Quelle: Archiv MG - BRD KIRCHE - Vom Mißbrauch des Verstandes durch den Glauben
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Das Fest der Liebe
WEIHNACHTEN IN LIEBLOSER ZEIT
I. urbi et orbi -
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"Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich in
ihrer Mitte." (Mt 18,20)
Einmal im Jahr ist überall dort, wo Abendländler wohnen oder
wohin sie in friedlicher oder gar nicht freundlicher Absicht
ihren Fuß gesetzt haben, Weihnachten. Diesem "schönsten" aller
christlichen Feste kann und will sich niemand entziehen, mag es
ihm auch noch so dreckig gehen und mögen auch die politischen und
geographischen Umstände noch so wenig zu dieser Feier einladen.
Gerade dies, zu wenigen allein, oder in Not auf einem Schiff zu
sein, der Heimat und dem Schöße der Familie entrissen, macht
Weihnachten unentbehrlich, zu einem Fest, das alle Grenzen
sprengt, ohne daß man unbedingt mit Panzern über sie hinweg-
gerollt sein muß. (Denn zum höchsten der Gefühle wird Weihnachten
bekanntlich, wenn es neben den Panzern gefeiert wird.)
Nicht das Lied eines Jürgen Marcus zieht hinaus in die Welt,
sondern die drei Strophen, die im Jahre 1818 ein armer und
einsamer Hilfsgeistlicher in stiller und heiliger Nacht und im
Salzburger Land erfand, klingen in allen Sprachen die Erde
entlang. "Holder Knabe im lockigen Haar" ertönt auch dort, wo es
sonst nur krause Neger gibt und die Weißen, die von den Schwarzen
viel haben, aber nichts wissen wollen, das Fest der Liebe feiern,
obwohl sie in kurzen Hosen unter der Sonne schwitzen, wenn sie im
Gesang den Schnee leise rieseln lassen. So wundert es auch nicht,
wenn Kamele in der Wüste mit einem festlich geschmückten Tannen-
baum konfrontiert werden, wobei es nicht darauf ankommt, ob der
Lichterbaum eine echte Tanne, geschnitzt oder aus Plastik ist.
Der deutsche Christbaum hat auch das Ausland erobert. Gegen
seinen Lichterglanz sind andere heidnische Bräuche im christli-
chen Gewand wie mistletoe, plumpudding, raus aus den Socken - rin
in'n Kamin, und erst recht das Väterchen Frost der russischen
Seele eine blasse Angelegenheit.
Oh Tannenbaum, grünt auch im Wilden Westen
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Was die deutsche Tanne anbetrifft, so ist sie ein schönes
Beispiel dafür, wie es die Christen verstanden haben, Volks-
bräuche und Volksglauben, mit denen man früher seine bornierte
Abhängigkeit von der Natur feierte, jeweils dort mit dem
christlichen Glauben zu verbinden, wo es, unterstützt durch
andere, unsanftere Maßnahmen, die Heiden in die christliche
Gemeinschaft zwang. Zwar hat ein Bonifatius die Eiche des Donar
umhauen lassen, die Durchsetzung der Sonne gegen Nacht und Winter
in der Wintersonnwende erschien aber als geeigneter Zeitpunkt,
die Geburt des sol invictus Christus zu feiern, und es gab kein
Problem, das Grün der Tanne, das auf Frühling und Fruchtbarkeit
hinwies, als den Baum Jesse zu deuten, dem der heilige Christ
entsprossen. Warum auch! Denn das Interesse des Christentums ist
es nie gewesen, beschissene Verhältnisse zu ändern, sondern die
ihnen Unterworfenen durch den Glauben mit den Verhältnissen zu
versöhnen oder sie einem Herrscher von Gottes Gnaden Untertan zu
machen. Davon gibt auch das Weihnachtsfest beredtes Zeugnis.
Der Tannenbaum gehört also dazu, egal wo man sich gerade befindet
und wie man sich ihn beschafft. Während ein aus der Heimat
verstoßener Luis Trenker es schafft, gerade in der Rauhnacht aus
dem modernen und lieblosen Amerika zurück in die Dorfgemeinschaft
zu finden, wo Blut, Boden und die wahre Weihnacht noch etwas
gelten, weiß der Kinderverführer Karl May jung und alt zu
erzählen, daß das deutsche Weihnachtsfest noch im wildesten
Westen seinen Platz hat. Old Shatterhand, der normalerweise mit
dem christlichen Glauben im Rücken, zusammen mit Winnetou und
anderen cracks in den ziemlich rechtlosen Verhältnissen dafür
sorgt, daß vaterlandslose und der christlichen Menschheit
unwürdige Gesellen ihre gerechte Strafe bekommen, und den
aufmüpfigen Indianern klarmacht, daß er nicht zu den
Indianerschlächtern gehört - all dies nur in Notwehrsituationen,
versteht sich -, inszeniert irgendwo in den rauhen Bergen
(genauer am "Heißen Wasser") des Landes der unbegrenzten
Möglichkeiten eine Weihnachtsfeier, die dem Vertreter in Sachen
Moral, Imperialismus und seiner Ideale alle Ehre macht:
"Wir beschlossen, das Fest nach deutscher Weise durch einen
brennenden Lichterbaum zu begehen ... Wir füllten diesen Tag
damit, daß wir Dillen für die Lichter schnitzten und allerlei
Schmuck, wie ihn die Wildnis bot, für den Christbaum fertigten
... Die Weißen nahmen ringsum Platz, und in einem weitern Kreis
lagerten die Schoschonen, neugierig auf den Christbaum. Nur einer
fehlte: der Alte ... Nun schlich er in der Finsternis umher,
allein mit seinem Geiz ... Als alle Lichter brannten, sangen wir
das (!) Lied ... Hierauf sprach ich einige ernste Worte. Dann
bescherte Winnetou die nuggets ... Wie glücklich waren die vier
...Walley und Hiller hatten nichts bekommen; sie mochten sich
enttäuscht fühlen, ließen sich aber nichts merken ..." usw., usw.
("Weihnacht im Wilden Westen")
Um an die nuggets heranzukommen, mußten einige dran glauben, und
nicht nur Indianer. Jetzt aber ist eitel Friede, denn Winnetou,
dem als Repräsentanten der roten Rasse die nuggets eigentlich
gehören, schenkt sie den Weißen, die das Gold also doch noch
bekommen (bis auf einen, der so geizig war, alles haben zu
wollen). Sie überlegen sich schon, was sie mit dieser ur-
sprünglichen Akkumulation im wahrsten Sinne des Wortes im fernen
Deutschland für Geschäfte machen wollen. Die Schoschonen können
sehen, wie einer der ihren den konsequenten Weg zum Christentum
geht und so die rote Haut verrät, und ahnen vielleicht dumpf, daß
die Bescherung unterm Christbaum deshalb ein Fest ist, weil sie
diesem zivilisatorischen Fortschritt Land und Leben opfern
müssen. Doch hat an Weihnachten der Mensch May auch für sie Trost
zusammengereimt:
"Selig, wer bis an das Ende
an die ew'ge Liebe glaubt!
