Quelle: Archiv MG - BRD KIRCHE - Vom Mißbrauch des Verstandes durch den Glauben


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       "Aberglaube", "Sekten", "Ersatzreligionen"
       

DIE FALSCHEN BRÜDER

"Die Kirche kann, in Treue zu Gott wie zu den Menschen, nicht an- ders, als voll Schmerz jene verderblichen Lehren und Maßnahmen, die der Vernunft und der allgemein menschlichen Erfahrung wider- sprechen und den Menschen seiner angeborenen Größe entfremden, mit aller Festigkeit zu verurteilen, wie sie es auch bisher ver- urteilt hat." (Zweites Vatikanisches Konzil, Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute, Artikel 21) "Voll Schmerz" darüber, daß die Menschheit sich nicht bloß mit dem Herrn Jesus, sondern ebensogut mit Sterndeuterei, Maharishi Mahesh Yogi und Ähnlichem Seelentrost verschaffen kann, voll Schmerz und unverschämten Selbstbewußtsein definiert sich die Kirche ihre Feinde zurecht: "Aberglaube: Falscher Glaube; eine Haltung die sich auf Vorläufi- ges richtet und davon Heil erhofft. Dinge verselbständigen sich und beherrschen den Menschen: Horoskopen, Amuletten, Spielkarten werden magische Kräfte zugeschrieben." Falscher Glaube?! "Dinge verselbstständigen sich" dort genausowe- nig oder -soviel, wie wenn trockene Oblaten als Fleisch und Blut feilgeboten werden. Und über Kultgegenstände mit magischen Kräf- ten verfügt doch ausgerechnet die Hüterin des "wahren" Glaubens in Hülle und Fülle: von der Christopherus-Münze gegen Verkehrsun- fälle, der Kerze für den Heiligen, der verlorene Schlüssel wie- derbringt, über den Blasiussegen gegen Fischgräten, das Blut, das sich alljährlich verflüssigt, bis zu den Fatima- und sonstigen Madonnen, die - glaubt man nur fest genug an die "magischen Kräfte" - Krüppel geradebiegen usw. usf. Vom vatikaneigenen Astrologen ganz zu schweigen. Und überhaupt: Die Kartenleger und sonstigen Magier sind doch reine Waisenknaben verglichen mit ih- ren Kollegen von den Amtskirchen: Die verstehen sich darauf, hin- ter der k o m p l e t t e n Welt "magische Kräfte", nämlich eine lückenlose göttliche Ordnung auszumachen. Und genau dieser kleine Unterschied macht die Sterndeuter so verdammenswert: "Vorläufiges" interessiert die Horoskopleser, Liebe, Geld und sonstige Angelegenheiten, statt daß sie sich das "Heil" brav im Schoß der Kirche vom Jenseits erhoffen. Ausgerechnet in dem un- terwürfigen Vergnügen, sich die Decke, nach der man sich strecken muß, als von den Sternen vorgeschriebene Möglichkeiten auszuden- ken, auf die man sich bestmöglichst e i n z u s t e l l e n hat, ausgerechnet darin wittern die Kirchen verderblichen Mate- rialismus. Und ein drohendes Bischofswort vermag dem ge- schäftstüchtigsten Postminister ein einträgliches Geschäft zu vermiesen. Den telefonischen Horoskopdienst hat Schwarz-Schilling abgeblasen. Wider den Abfall ---------------- Härtere Bandagen sind im Kampf gegen sogenannte Sekten gefragt. Der Allgemeine Katechismus definiert wiederum zielstrebig: "Sekten: kleinere Gemeinschaften, die sich von einer großen Kir- chengemeinschaft abgesondert haben (oder neu gegründet wurden) und von diesen nicht als Kirchengemeinschaft anerkannt werden, z.B. Adventisten, Mormonen u.a. Sektierer sind Angehörige einer Sekte; im allgemeinen Sprachgebrauch: fanatische Verfechter einer abweichenden Meinung." Erstens "klein" und als mißliebige Konkurrenz von den Großkirchen "nicht anerkannt", das muß ja zweitens in Fanatismus ausarten, wenn sie einfach i h r e n Religionsmist glauben wollen statt den der anderen. Und: um so Fanatismus, je Jugend. Eine der an- geblich größten Sorgen unserer Zeit, die sogenannten Jugendsek- ten, erscheinen mit Regelmäßigkeit auf "Spiegel"-Titelblättern, und beide Kirchen haben ganze Kommissionen darauf angesetzt. Sek- tenprofi Haack von der Evangelischen Kirche analysiert messer- scharf den Unterschied heraus: "Der Radikalismus der neuen Jugendreligionen ist nicht christli- cher Art. Er baut auf dem Machtanspruch