Quelle: Archiv MG - BRD KIRCHE - Vom Mißbrauch des Verstandes durch den Glauben
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Christlicher Glaube - Islamische Republik
STAATSTRAGENDER GLAUBE - RELIGIÖSER FANATISMUS
In der Verfassung der BRD kommt G o t t in der Präambel vor,
die ihm das nachfolgende Grundgesetz gleichsam zueignet ("Im Be-
wußtsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen...").
Dann braucht es ihn auch nicht mehr, denn noch jedes
Recht/Pflicht der Konstitution des d e m o k r a t i s c h e n
S t a a t s findet sich als Gebot der Moral im Glaubenskanon der
christlichen Kirchen wieder. Was dieser an zusätzlichen Pflichten
für den p r a k t i z i e r e n d e n Christen vorsieht, gehört
nicht zur Grundausstattung eines f u n k t i o n i e r e n d e n
Staatsbürgers. Weil Kirchgang und Abendmahl niemanden am Arbeiten
und Gehorchen behindern, ganz im Gegenteil diesbezüglich förder-
liche T u g e n d e n pflegen, garantiert der Staat Religions-
freiheit.
Wie es beim Normalbürger gleichgültig ist, ob er sein Mitmachen
auch noch mit christlicher Demut erfüllt, so dürfen sich auch die
P o l i t i k e r ganz nach persönlichem Geschmack vom Evange-
lium oder einer weltlichen Ideologie "im Letzten" treiben lassen.
Das Christentum heißt im modernen b ü r g e r l i c h e n Staat
nicht mehr S t a a t s religion. Seine Moral ist nur die Moral
der öffentlichen Gewalt. Die Scheiterhaufen der Inquisition für
abweichenden G l a u b e n sind verboten. Heute ahndet der
Staat abweichendes H a n d e l n mit seinen Gesetzen und seiner
Justiz, und in bestimmten Fällen auch abweichendes Denken, wenn
es gegen den Paragr. 88a verstößt oder in den öffentlichen Dienst
will.
Anders als in vorbürgerlichen Gemeinwesen, wo die weltliche Ge-
walt mit dem Ideal auftrat, dem jenseitigen Reich zu dienen, und
dessen irdische Vertreter, noch mit realer Macht ausgestattet,
danach strebten, sich Kaiser, Könige und Fürsten dienstbar zu ma-
chen, dient in Staaten wie der BRD die Religion der Politik dazu,
ihre Taten in ein höheres Recht zu setzen. Und eine bestimmte Po-
litikermannschaft, die c h r i s t l i c h e n D e m o k r a-
t e n, machen Stimmung für sich beim Volk, indem sie an dessen
r e l i g i ö s e G e f ü h l e in ihren Reden appellieren. Im
Gegensatz zu einer geläufigen Kritik, brauchen sie die Schrift
dabei keineswegs zu verfälschen: Für jedes Bibelzitat, dem ihre
Taten widersprechen sollen, gibt es jede Menge andere, die
haargenau dazu passen. Grundsätzlich - siehe oben - ist jede
Debatte darüber, ob christliche Politiker auch wirklich
christliche Politik machen, das Staatstragendste überhaupt: Die
Praxis wird mit ihrem Ideal verglichen, und dieser Vergleich en-
det noch stets mit dem Fazit, daß die B e r g p r e d i g t die
Menschen Mores lehrt und nicht die Regierung verpflichtet. Somit
ist beiden, Herrn Jesus und dem Herrn Kohl, ihr Platz in
d i e s e r Welt zugewiesen.
Im Iran haben die Diener Gottes, der dort Allah heißt, die Macht
im Staate ergriffen. Das ist natürlich kein "Rückfall ins Mittel-
alter". Denn erstens verdanken sie ihren Sieg über den Schah kei-
nem Wiederaufleben des G o t t e s g n a d e n t u m s, sondern
einem Aufstand des einfachen Volkes, das sich 1979 in Teheran für
ein paar Tage zum S u b j e k t der Politik gemacht hat. Zwei-
tens war die erste Tat der Mullahs die Konstruktion eines kom-
pletten neuen S t a a t s w e s e n s mit Präsident, Premier,
Parlament, Justiz und demokratischen Wahlen. So weit versteht
auch der Imam Khomeini etwas von Politik im 20. Jahrhundert, daß
er sich nicht als K a l i f (= religiöser und politischer Füh-
rer zugleich) an die Spitze seiner I s l a m i s c h e n
R e p u b l i k stellte, sondern gerade durch seine selbstge-
wählte Funktion als ob erster geistlicher Kontrolleur der Politik
darauf achtet, daß die Religion das Kriegführen und die Wirt-
schaft nicht behindert. Mit dem lutheranischen Zinsverbot des Ko-
ran lassen sich keine internationalen Wirtschaftsbeziehungen kon-
trahieren. Ohne Ölverkauf und Waffeneinkauf keine Minute heiligen
Krieges. Daß der Islam im Iran überhaupt zum Titel einer nationa-
listischen Politik wurde, ist auch keineswegs irgendwelchen
"sozialrevolutionären" Botschaften des Koran geschuldet oder Ab-
sonderlichkeiten seiner schiitischen Auslegung. Khomeini wäre
heute noch Schriftgelehrter in Ghom, wenn nicht der Pahlevi-Schah
im geschäftlichen und politischen Einvernehmen mit seinen impe-
rialistischen Paten und Partnern versucht hätte, aus einem Land
mit Ölquelle (und für deren Ausbeutung unnützem Volk drumherum)
einen modernen kapitalistischen Nationalstaat zu machen. Dagegen
bezog das islamische 'Establishment', dem es selbst an die
Pfründe ging, Opposition im Namen der Opfer. Deren r e l i g i-
ö s e s Recht auf Rücksichtnahme seiner Herrschaft sei durch
eine volksfeindliche F r e m d h e r r s c h a f t verletzt.