Darum gilt auch dir die Freude,
die uns widerfahren ist,
denn geboren wurde heute
auch dein Heiland Jesus Christ!" (ibid.)
An Weihnachten geht es so sehr um Liebe und Frieden, daß sich
niemand "nichts merken" lassen darf, wenn er merkt, daß ihm die
Liebe wenig beschert hat, und sich fragt, inwiefern der Heiland
sich auch für ihn in die Krippe gelegt hat. Doch muß dieser
materialistische Standpunkt vom Christkind scharf zurückgewiesen
werden: braucht es doch gerade wegen Not, Lieblosigkeit und
Unfrieden das Fest der Liebe. Weshalb sollte man sonst feiern?
... und im Krieg am besten
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Daß Weihnachten nicht Frieden bedeutet, sondern ein Fest ist, das
einmal im Jahr und natürlich alle Jahre wieder alle Brutalitäten,
die sich bürgerliche Menschen antun, im Ideal des Friedens
verherrlicht, was nicht ohne brutale Abstraktionen geht, weil der
Tannenbaum und die Krippe die Lieblosigkeiten nicht aus der Welt
schaffen - dafür sind beide ja auch nicht da -, wird schlagend
klar, wenn Landser sich daran machen, im Krieg, in dem sie gar
nicht mehr an sich, sondern nur noch ans Vaterland denken, ihr
Handwerk zu unterbrechen und am 24. Dezember das Fest der Liebe
begehen. Da zeigt sich die ganze Wucht des schönsten aller Feste.
Wenn nicht gerade Türken oder Russen die Feinde sind, gegen die
man den Frieden mit der Waffe erkämpft, sondern zivilisierte
Abendländler, kommt es vor, daß man die Kanonen schweigen läßt,
mit dem gegnerischen Graben Kontakt aufnimmt und Freund und Feind
gemeinsam die unheimlich stille Nacht besingen. Nachdem die
Sonderrationen an Schnaps und Tabak verzehrt sind - die Heimat
weiß, wie sehr die Moral des Soldaten Weihnachten braucht und daß
sie nicht ohne Schnaps zu erzielen ist -, umarmt man sich und
drückt dem Feind, gegen den man ja eigentlich nichts habe, die
Hand, um nach Beendigung der Feier- oder Feuerpause (egal) wieder
auf ihn abzudrücken - "schlaf in himmlischer Ruh."
Daß Weihnachten nicht im Widerspruch zum Krieg steht, sondern
dazugehört, beweist diese brutale Feier ebenso wie der Brief
eines gefallenen Studenten aus dem Weltkrieg, geschrieben unter
dem Eindruck einer Weihnacht, die ihm Frieden brachte, ohne daß
eine kurzfristige Versöhnung mit dem Feind stattfand, im
Gegenteil:
"Das war unsere Weihnacht. Nichts Weiches, nichts Versöhnendes,
mit dem Feind Aug' in Aug'; ... erst deuchte mich Weihnachten
Hohn und Spott: 'Friede auf Erden und den Menschen ein
Wohlgefallen!' Aber freilich, es ist der Friede des Herzens
gemeint, und den haben wir ..."
Gegen die über tausend Jahre alte interessierte Fehlübersetzung,
die aus der Weihnachtsbotschaft "den Menschen ein Wohlgefallen"
macht, und - so die extremste Form der Umdeutung - den Frieden
denen zukommen lassen will, die guten Willens sind, wo doch der
Heiland seine Heilsbringung auf diejenigen beschränkt wissen
wollte, die Gottes Wohlgefallen gefunden haben (bonae
voluntatis), hat er sich nicht gewehrt. So hat er auch nichts
gegen die oben zitierte nützliche Anwendung des Christentums, die
es einem Soldaten ermöglicht, sich beim Töten den inneren Frieden
zu bewahren. Denn der Christus selbst hat die unmittelbare Gewalt
gegen den Menschen durch das Ideal der Liebe zum Menschen
sinnvoll ergänzt:
"Ihr habt gehört, daß gesagt wurde: Auge um Auge, Zahn um Zahn
... Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde und betet für eure
Verfolger." (Mt 5, 38f)
So kann der Heiland auf diese unsere Welt heute noch mit
Wohlgefallen runterblicken: was zu seiner irdischen Lebzeit noch
Theorie war (beschränkt auf Sektierertum und Zirkelwesen) hat
mittlerweile die Massen ergriffen und ist herrschende Praxis
(praktiziertes Christentum) geworden: denn der Trost des
"Friedens im Herzen" und damit die Hoffnung auf eine ewige
Seligkeit ist die beste Voraussetzung dafür, den Grundsatz "Auge
um Auge, Zahn um Zahn" mit reinem Gewissen anzuwenden.
Was ein Kommunist als erstes mit unter den Weihnachtsbaum nehmen
kann, ist also die zweifelhafte Freude darüber, daß er an
Weihnachten nicht isoliert ist, da überall, wo Menschen isoliert
sind, es ihnen dreckig geht, Krieg statt Frieden herrscht,
Egoismus statt Liebe, an diesem Festtag Liebe und Frieden
durchschlagen. Wird doch den ewigen Nörglern, die aus der
Unzufriedenheit der Leute immer nur die Forderung nach
Klassenkampf und Revolution ableiten, demonstriert, daß der
Glaube, der bekanntlich Berge versetzt, das schiere Gegenteil
daraus machen kann: Sich abfinden, Versöhnung und Liebe, deren
Opfer an Weihnachten auch die werden, die davon partout nichts
wissen wollen ("... denn sie wissen nicht, was sie tun.") Dabei
hat der Kommunist nicht zu übersehen, daß die Weihnacht am besten
in Ausnahmesituationen gedeiht: wo der Bürger unter Not und
Gewalt unmittelbar leidet, erlebt die Ideologie des Opfers ihre
erhabenste Feier. Deshalb ist der Faschismus auch gar nicht so
unchristlich, denn Nächstenliebe läßt sich allemal in
Kameradschaft, Lebensbund, Volksgemeinschaft und schließlich auch
Kampfbund übersetzen. Doch auch die Rührseligkeit demokratischer
Weihnacht enthält den Übergang zu Tugenden, die alles andere als
rührselig sind: enttäuschte Nächstenliebe sucht sich einen
Führer. Was der Kommunist weiter mitnehmen darf, ist, daß der
Gegensatz, der sich in der stillen Nacht abspielt, kein
Widerspruch ist in der modernen Welt und daß nicht nur Christen
dieses Fest der Christen feiern, also die Notwendigkeit für
dieses Fest offensichtlich anderswo herkommt. Deshalb ist es den
Kirchen auch hoch anzurechnen, daß sie die Inszenierung des
Weihnachtsfestes bis zu seiner heutigen Form vorangetrieben
haben, womit schon jetzt klar ist, daß es nicht der Heiland ist,
der mitten unter denen weilt, die sich da allerorten um den
Tannenbaum versammeln.
