Quelle: Archiv MG - BRD KIRCHE - Vom Mißbrauch des Verstandes durch den Glauben
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Martin Luthers "Die Bibel"
GEFÄHRLICHE ERBSCHAFTEN
Martin Luthers 500. Geburtstag in diesem Jahr wird nicht zuletzt
deswegen gefeiert, weil er ein Buch ins Deutsche übersetzt hat:
die Bibel.
Dabei geht es weniger um die Qualität seiner Übersetzung, die oh-
nehin nur der Fachmann beurteilen kann. Vielmehr wird die überra-
gende Glaubwürdigkeit hervorgehoben, die dem oder den Verfassern
des Werks bis heute eine ungebrochene Popularität beschert haben
soll. Und in der Tat: Wie in früheren Jahrhunderten Philosophen
oder sonst führende Köpfe zur Berufungsinstanz für Streitigkeiten
dienten, so wurde erst unlängst eine ganze Raketendebatte unter
wechselseitiger Anführung einander entgegengesetzter Belegstellen
aus der "Schrift" abgewickelt. Was ist es also, das diesen (der
Überlieferung gemäß immerhin schon über 2.000 Jahre alten) Text
so einzigartig macht? Aufklärung kann nur die unvoreingenommene
Betrachtung des Werks selbst bieten.
1. Das Alte Testament
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Der Gegenstand, wie er aus den Überschriften der großen Hauptab-
schnitte des Buchs hervorgeht, ist die Geschichte zweier Hinter-
lassenschaften, eines "alten" und eines "neuen Testaments". Von
den näheren Lebensumständen dessen, der hier seine Angelegenheten
in Ordnung bringt, erfahren wir zunächst nichts. Selbst seinen
Namen umgibt eine Aura des Unbestimmten: Gott. Dieser Gott, da
offenbar ohne eigene Nachkommen, regelt seinen Nachlaß in der
gutmütigen Art des Alters; einen wunderschönen Garten mit reich-
haltigem Pflanzen- und Tierbestand vermacht er einem jungen, noch
unerfahrenen Paar nur deswegen, weil die beiden ihm ähnlich se-
hen. (Die etwas übertreibende Metaphorik des Erzählers - weil die
Erben durch ihre großzügige materielle Versorgung sozusagen
"Geschöpfe" ihres Gönners sind, wird gleich die ganz Welt mitsamt
dem bedachten Paar als wirkliche "Schöpfung" des Erblassers dar-
gestellt - läßt vermuten, daß die entsprechenden Kapitel nicht
von dem auf dem Titelblatt genannten Moses, sondern von dem Gott
selbst verfaßt worden sind, der seine Schenkung als besonders
wertvoll charakterisieren wollte.) Der Eindruck der Vertrauensse-
ligkeit täuscht jedoch. Obwohl Gott seinen "Ebenbildern" Adam und
Eva nie persönlich gegenübertritt, auf ihre Dankbarkeit also kei-
nen besonderen Wert legt, möchte er trotzdem von ihnen nicht ver-
gessen werden. Er verbietet ihnen deshalb, von einem gewissen
Baum zu essen, läßt sie allerdings - während er sie gespannt be-
obachtet - über die möglichen Folgen im Unklaren. Als die beiden
die Klausel verletzen, reagiert Gott mit wiederum alterstypischem
Starrsinn, enterbt sie und läßt sie aus seinem Besitztum werfen;
dort, in der unwirtlichen Wüstenei, geht ihnen außer ihrer völli-
gen Mittellosigkeit auch noch auf, daß sie nackt sind, ein vorher
nur mäßig interessierendes Problem. Die weitere Handlung gibt
dann, zuweilen selbst in geraffter Form (Geschlechtsregister),
durch mehrere Generationen hinweg den gewöhnlichen Alltag von
Einödbauern wieder: das Zeugen von Kindern, die harte Arbeit,
Streit zwischen Geschwistern, Inzucht, usw. Auch an Naturkata-
strophen, Wanderbewegungen und ähnlichem mangelt es nicht. Wenn
hier noch eins erwähnenswert scheint, so ist es die immer
stärkere Hervorkehrung ein es formellen Rechtsstandpunkts bei
Gott: Aus ursprünglich kaum 10 Geboten wird bis zum 5. Buch Mose
eine wahre Gesetzesflut, die selbst noch die Verrichtung einer
Notdurft in der Wüste kodifiziert und unter die Strafdrohung des
Waschzwangs stellt. Vielleicht als Folge seiner erstaunlichen
Langlebigkeit, verfolgt er jene ursprüngliche Mißachtung des
ersten Erbschaftsvertrags noch an den Kindeskindern: Statt sich
würdigere Erben zu suchen, schließt er mit dem immer wieder
enttäuschenden Geschlecht einen "Bund" nach dem andern,
verkompliziert dabei ganz unnötig ständig die Bedingungen und
bleibt letzten Endes ewig unzufrieden, statt sich den Lebensabend
so bequem wie möglich zu machen.
