Quelle: Archiv MG - BRD KIRCHE - Vom Mißbrauch des Verstandes durch den Glauben
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Die Moralwächter der Nation
GOTTES FÜNFTE KOLONNE
Was wäre der Protest in diesem Lande ohne die moralische Schirm-
herrschaft prominenter Oberchristen wie Gollwitzer, Albertz,
Sölle und Konsorten? Ihr auf jeder besseren Unterschriften- oder
Rednerliste zu findender Name wiegt fast mehr als das jeweils
vertretene Anliegen, denn er bürgt für die "Glaubwürdigkeit" de-
rer, die es teilen. Dafür stehen sie mit ihrem demonstrativ vor-
gelebten Glauben ein.
Für die rechtgläubigen Brüder erfüllt ein solches Hineinziehen
von Gottes Namen in die Niederungen politischer Opposition frei-
lich den Tatbestand der Blasphemie, der die christlichen Kritiker
nur umso verdächtiger macht:
"Hier werden das Elend der Dritten Welt und das Wort des Neuen
Testaments mißbraucht, um dem höchstpersönlichen Ennui an einer
Gesellschaft gleichsam heilsgeschichtliche Dimensionen zu geben.
Jede Mark für 'Brot für die Welt' oder für 'Misereor' ist
hilfreicher als dieses Geschwätz." (FAZ über Dorothee Sölle)
Seit wann läßt sich denn das christliche Glaubensbekenntnis dazu
hernehmen, gegen die christliche Obrigkeit Klage zu erheben?
Diese beispielsweise für das "Elend der Dritten Welt" verantwort-
lich zu machen, anstatt für das Bekenntnis, daß es "uns allen"
doch um nichts anderes als dessen B e s e i t i g u n g zu tun
ist, mit einem, auch noch so bescheidenen Geldbetrag einzustehen?
Sollten sie es ihrer Herrschaft nicht vielmehr danken, daß diese
ihre Bürger in aller F r e i h e i t d e s C h r i s t e n-
m e n s c h e n ihren irdischen Verpflichtungen nachgehen läßt?
Was müssen das also für Typen sein: "höchstpersönlicher Ennui" -
oder fünfte Kolonne Moskaus?
Bekenner aus Passion
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Dabei würden die christlichen Protestanten auch das Bekenntnis,
gegen die "politisch Verantwortlichen" nichts als die allerbesten
Absichten zu hegen, zuallerletzt verweigern wollen:
"Wir wollen wissen, was ist, und wir wollen wissen, was kommt.
Ist dies falsch? Muß man deswegen in den politischen Quartieren
von Bonn aufgeregt sein?... Dies alles sage ich und frage ich,
ohne damit irgendjemand stürzen zu wollen. Ich sage es und frage
es, weil ich denen, die ihre Verantwortung zu tragen haben, hel-
fen will." (Albertz)
Nun nehmen es diese Leute schon auf sich, den Machthabern bei der
Ausübung der von ihnen hochgeachteten "politischen Verantwortung"
Beistand zu leisten - und diese pfeifen doch glatt auf die mora-
lische Kraft, die sie daraus beziehen könnten!
Schon der erste Grund zum Zweifel, ob der "Verantwortung" des ho-
hen Amts hier denn tatsächlich in vollem Umfang entsprochen wird!
"Die Politiker haben ja die Wahl, uns zu apathischen Zynikern zu
machen. Das ist sehr leicht geschehen. Sie können es haben, sie
können eine gelähmte Bevölkerung auf der ganzen Welt haben... Wir
wollen uns nicht lähmen!" (Böll)
Wenigstens einige wenige, die der Bequemlichkeit eines ganz or-
dinären Untertanendaseins entraten, weil s i e immerhin so ver-
antwortlich sind zu beherzigen, daß ihre Politiker keine
"apathischen Zyniker", sondern pathetische Moralisten ihres
Schlages benötigen. Und zwar solche, die ohne jede Bevormundung
seitens der öffentlichen Meinungsmacher für ihre Ansichten
g a n z p e r s ö n l i c h haften! Kaum eine größere politi-
sche Verfehlung können sie sich daher denken, als wenn die Obrig-
keit ihre M e i n u n g herabwürdigt und sich damit an ihrem
höchsteigenen G e w i s s e n vergreift. So sehr sie für die
Ableistung ihrer "Treuepflicht" gegenüber dem Staat einstehen -
auf dessen K o m m a n d o hin Ergebenheitsadressen abzulie-
fern, ist ihnen zuwider, da eine Versündigung der Herrschaft ge-
gen die ihr christlicherseits zugedachte höchste Aufgabe, einzu-
stehen für die "Freiheit eines jeden, selber sein Bekenntnis zum
Frieden zu formulieren":
"Ob ich diese Bundesrepublik Deutschland begeistert für den be-
sten Staat der deutschen Geschichte oder mißmutig für den übel-
sten Staat West(!)europas halte - beides sind subjektive Meinun-
gen, für die mir unsere Verfassung die Freiheit gibt, und meine
Treuepflicht, die ich beschworen habe, ist gänzlich unabhängig
von ihnen." (Gollwitzer)
Wo Gollwitzer doch b e i d e Ansichten über sein Gemeinwesen
geläufig sind, läßt er sich bei aller Treue nicht vorschreiben,
wann er welche von sich gibt - und betont letztere insbesondere
anläßlich dessen, daß die erstere von ihm verlangt wird.