II. "Et verbum caro factum est" (Joh 1,14)
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"Unsres Herzens Wonne liegt in praesepio (1)."
Weihnacht wird nicht nur im ganzen Abendland und seinen Ablegern
in Ost und West feierlich begangen, ohne daß man dafür ein
gläubiger Christ sein müßte. An diesem Hochfest gehen sogar Leute
in die Kirche, die sonst auf die Pfaffen mit dem großen Magen und
den Pillen-Paul in Rom schimpfen und nur deshalb noch
Kirchensteuer zahlen, weil sie es anstößig finden, gar nichts zu
sein - und wegen der Kinder. Aber auch Eltern, deren Kinder schon
längst den Kinderschuhen kirchlicher Unterweisung entwachsen sind
und ohne Gott wissen, was sich gehört, finden gar nichts dabei,
sich mit ihren mehr oder weniger mißratenen Nachkommen plus
Anhang auf den Weg in die Kirche zu machen - jedes Jahr einmal.
Denn das schönste Fest der Christen hat seine Schönheit trotz
aller Modernisierungen und anbiedernden Reformen, die einen
Lefebvre an der Wahrheit der Kirche zweifeln lassen, weil er sich
darüber ärgert, daß der Glaube - seinem Begriff entsprechend -
säkularisiert ist. Er und seine Anhänger wollen nicht begreifen,
daß sich der Glaube nur durch seine Funktionalisierung erhält und
seine gesellschaftsbestimmende Rolle passe ist. Wer heute noch
dem Glauben die weltliche Herrschaft verschaffen möchte, findet
seine Vorbilder in faschistischen Staaten, die für ihre
Herrschaft den Glauben in die Pflicht nehmen, weil ihnen die
private Moral der Bürger nicht ausreicht. Für die Schönheit
sorgen Lichterglanz, Tannenbaum, Krippe und vor allem die Lieder,
die unter die Haut gehen und die man noch nicht vergessen hat.
Jung (mit der Einschränkung, daß deren Stimmung durch Gedanken an
die vorausgehende oder nachfolgende Bescherung durchkreuzt wird)
und alt bekommen glänzende Augen, wenn sie brüllen:
"Menschen, die ihr wart verloren,
lebet auf, erfreuet euch.
Heut ist Gottes Sohn geboren,
heut ward er den Menschen gleich."
Man denkt sich seinen Teil dabei, findet, daß man auch nur ein
Mensch ist, verliert vielleicht einen Gedanken an den Mit-
menschen, der ja auch nur ein Mensch ist, um sich's warm ums Herz
werden zu lassen und den inneren Frieden zu finden, den man
singend nach außen kündet. Daß man gerade gesungen hat, daß Gott
Mensch geworden ist, stört niemanden mehr. Und auch der Seher von
Patmos reißt mit seinem "Und das Wort ist Fleisch geworden"
niemandes Seele mehr auf. Was die Evangelisten verkünden, gehört
halt dazu. Freilich merkt man noch, daß die Worte eines Lukas,
der von Herberge, Kind, Windeln, Krippe, Hirten und anderen
Konkreta der heiligen Nacht spricht, eingängiger sind, obwohl
sicher ist, daß er nicht fürs Gemüt geschrieben und in keinster
Weise ans Christkind gedacht hat, als er das skandalon
verkündete, daß das Kind in der Krippe der Messias ist.
Balkensepp oder/und höheres Wesen
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Doch jemand, der nicht glaubt, sondern die Kirchengemeinde, in
der nicht mehr der geoffenbarte Gott, sondern die menschliche
Moral die Mitte ist, aufsucht, um sich zu erbauen, hat kein
Problem damit, daß Gott Mensch geworden sein soll, wozu auch kein
Anlaß besteht: Gilt doch auch der Kirche die Menschwerdung Gottes
als Erlösung von der Erbsünde für die, die guten Willens sind.
Und wenn der Glaube heute nur noch bei den Problemen des
täglichen Lebens die Beherrschung des schwachen Fleisches
predigt, so ist dies die moderne Wendung dessen, was die ersten
Christen glaubten.
Was die Evangelisten verkündeten, war die Glaubensgewißheit, daß
Gott nicht mehr der unbekannte ist, der, dessen Namen man nicht
nennen darf (Jahwe = Ich bin, der ich bin), sondern sich durch
die menschliche Geburt seines Sohnes zu erkennen gegeben hat, als
der, der er ist:
"Hier ist es offenbar, was Gott ist; er ist nicht mehr ein
Jenseits, ein Unbekanntes, denn er hat den Menschen kundgetan,
was er ist." (Hegel, WW 17, Vorlesungen über die Philosophie der
Religion, S. 187)
Dies ist der Fortschritt der christlichen Religion, die den
Widerspruch aufhebt, an einen Gott zu glauben, der das ganz
andere ist, der absolute Gegensatz zur Endlichkeit des Menschen,
was zugleich implizierte, den unendlichen und unbekannten in
endliche Vorstellungen aufzulösen, sich ein Bild von dem zu
machen, von dem man gewiß ist, daß er alle Vorstellungen
übersteigt - also den Gegensatz aufzuheben, ohne den Glauben an
Gott aufgeben zu wollen. Daß der Vater sich im Sohn, der Fleisch
wird, offenbart, ist der Trick der christlichen Religion, der
selbst Hegel Kopfzerbrechen bescherte:
"... daß Gott Mensch wird, damit der endliche Geist das
Bewußtsein Gottes im Endlichen selbst habe, ist das schwerste
Moment in der Religion." (ibid., S. 276)
Wahrlich ein schweres Moment, mit dem die christliche Kirche in
den ersten vier Jahrhunderten ihres Bestehens ihre Probleme hatte
- und dies nicht nur, weil den Juden ein Messias, der in einem
Stall zur Welt kommt und sich am Ende auch noch aufhängen läßt,
"ein Ärgernis" war und den fortgeschrittenen (griechischen)
Heiden ein logos, der Fleisch wird bis zur Konsequenz des
Kreuzes, "eine Torheit". Denn die Offenbarung Gottes durch einen
Menschen bringt die Versuchung mit sich, den "Menschensohn" ohne
den "Gottessohn" als die Religion zu nehmen, Gott Gott sein zu
lassen und das höhere Wesen so ad acta zu legen oder aber die
Offenbarung zu leugnen. Die Streitigkeiten der frühen Kirche
bewegten sich innerhalb dieses Widerspruchs, die Gottgleichheit
(homousios) gegen die Gottähnlichkeit (homöousios) festzuhalten,
ohne den Menschen Jesus zu negieren. Das Resultat dieser nicht
ganz einfachen Aufgabe war das Dogma der Gottessohnschaft Christi
wesensgleich mit dem Vater, woran sich ein zweites anschloß:
Maria, die Gottesgebärerin, so daß ein drittes nicht auf sich
warten ließ: Gottes Sohn wurde von einer Jungfrau geboren die
viertens selbst ohne Erbsünde empfangen (und zwar ab 1854) und
fünftens mit Unterstützung der Unfehlbarkeit des Papstes (1870,
knapp vor Auflösung des Kirchenstaats) im Jahre 1950 auch noch
mit Haut und Haaren in den Himmel aufgefahren ist, - zu einer
Zeit, als der christliche Glaube längst zur Rettung der Kirche
den Glauben in weltliche Ideale umgewandelt hatte, woran der
Reformator Luther maßgeblich beteiligt war. Doch sollte man ihn
nicht wegen seiner Vorliebe für Nonnen tadeln, sondern für sein
Eintreten für den Fortschritt loben - den er freilich in einer
Form verfolgte, die am Glauben festhielt und sich nur vom Glauben
her mit den weltlichen Mächten anlegte.
