Quelle: Archiv MG - BRD KERNENERGIE AKW-GEGNER - Haben die AKW-Gegner recht?
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Der Veranstaltungskommentar
ATOMARE STRAHLUNG + VIEL BETROFFENHEIT = EIN BISSCHEN BEWEGUNG
Nachdem die Anti-AKW-Bewegung endgültig eingeschlafen und die
Anti-Raketen- oder Friedensbewegung schon vor einiger Zeit ge-
storben ist, war der russische GAU wieder einmal für "Bewegung"
gut: Gefüllte Säle bei Veranstaltungen in Erlangen und Nürnberg
sind dabei herausgekommen, sowie Demonstrationen an beiden Orten
- von den Wackersdorfer Kämpfen über Pfingsten ganz zu schweigen.
Die große Politik hat das AKW-Thema aufgegriffen und macht Wahl-
kampf damit; der Bewegung aus Betroffenheit geht es wie ihren
Vorgängern: wahrscheinlich ist sie jetzt schon tot.
1.
Der Bremer Physikprofessor Jens Scheer, die Autorität der Anti-
AKW-Bewegung, am Freitag vor Pfingsten im Erlanger Audi-Max:
"Jetzt haben wir gute Chancen die AKWs abzuschalten. Noch nie
habe ich soviel Sorge und Betroffenheit bei so vielen Leuten ge-
sehen."
Ein Psychologe auf der Veranstaltung im Nürnberger Scharrer-Gym-
nasium:
"Tschernobyl ist für uns eine Chance, wieder zusammenzurücken,
Solidarität zu üben und den Kleinkrieg der politischen Positionen
untereinander zu begraben."
Bei den alten Hasen der Bewegung, die nach Jens Scheer Auskunft
in den letzten Jahren nur noch unter sich waren, kommt Hoffnung,
ja direkt Freude anläßlich des GAU auf. Ihren Warnungen wollte
früher ja niemand, wenigstens viel zu wenige Glauben schenken -
jetzt ist der GAU da und ihre AKW-Kritik wird u n w i d e r-
s p r e c h l i c h. Jetzt kann sich keiner mehr ihrem Schluß
entziehen, so sehr, daß alle Diskussion über die AKW-Politik und
ihre staatliche Zielsetzung, über die sich die politischen
Richtungen nicht einig werden konnten, auf einmal überflüssig
erscheint. Was man als Bestrahlter gegen sich hat, braucht man
überhaupt nicht mehr zu wissen, wenn man sich folgende - falsche
- Gleichung der Betroffenheit unmittelbar einleuchten läßt: "AKWs
sind schädlich und gefährlich, also haben sie bei uns in der BRD
keine Existenzberechtigung." - "Abschalten sofort!"
Daß Gesundheitsschäden auf Seiten der Bevölkerung eine nationale
Produktivkraft sein können und durchaus eine Existenzberechtigung
in unserer BRD h a b e n, wird dort gar nicht in Betracht gezo-
gen, wo der gute Glaube an das Gegenteil politisch mobilisiert
werden soll. Was ist die Hoffnung auf "Erschrecken und Entsetzen
vieler Menschen" denn anderes: Die haben nicht geglaubt, daß es
so etwas geben könne - und daß sie weiterhin glauben, daß es so
etwas bei uns eigentlich nicht geben darf und braucht, soll sie
zur Opposition ermuntern.
2.
Deshalb hatte die trostlose Suche nach klaren Anweisungen, mit
deren Befolgung man sich auf die Katastrophe einstellen und
durchkommen wollte, auf allen Versammlungen ihren festen Platz
und ihr Recht. "Darf man den Spinat jetzt essen?", "Soll ich mein
Kind im Sandkasten spielen lassen?"
Solcher Wille zum Zurechtkommen, solcher Wunsch nach Verantwor-
tung der Zuständigen erscheint den Anbetern der Betroffenheit
nicht als das Gegenteil von politischer Gegnerschaft zu "den
Herrschenden" sondern als der erste Schritt dazu. Wie die grüne
Partei mit ihren diversen Weltuntergangsszenarios schon immer,
beweisen sie dem braven Willen zum Zurechtkommen mit noch jeder
Lage dann, daß bei atomarer Strahlung Schutz, Zurechtkommen oder
Heilung (siehe die Stellungnahme der verantwortlichen Berufsver-
treter) einfach auf keine Weise möglich sei und deshalb prakti-
scherweise m e h r für die eigene Gesundheit getan werden
müsse. Nach dem Motto: "Ich schütze mich gegen atomare Verseu-
chung indem ich 1. keinen Spinat esse und 2. für die sofortige
Abschaltung aller AKWs bin."
