Quelle: Archiv MG - BRD KERNENERGIE AKW-GEGNER - Haben die AKW-Gegner recht?
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Atomkraftdiskussion an der Frankfurter Musterschule
KRITIK - NUR IM NAMEN DER REPUBLIK!
Die Schülervertretung der Musterschule veranstaltete am 2.9. eine
Podiumsdiskussion zum Thema "Atomenergie - Bilanz und Perspekti-
ven in der BRD". Überwiegende Stimmung im Saal: Distanz zur offi-
ziellen Bonner Atompolitik. Und um dem Ganzen noch etwas Pep zu
verleihen, hatten die Schüler auch einen Pro-AKW-Mann von der KWU
(dem führenden Kraftwerkshersteller in der BRD) eingeladen.
Wie nicht anders zu erwarten, war für den KWUler die Atomwelt in
Ordnung. Seine Argumente dafür waren von folgendem Kaliber:
"Aus den Erfahrungen von 100 Reaktorbetriebs-Jahren kann ich sa-
gen, daß Tschernobyl nicht in der BRD liegt. Die BRD besitzt die
sichersten AKWs, die sicherste Strahlenschutzverordnung. Ein Re-
aktor wie in Tschernobyl wird im Westen nicht benutzt, ein Un-
fallverlauf (!) wie in Rußland ist hier ausgeschlossen... Zu Cat-
tenom: Die Frage nach der Unfallgefahr ist genau so sinnlos wie
die Frage, ob ich morgen von einem Blitz getroffen werden
könnte."
Genau genommen hat er noch nicht mal gelogen, der Herr von der
KWU: Derselbe Unfallverlauf wie in Tschernobyl wird's in Biblis
oder Stade schon nicht sein - vielleicht eher einer wie in Har-
risburg oder in Cattenom! In der nationalbewußten Verwechslung
von deutschen AKWs mit sicheren AKWs erschöpfte sich jedenfalls
schon die ganze Argumentationskunst des professionellen Atom-
kraftbefürworters. Vielleicht sind ihm, sofern ihn nicht zuvor
der Blitz getroffen hat, ja in der BRD noch eigene "Erfahrungen"
eines ganz unrussischen "Unfallverlaufs" mit Leichtwasser-Druck-
reaktoren vom westlichen Standardtyp vergönnt. Soll er sich dann
doch zum Schutz die Strahlenschutzverordnung vor den Bauch hal-
ten. Und wenn alle Stricke reißen, kann er sich immerhin in der
Sicherheit wiegen: "Wenn wir nicht nachweisen, daß wir den GAU
(!) beherrschen, ist ein AKW unzulässig." Es lebe der GAU-TÜV!
Grenzwerte auch für Ungeborene!
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Für die anderen Podiumsdiskutanten war der Atommann ein gefun-
denes Fressen. Leider nicht deshalb, weil sie die Gelegenheit ge-
sucht hätten, die paar vom KWUler vertretenen und hierzulande of-
fiziell durchgesetzten Lügen zu widerlegen, von denen die staat-
liche Durchsetzung des Energieprogramm begleitet wird. Vielmehr
gefielen sich die Kontrahenten des KWU-Propagandisten in der
Pose, sich einmal von einem leibhaftigen Vertreter der
"Atommafia" angewidert abwenden zu dürfen. Was sie freilich ande-
rerseits nicht daran hinderte, mit ihm voller Begeisterung in die
inzwischen wohlbekannte fachmännische Diskussion über rems, Sie-
verts, Nicht- oder Erkennbarkeit von Früh-, Mittel- und Spätschä-
den usw. einzusteigen.
Da geht es dann folgendermaßen zu:
"Man muß bei der radioaktiven Bestrahlung unterscheiden zwischen
einer sogenannten Ganzkörperdosis, einer Organdosis und der ef-
fektiven Dosis. Der Umrechenkoeffizient zwischen... beträgt 0,3,
mit dem man... multiplizieren muß."
Sie wissen also einerseits durchaus Bescheid, die naturwissen-
schaftlichen Experten, was die Wirkung diverser radioaktiver
Strahlenarten auf die menschliche Physis betrifft, und daß das
einzig zutreffende Urteil darüber lautet: 'in verschiedenen Gra-
den s c h ä d l i c h'. Das hindert sie andererseits keineswegs
daran, und zwar inklusive ihrer kritisch gesonnenen Abteilung,
aus ihrem Wissen, daß bestimmte Isotope bestimmte Organe, andere
den ganzen Organismus - s c h ä d i g e n, die eigenartige
Fortsetzung zu ziehen, daß nunmehr die verschiedenen Sorten orga-
nischer Zerstörung ineinander umgerechnet, miteinander multipli-
ziert, also in ein D u r c h s c h n i t t s v e r h ä l t n i s
z u e i n a n d e r gebracht gehörten. Mit Naturwissenschaft hat
dieser G r e n z w e r t-Standpunkt nichts mehr zu schaffen,
viel mehr hingegen mit einem Standpunkt, der sich fragt: 'Wieviel
Beschädigung halten die Brüder denn normalerweise aus? Wieviel
Durchschnittsstrahlung kann man ihnen also lässig z u m u-
t e n ? Kurz: dem Standpunkt einer politischen Obrigkeit, der
der f ü r sie nützliche Verschleiß der Gesundheit ihres Men-
schenmaterials die allergrößte Selbstverständlichkeit ist - nicht
erst in puncto Atomenergie.
