Quelle: Archiv MG - BRD KIRCHE - Vom Mißbrauch des Verstandes durch den Glauben
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Hörerecho zum Teach-in der MG über das Christentum:
IDEOLOGISCHE PROBLEME BEI DER NACHFOLGE CHRISTI
Wir hatten uns schon so was Ähnliches gedacht, als wir den Wahn-
sinnsentschluß faßten, ausgerechnet über den christlichen Glauben
heutzutage und überhaupt ein paar Veranstaltungen durchzuführen.
Wie immer, wenn das Thema in den Bereichen des höheren Blödsinns
liegt, kamen massenhaft wißbe- und neugierige Studenten - und
wunderten sich amüsiert, daß wir uns nicht einmal so sehr über
den Glauben lustig machen, wie sie erwartet hatten. In München
meldete sich einer zu Wort und bezeichnete das Referat insofern
als gelungen, als der Redner einer ironischen Darstellung von
Lehre und Leben Christi weitgehend aus dem Weg gegangen sei. Das
war zwar kein übermäßig geistreicher Diskussionsbeitrag, gab aber
immerhin über die E r w a r t u n g Aufschluß, die einer hat,
wenn Marxisten gegen die Dreieinigkeit was sagen.
Wie gesagt, mit einer öffentlichen Diskussion über Wechselkurse,
die Aufrüstung oder das neueste Blutbad irgendwo in einer
"Einflußsphäre" kriegt man nie und nimmer so viel Leute auf die
Beine wie mit einem Gegenstand, den es (vielleicht) überhaupt
nicht gibt. Der Herrgott erwies sich aber noch in anderer Hin-
sicht als Knüller: während die Parteigänger des Dollars, die Mi-
litärs aus West und Ost und die Befehlshaber eines freiheitlichen
Einsatzkommandos sich vor einer Auseinandersetzung mit der MG bei
gegebenem Anlaß regelrecht zu drücken wußten, sind die Mannen um
Jesus Christus leibhaftig erschienen, um mit uns zu rechten. Die-
sem Umstand ist es zu verdanken, daß wir jetzt ganz schön blöd
dastehen.
Credo, ergo sum
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Irgendwie müssen allerdings die Christenmenschen den Zweck unse-
rer Unternehmung gründlich mißverstanden haben. Wir hatten uns
nämlich vorgenommen, einmal nicht das Für und Wider in Sachen
Gott breitzutreten, sondern uns dasselbe zum Gegenstand einiger
Überlegungen zu machen. Kaum waren wir darauf gekommen, daß sich
Glaube und Zweifel ziemlich gut ergänzen und einander voran brin-
gen, sind auch schon ein paar Christenmenschen angetanzt und ha-
ben ihr Bekenntnis abgelegt: in jeder Stadt fanden sich einige
Exemplare von der Sorte, die schon die theoretische Befassung mit
ihrem Zeug als Angriff durchschauten und sich zu dem harten Kon-
ter verpflichtet fühlten, uns und dem Publikum etwas vorzubeten.
Die originellste Variante dürfte wieder einmal München zu bieten
haben, wo einer darauf bestand, daß alle, sofern sie nur Radio
hören, eines Tages zwischen Bayern I und Bayern III - nicht etwa
Bayern II hereinkriegen würden, sondern den Allmächtigen selbst:
"Gott sendet rund um die Uhr!" In Bremen hat ausgerechnet ein
Mann des Islam seine Brüder in Christo in Schutz genommen. Gleich
mit einem doppelten Geschütz ist er aufgefahren; einerseits sei
im Islam alles ganz anders (deswegen wird er sich wohl so aufge-
regt haben), und andererseits sah er in einem Geschehnis auf der
Veranstaltung, wie es sich für einen anständigen Gläubigen ge-
hört, gleich ein Zeichen Gottes. Wegen des alten Bieröffners am
Schlüsselbund des Redners war selbigem eines jener Mini-Exemplare
norddeutschen Gesöffs entglitten (böse Zungen behaupten, der Re-
ferent sei besoffen gewesen - was aber eine Erklärung ist, die
der Existenz Gottes spottet), so daß dem Wirken der Allmacht Got-
tes ein eindrucksvoller Beweis gelungen ist - d a m i t konnte
wirklich kein M e n s c h rechnen, ergo...
