie streiten für das Wohl
ihres Vereins, setzen um der Bedeutung der Kirche und ihrer Prin-
zipien willen auf die C-Gruppen, die sie lieber an der Macht sä-
hen als die Sozis, deren Politik sie in manchen Punkten ablehnen,
weil sie eine Aufweichung christlicher Werte und damit um die ge-
duldige Nachfolge ihrer Mitgliederschafe fürchten. Freilich haben
diese Hirten trotz über zehnjähriger sozialliberaler Regierung
bisher mit ihren Gläubigen noch keinen Umsturz inszeniert. Das
wäre auch zutiefst unchristlich gewesen. Solange der Staat die
Kirchen machen läßt und in seiner Politik keinen entscheidenden
Grund bietet, daß Besitz und Anhänger der Kirchen flöten gehen,
und ihr Wirken eingeschränkt wird, stehen sie zu ihrem Staat, den
sie dafür mit ihren christlichen Werten gern moralisch und reprä-
sentativ unterstützen. Und offener Widerstand der offiziellen
Kirche? Nun, die deutschen Bischöfe waren gegen Ende der Nazi-
herrschaft zwar alle Gegner des Faschismus, wie man heute sagt,
aber diese Gegnerschaft muß ziemlich tief im Untergrund gearbei-
tet haben, damals!
Die heilige "unheilige Allianz"
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Die "unheilige Allianz" der Kirche mit der Herrschaft ein Relikt
des tiefsten Mittelalters zu nennen, ist also ein Blödsinn. Als
wenn nach der Trennung von Staat und Kirche die säkularisierte
Kirche nicht für die jeweilige Herrschaft einträte und sich aus
der Politik heraushielte. Die sogenannte unheilige Allianz kann
getrost heilig genannt werden. Man braucht doch nicht erst die
Ergebenheitsadressen der deutschen Bischöfe an den Führer heran-
ziehen; oder die Hirtenbriefe, die zu Beginn des Zweiten Welt-
krieges die Soldaten zu Gehorsam ermahnten und zum Sieg für das
Vaterland ermunterten; oder Chile, wo ein Bischof dem Menschen-
freund Pinochet den Leib des Herrn reicht, damit der so gestärkte
Junta-Chef mit den noch lebenden Widerständlern fertig wird. -
Reicht es denn nicht, wenn Höffner und Schmidt, Strauß und Rat-
zinger oder alle zusammen auf staatlichen Repräsentationsveran-
staltungen erscheinen (wie jüngst in München, wo alle hohen Poli-
tiker, der Oberbürgermeister, ein katholischer und ein evangeli-
scher Bischof gemeinsam mit dem Vater Unser die Verteidigung der
staatlichen Gewalt beschworen)? Ja reicht es denn nicht, was ka-
tholische Popen und evangelische Pfaffen Sonntag für Sonntag an
Geboten und Verboten und Lebensregeln von der Kanzel verkünden,
um in diesen christlichen Glaubensregeln die vom modernen Staats-
bürger geforderten Tugenden zu erkennen? Offenbar muß 1. Wahl-
kampf sein und 2. müssen die Bischöfe ganz direkt für die Union
Partei ergreifen, damit sich Leute über das segensvolle Wirken
der Kirche aufregen. Dann geht das Wettern los, aber sonst? Das
ärgert uns und nicht nur, wenn dieser Höffner salbungsvoll seine
kirchenpolitischen Reden hält, als hätte ihm das der Heilige
Geist gerade auf die Zunge gelegt.
Warum uns das ärgert? Also,
Werte Sozialdemokraten,
was wäre denn wohl gewesen, wenn die Bischöfe sich in ihrem Wort
(wie z.B. einige protestantische Theologen) für Solidarität,
partnerschaftliche Ehe, Ost- und Friedenspolitik und sonstige so-
zialdemokratische Programmpunkte stark gemacht hätten? Wäre Euch
dann auch eingefallen, daß das alles nicht in der Bibel steht,
was jetzt aus dem C-Programm nicht in der Bibel steht oder dem
II. Vaticanum widersprechen soll? Ihr Heuchler, Ihr! Wäre der
Brief nicht so "einseitig" gewesen, hättet Ihr schön die Klappe
gehalten, was Eure Gustav-Heinemann-Initiative so schön zum Aus-
druck bringt:
"So findet sich in dem Hirtenwort keine Aussage zur Partnerschaft
mit der Dritten Welt, über Wege zur Bewahrung des Friedens, zur
sozialen Gerechtigkeit, zur Erhaltung der bedrohten Schöpfung"
(inzwischen haben die Bischöfe nach ihrem Hirtenwort und glei-
chermaßen aus taktischen Gründen zur "Solidarität mit der Schöp-
fung" aufgerufen. Opportunismus kennen diese Gottesvertreter na-
türlich auch?) "zur Behandlung von Asylsuchenden. Die Bischofs-
konferenz beschränkt sich auf Wahlkampfthemen und Wahlparolen der
Unionsparteien."