2. Das Neue Testament
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Im zweiten Hauptabschnitt des Werks deutet sich nun die überra-
schende Auflösung jener Halsstarrigkeit Gottes an. Was vorher im
Alter des Helden seine nur teilweise Erklärung durch plane psy-
chologische Motive fand: das Versteckspiel bei gleichzeitigem Be-
harren auf Anerkennung, erfährt eine menschlich einleuchtende Be-
gründung. Es ist die Verzweiflung eines gutsituierten alten Man-
nes, der für seine Reichtümer einen natürlichen Erben lieber sähe
als im Grunde doch wesensfremde Adoptivfamilien. Als es ihm end-
lich gelingt, einer Jungfrau ihre Empfängnis zu "verkündigen"
(auch in diesem verständlichen Euphemismus sehen wir eine Mitau-
torenschaft des Helden, der dem im übrigen verantwortlichen Auto-
renkollektiv bekannt gewesen sein muß), teilt er bei jeder Gele-
genheit mit: "Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen
habe!" Er verhehlt auch nicht, dieses freudige Ereignis bereits
in der Vergangenheit des öfteren natürlich nur dunkel - an gedeu-
tet und vorausgesagt zu haben. Kurz, Gott ist in der Tat vergnügt
und sieht mit dem neuen Testament, worin er sein "Reich" selbst-
verständlich seinem "eingeborenen (!) Sohn" vermacht, sein Le-
benswerk vollendet. Da überstürzt sich das Geschehen! Auf der
einen Seite stellt sich heraus, daß der Sohn trotz seiner Jugend
wahrlich ganz der Vater ist. Eine Neigung zu Mystifikationen, mit
denen das Volk beeindruckt werden soll, ist ebenso unverkennbar
wie die zur Schulmeisterei und an irgendwelche Bedingungen ge-
knüpften Versprechen zu künftiger Beteiligung an der Erbschaft.
Auf der anderen Seite hat der Sohn den Nachteil zu erfahren, daß
er sich wegen der Preisgabe durch den alten Herrn nicht so im
Hintergrund halten kann wie dieser. Kaum zieht er sich also den
Unmut der Leute zu, deren Gutwilligkeit er sich durch das vorläu-
fige Ausbleiben des Erbfalles verscherzt, muß er erkennen, daß
sein strenger Vater von solchen neuen Testamentsquerelen alles
andere als erbaut ist und von ihm mannhaftes Durchstehen der sich
abzeichnenden Unannehmlichkeiten erwartet. Immerhin: Nicht minder
starrsinnig als sein Vater Gott weigert er sich, wie gefordert
die Verwandtschaft zu diesem abzuleugnen, selbst als dieser sei-
nerseits keinen Schritt zur Entspannung der Lage tut; er schickt
sich in Inhaftierung und Verurteilung, wobei er noch dies mit
Verheißungen und als einzig "Gott gefälligen" Weg verkündet. Da
endlich erweicht das Vaterherz; der Sohn, obgleich der barbari-
schen Strafjustiz der damaligen Zeiten fast zu lange ausgelie-
fert, braucht doch nicht zu sterben und wird auf etwas mysteriöse
Weise befreit. Nachdem er seine - wie jeder aufgrund der Umstände
glauben muß - Auferstehung einigen überzeugten Miterben mitge-
teilt und ihnen günstige Vereinbarungen mit dem Vater in Aussicht
gestellt hat, verläßt er mit Gott die Szene. Wie das Manuskript
abschliessend feststellt, reden diejenigen, denen die geschilder-
ten Begebenheiten die Hoffnung auf mehr geweckt haben, seither in
vielen Zungen.
3. Die Offenbarung
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Es ist an der Zeit, nun auch die Form der vorstehenden Erzählun-
gen näher zu beleuchten. Dem Autorenkollektiv, von dem schon die
Rede war, schwebte die Geschichte von den beiden Testamenten und
den Schicksalen ihrer Begünstigten nämlich als etwas Außergewöhn-
liches vor. Mochte sich der Stoff sowohl als Heldenepos wie als
orientalischer Schelmenroman verarbeiten lassen, beides war nicht
das Ziel der Verfasser. In echter Begeisterung für den einmal
aufgefaßten Gegenstand ihrer Kunst, wie sie sonst eigentlich nur
der Moderne eignet, verschrieben sie sich im wörtlichsten Sinne
dem "Dienst am Wort". Ob eine Beteiligung des beschriebenen Gott
(wie wir für manche Passagen annehmen) hier den Ausschlag gibt,
wissen wir nicht. Was sich allein feststellen läßt, ist eine bis
dahin nicht - und seither nie wieder - erreichte, unerhörte
Durchdringung von fiktionaler und historisch kolportierender
E r z ä h l p e r s p e k t i v e, die aus der Geschichte Gotts
ebenso Objekt wie Subjekt der Erzählung macht. In der Schöpfungs-
metaphorik des ersten Teils wird z.B. ganz auf den von Th. Mann
ironisch so genannten "allmächtigen Erzähler" verzichtet; das
Werk setzt erratisch ein: "Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde."
