Quelle: Archiv MG - BRD KERNENERGIE ALLGEMEIN - Von der strahlenden Gegenwart
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14 Tage radioaktive Wolke:
KEINE PANIK - VIEL SPINNEREI -
NOTSTANDSÜBUNGEN GELUNGEN - SYSTEMVERGLEICH ENTSCHIEDEN!
Die einen schlucken Jodbonbons, schruppen wochenalte Dreckkrusten
von ihren Jüngsten ab und belagern die Telefondienste der Gesund-
heitsbehörden mit Fragen von dem Kaliber, ob ihre selbstgezogenen
Radieschen jetzt lebensgefährlich sind. Die anderen legen sich
zum Sonnenbad in den verseuchten Stadtpark-Rasen und geben die
tiefe Einsicht zu Protokoll, man könnte ja doch nichts machen und
würde nur verrückt, wenn man über die vielfältigen "Umweltge-
fahren" auch noch nachdenken wollte.
So findet das bundesdeutsche Volk, ganz freiheitlich und plurali-
stisch, die richtige praktische Einstellung zu dem geschmolzenen
Reaktorkern in Tschernobyl und dessen beträchtlichen Auswirkun-
gen; so macht es nämlich, ganz ohne Zwang, die Notstandsübung
mit, die die bundesdeutschen Behörden aus diesem schönen Anlaß
verfertigt haben.
Kontrollierte Panikmache
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heißt die Übung. Die Lage ist ein wunderschönes Sinnbild des ei-
gentlichen Ernstfalls: Der Russe dringt mit einer radioaktiven
Wolke unaufhaltsam in bundesdeutsches Gebiet ein, Becquerel-Meß-
werte, mit denen kein Laie und kaum ein Fachmann etwas anfangen
kann, halten das Publikum auf dem laufenden. Nicht über wirkliche
Gefahren, sondern über die gültige obrigkeitliche Lagebeurtei-
lung. Die lautet: Nicht ungefährlich, aber alles unter Kontrolle.
Keine Gefahr, wenn der Bürger brav auf die Behörden hört und beim
Genuß von frischem Blattgemüse auf die amtlichen Belastungs-
höchstwerte achtet.
Die Meinungsstreits der "Strahlenschützer" um zulässige Grenz-
werte werden gleich konstruktiv eingearbeitet. Erstens gewöhnen
sie das Publikum daran, daß die Strahlengefahr eine Definitions-
frage, eine Sache staatlicher Festlegung ist und zu bleiben hat.
Zweitens rufen sie genau die "Opposition" hervor, die sich eine
Demokratie auch noch in ihren Notstandsübungen gerne leistet: das
e m p ö r t e V e r l a n g e n n a c h g e n a u e r e n
A n w e i s u n g e n v o n o b e n. So etwas hört eine Regie-
rung gern. Daneben beantwortet der tägliche Radioaktivitätsbe-
richt
Die System- und Schuldfrage
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Er soll nämlich bezeugen, daß in der freiheitlichen Demokratie
n i c h t s v e r s c h w i e g e n wird. Dabei werden erstens
auch hierzulande nicht gerade die Fernsehkameras eingeladen, wenn
ein AKW was abzublasen hat. Zweitens sind die so enorm exakten
Meßwerte für sich gar keine Aufklärung: Sie suggerieren Wissen,
ohne daß einer weiß, wofür sie stehen: viel? wenig? Kommt darauf
an...! Deshalb haben die Behörden es auch so leicht, diese Werte
als Spielmaterial für ihre L a g e d e f i n i t i o n zu be-
nutzen. Wie gut man mit o b j e k t i v e n D a t e n
h e u c h e l n kann, hat der Innenminister geradezu klassisch
vorgeführt: Mit dem sardonischen Grinsen des gerichtsbekannten
Meineidbauers beschwört er, daß "keine akute Gesundheitsgefahr"
besteht. Weiß man jetzt vielleicht Bescheid? Heißt "akute Strah-
lengefahr" nicht schon, daß alles zu spät ist? Ist das gemeinte
Gegenteil "keine Gefahr" oder eine "latente Gesundheits-
s c h ä d i g u n g"?