Umgekehrt mag der selbstbewußte Gottesknecht auch seinen Antikom-
munismus nicht auf Anordnung hin unter Beweis stellen, ohne zu-
mindest einige Widerworte anzubringen: Die von ihm erwartete Ver-
urteilung Polens z. B. absolviert der listige Jens mit der Ent-
gegnung, wir seien doch schließlich nicht im Osten!
"Kein markiges Wort, das nur deshalb nach Warschau geht, um, zac-
kig, wie es klingt, in Bonn oder München Eindruck zu machen. Soll
erfüllt, Kameraden. Nein, so nicht."
Solche Schafe des Herrn wollen ganz ausdrücklich nicht mit den
Wölfen heulen; die Freiheit des Christenmenschen sehen sie in der
gottgefälligen Verrichtung der irdischen Pflicht nicht schon
e r f ü l l t, sondern meinen sie ständig erst noch durch ihr
eigenes Exempel unter Beweis stellen zu müssen.
Dabei nehmen sie in Kauf, als "Zersetzer" gebrandmarkt, bzw. der
geheimen Komplizenschaft mit dem Hauptfeind verdächtigt zu wer-
den; auch einer solchen Zumutung begegnen sie erhobenen Hauptes:
"Frau Ranke-Heinemann versicherte mit ausdrücklichem Hinweis auf
ihre theologische Qualifikation gegenüber der FR, daß auch Kommu-
nisten für den Frieden sein könnten." (FR, 7.6.84)
Ob die Einschätzung der guten Frau ganz bibelfest ist, sei dahin-
gestellt. Was ihrem Verweis auf ihre theologische Qualifikation
jedoch in erster Linie zu entnehmen ist: daß sie - Kommunisten
hin oder her - auf jeden Fall Wert auf die Feststellung legt, daß
sie über eine jedem Zweifel entzogene G e s i n n u n g ver-
fügt. Daß der Christ sich durch seinen Glauben nicht nur eine
tröstliche Perspektive, sondern auch durch sein Bemühen, seinem
Glauben auch g e r e c h t zu werden - ein jederzeit vorzeigba-
res Gewissen erwirbt, wissen die christlichen Eiferer ganz beson-
ders zu schätzen. Gerade ihnen kommt es sehr darauf an, ihren
Glauben als B e r u f u n g s i n s t a n z zu zitieren, die
ihre kritischen Einwendungen geradezu unwiderstehlich machen
soll. Ihre Aufmüpfigkeit ist schließlich jenseits von gut und
böse, da Dokument ihrer absoluten G e f o l g s c h a f t s-
t r e u e, und zwar gegenüber der allerhöchsten Gerichtsbarkeit:
"Einspruch erheben, ist etwas, war wir aus der Bibel lernen.
Nicht nur Ja und Amen sagen!" (Sölle)
"Wir hängen nur ab von dem Ruf und der Sendung unserer Herrn, der
sagt: Euch jedenfalls rufe ich und rüste ich aus zur Lobby für
den Frieden. Darum bitten wir dich, unseren Herrn Jesus Christus:
Mach uns noch ganz anders als bisher zum Friedensmenschen, und
dazu gib dann Segen und Erfolg zur Lebensbewahrung der heute so
durch unser Rüsten gefährdeten Menschen! Amen." (Gollwitzer)
Für die "unbequemen" Amen-Sager dieses Schlages gäbe es bestimmt
nichts Schlimmeres als den Eindruck zu hinterlassen, sie wollten
aus ihrem Protest auch nur die geringsten persönlichen Vorteile
ziehen. Wenn sie ihren Einspruch anmelden, dann zuallerletzt des-
wegen, weil sie um ihr "eigenes Heil" besorgt wären. Als wollten
sie die weltlicherseits durchgesetzte Verachtung von Ansprüchen,
die jemand für sich stellt, noch überbieten, beklagen sie viel-
mehr allenthalben ein
"Konten- und Profitdenken, und ewig dieses Denken an seine eigene
Seligkeit ein verheerendes Denken!" (Böll)
Wenn sie dagegen was zu vermelden haben, dann doch nicht etwa
deshalb, weil sie z.B. selbst zu den vielbeschworenen
"gefährdeten Menschen" gehörten!
