Quelle: Archiv MG - BRD KERNENERGIE ALLGEMEIN - Von der strahlenden Gegenwart
zurück
Marxistische Schulzeitung Bremen, 18.03.1981
DIE WAHRHEIT ÜBER BROKDORF
ist keinem einzigen der Berichte und Kommentare zur Demonstration
vom 28. Februar in der Wilster Marsch zu entnehmen. Bei diesem
Spektakel ging es nach den erklärten Absichten aller Beteiligten
a) um eine Kraftprobe zwischen Demonstranten und der Polizei, b)
um eine Bewährung des Rechtsstats und schließlich c) um den Nach-
weis der "Besonnenheit" beider Seiten. Das Kernkraftwerk hinter
dem Bauzaun hat die Demonstration unbeschadet überstanden, die
Diskussion über Kernenergie, die es einmal in der BRD gegeben
hat, ist hingegen gründlich erledigt. Auf die Gefahr hin, unsere
Leser zu langweilen, wollen wir wieder einmal auf ein paar Tatsa-
chen hinweisen:
1. Bei der Gewinnung von Atomenergie wird eine Technik angewandt,
die einen Prozeß auslöst, der mit der gebremsten Detonation einer
Atombombe zu vergleichen ist. Dieser Prozeß wird in den bestehen-
den und geplanten Atommeilern so gut es geht unter Kontrolle ge-
halten, aber keineswegs b e h e r r s c h t. Konsequenz: In ih-
rer Auswirkung noch gar nicht absehbare Folgen für Gesundheit und
Leben der Beschäftigten, der Anwohner und im "Katastrophenfall"
der gesamten Bevölkerung in der BRD und in angrenzenden Ländern.
2. Die Technik ist also unsicher, sicher ist jedoch, daß sich mit
ihr ein Geschäft machen läßt. Deshalb setzt das Energiekapital
auf Kernenergie.
3. Der Staat hat sich die Interessen des Energiekapitals als
Atomprogramm zu eigen gemacht. Er verschweigt keineswegs die da-
mit verbundenen "Risiken" für die Betroffenen, beschließt aber
zugleich, daß das Volk mit diesem "Risiko" zu leben hat.
4. Die westdeutschen Gewerkschaften sind mehrheitlich für den Bau
von strahlenden Atommeilern, weil das Arbeitsplätze sichern soll.
Abgesehen von der wirtschaftlichen Unsinnigkeit einer solchen
These - seit wann sichern neue Techniken Arbeitsplätze? Sprechen
nicht alle Erfahrungen für das schiere Gegenteil? - wird sie von
den Mitgliedern akzeptiert, für die der Besitz eines Ar-
beitsplatzes wichtiger ist als Gesundheit und Leben. Das sagt ei-
niges über das Leben im Kapitalismus und die Einstellung derer,
die ihn am Leben erhalten. Die Demonstration in Brokdorf wird von
den Demonstranten als Erfolg gefeiert, weil sie demonstrieren
konnten. Sie wird auch von den staatlichen Stellen als Sieg ein-
geschätzt, weil sie das Atomprogramm durchgesetzt haben und par-
allel dazu friedlichen Protest zulassen können. Die Wahrheit über
Brokdorf ist also schlicht die folgende:
1. Das Kapital und sein Staat dürfen das Land mit Atommeilern
überziehen.
2. Das Volk darf das damit verbundene "Risiko" tragen.
3. Die Kernkraftgegner dürfen den Auf- und Ausbau der Kernenergie
mit friedlichen Demonstrationen begleiten.
4. Die westdeutsche Arbeiterklasse darf die Atommeiler bauen, sie
darf mit Kernenergie arbeiten, sie darf sich anstrahlen lassen
und sie darf im Fernsehen dem Aufmarsch der Polizei und der De-
monstranten zuschauen.
5. Und außer uns regt sich niemand darüber auf.
zurück