"... et habitavit in nobis"
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Wenn Theologen und andere, die nichts mit dem christlichen
Glauben, aber viel mit den Kirchen zu tun haben und wissen, wofür
sie gut sind, ihre Witze darüber machen, wie der heilige Geist in
Gestalt einer Taube dem Joseph ins Handwerk pfuscht, wenn er die
Jungfrau überschattet, zeigen sie, daß die dritte Person der
göttlichen Trinität, der Geist, längst nicht mehr jene Liebe ist,
die Christus als den Mittelpunkt des Glaubens zum Gegenstand hat
und so die Gemeinde des Glaubens konstituiert. Heutzutage
flattert er als Friedenstaube und zeigt damit, wofür er immer
noch taugt: Der Geist, der heute in den christlichen Kirchen
weht, geht nicht vom Vater und vom Sohne aus, sondern von einem
Höheren, das von den Kirchen deshalb etwas hält, weil sie
mithelfen, die Moral zu verbreiten, die ein Bürger braucht, um
die Zwänge des Staates hinzunehmen. Und die Liebe, die im Geiste
des Vaters und des Sohnes in der Gemeinde existiert, ist das
Ideal eines Reiches von dieser Welt, in dem die Leute eine Moral
brauchen, da sie gezwungen sind, tagtäglich den Nächsten, auf den
man angewiesen ist, fertigzumachen, weil man sich selbst der
Nächste ist: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!"
Weshalb sich die Kirchen als Institutionen des Glaubens erhalten,
ohne Kirchen des Glaubens zu sein, wird an Weihnachten, dem Fest,
das noch immer so tut, als verbinde die Gemeinde die Andacht an
die Menschwerdung des Gottessohnes, spätestens dann klar, wenn
der Pfarrer beginnt, nach dem Verlesen des Evangeliums aus diesem
seine Schlüsse zu ziehen ("Was wollen uns diese Worte sagen?")
und eine Ansprache hält: die Moral von Weihnachten liegt "in
praesepio"(1):
- Von der ärmlichen Herberge in Bethlehem kommt der Pfarrer auf
den schnöden Materialismus dieser Welt zu sprechen, um zu Opfern
aufzufordern, was nicht zum Resultat hat, daß die, die aufgrund
ihres Eigentums gar keine Opfer bringen, aus der Kirche gehen.
- Vom fleischgewordenen logos gibt es schnell einen Übergang zum
Christkind in der Krippe. Und wenn schon Gottes Sohn dieses für
uns auf sich nimmt, so versteht sich von selbst, daß wir, die wir
alle Menschen sind, uns lieben müssen, auch wenn's schwerfällt.
- Daß der Heiland allen Menschen erschienen ist, was sich an den
drei Weisen zeigt, bedeutet für den gläubigen Staatsbürger, daß
alle Menschen gleich sind und man für Frieden sein und keine
Vorurteile haben soll - selbst nicht gegenüber Kommunisten oder
Chinesen. Und wer bei dieser Predigt nicht zuhört, sieht dasselbe
in der in Altarnähe aufgebauten Krippe, wo neben den
traditionellen weißen Königen und einem Mohr auch Gelbe und
Indianer dem Kindlein zustreben (anschließend Sammlung für Süd-
amerika, wo es gilt, mit Almosen und entsprechender Mission
Gewalt und Revolution zu verhindern = Adveniat).
- Schließlich wird der Verkünder der großen Freude noch
allgemeiner, so daß der Zusammenhang zur heiligen Nacht nicht
mehr recht klar ist, was nicht heißt, daß es keinen gibt. Der
Pfaffe beklagt, daß die Werte immer weniger berücksichtigt
würden, meint damit neben der SPD vor allem Leute, die nicht
einmal Weihnachten in die Kirche gehen - also vor allem
Kommunisten. Doch vergißt der Pfarrer am Fest des Friedens nicht
hinzuzufügen, daß man auch diese (Un)Menschen - diese modernen
Heiden - in ihrer seelischen Not nicht verdammen dürfe, "der Herr
vergebe ihnen." (wenn schon nicht der Staat!)
Daß das 2000 Jahre alte Buch der Evangelisten auch in einer
Gesellschaft, die sonst keinem über 100 traut, noch Bestseller
ist, zeigt, daß es die Religion des Kapitalismus ist. Erst durch
die Unterwerfung des Glaubens unter das Kapital kommt das
Christentum zur vollen Entfaltung. Die Religion wird dann erst
zum Herrn der Welt, wenn sie den Herren dieser Welt dient. Als
höchste Form des Glaubens ist das Christentum also auch die
letzte: denn wo mit der "Freiheit eines Christenmenschen" der
freie Wille zur Grundlage der Ausbeutung gemacht wird, da kann
nur eins auf der Strecke bleiben.
Aus der Christmette nimmt der Kommunist die Bescherung mit nach
Hause, daß 1. Weihnachten darin ein christliches Fest ist, daß
der Glaube für die Moral der Bürger gut ist, daß deshalb 2. das
Christentum ganz schön nützlich ist für die Obrigkeit, gegen die
die auf ein Jenseits hoffende Kirche eh nie etwas hatte ("Lieber
sozial als unchristlich"), und 3. kann er sich schon ungefähr
vorstellen, was die Familie, die ihn zu Haus erwartet, noch für
Sachen parat hat.
