Quelle: Archiv MG - BRD KIRCHE - Vom Mißbrauch des Verstandes durch den Glauben
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2 erbauliche Staatsbesuche
JUDEN, CHRISTEN UND NAZI-ERBEN IM DEMOKRATISCHEN DIALOG
Pastoralreise Nr. XXXIV:
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Hingebungsvolles. Gebet in Großaufnahme; für die Arbeitslosen ein
paar Phrasen mit dem Tenor "unschuldig in Not geraten - wie
schlimm!"; Aufrufe zur moralischen Abstraktion "Verzicht" und ge-
gen jeglichen Materialismus in ihrer dorfpfarrherrlichen Elemen-
tarform; die pfäffisch-schlaue Verknüpfung zwischen Friedensbewe-
gung und Abtreibungsverbot - gegen die Bundeswehr, die, wie man
weiß, größte Friedensbewegung in diesem unserem Lande, ist noch
keinem Kardinal der Einwand eingefallen, ihr Auftrag wäre un-
glaubwürdig, solange noch ungeborene Embryos geschlachtet würden
-; ein nicht enden-wollender Personenkult und ein kräftiger
Schwall von Kirchenmuff und öffentlicher Frömmelei auf allen
Kanälen: Wer sich etwas anderes vom Papstbesuch erwartet hat, ist
selber schuld. Bleibt allenfalls eins zu klären: Der Beitrag, den
zwei Seligsprechungen zu dem Thema
Papst und Nazis
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geleistet haben.
Beantwortet wurde damit erstens die bescheuerte Frage, die einmal
aufgeworfen wurde, um die Kirche in ihrem distanzierten Einver-
ständnis mit der nationalsozialistischen Staatsgewalt nicht zu
kritisieren und ihr statt dessen im guten Glauben an ihren ei-
gentlich oppositionellen Standpunkt am Zeug zu flicken: "Durfte
der Papst schweigen?" Die Antwort ist gerechterweise genauso be-
scheuert: Jetzt jedenfalls tut der Papst das Maul auf!
Zweitens wurde klargestellt, daß die Kirche die greulichen Seiten
der NS-Herrschaft genauso, jedenfalls nach demselben Verfahren
interpretiert wie die Regierungschristen in Bonn, wenn sie sich
nebenher als Weißwäscher der deutschen Vergangenheit betätigen,
und wie unser Präsident, wenn er mal wieder eine große Rede zu
dem Thema hält. Das Rezept heißt: Man stelle sich ideell auf den
Standpunkt des hoffnungslos ausgelieferten Opfers. Dieser Stand-
punkt ist moralisch sehr schön, nämlich unanfechtbar gut: Wer
wirklich gar nichts mehr tun kann, der ist auch nicht kritikabel.
Diesen Standpunkt einzunehmen, ohne hilfloses Opfer zu sein -
sondern als von vorn bis hinten hofierter Kirchenfürst oder als
Machthaber, aber auch als selbstbewußter Bundesbürger minderen
Ranges -, ist daher zwar ein widerliches Betrugsmanöver, mit dem
bloß alles, was man tut, der Kritik entzogen wird. In der Phanta-
sie den Standpunkt "Ärmsten der Armen" zu teilen, kostet nichts,
ist der sicherste Weg zu einem guten Gewissen und taugt für sonst
gar nichts. Aber: Das ist ja gerade der Witz! Ausgeschlossen ist
damit nebenbei auch jeder kritische Gedanke über die Gründe der
Täter von einst (und jetzt): Wenn die Vorstellungskraft ganz da-
für in Anspruch genommen wird, Entsetzen zu fingieren, dann
bleibt fürs Begreifen kein Platz, und zu einem Grund für vernünf-
tigen Widerstand kommt es erst gar nicht. Aber genau darum geht
es ja nebenbei auch!
Drittens bewährt sich in diesen Seligsprechungen die Unverwüst-
lichkeit der christlichen Heilsbotschaft: Weil Frau Stein es an-
geblich fertiggebracht hat, ihre persönliche Ausrottung im Sinn
einer göttlichen Zweckmäßigkeit zu deuten - pikanterweise als
"Sühne" für ihr "jüdisches Volk" von wg. "Gottesmord" -, darf
fortan ganz Auschwitz als Beispiel für die christliche Dialektik
von Grauenhaftigkeit und Sinnerlebnis gelten: Je Opfer, desto
Gott. Der Zynismus dieses Trosts ist sogar der "Süddeutschen Zei-
tung" in einem Kommentar drei Zeilen lang aufgefallen. Ohne ihn
ist das Christentum aber gar nicht zu haben; denn darin besteht
es.
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