Da wird von Gott etc. nichts weiter ausgeführt, der Autor
schreibt eine Chronik wie von einem Bekannten. Man vergleiche die
suggestive Wirkung dieser Erzählweise mit der kindlich-traditio-
nellen: "Es war einmal ein Gott, der..." Auch andere Varianten -
Matthäus spricht als Historiker ("Dies ist das Buch von der Ge-
burt Jesu Christi..."), Lukas aus persönlichem Drang ("...daß
ichs zu dir, mein guter Theophile, mit Fleiß ordentlich
schriebe"), etc. - benutzen das Stilmittel, dem Leser das Er-
zählte zumindest der Quintessenz nach als bekannt vorauszusetzen,
zu einer Steigerung der Glaubhaftigkeit. Es kommt dadurch zu sol-
chen Verunsicherungen wie der, daß oft nicht mehr genau unter-
schieden werden kann, ob gerade eine Prophezeiung geschildert
oder tatsächlich prophezeit wird. Wir nehmen den Aufbau der Hand-
lung hinzu: Durch die Besonderheit des Helden Gott, der sowohl
als unsichtbarer Motor wie als Agent des Geschehens selbst auf-
tritt, wird es möglich, daß die Handlung sich auch selbst bestä-
tigt. Die Projektion eines Geschehens in die Zukunft (Warnung,
Verheißung) beweist, wo diese Zukunft Gegenwart wird, daß sie
tatsächlich eine Konsequenz der Projektion ist (Urteil, Gericht).
So verwandelt sich unterderhand eine einfache Geschichte in "die"
Geschichte selbst, was wiederum das Bedürfnis nach einer solchen
"eigentlichen" Geschichte, einem Hintergrund aller sonstigen,
dazu benutzt, das von den Autoren Gebotene für das "Eigentliche"
'zu nehmen. Zuletzt die biblische S p r a c h e: Ihr - von Lu-
ther kongenial übertragenes - überirdisches Pathos überzeugt in
eben dem Maße vom in ihr vorgetragenen Inhalt, wie der von ihr
vorausgesetzte Leser (am einfachsten in der Gestalt der Verfasser
selbst) diesen Inhalt schon vorher für irgendwie bedeutsam hält.
"Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, wer nicht zur Thür hinein ge-
het in den Schafstall, sondern steiget anderswo hinein, der ist
ein Dieb und ein Mörder." (Joh. 10, 1) Der Kunstgriff besteht al-
lerdings darin, daß sich mit den Worten der Bibel die gewöhnliche
Bedeutung einer Redensart in die außergewöhnliche Bedeutung einer
Offenbarung verwandelt! Mit einem Satz: Dieses Werk hat den
Wunschtraum jedes Literaten tatsächlich verwirklicht, nämlich die
in Interesse und Glaubwürdigkeit begründete Distanz zwischen Le-
ser und Erzähler tatsächlich überwunden. Weil es einer schon fer-
tigen Botschaft nur angemessene Form gibt, braucht man, um diesem
Buch zu glauben, es noch nicht einmal zu kennen!
4. Die christliche Botschaft
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hat deshalb mit dem "Buch der Bücher" nur indirekt zu tun. Wer
bestätigt haben will, daß alles, was er macht, einer höheren Not-
wendigkeit folgt - und weiter nichts -, der wird zweifellos auf
jeder Seite des Folianten fündig. Für die ohnehin beliebte Ma-
nier, sich und andere moralisch zu bespitzeln, stehen mit Gott
samt Familie und Nachlaß lauter unbezweifelbare Autoritäten zur
Verfügung. Ganz automatisch darf sich, wer etwas tun m u ß, in
seiner Bescheidenheit und Hoffnung durch sein "sündiges Erbe" ge-
rechtfertigt sehen. Und wer gegenüber anderen das Sagen hat, kann
seine Erwartungen und Forderungen als "Verantwortung und Zuver-
sicht" rechtfertigen. Insofern ist es wirklich eine blöde Frage,
ob die Klassengesellschaft eine Erfindung "Gottes" ist oder umge-
kehrt: Dazu schweigt sogar die Bibel!
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