Quelle: Archiv MG - BRD KERNENERGIE AKW-GEGNER - Haben die AKW-Gegner recht?


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       Veranstaltungskommentar
       
       Zu den Bürgerversammlungen "Tschernobyl ist überall"
       

VERSAMMELTE BETROFFENHEIT - NOTWENDIG FOLGENLOS

So voll waren die Säle schon lange nicht mehr. Das hat kein NATO- Krieg gegen Libyen geschafft - aber der ist ja weit da hinten, (noch) nicht der große Krieg und hat vor allem die Richtigen ge- troffen. Das hat kein Weltwirtschaftsgipfel geschafft - aber da haben sich ja unsere Führer versammelt, ihre nächsten Bombenziele festgelegt, und was die beschließen, kann sowieso und schon wie- der nur die Richtigen treffen. Das hat aber ein "Unfall" in einem der 345 Atomkraftwerke geschafft, die es auf der Welt gibt - und zwar, weil es diesmal offensichtlich die Falschen getroffen hat: nämlich UNS. Aber das ist doch verständlich, daß einem das eigene Hemd näher ist als der getötete Libyer oder der verhungernde Neger? Einmal abgesehen davon, daß es durchaus nicht wahr ist, der zivilisierte Abendländer sei von solch häßlichen Dingen nicht betroffen - im- merhin hat er das "Glück", Staaten anzugehören, die sich vom Ar- beitstier über den Steuerzahler bis hin zum Soldaten seiner Dienste für ihre außenpolitischen Ansprüche sehr wohl bedienen -: Ist es denn so, daß die Leute jetzt endlich mal an sich denken und die Rechnung aufmachen, daß sie es satt haben, immerzu und nicht erst an der Strahlenfront von fremden Zwecken b e t r o f f e n g e m a c h t zu werden? Dagegen spricht ei- niges. Schließlich gilt die Frage, wer einem den ganzen Mist ein- gebrockt hat, nachwievor als ungehörig (es sei denn, man antwor- tet: die Russen, typisch!). Viel beliebter ist es, sich vorzuma- chen, daß eine "Katastrophe" über uns hereingebrochen sei, von der man sich nun ganz fürchterlich "betroffen" ----------- zeigt. Nicht, daß man das nicht wäre: nach Formaldehyd, Dioxin, Glykol, Asbest und wie der ganze Dreck so heißt (nicht zu verges- sen die "normale" Verstrahlung durch bundesdeutsche AKWs), gibt es auch in diesem Fall mal wieder genügend Grund, sich Sorgen um seine Gesundheit zu machen. Nur, wofür spricht das? Spricht das nicht ziemlich gegen den Dau- erwunsch 'Gesundheit' - weil dieses "höchste Gut" eben nur des- halb so hoch im Kurs steht, w e i l Leib und Leben der Leute überall kalkuliert verschlissen werden? Blüht das Bedürfnis nach Unversehrtheit nicht immer ausgerechnet da, wo Schädigungen aller Art an der Tagesordnung sind - und beinhaltet somit das demütige Verlangen, h o f f e n t l i c h v e r s c h o n t z u b l e i b e n? Ist der Wille, sich auf jede erneute Gesundheits- gefährdung einstellen zu wollen, nicht ungeheuerlich trostlos - weil er ewig nur dem "Unvermeidlichen" hinterherhechelt und es offenbar als Schicksal behandelt, Fragen des Kalibers stellen zu müssen: Was darf ich noch essen? Kann ich mich auf die Wiese legen? Wie oft müssen die Kinder abgewaschen werden ? Soll ich nicht besser nach Spanien fliegen? Wie verstrahlt bin ich? Wenn's gerappelt hat im Karton, fragt man, was noch gestattet ist. Erst streichen wir den Wein vom Speiseplan, dann lernen wir Nudeln garantiert ohne Ei zu schätzen, heute setzen wir uns auf Atomdiät - so kümmert man sich ununterbrochen um seine Gesundheit und will von den Gründen für deren Dauerbeschuß nichts wissen. Nur insofern kann man die öffentliche Zurschaustellung der "Betroffenheit" dann auch für ein A r g u m e n t halten, das Wirkung zeitigen müsse - und zwar