"Nein, ich kann nicht anders, denn als ein sehr besorgter re-
den..." (Albertz)
D a s tut zwar noch so ziemlich jeder, jedoch scheinen den Kum-
merbolzen höherer Berufung die weltlicherseits gängigen "Werte"
und "gemeinsamen Ziele", ohne deren Anrufung keiner das Maul auf-
machen will, noch nicht hinreichend über jeden Verdacht erhaben
zu sein, vielleicht doch nur ein niederes I n t e r e s s e
einzukleiden. Durch die öffentliche Inszenierung ihrer gottes-
fürchtigen Schafsnatur, eines Extra-Gefolgschaftsverhältnisses
gegenüber der personifizierten Gestalt ihres eigenen Moralismus,
beanspruchen sie Glaubwürdigkeit dafür, daß ihr staatsbürgerlich-
besorgter Senf als Zeugnis eines absolut unbestreitbaren Gewis-
sens verstanden sein will.
"Christsein bedeutet:... nicht so tun, als habe man nichts gese-
hen und gehört. Und die Wahrheit laut sagen! Die Leute, die das
tun, heißen in der Bibel Propheten. Ihre Aufgabe ist nicht, etwas
vorauszusagen, wie ein Wetterprophet, sondern einem Volk, einem
König, einer Gruppe von Menschen ein Strafgericht anzudrohen: So
wird es gehen, wenn ihr auf diesem Wege weitermacht." (Sölle)
Um ihre
Berufenheit zum moralischen Richteramt
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zu unterstreichen, verzichten sie natürlich auch nicht auf die
christliche Grundübung, mittels der wir-sind-alle-Sünder-Masche
sich selber ganz eifrig in die Verantwortung für das bedenkliche
Treiben mit einzuschließen. Das nationale "Wir", unter dem sich
hierzulande jedermann die Machenschaften seiner Herrschaft ans
Bein zu binden hat, entfalten sie unter dem Vorzeichen einer all-
seitigen Rechenschaftspflicht gegenüber dem Allerhöchsten sogar
zu einer Radikalität, gegenüber der jeder weltliche Appell zur
"Solidargemeinschaft" noch eine matte Sache ist:
"Auch dann, wenn, wir es nur von anderen geerbt (!) haben, ist es
Schuld, daß wir in einer Welt leben, die sich von Gott absondert
und in der so viel Hunger herrscht, den es gar nicht geben
müßte." (Sölle)
Da braucht's gar keine Beweisführung nach dem Motto: An jedem
Butterbrot, das hier im Mülleimer landet, verhungert eine indi-
sche Familie! "Warum lassen wir das zu?", so fragen die Gewis-
senswürmer, und zwar ganz vorsätzlich in einer Weise, die jede
andere Antwort als die, daß wir eben alle gewissenlose Schweine
sind, von vornherein als gemeine Ausflucht zurückweist. Schließ-
lich steht die Frage ja nach der "S c h u l d", will also weder
von den politischen Zwecken etwas hören, für die die angepranger-
ten Waffen und Hungerleichen produziert werden, noch von den
Gründen, warum die christliche Untertanenschaft "den Menschen,
die diese Greuel vorbereiten, nicht in den Arm fällt". Einen
Grund für die Häßlichkeiten demokratischer Gewaltausübung auch
nur in Betracht zu ziehen, verbietet sich von vorneherein.
Imperialismus Häresie?
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Die Beweisführung sieht entsprechend aus: Sie besteht in dem
überaus sinnigen Vorwurf, der Imperialismus brauche sich bloß
nicht einzubilden, daß seine Machenschaften durch den Katechismus
gedeckt seien.
