Quelle: Archiv MG - BRD KERNENERGIE AKW-GEGNER - Haben die AKW-Gegner recht?
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Marxistische Gruppe, Dezember 1980
Bundeskonferenz der AKW-Gegner:
THESEN ZUM ANTI-AKW-KAMPF
Energiepolitik - staatlich...
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Die Bundesregierung läßt Atomkraftwerke bauen, weil mit ihnen
rentabel Strom produziert wird. Diesen Vorteil für das Wachstum
ihrer Wirtschaft läßt sie sich nicht entgehen, zumal diese Form
der Energieproduktion neben den Kohle- und Ölkraftwerken eine für
die Wirtschaft rentable Sache ist: "Strom aus Kernkraftwerken
nach heutigen Preisen kostet 4 bis 4,5 Pfennig..., Steinkohle und
Ölkraftwerke liefern deutlich teureren Strom." (Kernernergie.
Eine Bürgerinformation) Für diesen Zweck setzt der Staat eine
Kerntechnologie ins Werk, die technisch nicht beherrscht, daher
für die Leute lebensgefährlich ist. Die "Sicherheitsvorkehrungen"
vom Berstschutz bis zum Katastrophenschutzplan beweisen dies
ebenso, wie den festen Willen, diese Gefahren der Bevölkerung
zuzumuten wegen der Rentabilität dieser Geräte. Und die stellt
der Staat tatkräftig her. Durch Aufrechnung von Sicherheitsvor-
kehrungen gegen ihre Kosten zwecks deren Einsparung, zum anderen
durch Subventionierung der Atomindustrie, die er sich selber aus
dem Geldbeutel der Bürger bezahlen läßt. Für s i e ist nämlich
die Stromproduktion in Atomkraftwerken nicht rentabel, sondern
teuer. Das merken sie am Strompreis.
Einen Aufstand hat deswegen von diesen Brüdern kaum jemand ange-
zettelt. Wie gefährlich ein AKW ist, weiß inzwischen auch jedes
Kind, und wer in Esensham oder anderswo wohnt, hat bisweilen so-
gar Angst. Das Verrückte ist nur, daß diese Leute ihr Problem mit
der Gefährlichkeit von AKW bei dem am besten aufgehoben wissen,
der ihnen diese Dinger vor die Nase gesetzt hat. In seinen Reak-
torsicherheitsdiskussionen und Anhörungsverfahren bewältigt der
Staat also ziemlich souverän etwaige Einwände seiner Leute: hier
eine zusätzliche Brause zum Kühlen des Reaktorkerns (er kann ja
durchschmelzen), dort ein kurzer Baustopp - womit die Unsicher-
heit der Atommeiler zwar nicht aus der Welt geschafft ist, aber
überzeugend demonstriert wird, daß Vater Staat sich auf jeden
Fall um das "Problem" kümmert, das er in die Welt gesetzt hat.
Das schafft Vertrauen.
...und alternativ
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D e r Einwand gegen Atomkraftwerke, daß sie nämlich über Leichen
gehen, ist der Anti-AKW-Bewegung bekannt, reicht ihnen als Kritik
an dieser Form staatlicher Energiepolitik aber nicht aus: "Wenn
das so ist, muß sich die Kritik an den zivilen Atomanlagen auf
ihre Gefährlichkeit und ökonomische Unsinnigkeit konzentrie-
ren..." (134) Muß sie nicht. denn heraus kommt dabei folgender
Fehler: es wird behauptet, daß der Strom aus AKWs nicht billig
sondern teuer sei, weil die hohen Anlagekosten für AKWs über
Steuern und Strompreis der Masse der Bevölkerung aufgebürdet wer-
den.
Ein ziemlich blödes Problem. Für die einen kann der AKW-Strom gar
nicht teuer genug sein, für die Kernkraftwerksgesellschaften näm-
lich. Warum soll er für sie billig sein? Für die anderen, die den
Strom verbrauchen und selber ein Geschäft machen, ist der Strom-
preis ein Kostenfaktor, also kein Problem, sondern daajenige, auf
das man den Profit draufhaut. Für die letzten schließlich, die an
der Steckdose ihren Rasierer anschließen, ist der Strom teuer,
damit für die anderen ein Geschäft daraus wird. Warum sollte er
also für sie billig sein? Für sie wird er ja gar nicht produ-
ziert! Und selbst, wenn es die "ökonomische Unsinnigkeit" gäbe:
soll man gegen die G e f ä h r l i c h k e i t der Atommeiler
oder ihre angebliche "ökonomische U n s i n n i g k e i t"
sein? Wir meinen ersteres. Wie falsch der letzte Einwand ist, er-
sieht man an seiner Umkehrung: ab sofort wäre die Kritik an AKW
hinfällig, wenn der Strompreis für Hans und Franz um ein paar
Pfennig gesenkt würde. Das ist doch angesichts der AKW auch keine
Perspektive: noch nie war der Tod so billig wie heute! Wer also
gegen Atomkraftwerke und ihren Zweck etwas hat, sollte nicht aus-
gerechnet ihrem staatlichen Urheber oder den Leuten durch alter-
native Energiebilanzen beweisen wollen, daß die Politiker sich
v e r r e c h n e t haben.
Ebenso falsch ist der Nachweis, der Staat verletze mit dem Ausbau
der AKW seine eigentlichen "arbeitsmarktpolitischen" Absichten.
Arbeitsplatzbeschaffung war noch nie das Ziel des AKW-Programms.