III. Eine schöne Bescherung oder "Geben ist seliger denn Nehmen"
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"Und wenn ich meine ganze Habe den Armen gebe und meinen Leib
hingebe zum Verbrennen, und habe die Liebe nicht, es nützt mir
nichts." (1 Kor 13,3)
Gib dem Hungernden von Deinem Reis und dem Leidenden von Deinem
Herzen (Chinesisches Sprichwort)
Wenn das Christkind da war, von dem man in der Kirche gehört hat,
daß man seine Güte und Bescheidenheit nachahmen soll, wenn man
schon nicht mehr an Gott glaubt, gilt es zunächst, sich zum
Gabentisch durchzusingen. Orthodoxe Menschen pflegen vorher noch
die Kindheitsgeschichte nach Lukas vorzulesen - mit
anschließender Gedenkminute, in der man sich auf Gott und die
Welt besinnt. Oft tut's aber auch eine Weihnachtsgeschichte von
Waggerl, etwa die vom Ochsen und vom Esel, die zwar bei den
Evangelisten nicht vorkommen, aber als spezifische Viecher
spezifische Tugenden vorstellen, weshalb man sie unbedingt zur
Krippe hinzuziehen muß:
"'Wir haben nichts gelernt außer Demut und Geduld. Denn in
unserem Leben hat uns alles andere immer nur noch mehr Prügel
eingetragen.' 'Aber', warf der Ochse schüchtern ein, 'aber
vielleicht können wir dann und wann ein wenig mit den Schwänzen
wedeln und die Fliegen verscheuchen!' 'Dann seid ihr die
rechten!' sagte der Engel." (Waggerl wie Weihnachten, aus einem
Lesebuch für das 3. und 4. Schuljahr)
Vor allem die Kinder aber üben sich kaum in tierischer Geduld.
Sie können "daß es treu dich leite an der lieben Hand" nicht
abwarten, so scharf sind sie auf die Sachen, die das Christkind
(profaner der Weihnachtsmann) beschert hat, und zeigen so, daß
sie längst durchschaut haben, daß es trotz der Androhung durch
die Eltern gar nicht von ihrem tugendhaften Verhalten abhängt, ob
es etwas gibt oder nicht - ohne Geschenke kein Weihnachten! Wenn
dann alle ihre Gaben unter dem Tannenbaum hervorzerren, dessen
Kleid auch etwas lehrt, "die Hoffnung und Beständigkeit" nämlich,
demonstriert der traute Familienkreis, in dem sich selbst die
wieder eingefunden haben, die nichts mehr von ihr wollen und
deshalb als mißraten gelten, was man sich gegenseitig beschert.
Während es heißt, daß man ein Herz nicht kaufen kann, versucht
das Weihnachtsfest das Gegenteil und verteilt Lieblosigkeiten,
daß es nur so kracht. Die Kinder haben von den Eltern (Mutter von
Vater auch) Geld bekommen, damit sich alle beschenken können. Da
solche Geschenke klein ausfallen, ist es am schönsten (vor allem
für die liebende Mutter), wenn die Blagen Papi und Mammi durch
Laubgesägtes, Kreuzgesticheltes und andere Klebereien demon-
strieren, daß sie für ihre Eltern wenigstens etwas übrig haben.
Die höchste Freude bereitet der kleine Bastelmann der Mutter
dadurch, daß er ihr statt eines Geschenks seine Kinderliebe
schenkt: "Mammi, ich schenk dir, daß ich immer brav bin!" Das
Gebrüll der Kinder, die sich benachteiligt fühlen, obwohl man
ihnen versichert, daß ihr Geschenk nicht billiger war, ist noch
harmlos - eben Kinder. Peinlich ist derjenige berührt, der von
jemandem ohne eigene Gegenleistung zu reichlich beschenkt wurde.
Anstatt sich zu freuen, keimt der Vorwurf, daß da jemand das
Gesetz des "do ut des" verletzt hat; Vermutungen werden
angestellt, ob nicht etwas Unverschämtes dahintersteckt, während
man andererseits wieder darin bestätigt wird, daß Geben seliger
ist als Nehmen (vor allem, wenn man nichts hat). Natürlich läßt
man sich nichts anmerken, bedankt sich überfreundlich, was den
anderen wieder auf krumme Gedanken bringt, sofern der den Effekt
nicht schon verfolgt hat.
Schwierigkeiten macht überhaupt das Danke sagen, vor allem, wenn
einem das Geschenk nicht paßt, und der andere einem wurscht ist.
Wird die Nächstenliebe durch ein Geschenk demonstriert, blamiert
nicht selten das Geschenk die Liebe und mit der Liebe kann es
nicht weit her sein, wenn sie durch eine Ware, die einen Preis
hat, bewiesen werden muß. Weil aber der Wert nicht für die Liebe
bürgen kann, schenkt man sich Werte, die persönlich sind. Einmal
im Jahr stinkt also Geld, weswegen man Geld auch nur schenkt,
damit der andere sich etwas Persönliches kaufen kann. Für
diejenigen, die wenig Möglichkeiten zur Entfaltung ihrer
Persönlichkeit haben, weil ihnen nichts geschenkt wird, ist
natürlich die Auswahl an Weihnachten leicht: es wird angeschafft,
was eh fällig war - bloß weihnachtlich verpackt.
Der Terror unterm Tannenbaum spielt sich ein, denn die
Beschäftigung mit Spielzeug und Kindern hilft über viele
Peinlichkeiten hinweg. Manche lassen sich durch die kirchliche
Propaganda dazu hinreißen, bei dieser Feier, bei der man sogar
gegenüber den lästigen Alten und den ebenso lästigen Kindern lieb
zu sein vorgibt, was nie klappt, einen Alten, Einsamen oder Armen
oder am besten alle drei in einer Person an ihr teilnehmen zu
lassen. Einem solchen "Nächsten", dem man sonst aus dem Wege
geht, weil man sich aus seinem schlechten Gewissen kein Gewissen
macht, und weil man der Meinung ist, daß er selbst an seinem
Schicksal schuld ist, zeigt es die ganze Familie zu Weihnachten
und läßt die ganze Liebe des Christkinds an ihm aus. Dieser
Armselige und mit Geschenken Beladene ist gerührt ob so viel
Liebe, welche Rührung aber getrübt wird dadurch, daß er selbst
nichts geben kann. Deshalb gibt er auch bald seine Rolle als
Nächster auf und entfernt sich, weil er obendrein merkt, daß er
irgendwie nicht dazugehört. Das wird ihm vor allem dann klar,
wenn er gefragt wird, wie es ihm gehe. Es gehört zu den
Prinzipien der Gesellschaft, daß Armut schändet, Reichtum ziert.