"Auf unseren (!) Granaten staht das Eiserne Kreuz (!). Kann das
noch ein Dank an Gott sein? Die drüben zu verwüsten? Völkermas-
senmord zu betreiben?" (Gollwitzer)
Für einen moralischen Radikalinski dieses Schlages ist eben die
Politik ganz ausschließlich eine Angelegenheit zwischen "den Men-
schen" und "Gott", kann es also per definitionem keine anderen
als Gewissensgründe geben. Und daß sie diese, so sehr sie ihre
ausschließliche Geltung proklamieren, immer gar nicht eingelöst
sehen können, treibt sie zu Befunden über die Politik, die an-
schaulich machen, wieso ein Christenmensch sich zuvörderst seine
E i n f a l t zugutehält:
"Der Militarismus ist der größte Manschheitsversuch, Gott endgül-
tig loszuwerden..." (Sölle)
"Unverträglich ist das gegenseitige Sich-Bedrohen mit Vernich-
tung, mit atomarer Vernichtung durch Ost und West mit der Einheit
das Leibes Christi." (Gollwitzer)
"2000 Jahre danach ist immer noch Gethsemane: Jesus verkannt, in
Gefahr, gekreuzigt zu werden - und seine Anhänger schlafen. Ja,
wir kreuzigen ihn permanent selbst..." (Alt)
"Sind wir also dabei - oder versuchen es doch -, die Weihnachts-
geschichte in tagtäglichar Praxis zu widerrufen: Gegenspieler,
nicht Parteigänger der Hirten? Das ist die Kardinal-Frage..."
(Jens)
So verläuft das ebenso moralisch erbauliche wie geistig trostlose
Geschäft, unter dem Motto "Vergleicht die Verheißung von Bethle-
hem mit der Wirklichkeit unserer Tage" (Jens) die Strategie der
NATO in der Hl. Schrift immer partout nicht nachlesen zu können.
Und da sich ein eingefleischter Gottesfan den Imperialismus aber
partout nicht anders vorstellen kann denn als religiöse Verrich-
tung, muß dieser sich schließlich den Vorwurf der Häresie gefal-
len lassen:
"Dort werden die falschen Götzen angebetet... Der Gott 'dieser
Welt' ist die Bombe." (Sölle)
Und wo der Teufel sein Nest hat, ist ja auch hinlänglich bekannt:
"Es entspricht der inneren Logik atheistischer Philosophien, am
Tod durch immer mehr Atombomben weiterzubauen. Aber wer auf Gott
vertraut; dürfte das nicht." (Alt)
Auch für einen an der Bergpredigt übergeschnappten CDUler steht
schließlich fest, wo der Feind sitzt, auf dessen Verantwortung
letztendlich das Übel dieser Welt zurückgeht! Während sich jedoch
die christlichen Führer sehr sicher sind, daß jenem der Wert
christlicher Freiheit nur in der Sprache der Gewalt zu verdolmet-
schen ist, liegt ihnen der fromme Alt damit in den Ohren, "daß
schlechte Mittel noch allemal die beste Zwecke entheiligen" - im
Atomzeitalter, versteht sich: G o t t e s schöne Schöpfung
könnte ja durch einen Kreuzzug in seinem Namen einen Knacks be-
kommen!
"Die Sicherheitspolitik des 'christlichen' Westens läuft ebenso
wie die des kommunistischen Ostens nach dem Motto des Alten Te-
staments: 'Aug' um Aug, Zahn um Zahn'."
"Für wie lange will der Westen seine Handlungsfreiheit an die So-
wjetunion abtreten?" (ders.)
- und sich, indem er die SU zusammenhaut, noch nolens volens zum
Erfüllungsgehilfen des atheistischen Traums machen, "die Schöp-
fung ungeschehen zu machen"? Dagegen sollte Gottes bevorzugte
Welthälfte doch ihrer höheren Berufung innewerden und ihre unwi-
derstehlichen moralischen Qualitäten in Anschlag bringen: auf
diesem Felde besitzt der Westen schließlich eine garantierte
Überlegenheit, und wenn der allmächtige Hintermann das
"Vertrauen" in ihn dadurch lohnt, daß er auch noch ein bißchen
nachhilft, werden die Russen mit ihren Teufelsdingern vielleicht
ganz schön Augen machen.
"Nicht Angst machen, sondern Angst nehmen, rät der Bergpredi-
ger.... Jesu Ratschläge sind praktisch und konkret": "Man stelle
sich einmal den politischen Prestige-Gewinn für den vor, der ei-
nes Tages wirklich den Mut hat zur Umkehr!" (ders.)