Und dann ja keine Diskussion über Sinn und Unsinn der staatlichen
Eintreibung der Kirchensteuer aufkommen lassen - Ihr Liberalen
von der FDP seid damit auch gemeint -, weil das Wähler ver-
schrecken könnte! Da lieber Widersprüche zwischen eigentlicher
Kirche, die sich aus der Politik heraushält (aber mit Schmidt
konferiert), zwischen christlicher Soziallehre (diese Übersetzung
von Ausbeutung in Nächstenliebe für das Proletariat, damit es
sozial friedlich und in der Kirche bleibt) und dem Hirtenwort
erfinden. Die Kirche ist Euch doch recht, solange sie neben
Helmut Schmidt sitzt oder mit Willy Brandt über die
Schwierigkeiten der armen Neger im Nord-Süd-Dialog plaudert. Und
tut doch nicht so, als ob Ihr nicht wüßtet, daß das dieselbe ist,
wie die, die jetzt das Hirtenwort verkündet hat: gar nicht
"neutral", sondern einfach für die Partei an der Macht, von der
sie sich mehr verspricht. Warum habt Ihr denn nicht eine Kampagne
entfacht, die ganzen Rechte der Kirche im Staat (von der
Kirchensteuer bis zum Religionsunterricht und die Bezahlung der
Pastoren durch den Staat und dem päpstlichen Nuntius)
abzuschaffen? Das wäre doch mal ein Wahlkampf mit Sachargumenten
gewesen! Ach so, Ihr wäret eigentlich auch echte Christen,
deshalb gegen... Verzeihung, das haben wir nicht bedacht in der
Hitze des Wahlkampfes. - Übrigens, zu Eurer Beruhigung: Die paar
CDUler, die den Hirtenbrief ungut finden, denken ähnlich wie Ihr,
nur umgekehrt. Sie fürchten, er könne dem Wahlerfolg der
Unionsparteien schaden. Selbst der 90jährige Nell-Breuning muß an
so etwas gedacht haben, als ihm das Wort "Glatteis" einfiel.
Bei allem Respekt vor Eurer kritischen Distanz zur A m t s-
kirche, können wir auch gegenüber
Euch hochwürdigen Theologen,
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die Ihr gegen den Hirtenbrief seid, unser Mißfallen nicht zurück-
halten. Ihr kennt Euch - nehmen wir an - in der Bibel aus und
kommt zu dem Resultat:
"Die katholische Theologie kann keine parteipolitisch zwingende
Entscheidung darüber abgeben, in welcher demokratischen Partei
gegenwärtig diese befreiende und erlösende Botschaft von der
'Gerechtigkeit', Barmherzigkeit und Treue (Matthäus 23, 23) be-
achtet und realpolitisch umgesetzt wird."
Das muß Euch neutralen Realpolitikern doch nach ausgiebigem Stu-
dium klargeworden sein, daß Eure angeblich unchristlichen
Bischöfe für ihren C-Gruppen-Katalog auch ihre biblischen Stellen
finden, wenn sie wollen. Wenn nicht, brauchen sie doch nur das
kirchliche Lehramt ins Feld führen:
"Die katholische Soziallehre läßt sich nicht, wie in den letzten
Tagen irrtümlich behauptet worden ist, auf das einschränken, was
im Alten und im Neuen Testament steht. Sie muß sich heute Aufga-
ben stellen, die Folgen moderner Entwicklung sind." -
und benutzen dafür noch Euer kritisches Gelaber vom Wandel der
Zeiten. Ihr könnt doch nicht behaupten:
"Das Gesetz, die Propheten und das Evangelium Jesu Christi treten
für die Gedrückten, Ohnmächtigen, Leistungsschwachen, die Gefan-
genen und die Fremden in erster Linie ein. Die Christen nehmen
Partei für die Entblößten (das könnt Ihr doch nicht machen, gegen
den zugeschnürten Höffner für FKK einzutreten!), die Unterentwic-
kelten und Abgedrängten ('Du sollst dich nicht abdrängen lassen!'