3.
So geht die Spinatfrage bruchlos über in die Debatte: "Was tun?"
Beides paßt prima zusammen und "Was" zu tun ist, bekommt sein Maß
an Praktikabilität und Wirksamkeit an der Vorsicht beim Verzehr
von Blattgemüse: "Keine abstrakten Analysen bitte! Wir wollen
ganz konkrete Vorschläge für Aktionsformen diskutieren, die prak-
tisch sind. Wir müssen etwas tun - jetzt." "Jetzt etwas tun", da-
mit die AKWs abgestellt werden - das ist das Dogma des guten Wil-
lens, der sich aus der Betroffenheit speist (und die klingt ab
wie das Jod 131 - Halbwertszeit 8,5 Tage! - also s c h n e l l
handeln!). Ob man die Machtmittel dazu hat, ist keine Frage,
glaubt doch von den Betroffenen eh niemand, daß sie Macht bräuch-
ten. Die Mächtigen aufrütteln, zur Rede stellen, oder sie zu ei-
nem Zugeständnis zwecks Machterhalts verführen - an so etwas den-
ken Geschädigte, die unverrückbar daran festhalten, daß eine sol-
che Behandlung eigentlich gar nicht zu "unserem" Staat paßt, bzw.
sie nur aus einer Verletzung der Sorgfaltspflicht seitens der Re-
gierung zustande gekommen sein kann. Die Suche nach Aktionsformen
wird sodann eine F r a g e d e r P h a n t a s i e.
Daß überhaupt neue Aktionsformen beraten werden, kommt von den
schlechten Erfahrungen mit den alten: Man kann die Richtigen wäh-
len - aber mit eben dieser Wahlentscheidung ist das Atomprogramm
durchgesetzt worden; man kann ja demonstrieren - aber bei der
Nachrüstung haben Millionen Demonstranten die Regierung kalt ge-
lassen.
"Wir brauchen ein Brainstorming, um neue militantere Formen zu
entwickeln. Mit Händchenhalten bewegt man nichts."
Das Brainstorming brachte dann folgende Vorschläge zutage, die
eindeutig ein Fortschreiten vom Demonstrieren zum Kindergarten
sind:
- Ein G e b ä r s t r e i k, eine Frau die das Produkt ihrer
Liebe gerne als Staatsdienst betrachtet, will mit einer zeitwei-
ligen Dienstverweigervng drohen. (Nürnberg)
- Massenhaftes Kündigen der Bank-Einzugsermächtigungen für die
Elektrizitätswerke: Gezahlt wird der Strom nur noch in bar, das
bringt die Bürokratie mächtig durcheinander. (Nürnberg)
- Kaufstreik von Produkten der im AKW-Geschäft engagierten Indu-
strie. (Philosophie-Professor Ebert, Erlangen)
Man mag schon gar nicht mehr fragen, ob der Vorschlagende den Un-
sinn überhaupt selber macht; ob er überhaupt weiß, wie der Her-
steller seines Rasierapparats heißt und ob er vor dem Kauf die
Konzemverflechtungsbilanz studiert hat; man mag auch nicht nach-
fragen, ob er überhaupt einen Hersteller von Elektrogeräten
kennt, der nicht auch AKW- (und SDI-, und Tornado-Elektro-
nik-)Geschäfte betreibt und was es denn nützen würde, wenn er
(oder viele) bei Firmen, deren gigantische Geschäfte ja offenbar
auf a n d e r e m Felde liegen, nicht mehr kaufen würde. Solche
Anfragen sind abwegig, sind die Konstruktionsprinzipien dieser
Produkte der politischen Phantasie doch ganz einfach:
a) Wir brauchen ein Symbol dessen, daß nicht nur wir von Staat
und Wirtschaft abhängig sind, sondern auch umgekehrt: Man also
"uns nicht ignorieren kann."
b) Die Aktion muß "praktikabel" sein, "jeder muß mitmachen kön-
nen", d.h. sie muß sich in den Grenzen des gesetzlich Geschützten
bewegen. Deshalb darf nicht die wirkliche Abhängigkeit von Staat
und Wirtschaft von den braven Mitmachern ausgereizt, ihr Dienst
in der Arbeit gekündigt werden. Nur nach der Arbeit, wenn es je-
dem überlassen ist, zu tun und zu lassen, was ihm beliebt; wo es
also auch gleichgültig ist, was er tut, dort müssen Punkte gefun-
den werden, mit denen "die Herrschenden" furchtbar zu treffen
sind, wenn die Mitmacher einmal sich unerwartet benehmen. Wer
diejenigen, die ihm AKWs aus ihren Gründen einsetzen, gar nicht
bekämpfen will und aus dem Mißerfolg der Demonstrationen den
Schluß zieht, man müsse den theatralischen Effekt der Aktionen
verbessern - ihre Aufmerksamkeitswirkung -, der kann so einen
bunten Strauß von Kindereien erfinden.