Die "gottlose" kaiserliche Regierung und ihre ungläubigen
Verbündeten hätten sich den eigentümlichen frommen Bedürfnissen
des iranischen Volkes entfremdet und müßten durch R e c h t-
g l ä u b i g e ersetzt werden. Der religiöse Inhalt des Auf-
stands und der anschließenden Staatsgründung zeigt sich am
A n t i m a t e r i a l i s m u s als praktizierter Staatsideo-
logie: Die Öleinnahmen der Islamischen Republik sind längst zu
kostbar für die Armenspeisung in den Slums von Süd-Teheran. Größ-
tenteils ermöglichen sie den M ä r t y r e r t o d für die Kin-
der des Islam an der irakischen Front. Der Moslem, hierin stink-
normaler Gläubiger, hält wie seine Brüder in Christo nichts vom
Leben v o r dem Tode:
"Der Mensch ist geschaffen zum Unbestand:
Vom Unglück verfolgt, ist er vom Schmerz übermannt;
Vom Glück begünstigt, verschließt er die Hand -
Nur die nicht, welche sich betend neigen,
In ihrem Gebet sich beständig zeigen:
Die ein Bestimmtes von ihrem Vermögen
Für Bettler und verschämte Arme anlegen;
Die dem Gerichtstag gläubig harren entgegen
Und Scheu vor ihres Herren Strafe hegen...
Doch mehr zu begehren, das ist ein Verbrechen."
(Koran, 70, 19 ff.)
Und auch an der erzchristlichen Aufforderung zur berechnenden
Nächstenliebe fehlt es im Islam nicht. Die H a d i t h überlie-
fern die Worte des Propheten: "Liebe für die Menschen, was du für
dich liebst - dann bist du Moslem."
Die Islamische Republik, die daraus ihr Programm bezieht, unter-
scheidet sich von den christlichen Demokratien weniger durch die
Sprüche, als durch die r a d i k a l e K o m p r o m i ß-
l o s i g k e i t, mit der sie ihr Programm nach innen und außen
durchzieht.
"Gegen jede Abwägung von Nutzen und Schaden, und dabei nicht ein-
mal nur was in der modernen Staatenwelt zu den elementarsten
Selbstverständlichkeiten gehört - rücksichtslos gegen die Bedürf-
nisse, ja gegen die Überlebensnotwendigkeiten des geliebten Vol-
kes, sondern kompromißlos desinteressiert sogar an allgemein an-
erkannten und respektierten funktionalen Erfordernissen eines mo-
dernen politischen Herrschaftsapparats, insbesondere in Sachen
Geschäftemacherei und militärischer - Gehorsam, widmet die neue
islamische Führung des Iran sich ihren Prioritäten, insbesondere
dem ideologischen Kampf gegen alle Symptome westlichen Geistes,
wobei Willkür notwendigerweise die Szene beherrscht." (MG, Impe-
rialismus 3, Der Iran)
Das ist religiöser Fanatismus, aber anstößig für den Freien We-
sten ist dabei weder die R e l i g i o n noch das
F a n a t i s c h e. Immerhin gehört zu "unseren" erlesensten
Freunden in der "Welt des Islam" das Königreich der saudischen
Wahhabiten. Dort stationierte westliche Ölbohrer und Dollar-Recy-
cling-Spezialisten unterwerfen sich, samt Hausbar und ohne zu
murren dem staatlichen Verbot des Genusses von Alkohol, Tabak und
Kaffee. Die Anwendung des islamischen Rechts, die auch schon mal
einem Europäer das Fell gegerbt hat, führt nicht einmal zu diplo-
matischen Verstimmungen. Es ist die bis heute durchgehaltene Wei-
gerung der iranischen Ayatollahs, ihren Gottesstaat eindeutig als
Satellit des Westens funktionieren zu lassen, die ihr Regime in
der Welt des Imperialismus so "unzeitgemäß" macht. Deswegen wer-
den neben allen ökonomischen Arrangements mit den Mullahs an der
Macht in den westlichen Kommandozentralen nach wie vor Überlegun-
gen angestellt, wie man in Teheran eine a n d e r e Macht ar-
rangieren könnte.
*
Imam Wojtyla und Papst Khomeini - ein durchaus vorstellbarer Rol-
lenwechsel, weil beide nicht viel neuen Text einstudieren müßten.
Als Staatsmann ist der römische Bischof jedoch das ehrwürdigste
Mitglied der F r e i e n W e l t, während der R e v o l u-
t i o n s f ü h r e r in Ghom von der demokratischen Öffent-
lichkeit teuflische Züge verpaßt bekommt. In der bürgerlichen
Welt ist nur der F a n a t i s m u s d e r S t a a t s g e-
w a l t und der Macht des Freien Westens anerkannt, der keine
"heiligen Kriege" führt, sondern so fraglos anerkannte Zwecke
verfolgt, daß in seiner Hand noch jedes Mittel geheiligt wird.
Bei uns s e g n e n die Pfaffen die Waffen, im Iran
k o m m a n d i e r e n sie sie auch noch. Das eine Mal eine
schöpferische Überwindung des Mittelaltets, das andere Mal ein
"Rückfall"...
***
"Das Feld der Religion ist die Innerlichkeit. Wenn nun die Reli-
giosität im Staate sich geltend machen wollte, wie sie gewohnt
ist auf ihrem Boden zu sein, so würde sie die Organisation des
Staates umwerfen. Wollte sie alle Beziehungen des Staates ergrei-
fen, so wäre sie Fanatismus." ( Hegel, Rechtsphilosophie, Paragr.
27O, Zusatz)
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