ausgerechnet bei jenen Instan- zen, deren Zuständigkeit für die Verursachung der Gesundbeits- schäden man einfach nicht wahrhaben will, an deren Verantwortung für die Abwendung vor Unbill aber umso mehr geglaubt wird: bei den Erfindern der Katastrophenschutzpläne. Sollten jene die von ihnen antizipierte und verwaltete "Betroffenheit" tatsächlich we- der kennen noch wollen? So ist denn auch abzusehen, daß die jet- zige Aufregung in etwa parallel zur Halbwertszeit von Jod 131 wieder abklingen wird: die einschlägigen Stellen, die einem sa- gen, was zu tun und lassen ist, haben ja bereits Entwarnung si- gnalisiert. Hurra, wir leben noch Langzeitschäden sind zwar si- cher, aber das ist für den geordneten Gang des kapitalistischen Lebens ja nicht weiter störend. Vor allem aber waren diese Veranstaltungen Sternstunden der Experten ------------------------- Ob Physiker, Grüne, Pfarrer oder professionelle Nichtraucher - alle begreifen sie die Betroffenheit der Bürger als A u f t r a g, ihr extraordinäres politisches Verantwortungsbe- wußtsein unter Beweis zu stellen. So gab jeder der Experten auf den diversen Podien dem Bedürfnis nach Sachkundigkeit in Sachen Strahlenschutz recht und kochte sein ganz spezielles Süppchen darauf: - Die Physiker und Mediziner bombardieren das staunende Publikum mit Umrechnungsarten von Bequerel in rem und führen aus, wie die Zellstörung genau vonstatten gebt, bereits in geringsten Dosen (und zwar unterhalb der staatlichen Grenzwerte!) eine wahrschein- liche, in größeren Mengen eine unvermeidliche Schädigung hervor- ruft. Keiner, der sich deshalb für unzuständig erklärte; nein, ihr Doktor ist jetzt erst recht gefragt. Darum läßt auch keiner so einfach die Auskunft stehen, daß gegen Strahlenschäden medizi- nisch so gut wie nichts zu machen ist; viel lieber pflegen sie den bornierten Rot-Kreuz-Zynismus, der sich darüber beschwert, daß der Atomtod es ihnen so schwer macht, zu helfen! - So sehr also immer wieder darauf hingewiesen wird, daß das of- fizielle Herunterspielen der Gefährdung gezielter Humbug ist, so wenig möchte auf diesen Veranstaltungen darauf verzichtet werden, so zu tun, als läge es nun in der eigenen Hand, den gefährlichen Wirkungen zu entgehen. Ein Tip, was man am besten unterlassen soll, jagt den anderen. Klar, das liegt auf der Hand, daß Milch müde Männer zur Zeit nicht nur munter, sondern auch strahlend macht - aber ist der dreimal dick unterstrichene Ratschlag, jetzt bloß keine Milch und wer-weiß-was-noch zu sich zu nehmen, denn geeignet, der "systematischen Verdummungskampagne" der Politiker von wegen 'keine Gefahr' entgegenzutreten? Oder will er doch noch ein bißchen die Illusion benützen, sorgfältige Information, Warnung vor den Gefahren und allseitige Vorsicht hätten doch einen wirksamen Schutz zugelassen - um so das angebliche "Versäumnis" der Regierung umso krasser hervortreten zu lassen? - Über diese Tour eröffnet sich jetzt nämlich das weite Feld, die Behörden in die Pfanne zu bauen. Bloß, wofür? Jeder zweite weiß zu berichten, daß Telefonanrufe beim örtlichen Gesundbeitsamt oder sonstwo absolut unergiebig waren; keine alte Sau konnte Aus- kunft über die Meßwerte geben und überhaupt war der Saftladen wie üblich ab Freitagmittag dicht. Und das mitten im Notstand. Radikale Töne und doch so daneben: wenn Ihr schon Atom-Kata- strophen einplant, dann genügt wenigstens Euerer Auskunfts- pflicht?! Nein danke! Die Regierung an ihrer "verwirrenden Informationspolitik" dafür zu entlarven, daß sie sich zu wenig um den Bürger kümmere, was sie doch