4.
Nur scheinbar dagegen stehen die Militanten, die statt des Sym-
bols dafür, daß der Staat nicht einfach über seine Bürger hinweg
gehen kann, ein Symbol dafür wählen, daß sie den Staat nicht ein-
fach über sie hinweggehen lassen w o l l e n. Unter großen Op-
fern werfen sie Steine und produzieren kleine Löcher im Wackers-
dorfer Bauzaun. Sie beweisen die Ernsthaftigkeit ihres Willens,
also ob es um den Willen ginge und nicht um den Effekt.
Mögen die einen - von wegen Gewaltlosigkeit anständiger Mitmacher
- sich von den anderen, mögen die anderen - von wegen Harmlosig-
keit der Latschdemos u.s.f. - von dem einen abgrenzen, ihre Nähe
formulierte wieder Jens Scheer:
"Wir dürfen uns nicht auseinander dividieren lassen. Wir lassen
uns von den Herrschenden nicht die Aktionsformen vorschreiben.
Alle Aktionsformen haben ihr Recht."
Eben! Und solange es allen darauf ankommt, die Politik ins mora-
lische Abseits zu stellen als ob diese sich davon je hätte beein-
drucken lassen -, bleibt es auch so!
Die Betroffenheit, Entsetzen, Wut, Gefühl überhaupt kann nicht
dauernd auf 180 bleiben, zumal die Strahlenbelastung abklingt, in
ein paar Wochen w a r man dann total aktiv und höchst praktisch
gewesen. Die AKWs bleiben - und beim nächsten Krieg ist man dann
wieder betroffen, entsetzt und voller Wut. So begleitet das bes-
sere Deutschland alle Fortschritte dieser Republik.
***
Die Verantwortung der akademischen Berufe im Verstrahlungsfall
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Im Nürnberger Scharrer Gymnasium hatten Berufsvertreter Stand-
punkt bezogen: Man muß gegen AKWs überhaupt sein, nicht einfach,
weil sie schädlich sind, sondern weil eine individuelle Bewälti-
gung der Schäden, Heilung, Reparatur und Vorbeugung - für die
sich gerade die Vertreter der Verantwortungsberufe sonst gerne
zuständig fühlen - bei atomarer Strahlung nicht geht. Damit zu-
rechtkommen ist beim besten Willen nicht möglich - da darf, ja da
muß gerade derjenige Bürger politisch werden, der nie daran ge-
dacht hätte den Politikern ins Handwerk zu pfuschen. Aber daß man
mit Schädigungen zurechtkommen können muß - das kann man verlan-
gen - oder?
Die Ärzte:
Jede Strahlung ist schädlich, es gibt keine medizinisch vertret-
baren Grenzwerte, also muß man die Sache mit den AKWs politisch
angehen.
Die Apotheker:
Es gibt keine Medikamente gegen Strahlung und Strahlenkrankheit.
Und dann sind sie auch noch nicht da, wenn sie gebraucht werden.
Jodtabletten waren nicht gelagert, Apotheken sofort ausverkauft,
auch Apotheker mußten danach Schlange stehen. Medikamentöser
Schutz klappt hinten und vorne nicht.
Die Architekten:
Es gibt keine Bauten und keine Materialien, die gegen Strahlen
schützen. Auch Bunker nutzen da nichts und außerdem gibt es viel
zu wenige davon. Wir Architekten haben beschlossen, daß keiner
von uns sich am Bau eines Berstschutzes für AKWs beteiligt.
Die Physiker
- sagen gar nichts. Sie messen die Becquerels und sind allein
darin die Volksschützer, AKW-Kritiker und sachverständige und un-
bezweifelbare Instanz von Prüfung der Regierungspolitik.
Das müssen ja Berufe sein, deren moralisches und öffentliches Ge-
wicht im Maß der Katastrophe wächst.
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