Quelle: Archiv MG - BRD KERNENERGIE AKW-GEGNER - Haben die AKW-Gegner recht?
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Bremer Hochschulzeitung Ausgabe Naturwissenschaft, 23.06.1980
Professor von Ehrenstein "warnt vor atomaren Risiken" (Weser-
kurier)
EINE BREMER KARRIERE
Wie bei allen Karrieren gehört auch bei Dieter von Ehrenstein zum
Weg nach oben nicht nur ein wenig Arbeiten und Diskutieren dazu,
sondern vor allem, daß in aller Öffentlichkeit ständig glaubhaft
versichert wird, d a ß man es tut. Am besten, man beklagt sich
schon einmal über "die riesige Arbeitsbelastung durch Kommissi-
ons- und Arbeitsgruppensitzungen", das bringt - hoffentlich -
beim Publikum einen Bonus ein, weil man trotzdem weitermacht. Eh-
renstein hat sich für seinen Weg nicht einfach Studierzimmer und
Bücher ausgesucht, sondern, wie es sich für ein Mitglied einer
Kaderschmiede mit "praxisrelevanter Wissenschaft" gehört, die En-
quete-Kommission "Zukünftige Kernenergiepolitik".
Hier lassen sich nämlich "gesellschaftliches Engagement" nebst
kritischem Unterton bestens demonstrieren, zumal das Thema
"Kernenergie" dazu sehr geeignet ist: noch kein Kernkraftwerk ist
ohne die kritisch-wissenschaftliche Betreuung von Leuten wie Eh-
renstein in die Welt gesetzt worden. Dumm hieran ist nur, daß das
kritische Flair, mit dem sich der Bremer Professor beim Fußvolk
gern umgibt, umso blasser werden muß, je größer seine Anerkennung
in der Atomkommission wird, auf die er so scharf ist und für die
er weiland beim Gorleben-Hearing seinen peinlichen Diener vor Mi-
nisterpräsident Albrecht gemacht hat. Als public-relations-wirk-
same Korrektur empfiehlt sich hier, in Bremer Zeitungen mal wie-
der die Stimme des Warners zu erheben: das erhält gewisse Sympa-
thien beim universitären Publikum, und die Enquete-Kommission
weiß, wie es gemeint ist. Mißverständnisse über das wissenschaft-
liche Engagement des Denkers in staatlichen Instituten für die
Durchsetzung des BRD-Atomprogramms sind allerdings auch kaum
möglich:
1. "Mir kommt es darauf an, ob ich Kernenergie mit allen (!) ih-
ren technischen Gefahren in der realen Welt akzeptieren kann oder
nicht."
Mit a l l e n natürlich nicht, sonst wäre er ja kein Kritiker.
Mit welchen also nicht?
2 "Das Problem der Kontrolle der Kernenergie gegen Mißbrauch,
Terror und Sabotage hat man heute kaum ansatzweise begriffen."
Die Diskussion über die Gefährdung der Menschheit durch Kern-
kraftwerke hat dieser kritische Kopf maßgeblich übergeleitet in
die andere über die Gefährdung der Kernkraftwerke durch die
Menschheit: Anarchos, Staatsfeinde und andere könnten dem einzig
legitimen Sachwalter der Atombombe mit geklauten Plutoniumstäb-
chen an die Karre fahren. Da muß ja der G e b r a u c h der
Kernenergie wirklich das kleinste Übel sein.
Also:
3. Weiterbauen: "Die unterirdische Bauweise würde außerdem eine
Lücke in der Sicherheitspolitik stopfen."
Der Professor ist also doch ein Befürworter, oder? So einfach
dürfen die Dinge nicht liegen, wenn man als Vertreter der Bremer
Kaderschmiede groß rauskommen will. Selbstverleugnung wäre da der
schlechteste, weil unglaubhafte Weg. Der Weserkurier springt
seinem Gastautor so bei:
4. "wenn Ehrenstein so argumentiert, darf man nicht vergessen,
daß er wegen der technischen und politischen Risiken grundsätz-
lich gegen die Kernenergie ist."
Das merken wir uns.
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