Quelle: Archiv MG - BRD KERNENERGIE AKW-GEGNER - Haben die AKW-Gegner recht?
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Münchner Hochschulzeitung, 31.03.1981
Sonderausgabe Sozialwesen
THESEN ZUM ANTI-AKW-KAMPF
Energiepolitik - Staatlich ...
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Die Bundesregierung läßt Atomkraftwerke bauen, weil mit ihnen
rentabel Strom produziert wird. Diesen Vorteil für das Wachstum
ihrer Wirtschaft läßt sie sich nicht entgehen, zumal diese Form
der Energieproduktion neben den Kohle- und Ölkraftwerken eine für
die Wirtschaft rentable Sache ist: "Strom aus Kernkraftwerken
nach heutigen Preisen kostet 4 bis 4,5 Pfennig ..., Steinkohle
und Ölkraftwerke liefern deutlich teureren Strom." (Kernenergie,
Eine Bürgerinformation). Für diesen Zweck setzt der Staat eine
Kerntechnologie ins Werk
die technisch nicht beherrscht, daher für die Leute lebensgefähr-
lich ist. Die "Sicherheitsvorkehrungen" vom Berstschutz bis zum
Katastrophenschutzplan beweisen dies ebenso, wie den festen Wil-
len, diese Gefahren der Bevölkerung zuzumuten wegen der Rentabi-
lität dieser Geräte. Und die stellt der Staat tatkräftig her.
Durch Aufrechnung von Sicherheitsvorkehrungen gegen ihre Kosten
zwecks deren Einsparung, zum anderen durch Subventionierung der
Atomindustrie, die er sich selber aus dem Geldbeutel der Bürger
bezahlen Läßt. Für s i e ist nämlich die Stromproduktion in
Atomkraftwerken nicht rentabel, sondern teuer. Das merken sie am
Strompreis.
Einen Aufstand hat deswegen von diesen Bürgern kaum jemand ange-
zettelt. Wie gefährlich ein AKW ist, weiß inzwischen auch jedes
Kind, und wer in Esensham oder anderswo wohnt, hat bisweilen so-
gar Angst. Das Verrrückte ist nur, daß diese Leute ihr Problem
mit der Gefährlichkeit von AKW bei dem am besten aufgehoben wis-
sen, der ihnen diese Dinger vor die Nase gesetzt hat. In seinen
Reaktorsicherheitsdiskussionen und Anhörungsverfahren bewältigt
der Staat also ziemlich souverän etwaige Einwände seiner Leute:
hier eine zusätzliche Brause zum Kühlen des Reaktorkerns (er kann
ja durchschmelzen), dort ein kurzer Baustopp - womit die Unsi-
cherheit der Atommeiler zwar nicht aus der Welt geschafft ist,
aber überzeugend demonstriert wird, daß Vater Staat sich auf je-
den Fall um das "Problem" kümmert, das er in die Welt gesetzt
hat. Das schafft Vertrauen.
... und alternativ
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D e r Einwand gegen Atomkraftwerke, daß sie nämlich über Leichen
gehen, ist der Anti-AKW-Bewegung bekannt, reicht ihnen als Kritik
an dieser Form staatlicher Energiepolitik aber nicht aus: "Wenn
das so ist, muß sich die Kritik an den zivilen Atomanlagen auf
ihre Gefährlichkeit und ökonomische Unsinnigkeit konzentrieren
..." (134). Muß sie nicht, denn heraus kommt dabei folgender Feh-
ler: Es wird behauptet, daß der Strom aus AKWs nicht billig, son-
dern teuer sei, weil die hohen Anlagekosten für AKWs über Steuern
und Strompreis der Masse der Bevölkerung aufgebürdet werden.
Ein ziemlich blödes Problem. Für die einen kann der AKW-Strom gar
nicht teuer genug sein, für die Kernkraftwerksgesellschaften näm-
lich. Warum soll er für sie billig sein? Für die anderen, die den
Strom verbrauchen und selber ein Geschäft machen, ist der Strom-
preis ein Kostenfaktor, also kein Problem, sondern dasjenige, auf
das man den Profit draufhaut. Für die letzten schließlich, die an
der Steckdose ihren Rasierer anschließen, ist der Strom teuer,
damit für die anderen ein Geschäft daraus wird. Warum sollte er
also für sie billig sein? Für sie wird er ja gar nicht produ-
ziert! Und selbst, wenn es die "ökonomische Unsinnigkeit" gäbe:
Soll man gegen die G e f ä h r l i c h k e i t der Atommeiler
oder ihre angebliche "ökonomische U n s i n n i g k e i t"
sein? Wir meinen ersteres. Wie falsch der letzte Einwand ist, er-
sieht man an seiner Umkehrung: Ab sofort wäre die Kritik an AKW
hinfällig wenn der Strompreis für Hans und Franz um ein paar
Pfennig gesenkt würde. Das ist doch angesichts der AKW auch keine
Perspektive: Noch nie war der Tod so billig wie heute! Wer also
gegen Atomkraftwerke und ihren Zweck etwas hat, sollte nicht aus-
gerechnet ihrem staatlichen Urheber oder den Leuten durch alter-
native Energiebilanzen beweisen wollen, daß die Politiker sich
v e r r e c h n e t haben.
Ebenso falsch ist der Nachweis, der Staat verletze mit dem Ausbau
der AKW seine eigentlichen "arbeitsmarktpolitischen" Absichten.
Arbeitsplatzbeschaffung war noch nie das Ziel des AKW-Programms.