Jede ehrliche Aussage hierüber wäre gleichbedeutend mit einer
Klarstellung über Krebsursachen sowie darüber, daß man das west-
deutsche Wirtschaftswunder vergessen kann, wenn Ähnliches hier
passiert - eine schöne Aufklärung, nebenbei, über die Absurdität
des Vertrauens auf den "gesunden Geschäftssinn", der unseren Po-
litikern ja angeblich jeden Gedanken an Krieg austreibt. Hier wie
da setzt die Staatsgewalt eben auf Erfolg; und das Risiko ist so
groß wie das Erfolgsstreben. Also: Ehrlichkeit würde die atomare
Energieproduktion samt ihren Verfechtern grundsätzlich in Verruf
bringen - und nicht bloß die Russen, was doch der Zweck der Übung
ist. Also werden alle selbsterzeugten "Unklarheiten" der sowjeti-
schen Informationspolitik zugeschoben: Dort würde ja nichts be-
kanntgegeben, deswegen könnte man sich auf die Gefahr nicht bes-
ser einstellen. So geht die Heuchelei in die nächste Runde: Als
gäbe es Schutzrezepte gegen ionisierende Strahlen! Was hätten
bundesdeutsche Instanzen denn zu empfehlen, wenn sie außer ihren
hunderttausend Meßergebnissen auch noch die entsprechenden russi-
schen zu verlesen hätten?!
Am Ende setzen
Die Helden der freien demokratischen Presse
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noch ihre Berufsideologie als Oberheuchelei obendrauf. Allen Ern-
stes wird in seriösen Blättern die Auffassung vertreten, Publizi-
tät wäre die sicherste Vorkehrung gegen Atomunfälle. Beispiel
Harrisburg: Auch dort wären "Nachrichten-Rationierung, Verniedli-
chung und Volksverdummung" ausprobiert worden. Dann aber wären
"Hunderte von Journalisten in das Gebiet von Harrisburg eingefal-
len, die den Möchtegern-Vertuschern einen Strich durch die Rech-
nung machten."
Und was haben die Streiter an der Informationsfront gelernt?
Nichts über Atom, über Kraftwerke und Energiepolitik; dafür jede
Menge über Demokratie:
"Der unbequeme Preis der Demokratie - das Dauer-Duell zwischen
der Macht und dem Bürger - entpuppte sich wieder einmal als ihr
eigentlicher Profit. Die demokratische Verfassung des Westens hat
zwar den Unfall von Three Miles Island nicht verhindern können;
die offene Auseinandersetzung aber hat dazu beigetragen, daß ähn-
liche Katastrophen nicht mehr über uns hereingebrochen sind."
(Süddeutsche Zeitung)
In der Demokratie verhindert die Diskussion, von Journalisten,
zwischen der letzten und der nächsten Katastrophe alle dazwi-
schenliegenden - klare Sache!
Damit hat die problembewußte freie Öffentlichkeit endlich das
leidige Thema Atomkraft endgültig hinter sich gelassen und das
Niveau des Systemvergleichs erklommen. Zwar können die Russen
nach derselben absurden Logik auf zahllose Unfälle verweisen,
alle die im Westen nämlich, die durch die "führende Rolle der
Partei" und den "hohen Bewußtseinsstand ihrer Kader" verhindert
worden wären. Nun haben sie aber das Pech gehabt und noch nicht
einmal die Schuldbekenntnisse von wegen technologischer Rückstän-
digkeit ihrer Wirtschaft abgelegt, auf die der Westen scharf war
und die westliche Journalisten schon vorformuliert hatten. Das
offenbart nach westlicher Lesart schlagend neben der Untüchtig-
keit auch noch die Unlauterkeit ihres Systems.
So wird mit Krokodilstränen über die "entsetzliche Katastrophe"
und mit gedämpfter, gut kontrollierter Panik bezüglich der Aus-
wirkungen dem falschen System da drüben wieder einmal genau das
um die Ohren gehauen, was für die braven Bürger einer frech ge-
wordenen NATO-Welt die Sowjetunion zum F e i n d stempelt:
Keine 'Journalistenschwärme' wie bei uns, also k e i n e
F r e i h e i t; technologischer Mißerfolg, also k e i n e
Z u k u n f t. Wert, daß sie zugrunde geht, und reif dafür. Für
die Konkursabwicklung stehen die verantwortungsgeilen NATO-Führer
mit ihrer überlegenen (Waffen-)Technik und ihren krisenerprobten
Völkern bereit.
So wird die Katastrophe in Tschernobyl zur Übung für den Ernst-
fall - und zum Gottesgeschenk für die demokratische Vorkriegs-
Stimmungsmache.
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