Quelle: Archiv MG - BRD KERNENERGIE AKW-GEGNER - Haben die AKW-Gegner recht?
zurück
Gorleben
EIN DEMOKRATISCHES SANDKASTENSPIEL
Während in vorwiegend süddeutschen Regionen ehrbare Bürger all-
jährlich zur Faschingszeit ihren Spaß daran finden, sich als när-
rische Untertanen einem gekürten Prinzenpaar zur Verfügung zu
stellen, und mit einem glitzernden Zeremoniell samt Hofstaat und
Garde ihre sonst eher schmucklose Unterwerfung unter den Staat
als Vergnügen feiern (weshalb dieses auch so öde ausfällt), haben
sich einige 1000 Anhänger der Ökologieszene vorgenommen, ganz ba-
sisemokratisch einmal für ein paar Wochen Staat von unten zu
spielen und auf der Tiefbohrstelle 1004 bei Gorleben die "Freie
Republik Wendland - Kultstätte 1004" ausgerufen.
Kultiviert wird an dieser Stätte, wo niedersächsische Regierung
per "Probebohrungen" feststellt, daß hier eine Atommülldeponie
errichtet wird, die grüne Volksgemeinschaftsideologie eines har-
monischen Miteinanders (die Republik stellt "Wendenpässe" mit dem
Vermerk: "Lebenseinstellung positiv" aus) fröhlicher Menschen
("gültig nur, solange sein Inhaber noch lachen kann"), wobei der
Spaß freilich etwas aufgesetzt wirkt, soll er doch bekunden, daß
gerade aus einem harten, entbehrungsreichen Leben ungezwungene
Heiterkeit erwächst, und damit eine solide Basis für ein solida-
risches demokratisches Zusammenleben - aller im Staate. Zur De-
monstration dieses Gedankens setzen sich die Besetzer für kurze
Zeit den Widrigkeiten der Natur aus und geben großkotzig mit be-
standenen Bewährungsproben an, die ansonsten Pfadfindern, Solda-
ten und diversen Proleten vorbehalten sind. "Im dauernden Kampf
gegen Wind, Kälte und Sand (gelobt sei, was hart macht!)" und
voller Stolz auf das "schwarz-dreckige Make-up an allen freien
Hautstellen (geht doch zum Bergbau!)" wird emsig gezimmert, geho-
belt und gesägt, um ein schönes Rundhüttendorf" (das freut den
Archäologen!) mit einem "Freundschaftshaus als Zentrum " zu er-
richten. Geplant sind ferner Hühner- und Gänseställe nebst einem
Frauenhaus, selbstverständlich viele Blumenbeete, sowie eine Kir-
che, denn die entsagungsreiche, dafür aber sich um so herzlicher
gebende Gemeinde wird auch des öfteren vom Pfaffen aus Lüchow-
Dannenberg beehrt, der sich beim Richtfest für das Freundschafts-
haus "begeistert aufs Gerüst schwang und den Zimmerleuten (da war
doch schon mal einer?) aufs Allerherzlichste dankte."
Wo so viel (ur)christlicher Gemeinschaftsgeist gepflegt wird -
nicht wie sonst als Begleitmusik zur Konkurrenz des normalen Wer-
keltagslebens, der er sich verdankt, sondern als davon gesonderte
reine Idee - gibt es natürlich wie die TAZ als Hausorgan der
"freien Wenden" etwas süffisant zu melden weiß - auch "viel
Liebe, die gegen die Kälte wärmt", und bei den nächtlichen Zu-
sammeinkünften am Lagerfeuer lodert die Flamme völkischen Kultur-
guts empor:
"Liebe Wenilen, dank für die vielen Spenden
von Bäumen, Brot und Händen.
Besonders den Gorlebenfrauen,
die den Kranz so hübsch gewunden,
und den Bauern, bei denen wir das Holz gefunden." ("fröhlicher
Beifall")
Daneben bedient man sich auch moderner psychologischer Methoden,
um das "Zusammengehörigkeitsgefühl" zu stärken, und richtet
"Bezugsgruppen" ein, in denen ständig und gemeinsam die
"persönliche Isolation und Anonymität" belabert wird, auf daß
sich dergestalt eine "Vertrauensgrundlage" füreinander und ein
großes "Verantwortungsbewußtsein" gegenüber dem "Bezugsgruppen-
modell" einstellt.