An anderer Stelle rief einer entzückt aus, er habe Jesus gebeten,
die Herrschaft über ihn zu ergreifen, und siehe da: "Er hat Be-
sitz von mir ergriffen! " Unsere bescheidene Meinung dazu: Jesus
wäre ja blöd, wenn er sich das zweimal sagen ließe.
Auch die widerwärtigen, weniger spaßigen Seiten gläubigen Eiferns
kamen voll zum Zug. Das Selbstgefühl eines ordentlichen Christen,
zum richtigen Haufen dazuzugehören durch die Bescheidenheit der
eigenen Schafsnatur - "Auch für Dich ist Christus gestorben!"
"Auch Du bist ein Sünder!" "Wehe denen, die..!" - fand ausgerech-
net auf einer Veranstaltung der MG, jenes dogmatischen und into-
leranten Clubs, Gelegenheit, sich auszutoben. Man wagt kaum daran
zu denken, was passieren würde, wenn unsere Redner einmal vor die
Studenten hintreten würden mit den Worten: "Ich glaub' an Marx,
hier stehe ich, ich kann nicht anders und wenn ihr nicht bald
überlauft, dann werdet ihr schon sehen!" Dieses Muster im Zusam-
menhang mit Jesus scheint aber ganz gut ins Atomzeitalter zu pas-
sen, auf jeden Fall wird es von erwachsenen Menschen mit Abitur
ganz locker gehandhabt.
Die Botschaft
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erschien natürlich auch gedruckt. Als wäre eine Veranstaltung,
die sich der Analyse gläubigen Gebarens widmet, der ideale Ort
für die Verkündigung des Evangeliums, haben sich engagierte Chri-
sten ans Flugblattschreiben gemacht. Dabei haben sie von den
Prinzipien einer anständigen Agitation überhaupt keine Ahnung.
Als würden sie mit dem Herrn leibhaftig am See Genezareth ent-
langtummeln, leiern sie einfach die Bekenntnisse aus ihrer
Schreibmaschine, von denen ohnehin jeder weiß, wie sie lauten.
Man muß schon seine Adressaten auch ein bißchen zu überzeugen
versuchen, Kameraden von der C-Front! Dazu darf man eben auch
nicht fürchten, in Widerspruch zu ihnen zu geraten - sonst
schreibt man ja nur sein eigenes Zeug auf mit dem Gestus, es wäre
das Selbstverständlichste von der Welt und hätte schon ohne seine
Verteilung seine Wirkung getan. Natürlich habt ihr bei dieser An-
nahme auch irgendwie recht, wie man sieht; dennoch möchten wir zu
bedenken geben, daß die folgende These außer eurer Idiotie auch
die ganze Unverfrorenheit zum Ausdruck bringt, nach der ihr die
Welt zurechtstutzt:
"Wir glauben, daß Armut, Unterdrückung, Rassismus und soziale Un-
gerechtigkeit Symptome des menschlichen Grundproblems sind:
Selbstsucht und Trennung von Gott."
Damit seid ihr ja prima aus dem Schneider, denn i h r trennt
euch ja nicht von Gott, oder? Gleichzeitig habt ihr in aller Be-
scheidenheit die Schuldigen benannt und euch von der geheuchelt
vorgestellten Welt der Ausbeutung und Gewalt verabschiedet:
"Wir glauben, daß die einzige Lösung dieser Probleme darin liegt,
den Menschen von innen her zu verändern."
Nur zu! Das Seltsame an euren guten Absichten ist nur, daß ihr
sie der Welt bloß hinreibt, um euch hinterher gleich für nicht
zuständig zu erklären:
"Wir glauben, daß der Mensch unfähig ist, sich selbst von seinem
selbstsüchtigen Wesen zu befreien."
Natürlich braucht er den Lattensepp dazu, deswegen glaubt er auch
an ihn, und der besorgt ihm dann seine innwendige Kur! Freilich
merkt keiner, daß der kleine Umweg über J.C. die Leistung des
Christen ist und bleibt!