Gottes bekanntgemachter Wille
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Solange jedoch der Imperialismus noch nicht im Stand der göttli-
chen Freiheit ist, den Feind schon durch seine überlegenen mora-
lischen Qualitäten zu entwaffnen, solange die christlichen Macht-
haber dieser Überlegenheit, zu der sie nach der Überzeugung ihrer
christlichen Kritiker fähig und berufen sind, noch selber miß-
trauen, bleibt es den letzteren überlassen, für das, dem
e i g e n t l i c h e n Sinn und Auftrag der nationalen Politik
entsprechende bessere nationale Gewissen einzustehen. Sie tun
dies, indem sie bei ihrer Herrschaft ständig Glaubwürdigkeit an-
mahnen, sie also damit belämmern, daß sie sich des Glaubens, den
sie selbst für ihre Nation aufbringen, doch bitteschön würdig er-
weisen sollten. Daß sie dafür einige häßliche Reaktionen erfah-
ren, die sie daran zweifeln lassen, ob von der an der Macht be-
findlichen Sorte von Christenbrüdern eine Politik ganz nach Got-
tes Geschmack auch erwartet werden kann, braucht sie ja - Gott
sei Dank nicht "resignieren" zu lassen. Denn zum Besiegen von
Zweifeln ist der Glaube ja schließlich da:
"Was ist eigentlich der Wille Gottes unseres Heilandes, daß er
uns in dieser gefährdeten Welt, die sich selbst so gefährdet, le-
ben läßt: Bis zum letzten Atemzug für das Leben stehen, gegen den
Tod! Ob es Erfolg hat, ist eine andere Frage. Und. das ist dann
der Trost des christlichen Glaubens, daß wir handeln und kämpfen
können für das Leben und den Erfolg in Gottes Hand stellen. Got-
tes unbekannten Willen - wer weiß ihn:" (Gollwitzer)
Es wäre ja auch wirklich noch schöner, wenn dieser Sorte Christen
ihr Glaube eine andere "Kraft" verleihen würde als die, die die-
ser Glaube seit seiner Erfindung den Gläubigen spendet: die
"Kraft" dazu, es seiner "Vorsehung" zur Ehre gereichen zu lassen,
daß man für sie hienieden bereitwillig den Deppen abgibt.
"Die Marxisten haben, an der primitiven Entgegensetzung:
'Widerstand o d e r Ergebung' interessiert, die Verbindung
'Widerstand u n d Ergebung',... in der sich das eigentliche We-
sen des Glaubens ausdrückt, nie würdigen können."
Dies Wort in Gottes Ohr!
***
Ein christlicher Mahner von geringerem moralisch-intellektuellem
Prestige, dafür aber mit mindestens gleicher Auflage und ent-
scheidend höherer Einschaltquote: Franz Alts antiamerikanischer
N a t i o n a l i s m u s aus dem Geiste der Bergpredigt findet
Sympathisanten im Lager der "ewig Gestrigen", die heute bei der
Lektüre des "Spiegel" feststellen, wie modern sie schon wieder
sind.
"Zitat der Woche
Fernseh-Moderator Dr. Franz Alt im SPIEGEL vom 9.10.1984: "Helmut
Kohl und Erich Honecker hätten ja vielleicht über gesamtdeutschen
Handel und Umweltschutz reden dürfen, aber über die größte Gefahr
- die von den USA und der Sowjet-Union möglich gemachte atomare
Apokalypse in Mitteleuropa - sollen sie nicht sprechen. Welch un-
würdiges Schauspiel, das sich 75 Millionen Deutsche in Ost und
West bieten lassen. So etwas läßt sich nur ein Volk gefallen, dem
39 Jahre nach Kriegsende von den Siegern noch immer Kollektiv-
schuld eingeredet wird und daß sich diese Kollektivschuld einre-
den läßt. Kollektive Schuldzuweisung demoralisiert ein Volk,
macht es moralisch-politisch widerstandsunfähig.
'Hätten wir Deutsche 1984 wirklich eine nationale Identität, wir
hätten längst dafür gesorgt, daß die Wahnsinnswaffen hier ver-
schwinden.'
Das ist haarscharf nationaldemokratische Meinung, der wir kein
Wort hinzuzufügen brauchen." (Nationaldemokratische Zeitung,
Nov./84)
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Den brutalsten Moralinger des Jahres
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brachte allerdings Frank Elstner in "Wetten, daß..." am 15.12.:
"Uns allen schmeckt der Festtagsbraten besser, wenn wir vorher an
die hungernden Kinder in Äthiopien gedacht haben. Ich war schon
bei meiner Bank..."
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