irgendeines religiösen Führers oder einer religiösen Idee auf." (Friedrich-Wilhelm Haack, "Die neuen Jugendreligionen") Der Machtanspruch i r g e n d e i n e s religiösen Führers - statt der dazu b e r u f e n e n, namens Papst, Bischofssynode usw., das ist weiß Gott unchristlich. Und auch noch i r g e n d e i n e religiöse Idee - statt der bewährten, macht- vollen, staatstragenden Christentümer. "Ganz im Gegensatz zum christlichen Glauben wird der Mensch bei den modernen Jugendreligionen zu einer Art Mittel zum Zwecke (entweder der Verbreitung der neuen Lehre" - bei den Christen heißt das Mission und ist schwer in Ordnung - "oder der Verehrung, manchmal sogar der Finanzierung des Religionsgründers und seiner Hierarchie)." Bei den Christen heißt das Jesusglaube, und die Finanzierung des dazugehörigen Beamtenapparats passiert per Kirchensteuer. Der Christ ist Mittel zum Zweck? I wo! Das Schlimme an den Sekten: Sie machen haargenau d a s s e l b e wie die Kirchen. Und was schließlich die häßliche Konkurrenz extra verdächtig macht in den Augen der Kirche, ist witzigerweise der Umstand, daß deren Anhän- ger zum Teil mit ihrem Glauben e r n s t m a c h e n. D a s nennen dann die ordentlichen Glaubensverwalter bezeichnenderweise "Radikalismus" und interpretieren die Worte unseres Herrn Jesus zurecht, daß es einer Sau graust: "Nun wird manchmal auch eingeworfen: Wir müssen uns radikal von der Welt abwenden, denn in der Bibel steht doch, daß Christen 'nicht von dieser Welt' sein sollen. Dieses 'nicht von dieser Welt sein' bedeutet nicht, sich abwenden, sondern es bedeutet, sich den falschen Spielregeln der Sünde nicht zu unterwerfen. Es bedeutet, sich nicht an dem gottlosen Kampf des einen gegen den anderen zu beteiligen, in dem sich der eine auf Kosten des ande- ren rücksichtslos durchsetzt... Der Christ baut in dieser Welt, die ja Gottes Schöpfung ist, an der Verwirklichung der Gesetze Gottes. Die neuen Jugendreligionen mit ihrer Loslösung ihrer Anhänger aus Familie, Beruf und Ausbil- dung gehen einen nichtchristlichen Weg. Wenn sie sich dabei auf die Bibel berufen, geschieht es zu Unrecht." Schön gesagt. "Den gottlosen Kampf des einen gegen den anderen" in den idyllischen Familien, der heilsamen Ausbildung und den gottgefälligen Berufen zu führen u n d alles als Gottes Schöp- fung zu b e t r a c h t e n, so geht wahres Christentum. Wer aber mit der Entsagungs- und Liebe-Deinen-Nächsten-Moral ernst macht, auf den schnöden Mammon pfeift und jede weltliche Eitel- keit ablegt - früher konnte man mit dieser Tour in der Kirche später Heiliger werden! -, ist heutzutage unchristlich. Unsere Kirchenmänner erklären mit ihrer Sektenverdammung dankenswert deutlich, in welcher Funktion s i e sich in der modernen Welt eingenistet haben: als Hüter der öffentlichen Moral, die das Ge- schäftsleben, den "gottlosen Kampf" siehe oben, nicht nur nicht behindert, sondern wundersam e r g ä n z t, die also entspre- chend berechnend gehandhabt wird von den Gläubigen wie von den Pfaffen. "Dein Reich ist nicht von dieser Welt" im Herzen, i n dieser Welt nach deren Regeln mitgemischt u n d dabei die sün- dige Menschennatur beklagt, so hält's der Musterchrist. Leider aber schaffen auch die bösen Jugendsekten zuweilen diesen Übergang. Seitdem die Bhagwans voll ins Geschäftsleben eingestie- gen sind, nach allen kapitalistischen Regeln Profite machen, ihre Mitmacher gar nicht mal so schlecht bezahlen und auch noch Drogen und Besäufnisse in ihren Kneipen verbieten, haben die Sektenfach- männer der Großkirchen endgültig Schaum vorm Mund und hetzen ge- gen die "ausgeprägt aggressiven Techniken dieser Vertreter eines destruktiven Psychokults" (Der Spiegel Nr. 6). Ein kirchenfreund- liches Gerichtsurteil, "Jugendlichen und jungen Erwachsenen drohe die Gefahr, daß sie beim Besuch von Bhagwan-Discos in der betont lockeren Atmosphäre der Einflußnahme der Vertreter der Bhagwan- Bewegung erliegen und letztlich unter Zerstörung der eigenen