Udo Lattek zu Flankengott Abramzcik), weil sich der Herr der Ge-
schichte selbst mit den unteren Klassen identifiziert (Matthäus
26,31 bis 46)."
Hat denn der alte/junge Jesus schon die Ideale der Jusos im Sinn
gehabt? Ihr könnt doch nicht einerseits feststellen, aus der Bi-
bel sei keine parteipolitische Richtung herauszuholen (was nicht
stimmt, wie man sieht), und dann so offen mit der Bergpredigt für
Helmut Schmidt eintreten. Sollten wir einigen von Euch mit dieser
Unterstellung (für Helmut Schmidt und die SPD) Unrecht getan ha-
ben, so sei Euch folgendes ernste Wort ans Herz gelegt: Befreit
Euch doch endlich von dem zermürbenden Zwiespalt, ein
k r i t i s c h e r, p o l i t i s c h e r T h e o l o g e
sein zu wollen. Das erste ist doch, daß die Kirche n i c h t
unpolitisch ist - also was soll Eure Demo, politisch sein zu wol-
len, sie läuft doch nur auf anders politisch hinaus. Das zweite
ist, daß die Lehre Jesu oder die Freiheit des Christenmenschen
(egal), also das Christentum zur demokratischen Herrschaft paßt
wie der Strauß zum Höffner oder der Schmidt zum Ratzinger. Von
wegen, die Amtskirche sei nicht die eigentliche Kirche. Bildet
Euch mal nichts ein: Ob Ihr sagt "Gott ist tot" und ihn in der
Nächstenliebe entdeckt, in Euch selbst, wenn Ihr ganz bei Euch
selbst seid, oder an der Bettkante zwischen zwei Liebenden - ir-
gendeinen höheren Typen sucht Ihr doch auch, egal wie psycholo-
gisch oder soziologisch versteckt. Und wer an so etwas glaubt,
ist von Helmut Schmidt und Franz Josef Strauß nicht sehr weit
entfernt, mag er noch so sehr gegen Amt und Herrschaft wettern.
Stimmt doch, oder!? Kein kritischer Theologe - selbst nach dem
Hirtenwort nicht - kommt auf die Idee, den Papst Papst, die
Bischöfe Ratzinger und Gott Gott sein zu lassen. Ihr möchtet alle
weiter gute Diener der w a h r h a f t christlichen Kirche
bleiben. -
Ihr Spiegel- und Stern-Leser
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sollt nicht vergessen werden. Euch, die Ihr Euch wie Atheisten
und nasenrümpfende Durchblicker der kirchlichen Macht aufführt,
mit der Ihr angeblich nichts zu tun haben wollt und die Euch
scheinbar völlig gleichgültig ist, Euch haben wir gefressen. To-
tal liberal und aufgeklärt daherkommen und dann für Helmut
Schmidt Propaganda machen! Merkt Euch, dieser Helmut hat mehr mit
Kirche und Christentum zu tun, als Ihr mit uns zu tun habt! Ihr
solltet Euch mal ganz einfach Gedanken darüber machen, warum es
diesen ganzen Apparat - katholisch und evangelisch - heute, 1980,
im Atomzeitalter usw. immer noch gibt, statt ewig den Glauben für
veraltet zu erklären und damit bloß Eure fortschrittliche und
ganz weltliche Staatsmoral zu beweihräuchern. Sonst seid ihr doch
für jeden höheren Blödsinn zu haben, wenn er nicht gerade als
Amtskirche auftritt. Im Vertrauen auf Euren vielleicht doch nicht
ganz sozialdemokratisch verkorksten Geist drucken wir einfach
eine Analyse aus unseren Resultaten zum - wohlgemerkt -
bürgerlichen Staat ab. Die Parteimitglieder der SPD und FDP und
die kritischen Theologen dürfen sie ruhig auch lesen:
"Die Moral ist also alles andere als ein überflüssiges Beiwerk im
bourgeoisen Zirkus, sondern die V e r s u b j e k t i-
v i e r u n g d e s Z w a n g e s auf den man um des eigenen
Erfolgs willen eingeht, die Einstellung, die man benötigt, um mit
dem Verzicht, den der Erfolg fordert, zurechtzukommen. Sie
überdauert sogar längere Perioden, in denen sich partout kein
Fortkommen abzeichnet, und erweist sich als ihrem Zweck gemäß auf
der Sonnen- wie auf der Schattenseite der Gesellschaft. Den einen
dient sie als willkommene Ergänzung ihres Vorteils - legerement
verkünden sie, daß ihnen um Höheres zu tun sei, mit Sprüchen über
das Gute, Wahre sowie Schöne; den anderen bietet sie in ihren
vulgären Formen Trost angesichts ihres Elends: und beiden Seiten
ist sie praktizierte Enthaltsamkeit in Sachen Veränderung.