eigentlich sollte - das ist eine unterwürfige Kritik er- ster Güte. - Entäuscht über die eigene Führung "Krise" versagt zu haben: da wird der mündige Bürger eben zu seinem eigenen Krisenmanager und läßt sich von allen möglichen Gurus einleuchten, daß man bei sich selber anfangen muß". Ist es "angesichts der Wolke" nicht an der Zeit und dringend ge- boten, daß "wir endlich unsere Konsumgewohnheiten ändern"? Das Autofahren lassen, das Heizen einschränken und - natürlich! - das Rauchen aufgeben, wenn schon sonst alles so giftig ist? Einfach vorbildlich! "Aus Verantwortung für das Leben" freiwilliger Ver- zicht auf die paar Annehmlichkeiten und Laster, die den Leuten noch freigestellt sind: so ergänzt man die aufgezwungenen Zumu- tungen und Opfer selbstbewußt durch eigene, zusätzliche Ver- zichtsbereitschaft - ohne deshalb freilich auch nur einen Deut aus jenen Verpflichtungen entlassen zu werden, in die der Staat das Leben seines Menschenmaterials gestellt hat. Warum auch? Von oben war das Argument, man bezweifele, ob der Bürger bereit sei, die Konsequenzen zu tragen, die ein Ausstieg aus der Kernenergie mit sich bringe (mit der Kerze in der Hand durch die eiskalte Wohnung und so), schließlich nie anders denn als Propagandalüge für die Unverzichtbarkeit des Atomstroms gemeint; aber die Unter- gebenen nehmen sie für bare Münze, betonen, daß es an ihnen nicht liegen sollte, rufen "dafür verzichte ich gerne" (eine Betroffene in Witten) und hoffen, daß Kohl dieses Engagement honorieren möge. Und damit sind wir auch schon mitten in den Politischen Konsequenzen, ------------------------- die natürlich "auch" gezogen werden müssen. "Sofortige Stillegung aller Atomkraftwerke!" Dazu kann jeder "seinen individuellen Bei- trag" leisten, indem er weniger die Waschmaschine laufen läßt (als würden die Atommeiler deswegen betrieben, damit Lieschen Müller hemmungslos porentief reine Wäsche produzieren kann!), aber auch die Politik muß die Konsequenzen ziehen - jetzt, wo "die Unsicherheit der AKWs bewiesen ist". Ach, m u ß sie das? Was aber, wenn sie um die beschworene Unsi- cherheit schon lange weiß, sie aber wegen ihrer Zwecke, die sie mit ihrem Atomprogramm verfolgt, in Kauf nimmt? Wen oder was muß man dann ins Visier nehmen? Die Atomkraft oder deren Geburtshel- fer? Das Mittel der Politik oder deren ungemütliche Absichten, die sich dieses Mittels bedienen? P.S. Mensch, ist das schon wieder "abstrakt". Sich über die Zwecke klarwerden? Da will doch einer "unsere konkrete Betroffenheit po- litisieren". Das lassen wir uns nicht gefallen. Die Politiker stillegen? Nein danke! Das "ist doch unreali- stisch". Logo, wenn man nicht will. Dies ist nicht die Stunde für "grundsätzliche Kritik", erst mal muß den Schwangeren geholfen werden. Wir t u n (wenigstens) etwas. Hat ja auch keiner bestritten. Aber was? Z.B. die Aktion 'Da habt Ihr den Salat'. Da wird echt verstrahlter Salat vor's Ordnungsamt oder die VEW gekippt. Der Doppelsinn der Parole ist beabsichtigt. B l a m a g e von Staat und Atomindustrie ist nämlich angesagt: obwohl Ihr immer be- hauptet habt, es könne nichts passieren, ist jetzt doch was pa- saiert, und jetzt habt Ihr den Salat. Eine Aufklärung darüber, daß ein GaU das von jenen Figuren ge- wußte und eingeplante Risiko ist, die sich (!) jetzt den unge- nießbaren Salat eingebrockt haben sollen, ist das nicht. Vielmehr der immer noch gutgläubige Vorwurf, das könne doch so niemand ge- wollt haben. Und diese kreuzverkehrte Theorie sorgt dafür, daß die Praxis so symbolisch und kindisch ist. zurück