Per- sönlichkeit zu lebensuntüchtigen Individuen werden", ist von der nächsten Instanz kassiert worden: "Wertvorstellungen einer klaren und einheitlichen Mehrheit der Bevölkerung dürfen nicht dazu führen, daß aufgrund der Unverein- barkeit der Bhagwan-Bewegung mit dem Christentum eine gewerbe- rechtliche Betätigung eingeschränkt werden könnte." Die "Zerstörung der eigenen Persönlichkeit", die Bhagwans angeb- lich zustandebringen, unterscheidet sich schließlich kaum von der kirchenüblichen. Denn gegen Uniformierung haben die ja auch nichts einzuwenden, wenn sie auch das Rot den Kardinälen vorbe- halten. Und der "echt-lockere" Rocker-Pfarrer auf der Honda ge- hört längst zum Repertoire kirchlicher "Jugendarbeit", ebenso wie die Popmesse und der Pater Disc-Jockey im Gemeindesaal. Und was die Geschäftstüchtigkeit betrifft, die hatte Pfarrer Haack doch gerade selber als echt christliche Bewährung in der Sündenwelt verlangt. Von den ganzen Vorwürfen bleibt letztendlich nur der übrig, daß die Bhagwan-Jünger auf Sozial- und Altersversorgung verzichten - ein Privileg, wie der "Spiegel" schadenfroh ver- merkt, das die Kirchen selber genießen und daher am liebsten zum Prozeßgrund ausbauen würden: "Denn Mitglieder ordensähnlicher Vereinigungen - und dazu zählt sich auch die Bhagwan-Sekte - unterliegen in der Bundesrepublik grundsätzlich ebensowenig dem allgemeinen Arbeitsrecht und der Sozialversicherungspflicht wie etwa Angehörige von Ordensgemein- schaften der Großkirchen." BGB und 10 Gebote gehen eben doch nicht immer zusammen, wenn es um die Ausschaltung der Konkurrenz geht. Ein einfaches verbot läßt sich leider nicht erwirken. Schließlich hat unser Rechts- staat nichts dagegen, wenn Leute sich höchstpersönlich einen Sinn in die alltägliche Misere hineindeuten, sondern nur gegen ge- setzwidrige Übertreibung. Also wird die Konkurrenz auf der Sinn- ebene mit aller gebotenen Härte ausgetragen: "Die neuen Jugendreligionen haben ihre Mitglieder immer fester in der Hand, als die allgemeine Gesellschaft ihre Glieder haben könnte. Das gilt übrigens in dem Maße um so mehr, je weniger das Angebot an Autorität in der Gesellschaft wird!" Da wird sich doch wohl etwas machen lassen! Nur echtes Opium fürs Volk! --------------------------- Feind Nr. 3, die "Ersatzreligionen", sind das Allerletzte. Weil sie, wie der Name schon sagt, angeblich die Religion ersetzen, statt bei ihr zu bleiben. "So trägt z.B. sportliche Begeisterung Züge der Verehrung und entwickelt Rituale; die Werbung verwendet religiöse Symbole, Par- teien werden verehrt und entfalten einen Kult." (Religion an Gym- nasien) Gemeint sind natürlich nicht die grunddemokratischen Kultformen wie das legendäre Franz-Heubl-Gebet "Franz Josef, wir folgen Dir" oder gemeinsames Deutschlandlied-Schmettern oder "Ich bete an die Macht der Liebe" beim Großen Zapfenstreich. Gemeint sind die mit den roten Fahnen. Nachdem also in den Augen der Kirche Sport, Sex und Kommunismus, die an sich guten und nützlichen Rituale einfach m i ß brauchen, empfiehlt sich ein einfacher Warentest. Religion und Religions- ersatz, mal ehrlich, wer hat da in Sachen Religiosität und Er- scheinungsformen mehr zu bieten?! S t a t t am Balkensepp sich an erotischen Symbolen aufgeilen, s t a t t auf die Bibel auf Lenin, auf die Fußballtrainer oder aufs Kamasutra hören, s t a t t Wallfahrten Demonstrationen, Olympiaden oder Sex-Partys veranstalten, s t a t t Jesus Tschernenko, Beckenbauer oder Dolly Dollar verehren, das kann es doch einfach nicht bringen. Meint die Kirche. Und irgendwie hat sie auch recht. Bei allem Quatsch, der in diesen Abteilungen ge- trieben werden mag, das bißchen Wahrheit, das der Kommunismus auf seiner Seite hat, daß es der Arbeiterklasse nur guttun würde, sich um i h r e n Erfolg zu kümmern, ist eben das G e g e n t e i l von Sinnstiftung. Und selbst das bißchen Ver- gnügen, was bei Sport und Sex anfällt, ist wirklich kein R e l i g i o n s ersatz, sondern weitaus bekömmlicher. zurück