("Lieber reich und glücklich, als arm und krank!")
Wir können dieses Familienfest - und Weihnachten soll ein solches
sein - verlassen. Familie bleibt Familie, auch an Weihnachten.
Ihre Zwänge und Ideale treten unterm Weihnachtsbaum konzentriert
auf, so daß schließlich die Feier der Liebe, wenn sie nicht
gerade in einem Familienkrach endet, im Griff zur Flasche oder am
Kartentisch (wenn man es noch schafft, an sich zu denken) bzw.
vor dem Fernseher ihre Verlaufsform findet - oder frühzeitig im
Bett endet, wo sich selbst am Fest der Liebe nichts schiebt, und
sei es nur, weil die Inszenierung und Durchführung des ganzen
Zirkus einiges an Aufwand und Vorbereitung gekostet hat (das Verb
ist für Leute mit dünner Haushaltskasse ernstzunehmen).
"Ich muß euch sagen, es weihnachtet sehr"
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"Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, es kommt der Herr der
Herrlichkeit."
Ein Fest, an dem sich die Bürger soviel Liebe antun und sich in
der Familie die moralischen Tugenden bescheren wollen, die sie
sonst nur für sich einsetzen, will vorbereitet sein. Und diese
Vorbereitung hat wiederum nichts mit der christlichen Adventszeit
zu tun, soweit sie die gläubige Hinwendung auf das Kommen des
Messias bedeutet. Was den Bürger ankommt, ist neben dem
familiären Weihnachtsrummel die eindringliche Erinnerung von
staatlicher Seite daran, daß Opfer verlangt sind und daß jeder
sich um die kümmern soll, die nicht gebraucht werden, obwohl sie
zur Gesellschaft dazugehören und man mit ihnen lebt, als wär's
das Normalste von der Welt. Wenn die SZ einen Adventskalender für
arme, alte und einsame Leute aufmacht, so bedeutet dies, daß dem
Staat die Kranken, Alten und Armen, die er einkalkuliert, wenn er
alles tut, um den Reichtum der Nation zu befördern, nur Geld
kosten, weswegen die, die so schon nichts haben, auch noch für
diese Randprodukte der Gesellschaft ihr Opfer bringen sollen. Vor
Weihnachten werden Krüppel und Bahnhofspenner entdeckt, und die
gewöhnliche Lieblosigkeit durch Nächstenliebe ergänzt, die in
diesen Typen ihre Opfer findet. Dies hilft zwar den
Abgeschriebenen wenig, ist aber die Praktizierung von Tugenden,
die man selbst haben soll, worunter das Opfer die Kardinaltugend
schlechthin ist, die man kurioserweise an denen vollziehen soll,
deren Opfer schon gar nicht mehr nützlich sind. (Spenden dieser
Art kann man von der Steuer absetzen!) Die Randgruppen stellen
fest - wenn auch nur für kurze Zeit -, daß es noch einen Herrgott
und gute Leute gibt und versuchen so mit kirchlicher Hilfe aus
ihrem erzwungenen Elend noch ein bißchen Kapital zu schlagen.
Repräsentanten des Staates demonstrieren durch Besuche von
Krankenhäusern, Altersheimen, Bescherung von Körperbehinderten
(unter Anleitung von Kirchenchören: "ist auch dir zur Seite,
still und unerkannt"), den Betroffenen, daß sie selbst sehen
sollen, wie sie fertig werden und den Bürgern, daß sie den
Notleidenden unter die Arme greifen sollen. Ihr gutes Vorbild
besteht darin, Spielzeug aus der Kasse der Steuerzahler zu
bescheren und in den Medien publizieren zu lassen, zu welchem
Verständnis für die Anormalitäten ihrer Untertanen Staatsmänner
fähig sind.
Kinder, um die es neben den Alten, Armen und Einsamen auch an
Weihnachten und seiner Vorbereitung (nicht) geht, werden
zusätzlich zur Bildung in der Schule intensiv vertraut gemacht
mit moralischen Tugenden, die sie zwar schon oft gehört haben,
die ihnen aber jetzt mit der Drohung eines materiellen Nachteils
durch das Christkind besser verkauft werden können. Wenn nicht,
..., dann ... - lautet die Agitation der Eltern, die deshalb auch
den Nikolaus kommen lassen, der ein schwarzes und ein goldenes
Buch hat und den Knecht Rupprecht samt Rute mitbringt. Obwohl
(weil?) der Nikolaus, von dem Freddy singt, daß er ein Seemann
war - auch für die braucht's einen Patron -, seinen Sack auf dem
Rücken trägt, voller Spekulatius zudem, weiß er, wie er Kinder
behandeln muß, die noch die Einstellung lernen müssen, die die
Erwachsenen schon praktizieren:
"Ich sprach: 'Die Rute, die ist hier:
doch für die Kinder nur, die schlechten,
die trifft sie auf den Teil, den rechten.'"
(Der Realist Theodor Storm)
Daß kleinere Kinder sich aufgrund dieser Drohung, manifestiert im
schwarzen Rupprecht, in die Hose machen und einige Ängste mit ins
Bett nehmen, garantiert die erzieherische Wirkung (die
Abschaffung der Prügelstrafe paßt eh vielen Eltern nicht). Dieser
"Schocker" hat freilich Theologen auf den Plan gerufen, die am
Nikolaus den Heiligen und die Transparenz zu Gott vermissen und
damit meinen, man müsse die "pädagogischen Möglichkeiten"
effektiver ausnutzen, indem man aus Ernst ein "Spiel" macht.
Diese vorwitzigen Theologen aus Trier, die "Nikolaus als
Witzfigur" abschaffen wollen, obwohl er gar keine ist, verstehen
das Geschäft, dieselbe Moral, die der Rupprecht mit der Rute
eintreibt, vorsichtiger unterzujubeln.