So nimmt es nicht wunder, daß in der modernsten aller Gesell-
schaften radikale Kritik im Moralismus ihrer Adressaten eine
harte Nuß zu knacken hat, und dies nicht nur im Moralismus als
theoretischem, als Form des falschen Bewußtseins. Die
I d e a l e des Altruismus, der Bescheidenheit, der Ehrlichkeit,
des Mitleids, der Nächstenliebe etc: zu p r a k t i z i e r e n,
drängt es das Volk, von der Näherin bis zur Präsidentengattin;
und alle tragen ihr Scherflein zur Krebshilfe bei; in der Aktion
Sorgenkind kann man dasselbe mit dem Anreiz eines möglichen Ge-
winns tun. Sie versammeln sich in Vereinen zur organisierten Ver-
dummung und Verwahrlosung der Jugend, in dem festen Glauben, hier
hätten sie Gelegenheit zu dem, was ihnen das normale Leben ver-
sagt: Gemeinsamkeit der Zwecke mit anderen, Solidarität, Freund-
schaft - sie kompensieren den Zwang zur Konkurrenz gegen andere
mit der widerlichen Vereinigung auf Basis ihrer Ideale, selbst
dann, wenn sie Ihr Idealismus weitere Opfer kostet.
Die R e l i g i o n nimmt bei alledem den ersten Rang ein. Das
C h r i s t e n t u m ist von Marx als dem Kapitalismus entspre-
chende Religion bezeichnet worden. Der Kult des abstrakten Chri-
stenmenschen praktiziert die Vorstellung von Gott als dem ober-
sten allmächtigen Richter, dem man so gut wie alles verdankt von
dem man andererseits auch nichts geschenkt bekommt - außer der
Gnade, auf sich als Erbsünder höllisch aufpassen zu dürfen. Jeder
sündigt, bekennt sich reumütig dazu und spielt sich ganz beschei-
den als Richter über die Taten anderes auf. Kleine Unterschiede
sind auch bei dieser Form der "geistigen Unterwerfung" in der Ge-
meinde Christi nicht zu übersehen: die einen predigen und erzie-
hen anderen die gebotene Moral an, was ein echter Beruf geworden
ist - die anderen machen sie sich zueigen, und ihre Heuchelei auf
dem Felde christlicher Maßstäbe nimmt eher amateurhafte Züge an.
Der neben dem Materialismus der kapitatistischen Gesellschaft
praktizierte Idealismus der Religion kann die schwindende Botmä-
ßigkeit der Menschen - die aus der Kirche austreten, weil diese
sich nicht auf die theoretische Propaganda der Moral beschränkt,
sondern aus dem Glauben ihrer Gemeinde die Vorschrift zu weltli-
chem Engagement gemacht hat; der mangelnden Attraktivität säkula-
risierten Glaubens entspricht die Einmischung der Institution
quasi als Interessenverband - um so mehr verkraften, als der
Staat im christlichen Krankenpfleger und Jugendpfarrer längst die
nützliche Seite des Glaubens entdeckt hat und Kirchensteuer ver-
langt. Der Eifer christlicher Caritas gestattet ganz nebenbei den
Haß gegen Leute zu erwecken, die weder tierlieb sind noch prak-
tisch den Fortbestand des bürgerlichen Elends unterstützen, indem
sie die anderen abverlangten Opfer um ihr eigenes bereichern."
(aus: Der bürgerliche Staat, Resultate Nr. 3/1979, Theoretisches
Organ der MARXISTISCHEN GRUPPE, S. 28/29)
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