Ein paar Jobs gibt's in den AKWs selbst mit Garantie auf über-
durchschnittliche Einkommen und Haarausfall, ansonsten werden sie
angeboten oder abgeschafft, die Arbeitsplätze, je nachdem, ob sie
sich für den Anbieter lohnen oder nicht. Man sollte daher aufhö-
ren, das Atomprogramm immerzu an erfundenen Zielen des Staates zu
messen, um daran dessen Scheitern zu besprechen: erst versprach
er billige Energie, dann wurde sie teuer, erst wollte er Ar-
beitsplätze schaffen, dann wurden daraus Arbeitslose...
So sehr diese Ideologien im Umlauf sind, sowenig sind sie eben
der G r u n d für den Ausbau der AKW, weswegen sie bis heute
auch nicht "unsinnig" sind. Es ist schlimmer. Für ihre Urheber
haben sie Sinn und Zweck, der Rest muß dafür bluten. Der macht's
auch noch und bringt es fertig, am Gegenstand eines legensgefähr-
lichen Produktionsmittels so aparte Probleme wie arbeitsmarktpo-
litische und sonstige zu diskutieren. Also von wegen Widerstand
der Bevölkerung! Bislang ist das Vertrauen ungetrübt, daß alle
Sorgen und Nöte - sei es der Arbeitsplatz oder die Gesundheit -
am besten aufgehoben sind bei "unseren " Politikern, die sie täg-
lich aufs Neue bereiten.
Gorleben: Widerstand à la 1004
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Es ist also schon ein dicker Hund, wenn AKW-Gegner sich bei ihren
Aktionen so gebärden, als bestünde Rest-Deutschland aus 50 Mil-
lionen Kernkraftkritikern, für die man zumindest stellvertretend
auf Widerstand macht, solange sie gerade nicht dabei sind. Die
Besetzung eines Bohrlochs und ein Freundschaftsdorf mit ein wenig
TamTam werden dadurch zu einem riesen Erfolg, daß die Akteure
durch einen massiven Polizeieinsatz vom Platz geprügelt wurden.
Sein Inhalt: die gelungene Demonstration der eigenen moralischen
Integrität, die sich in dem Bekenntnis zur "Gewaltfreiheit" zu-
sammenfaßt, wächst mit der Anzahl der Blessuren, die einem die
Gegenseite beibringt. Ein Beitrag zur Stärkung der Anti-AKW-Bewe-
gung? Ja, aber eben nur, weil dieser Widerstand von der Einbil-
dung lebt, die vielen Millionen Deutschen außerhalb des Freund-
schaftsdorfes seien allesamt AKW-Gegner, die sich dem Widerstand
dagegen sofort anschließen wurden, wenn er den Anschein von Geg-
nerschaft gegen den Urheber des Atomprogramms gar nicht erst auf-
kommen ließe. Der Vater dieser Logik ist der falsche Wunsch, aus
der unterstellten bundesweiten Gegenerschaft gegen die Atommeiler
würde der Widerstand in der Bewegung praktisch, wenn sie ihren
W i d e r s t a n d sein läßt. Daß dieses Anliegen Wunsch
bleibt, haben Kritiker gemerkt: "Die Opfer von Gorleben erreichen
genau das Gegenteil von der erhofften Wirkung. Die Demonstration
der eigenen Ohnmacht vor der staatlichen Übermacht wird keinen
Widerstand erzeugen, sondern Angst, Anpassung und Opportunis-
mus... Wer in Zukunft also von der 'Unterstützung der Bevölke-
rung' redet, soll gleich dazu sagen, ob er die Angst vieler
Menschen, sich zu wehren, verändern will oder sich dahinter
versteckt." (10)
Das Blöde ist nur, daß diese Kritik an den blutigen Köpfen von
Gorleben, der Preis für die Demonstration der eigenen moralischen
Integrität gegenüber der Staatsgewalt, den Fehler teilt, den sie
angreift. Denn wer die Beseitigung von "Angst" in der Bevölkerung
zwecks Verbreiterung der Bewegung propagiert, malt sich eine Welt
in anti-AKW-Farben, die nur deswegen nicht in (der) Bewegung ist,
weil es ihr dazu an M u t fehlt. So falsch dieses Urteil ist,
so fatal sind seine Konsequenzen. Widerstand zu erzeugen, indem
man ihn v o r m a c h t, stellt sich nicht nur gleichgültig ge-
gen die G r ü n d e, aus denen der Normalverbraucher kein AKW-
Gegner ist. Er bereichert diesen Fehler auch noch um den Zynis-
mus, denjenigen einen Angsthasen zu schimpfen, der den Preis an
Blessuren nicht zahlen will für das verrückte Unternehmen, einen
Massenwiderstand gegen die Staatsgewalt ohne Massen zu fingieren,
damit einer daraus werde.
Anti-AKW und/oder Anti-Kriegs-Bewegung?
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Das ist ja wohl ein ganz verrücktes Problem, das unter der Frage:
'geht der Kampf gegen die AKW und gegen den Krieg zusammen?' ver-
handelt werden soll. Ihr habt doch, denken wir, gegen beide eini-
ges einzuwenden. Wär auch noch schöner, wenn nicht! Und da sollen
ausgesuchte Blödheiten wie: Atomkrieg sei auch eine Art Umwelt-
verschmutzung dafür herhalten, das Problem zu wälzen, ob ein
Kernkraftgegner auch gegen die Kriegszurüstungen seines Staates
sein d a r f? Da wäre es ja wohl gescheiter, sich den Zusammen-
hang zwischen profitträchtiger Vernutzung von Menschenmaterial
zugunsten der nationalen Ökonomie und leichenträchtiger Verwen-
dung derselben Leute für die äußeren Ziele der Nation klarzuma-
chen. Kümmert euch besser darum!
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