"Es ist trotz neuer Erziehungsmethoden damit zu rechnen, daß
kleinere Kinder vor dem Nikolaus Angst haben. Bei älteren wirkt
zumindest die ungewöhnliche Situation - ein Fremder weiß Bescheid
- bedrohend. Daher: bewußt (!) freundlich und verstehend, mensch-
lich (!). Persönliche Begrüßung durch Handschlag, Situation auf-
fangend. ... Humorvoll mahnen (kennst du schon den Witz vom
Nikolaus), bessere Wege aufzeigen. ... Keine zu hohen Forderungen
(klein fängt's an). Realisierbar! (na klar!) Da nun vieles
bereinigt ist, übergibt Nikolaus die Geschenke. Zum Abschied
fordert er noch zu einem Lied auf (Niklaus komm, mach mich fromm,
daß ich in den Himmel komm!). Bei Vater und Mutter verabschiedet
er sich mit Handschlag." {Aus Werkmappe Misereor (!) 74;
Kirchliche Entwicklungsarbeit (!)}
Man sieht, wofür Theologen (diese Sünder gegen den Heiligen
Geist, die Christus zum guten Menschen herabdegradieren wie die
Jesus people und sich trotzdem Theologen schimpfen) noch taugen
und deshalb auch vom Staat auf Steuerzahlerkosten der weltlichen
Sorgen enthoben werden. Das Beste, sie alle in einen Sack stecken
und dann mit der Rute drauf ... und zu einem Lied auffordern
(spielend freilich - aber realisierbar):
"Vater unser, der du bist,
schmeiß den Niklaus auf den Mist.
Schmeiß ihn, dafl die Lumpen fliegen
und die Kinder Nüsse kriegen."
(Volksmund hat Gold im Mund)
Liebe kostet Weihnachtsgeld
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"Dann gebt auch dem Kaiser, was des Kaisers, und Gott, was Gottes
ist." (Mt 22,21)
Wie wichtig Weihnachten, das Fest der Liebe, Nächstenliebe und
des Opfers in einer Gesellschaft ist, in der es auf Opfer
ankommt, zeigt sich daran, daß niemand ein Pfingstgeld
einzuführen gewillt ist, es aber ein Weihnachtsgeld gibt. Die
Demonstration der Tugend der Liebe läßt sich unsere Gesellschaft
einiges kosten. Diejenigen, die ihre Liebe handgreiflich an den
"Nächsten" besten verkaufen und deshalb als gefallene Mädchen
gelten, weshalb Pfarrer und andere Vertreter der Lieblosigkeit
zur Weihnachtszeit darauf hinweisen, daß das Christkind auch zum
horizontalen Gewerbe sich herabgebeugt hat, vollbringen Stückwerk
gegenüber der Veranstaltung, die man das "Weihnachtsgeschäft"
nennt, mit dem die Feier der rechten moralischen Einstellung
bezahlt wird. Von wem, ist keine Frage, denn Kapitalisten zahlen
sich kein Weihnachtsgeld, sie nehmen es ein, nachdem sie es dem
Arbeiter .geschenkt' haben. Daß dieses Liebesgeld nicht für die
Arbeiter da ist, sondern die für den Staat nützliche
Weihnachtsveranstaltung ermöglichen soll, so, daß Unternehmer und
Kaufleute ein Geschäft damit machen, ist nicht erst jetzt klar
geworden, wenn Weihnachtsgelder zusammengestrichen werden, als
würden diese nicht mehr von den Arbeitern gebraucht.
Da aber Weihnachten der Zwang ist zu kaufen, um sich das schenken
zu können, was man ohnehin schon lange braucht, widerspricht
diese Senkung des Weihnachtsgeldes überhaupt nicht der Rechnung
der Unternehmer, die ihre Waren billiger produzieren wollen, ohne
auf den Verkaufsaufschwung zu Weihnachten verzichten zu müssen.
Die Zwänge, denen man sich im Weihnachtsgeschäft unterwirft,
fangen schon beim Erwerb des Tannenbaumes an, dessen Spitze
möglichst bis an die Zimmerdecke reichen soll, am besten eine
Edeltanne - wer möchte schon gerne mit einer winzigen abwasch-
und zusammenfaltbaren Plastikfichte offenbaren, daß er an
Weihnachten sparen muß.
In Kaufhäusern, dort, wo das gemeine Volk kauft und zu
Weihnachten mehr kauft, als es sich leisten kann, ist alles so
eingerichtet, daß man jeder Ware den Gebrauchswert für andere
ansieht. Für die, denen es zu umständlich ist, für die
entsprechende Altersklasse das Entsprechende auszusuchen, liegen
fertige Geschenkkombinationen aus. Andererseits sorgen Engel in
Gestalt von Verkäuferinnen dafür, daß alles ein Geschenk sein
kann, unterstützt von herumstreunenden Nikoläusen und
Weihnachtsmännern, denen man nicht pauschal unterstellen darf
(trotz der Geschichte mit dem Nikolaus, der in München mit der
Kasse verschwand und nie wieder erschien), nur verkleidete
Kaufhausdetektive zu sein. Sicher, wo der Zwang zum Schenken
besteht, wird auch geklaut von denen, die das Eigentum besonders
achten sollen, da sie keines haben: "Gott will, daß wir das
Eigentum achten" (7. Gebot, modernisiert!). Aber normalerweise
sollen diese Masken das Fluidum abgeben, in dem gekauft wird, was
das Zeug hält. Außer der schlechten Luft verdrehen noch Lametta,
Sterne und anderes Glitzerzeug die Sinne und aus den
Lautsprechern läßt sich das Christkind vernehmen, mit dem sich
Freddy und Lolita jedes Jahr beschäftigen, damit die Käufer ihre
Seligkeit und die Geschäftsleute, Freddy und Lolita
eingeschlossen, ihren Gewinn haben. Denn das Christkind sorgt für
Umsätze: "kehrt mit seinem Segen ein in jedes Haus" - vor
Weihnachten auch an Samstagnachmittagen, nachdem wegen der 40-
Stunden-Woche am Sonntag leider süßer die Kassen nie klingeln
dürfen.