Das Mitmischen bei dem ganzen Grenzwertezirkus markiert also
gleich noch den Grenzwert für erlaubte K r i t i k - anschaulich
vorgeführt vom Beauftragten der Hessischen Strahlenschutz kommis-
sion Dr. Beck: Seine Bekundung, daß "im Grunde jede noch so ge-
ringe Strahlung schädlich sein kann", ließ er einmünden in die
Forderung, "unbedingt auch für Ungeborene Grenzwerte einzuführen,
da diese um das 100fache empfindlicher sind". Für einen Strahlen-
schutz-Kommissar zweifellos eine s t a n d e s gemäße Verwechs-
lung: als wäre die obrigkeitliche Festlegung von Grenzwerten an
garantiert unschädlichen Dosen von Strahlung interessiert! Als
würden sich die mit den Grenzwerten gesetzlich zugelassenen Dosen
nicht nach dem offiziell beschlossenen Bedarf an AKWs richten,
sondern nach der eingebildeten Widerstandsfähigkeit des
(womöglich ungeborenen) "Ganzkörpers"; als wären die Grenzwerte
nicht die staatliche Fixierung des Ausmaßes der erlaubten Vergif-
tung; kurz: als wäre ausgerechnet der staatliche U r h e b e r
diverser Strahlungsrationen eigentlich zum S c h u t z seiner
Untertanen vor besagter Dosen berufen.
"Fundamentalopposition" heute
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Die ganze Botmäßigkeit solcher Kritik gegen über den politökono-
mischen Zwecken der Betreiber der AKWs führte ausgerechnet der
als Fachmann für Fragen der gesellschaftspolitischen Verantwor-
tung geladene grüne Ober-Fundi Manfred Zieran vor. Der von ihm
angesteuerte Beweiszweck: Es ist möglich, daß "wir" (er meint da-
mit den Staat und zugleich "uns alle") sofort abschalten, und
zwar aus folgenden Gründen: AKWs seien "überflüssig", da "wir"
eine Masse "ungenutzter Kraftwerks-Reserven besitzen".
Der Nachwuchs-Politiker will offenbar nicht wissen, daß der maje-
stätische Plural des gestandenen Politikers zuallerletzt das
Wohlergehen der gewöhnlichen Untertanen des von ihm geführten Ge-
meinwesens meint. Vielleicht hat der Kanzler, wenn er in
"unserem" Namen Kraftwerke bauen läßt, einen anderen Maßstab im
Auge, an dem er besagte Kapazitäten mißt und für nötig befindet?
Einen Maßstab namens "Wirtschaftswachstum", der den Nutzen sehr
bestimmter Leute aus der nationalen Zwangsgemeinschaft fördert
und "uns alle" genau so herum betrifft, daß die restlichen Leute
vom Erfolg des Kapitals abhängig gemacht worden sind?
Und das hat ein "Fundamentaloppositioneller" sogar noch mitge-
kriegt - leider genau verkehrt:
"Abschalten bringt keine Arbeitslosigkeit, da Atomenergieerzeu-
gung sehr kapitalintensiv ist."
Das Glück der Menschheit besteht offenbar auch für einen Grünen
darin, sich zu anderer Leute Vorteil krummlegen zu dürfen. Das,
meint er, ist auch ohne AKWs zu haben. Die seien ferner
"demokratiezerstörend, denn der Atomstaat erfordert die totale
Überwachung". Der Grüne ist Politiker genug, um die Ideologie de-
mokratischer Politik zu teilen, unter der vorgestellten "totalen
Überwachung" unbotmäßiger Leute litte vor allem das zarte Pflänz-
chen Demokratie! Besonders trostlos: Die Existenz von AKWs
scheint auch den Grünen tiefstes Verständnis für die umfassende
Existenz der Polizei abzuringen! Und schließlich:
"Wir können selbst dann abschalten, wenn unsere Wirtschaft
wächst."
Zieran ist offenbar so viel an der Demonstration der
V e r e i n b a r k e i t von grüner Partei und den Staatsgrund-
sätzen von Kohl und Rau gelegen, daß er "Wirtschaftswachstum"
nicht mehr im entferntesten kritisiert, sondern locker in "unser
aller" gemeinsames Anliegen übersetzt. Daß da die eine Klasse an-
schafft und die andere für ihren bloßen Lebensunterhalt sich
dienstbar zu machen hat, hält offenbar auch ein Grüner für ein
höchst edles und unschuldiges Anliegen, für das man sich die ei-
gene werte Partei gut als alternativen Energiebeschaffer vorstel-
len kann!
Fazit: Kritik findet hierzulande anscheinend nur noch statt unter
Berufung auf die allgemein anerkannten Titel, unter denen die
herrschenden Figuren ihre politischen Zwecke verkaufen, also im
Namen eines immer noch größeren Erfolges genau der Republik, die
ihre liebenswerten Qualitäten in vorderster Linie mit Programmen
wie der "zivilen und militärischen Nutzung der Kernkraft" aus-
weist! Wohl bekomm's...
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