Da lobt man sich doch die Christenboys aus dem Fränkischen, die
gekommen sind, um das Evangelium gleich von seinen Wirkungen aufs
Gemüt her aufzurollen, statt es als Forderung vorzutragen und je-
den Satz mit "Wir glauben," zu beginnen. Es war auch Zeit, daß
Christen selbst mit gewissen Irrtümern aufräumten:
"Gottes Liebe schützt mich nicht v o r dem Leid, sondern sie
bewahrt mich i n allem Leid. Vom Kreuz her ist mir die Bewälti-
gung des Negativen möglich..."
Das ist zwar schon allerhand, was Gottes Liebe so vermag - aber
die modernen Christen können einfach nicht Schluß machen, wenn
sie das Geheimnis ihres Glaubens offenbart haben. Deshalb erklä-
ren sie der Welt auch noch ihr Engagement aus den Taten des
Herrn:
"Jesus ist zeichenhaft gegen Krankheit, Leid und den Tod in der
Welt angegangen..."
- und dies nimmt ein Christ als Auftrag:
Traurig zu sehen, daß nicht einmal studierte Menschen merken, was
sie da hinschreiben:
"Daher ist der Christ herausgefordert, an der vielschichtigen Be-
kämpfung des Leids, der Armut, der sozialen Mißstände, des Hun-
gers der Krankheit engagiert mitzuarbeiten. In der Situation ei-
nes Arbeiters, der durch die Lebensbedingungen geistig und kör-
perlich ruiniert wird, muß sich der Christ bemühen, die ruinie-
renden Lebensbedingungen zu verändern: z.B. durch Solidarisierung
mit dem Arbeiter, eventuellen gewaltlosen Widerstand, phantasie-
volle Vorschläge zur Veränderung der Situation, durch das Angebot
von menschlichen Beziehungen, durch Spenden von Trost, Verarbei-
tung des Leids in der Gemeinschaft."
Das Schöne an einem Christenmenschen ist halt immer noch, daß ihm
die Heuchelei so in Fleisch und Blut übergegangen ist, daß er sie
nicht einmal mehr bemerkt, wenn er sie in Worte faßt. Tief davon
überzeugt, mit den trostreichen Taten ihrer solidarischen Phanta-
sie einen Stich zu machen - selbst ein Christ beteuert heutzu-
tage, daß er k r i t i s c h ist -, schreibt er hin, wie er an
der psychologischen Verwaltung allen Elends und an sonst nichts
interessiert ist! Er traut noch nicht einmal den eindeutigen Dar-
legungen, die er gerade hinter sich gebracht hat, holt tief Luft
und wird prinzipiell. Hier eine Auswahl:
"Dadurch kann das Leid nicht nur (!) bekämpft, sondern auch ver-
arbeitet werden."
"Man ist weiterhin eingeladen, die innere Freiheit vom Besitz zu
üben, d.h. Freiheit vom Konsumdruck...
Man ist hingewiesen, daß ein Verzicht auf Rechte, auf berechtigte
Ansprüche nicht unbedingt eine Schande sein muß, sondern die
große Freiheit des Christen ausmachen kann."
Miles Christi soziologisch
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Daß Christen heute mit dem Meinungsknopf "Gott, wie bin ich kri-
tisch" daherkommen, verpflichtet sie auch, das Handwerkszeug der
kritischen Wissenschaft par excellence, der Soziologie, nicht
rechts liegen zu lassen. Ein paar Theologiestudenten in Marburg
haben in dieser Hinsicht schon viel gelernt und den zwar nicht
mehr ganz neuen, aber doch interessanten Schlager aufgelegt: "Die
MG - eine Jugendsekte. "
"Unsere zentrale These ist: Aufbau, Form und Inhalt der politi-
schen Aktivitäten der MG zeigen deutliche Analogien zur Struktur
von religiösen Jugendsekten."