Da die Ökonomie des Weihnachtsfestes häufig vergessen läßt, wofür
sie da ist, warnen Kirchenvertreter und anderes staatstreues
Gesindel vor dem "Konsumterror" (eine Wortschöpfung, für die
allein sie schon in die Hölle gehörten), der den eigentlichen und
tieferen Sinn der heiligen Weihnacht zerstöre. Nicht nur machen
die Geschäftsleute die Leute schon auf Weihnachten scharf, ehe
sie das letzte Osterei gefunden haben; durch ihre Aufrüstung der
Kinder mit Kriegsspielzeug provozieren sie den alten Papst zu
einer Kampagne "Abrüstung unterm Weihnachtsbaum". In ihrer Sorge
um die Funktion der moralischen Liebesveranstaltung mitten im
kalten Winter - eine Funktion, mit der das Christliche an
Weihnachten steht und fällt - machen sie dem sonst opferbereiten
Bürger auch noch die kleinen Freuden madig, sich zu Weihnachten
mit guten Sachen vollzufressen und sich auch sonst einmal im Jahr
mehr zu leisten, und verweisen auf die Knechtsgestalt, die der
Sohn Gottes annahm. Das soll soviel heißen wie, daß jeder auch
einmal an die Hungernden denken soll, die der Imperialismus sich
hält, und mit dem "Päckchen nach drüben" denen eine Freude
bereiten soll, die - wie man sagt - ohne Gott und damit ohne
Freiheit leben. Was das heißt, macht der Inhalt des Päckchens
hinreichend deutlich, wodurch es des früher propagierten Brauchs,
den "Brüdern und Schwestern in der Zone" eine Kerze ins Fenster
zu stellen ("Ich leuchte für Dich!") nicht bedarf. "Gott will,
daß wir uns beherrschen und unsere Fehler bekämpfen" heißt das
10. Gebot nach der soundsovielten Reform des Dekalogs. Also ist
ein Übermaß an Konsum schlecht, geht es doch zu Weihnachten
konzentriert um das Übermaß der Tugenden des Opfers und der
Liebe. "Denn die Liebe hört niemals auf" (1 Kor 13,8), was man
denen immer wieder sagen muß, die von Liebe wenig spüren. Sie
sollen glauben, daß ein bescheidenes Leben die Erfüllung des
Menschen ist, weil es zwar nicht den Magen füllt, aber das
Gewissen rein hält. Auf dieses kommt es an, während die
Ersatzfresserei zu Weihnachten ohnehin schädlich ist, weil die
Fitness des Arbeitsmannes in der Nachweihnachtszeit beeinträch-
tigend.
Was die Jungfrau im Stall vor 2000 Jahren: "Maria aber behielt
alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen" (Lk 2,19),
sollte ein Kommunist nicht tun. Denn er weiß jetzt, warum die
weihnachtliche Menschwerdung Gottes etwas sehr Menschliches ist,
daß es sich um eine Staatsveranstaltung handelt, der kirchliches
Glaubensgut und christliches Geseiche als nützliches Mittel
dient, ohne daß der Staat viel dafür tun muß. Auf Weihnachten muß
sich noch jeder freuen!
Und zuletzt hat der Kommunist also auch am Fest der Liebe den
Klassencharakter entdeckt. Denn liebende Zuneigung in der Familie
brauchen vor allem die, für die die Familie alles andere ist als
die Stätte der Liebe, da der Staat nicht an dieser, sondern an
gesunden Kindern, kräftigen Arbeitern und deren reibungsloser
Wiederherstellung interessiert ist. Und die opferbereite Hingabe
an den Nächsten ist denen ein Gebot, die viel arbeiten und viel
materielle Opfer bringen müssen. "ora et labora!" (wobei man für
ersteres nicht unbedingt die Hände falten muß, während dies für
letzteres ohnehin unerwünscht ist.).
ora et labora
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Kein Wunder, daß der Arbeiter von Weihnachten die Schnauze voll
hat, wenn die Feiertage ihrem Ende zuneigen. Dieses Fest hat viel
Geld gekostet (vielleicht sogar Kredite) und hat - wie alle
verordneten Feste - auch nicht Frieden und Frohsinn gebracht,
sondern: Magenbeschwerden, einen Mordskater, quengelnde Kinder,
eine über den muffigen Manne eingeschnappte Alte, wenn's hoch
kommt einen Zimmerbrand, ganz zu schweigen von Besuchen
Verwandter, die es aus oben genannten Gründen zu Hause auch nicht
ausgehalten haben und nicht einmal zum Skat taugen. Da dies aber
nicht bedeutet, daß Weihnachten nicht seinen Sinn gehabt hat,
läßt der, dem das Fest über ist, zuweilen den Spruch fallen:
"Gut, daß die Feiertage vorbei sind und es morgen wieder
ordentlich zugeht." Alltag und Arbeitstag sind das Normale seines
Lebens und an diesen Tagen braucht er Opfer nicht zu feiern - er
bringt sie, und zwar mit der Einstellung, die an Weihnachten
besonders feierlich aufgefrischt wird. Daß Arbeit nicht nur dem
Arbeitsherrn gefällt, hat ihn das Christkind schon in der Schule
wissen lassen:
"9. Schule und Arbeit
Gott will, daß wir fleißig lernen und arbeiten."
Weshalb auch seine Pfaffen den Ehebruch aus dem alten 9. Gebot
strichen, mit dem Kinder ohnehin nichts anzufangen wissen, weil
ihnen die Pfaffen immer nur die Sache mit den Bienen erzählen.
Daß Gott hier etwas sehr Profanes will, darf niemand verwundern.
Wer am Heiligabend den Fernseher nicht ausschaltet, wird mit dem
höheren Wesen, das hinter diesem und auch den anderen Geboten
steckt, direkt konfrontiert. Walter Scheel, der höchste
Repräsentant des Reiches von dieser Welt, redet von Liebe,
Frieden und Opferbereitschaft und agitiert seine Bürger, in sich
zu gehen, damit der Staat nicht außer sich gerät. Seinen
zittrigen Segen dazu gibt am 1. Weihnachtstag urbi et orbi der
Papst, den der Lefebvre jetzt sogar schon mit Luther vergleicht,
was eine unverschämte Beleidigung dieses Reformators ist. Nicht
der Papst ist der "Abtrünnige", sondern sein Widersacher, denn
der "wahre Glaube", von dem der Papst "abgefallen" sein soll,
deckt sich mit der staatlichen Moral, durch deren Verkündigung
sich die Kirchen einen sicheren Platz in der Demokratie erkauft
haben. Ein anderer Vertreter des irdisch Höheren, der Maier aus
Bayern, der auch zu diesem Weihnachtsfest dem Christkind auf
Orgelpfeifen huldigt, hat für dieses Verhältnis von Staat und
Kirche die richtige Formel gefunden: "cives idem et christianus"
-
"Die Kirche übt ihre Mitverantwortung für die demokratische
Ordnung nicht pro domo aus, nicht beschränkt auf die Sicherung
eigener Rechte oder auf die Kooperation mit einem als
Verlängerung ins Weltliche mißverstandenen katholischen Laientum:
sie wendet sich vielmehr - ... - in einer grundsätzlichen Weise
"an alle", sie tritt als Anwalt des Menschen, nicht nur des
Katholiken oder Christen auf." (Der Christ in der Demokratie)
Bleibt noch nachzutragen, daß nicht für den Kommunisten, sondern
für den Bürger immer Weihnachten ist und nicht nur alle Jahre
wieder. Denn die Frage: "Wer glaubt noch an das Christkind?" ist
mit einem eindeutigen "alle" zu beantworten.
Mahlzeit! (Dieses war ursprünglich ein Werbe-Inserat im Artikel,
paßt aber so gut, daß es der Nachwelt nicht vorenthalten werden
soll.)
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Satansbraten
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(1) in der Krippe, im Stall - will heißen, in der Bescheidenheit
aus: MSZ 14 - Dezember 1976
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