Ein paar Jobs gibt's in den AKWs selbst mit Garantie auf über-
durchschnittliche Einkommen und Haarausfall, ansonsten werden sie
angeboten oder abgeschafft, die Arbeitsplätze, je nachdem, ob sie
sich nur den Anbieter lohnen oder nicht. Man sollte aufhören, das
Atomprogramm immerzu an erfundenen Zielen des Staates zu messen,
um daran dessen Scheitern zu besprechen: Erst versprach er bil-
lige Energie, dann wurde sie teuer, erst wollte er Arbeitsplätze
schaffen dann wurden daraus Arbeitslose ...
So sehr diese Ideologien im Umlauf sind, sowenig sind sie eben
der G r u n d für den Ausbau der AKW, weswegen sie bis heute
auch nicht "unsinnig" sind. Es ist schlimmer. Für
ihre Urheber haben sie Sinn und Zweck, der Rest muß dafür bluten.
Der macht's auch noch und bringt es fertig, am Gegenstand eines
lebensgefährlichen Produktionsmittels so aparte Probleme wie ar-
beitsmarktpolitische und sonstige zu diskutieren. Also von wegen
Widerstand der Bevölkerung! Bislang ist das Vertrauen ungetrübt,
daß alle Sorgen und Nöte - sei es der Arbeitsplatz oder die Ge-
sundheit - am besten aufgehoben sind bei Unseren" Politikern, die
sie täglich aufs Neue bereiten.
Gorleben: Widerstand à la 1004
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Es ist also schon ein dicker Hund, wenn AKW-Gegner sich bei ihren
Aktionen so gebärden, als bestände Rest-Deutschland aus 50 Mil-
lionen Kernkraftkritikern, für die man zumindest stellvertretend
auf Widerstand macht, solange sie gerade nicht dabei sind. Die
Besetzung eines Bohrlochs und ein Freundschaftsdorf mit ein wenig
Tam Tam werden dadurch zu einem riesen Erfolg, daß die Akteure
durch einen massiven Polizeieinsatz vom Platz geprügelt wurden.
Sein Inhalt: Die gelungene Demonstration der eigenen moralischen
Integrität, die sich in dem Bekenntnis zur "Gewaltfreiheit" zu-
sammenfaßt, wächst mit der Anzahl der Blessuren, die einem die
Gegenseite beibringt. Ein Beitrag zur Stärkung der Anti-AKW-Bewe-
gung? Ja, aber eben nur, weil dieser Widerstand von der Einbil-
dung lebt, die vielen Millionen Deutschen außerhalb des Freund-
schaftsdorfes seien allesamt AKW-Gegner, die sich dem Widerstand
dagegen sofort anschließen würden, wenn er den Anschein von
Gegnerschaft gegen den Urheber des Atomprogramms gar nicht erst
aufkommen ließe. Der Vater dieser Logik ist der falsche Wunsch,
aus der unterstellten bundesweiten Gegnerschaft gegen die Atom-
meiler würde der Widerstand in der Bewegung praktisch, wenn sie
ihren W i d e r s t a n d sein läßt. Daß dieses Anliegen Wunsch
bleibt, haben Kritiker gemerkt: "Die Opfer von Gorleben erreichen
genau das Gegenteil von der erhofften Wirkung. Die Demonstration
der eigenen Ohnmacht vor der staatlichen Übermacht wird keinen
Widerstand erzeugen, sondern Angst Anpassung und Opportunismus
... Wer in Zukunft also von der 'Unterstützung der Bevölkerung'
redet, soll gleich dazu sagen, ob er die Angst vieler Menschen,
sich zu wehren, verändern will oder sich dahinter versteckt."
(10)
Das Blöde ist nur, daß diese Kritik an den blutigen Köpfen von
Gorleben, der Preis Für die Demonstration der eigenen moralischen
Integrität gegenüber der Staatsgewalt, den Fehler teilt, den sie
angreift. Denn wer die Beseitigung von "Angst" in der Bevölkerung
zwecks Verbreiterung der Bewegung propagiert, malt sich eine Welt
in Anti-AKW-Farben, die nur deswegen nicht in (der) Bewegung ist,
weil es ihr dazu an M u t fehlt. So falsch dieses Urteil ist,
so fatal sind seine Konsequenzen. Widerstand zu erzeugen, indem
man ihn v o r m a c h t, stellt sich nicht nur gleichgültig ge-
gen die G r ü n d e, aus denen der Normalverbraucher kein AKW-
Gegner ist. Er bereichert diesen Fehler auch noch um den Zynis-
mus, denjenigen einen Angsthasen zu schimpfen, der den Preis an
Blessuren nicht zahlen will für das verrückte Unternehmen, einen
Massenwiderstand gegen die Staatsgewalt ohne Massen zu fingieren,
damit einer daraus werde.
Anti-AKW-und/oder Anti-Kriegsbewegung?
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Das ist ja wohl ein ganz verrücktes Problem, das unter der Frage:
'Geht der Kampf gegen die AKW und gegen den Krieg zusammen?' ver-
handelt werden soll. Ihr habt doch, denken wir, gegen beide eini-
ges einzuwenden. Wär auch noch schöner, wenn nicht! Und da sollen
ausgesuchte Blödheiten wie: Atomkrieg sei auch eine Art Umwelt-
verschmutzung dafür herhalten, das Problem zu walzen, ob ein
Kernkraftgegner auch gegen die Kriegszurüstungen seines Staates
sein d a r f? Da wäre es ja wohl gescheiter, sich den Zusammen-
hang zwischen profitträchtiger Vernutzung von Menschenmaterial
zugunsten der nationalen Ökonomie und leichenträchtiger Verwen-
dung derselben Leute für die äußeren Ziele der Nation klarzuma-
chen. Kümmert euch besser darum!
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