Die Freundschaftsfreunde machen nämlich nicht einfach einen auf
Naturverbundenheit und fügen sich mit ihrem "Rundhüttendorf har-
monisch in die Landschaft ein", sondern verfolgen damit einen hö-
heren politischen Zweck. Man demonstriert mit dem etwas kargen,
einfachen Miteinander die demokratische Grundtugend der Ver-
zichtsbereitschaft und bekundet damit ein staatsbürgerliches Ver-
antwortungsgefühl, das reif genug ist, staatliche Entscheidungen
in Sachen Energiepolitik mitgestalten zu können - und exerziert
dazu der realen demokratischen Herrschaft ihr politisches Ideal
als Modell vor, in dem jeder "direkt auf die Entscheidungen Ein-
fluß nehmen kann" und mit einem "Vetorecht" ausgestattet ist,
"das eine starke Verantwortung für den Einzelnen bedeutet."
Von diesem demokratischen Idealismus beseelt, der sein empörtes
Gehabe über die gefährlichen AKW's, die der Staat aus ökonomi-
schen Erwägungen für sein Kapital in die Landschaft stellt, nur
an den Tag legt, um sich über die Willkür der staatlichen Ent-
scheidungen zu empören, von denen man sich zu Unrecht übergangen
fühlt, kokettieren die Natur- und Demokratieveredeler mit ihrer
Ohnmacht gegenüber den "Machtpolitikern" und wissen sich dabei im
- höheren - Recht.
In bezug auf die anstehende polizeiliche Räumung haben sie be-
reits vor der Platzbesetzung kundgegeben, daß es "keine Schlacht
ums Bohrloch geben wird", sondern "passiven gewaltfreien Wider-
stand", der die Träger der Staatsgewalt ganz schön alt aussehen
läßt - moralisch wenigstens, und dies nicht nur in ihren Augen,
sondern auch in denen der Gorlebener Bevölkerung und der breiten
Öffentlichkeit, die man durch "militante Aktionen" nicht ver-
schrecken dürfe. Getreu dem grünen Grundsatz, in jedem Kontrahen-
ten den eigenen guten Menschen zu sehen, den man durch das Vorle-
ben guter Taten und das Vorzeigen einer edlen hilfreichen Gesin-
nung nur aufwecken muß, propagiert man "freundlichen Umgang mit
Polizisten, verbunden mit der Aufforderung, sich am Einsatztag
krank zu melden", "Hilfe bei der Landarbeit für die Bauern", bei-
spielhaften Umweltschutz " (achtet auf geforstete Waldflächen,
vergrabt eure Scheiße im Wald") und viele kulturelle Veranstal-
tungen im Dorf mit Theater, Musik und Tanz, die auf die Bevölke-
rung "anziehend" wirken sollen, weil man sich ganz als Mensch
gibt.
Bei allem Sich-Aufgeilen an ein paar Erfolgen der Menschenfische-
rei ("Einige Gorlebener Jungbauern haben Holz gestiftet") soll
das eigentliche Fanal die polizeiliche Räumungsaktion selbst wer-
den, auf die man sich nicht nur per "Planspiele einübt", um das
"Unrecht öffentlichkeitswirksam werden zu lassen", sondern die
bereits vor ihrem Eintreten das Instrument darstellt - um einen
Sieg über die eigene fehlerhafte Natur zu erringen:
"Sollen wir uns durch Rollenspiele gründlich darauf vorbereiten,
in den zu erwartenden Situationon die Nerven zu behalten. Dies
ist ein wichtiger Beitrag, um mit den eigenen Ängsten und Unsi-
cherheiten umgehen zu können."
Das ist Widerstand 1980 - Widerstand gegen sich, beispielgebend
für die übrige Menschheit, der man den eigenen Moralismus für ein
paar Wochen unter ausgesuchter äußerer Widrigkeit vorexerziert.
zurück