Die "5 Kriterien", die sie da entdeckt haben, könnten zwar auch
in bezug auf die USA zu dem Ergebnis führen, daß die Weltmacht
Nr. 1 eine Jugendsekte ist, aber das macht nichts die entspre-
chenden Stichwörter sind, zumal von Theologen ausgesprochen,
schon sehr bezeichnend für unseren Verein:
"Führerprinzip" (in der Regel eine starke, das Gute, die Erkennt-
nis verkörpernde Figur mit charismatischem Führungsanspruch; dem-
gegenüber inferiore Haltung der Anhänger...) - ob da nicht eine
Verwechslung mit dem Herrn Jesus vorliegt und denen, die ihm
nachfolgen? "Vereinfachte Weltanschauung" (Reduktion komplexer
Sachverhalte auf einige wenige Grundaxiome, die scheinbar alles
erklären) - als ob einer der charismatischen Wahnsinnsknaben aus
unseren Reihen je einen so komplexen Sachverhalt entdeckt hätte
wie: "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben." Was erzählen
die gewitzten Theosoziologen bloß zu Struktur, Form und Inhalt
der christlichen Gemeinde? Von den nächsten Kriterien ganz zu
schweigen - "Erwählungsbewußtsein", "Ritualisierte Erfahrung der
Gruppennorm", "Missionsanspruch" (Ziel jeder Sekte ist es, sich
zu vergrößern..)! Irgendwie haben uns die kritischen Pfaffen in
spe schon durchschaut, obgleich sie gerade in Marburg hätten Bei-
spiele dafür finden können, daß wir uns auch bisweilen verklei-
nern!
...und was sagt die Psycho-Front?
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eigentlich dasselbe wie immer: man muß das in diesem Falle eben
das Christentum - psychologisch sehen. Die Mädchen von der MRI
haben wieder einmal an das Eine Bedacht und uns einen Denkanstoß
gegeben:
"Auffallen muß die sexuelle Färbung vieler religiöser Vorstellun-
gen und Kulthandlungen, die Häufung verzückter Bräute Chri-
sti,..."
"Das soll mal einer ökonömisch oder sonstwie erklären."
Recht so! Wie schreibt ihr so schön in eurem Flugblatt?
"Die Erklärung der Religion ist kompliziert, und es kostet einige
geistige Anstrengung, sie nachzuvollziehen - aber das ist nunmal
mit der Wissenschaft so. Deshalb kann sie hier auch nicht in
Kurzform geliefert werden."
Wieso denn so bescheiden? Ihr habt die Kurzform doch lässig hin-
geschrieben, oder?
FAZIT
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Die Veranstaltungen über das Christentum waren gut und nicht
schlecht. Alle Beteiligten haben ihren Beitrag geleistet, und wir
haben gut daran getan, die Existenz Gottes nicht zu bestreiten:
"Wenn wir von Gott sprechen, dann von dem, der außerhalb unserer
Dimensionen von Raum und Zeit steht. Er ist für uns nicht verfüg-
bar. Er ist weder durch unsere Beweismethoden erfaßbar, noch
durch sie widerlegbar."
Na, wer sagt's denn!
***
3.2 Vereinfachte Weltanschauung
Das Grundaxiom der MG-Ideologie lautet: Der Staat ist das über-
mächtige Prinzip des Bösen bzw. Menschenfeindlichen. EIn organi-
siertes Engagement gegen den Staat ist per se nutzlos bzw. schäd-
lich, da der Staat Protestbewegungen integriert und sich damit
weiter stärkt. Daraus ergibt sich die prinzipielle Erkenntnis,
daß lediglich die kritische Analyse des Bestehenden die einzige
"Handlung" des intellektuellen Marxisten sein darf. Hier liegt
wahrhaft ein circulus vitiosus vor:
"alles Scheiße"
^ \
/ \
/ v führt zu
Stabilisiert obj. falscher, theoretischer
^ abstrakter Kritik
\ /
\ v
Erkenntnis , daß gesellschaftl.
Veränderungen nur durch theoretisch-
abstrakte Kritik, nicht durch praktische
Aktionen bewirkt werden.
(Anti-MG-Flugblatt Marburger Theologiestudenten vom Dezember
1979)
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