Quelle: Archiv MG - BRD KERNENERGIE ALLGEMEIN - Von der strahlenden Gegenwart
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VERTRAUENSBILDENDE STRAHLUNG
Taugt ein explodierter Reaktor in der UDSSR dazu, Wähler am 15.6.
an die Urnen zu bringen?
Anscheinend schon: Jedenfalls hat keine der in Niedersachsen
wahlkämpfenden Parteien es versäumt, aus dem Reaktorunfall ein
Wahlkampfargument für sich zu machen. Merkwürdig ist das schon:
Schließlich haben die Herrschaften, die da gewählt werden wollen,
selbst die Republik mit solchen Strahlemännern zugepflastert. Sie
kalkulieren also offensichtlich ziemlich rücksichtslos mit Leben
und Gesundheit ihrer Untertanen. Da könnten die doch glatt auf
die Idee kommen, daß ein explodierter Reaktor eher g e g e n
die Albrechts und Schröders spricht als f ü r sie!
Das wissen Albrecht wie Schröder auch. Deswegen tun sie alles da-
für, daß aus etwa aufkommendem M i ß t r a u e n in die Politik
wieder ganz viel V e r t r a u e n wird und die Wähler am 15.
wieder ihre Geschicke in die zuständigen Hände legen. Viel haben
sie dafür nicht zu tun brauchen. P r a k t i s c h sowieso
nicht - die bundesdeutschen AKW laufen weiter, daran ändert auch
ein "Störfall" in Hamm nichts. Aber auch für die entsprechende
Meinungsbildung im Volke waren bloß drei "Argumente" nötig:
"Die Angst der Bürger ist berechtigt!"
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Das ist der erste Dienst der Politiker an ihren Bürgern: sie sa-
gen, daß sie ganz viel Verständnis dafür haben, wenn dem Volk
nicht gefällt, was die Politik ihm einbrockt. Eine ziemliche
Frechheit! Im Privatleben würde noch jeder als gemeiner Kerl be-
schimpft, der einem erst eine 'reinhaut und dann Mitgefühl heu-
chelt. Politiker können sich solche Frechheiten nicht nur lei-
sten: sie werden dafür sogar gelobt.
Der zweite Dienst der Politik am Volk besteht darin, eine
F r a g e aufzuwerfen:
"Ist der Ausstieg aus der Kernenergie möglich?"
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Ein gelungener Akt demokratischer Schleimbeutelei: Mit der Frage
tun alle Diskutierer von Riesenhuber bis hin zum Rau erst einmal
so, als würde sie schon immer keine andere Sorge plagen als die,
wie sie "uns" die AKW wieder vom Hals schaffen können. Schon ko-
misch, diese Politiker: alles können sie, vom Steuereinziehen,
Bombenlegen bis zum Raketenaufstellen. Aber AKW abstellen - das
ist ein fürchterlich s c h w i e r i g e s "Problem", bei dem
man erstmal "fragen" muß, ob das überhaupt geht. Als wären nicht
sie es, die die AKW w o l l e n und die Vergiftung von Land und
Leuten dabei einkalkulieren; als wären sie, die andere betroffen
m a c h e n, von den AKW genauso betroffen wie ihre Untertanen!
Auch das stelle man sich mal im Privatleben vor: zwei verhauen
einen dritten und fragen sich dabei wechselseitig immerzu: "Ist
Aufhören möglich?" Das gilt bei Politikern nicht als Zynismus;
bei ihnen beweist ein solches Verhalten
V e r a n t w o r t u n g s b e w u ß t s e i n.
Drittens geben die Fragenden sich dann auch noch selbst die gar
nicht unerwartete Antwort:
"Es geht (noch) nicht!"
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Die Frage wird natürlich bloß wegen der Antwort gestellt, so daß
es auch ziemlich wurscht ist, wie man die Antwort begründet: mit
dem Strombedarf der Industrie, mit dem Fehlen anderer Technolo-
gien, mit den Kosten, zur Abwechslung auch mal damit, daß der Er-
satz von Kernenergie natürlich gerade die Betroffenen noch viel
mehr schädigen müßte als es die Kernenergie tut. Mit diesen Argu-
menten verwandeln die Politiker alle Gründe, wegen denen sie die
AKW haben wollen, in lauter S a c h z w ä n g e, die ihnen
(vorerst) gar nichts anderes erlauben als genauso weiterzumachen
wie bisher. Weswegen sie immer ganz schwierige Abwägungen zu
treffen hätten, ob sie ihre Bürger lieber verstrahlen oder ver-
giften oder erfrieren lassen sollen...
Damit ist die Politik mit ihrer ganzen Vertrauensbildung auch
schon fertig. Damit hat sie ihren freien E n t s c h l u ß, daß
bundesdeutsches Wachstum und die Unabhängigkeit der nationalen
Energieversorgung die Schäden wert sind, die sie den Leuten dafür
aufhalst, in eine unabweisbare Folge von lauter Umständen verwan-
delt, die nun einmal so sind. Und offenbar sind sie sich ziemlich
sicher, das spricht nicht g e g e n sie, sondern f ü r sie!
Deswegen werden die Politiker am Schluß ihrer Vertrauensbildung
sogar noch frech und sagen den Leuten glatt ins Gesicht, daß ih-
nen der Fortschritt der Nation eben solche Opfer wert zu sein
hat. Das kann man unverblümt machen wie der Albrecht: dem ist zur
Kernenergie eingefallen, daß "wir alle sterblich sind", was ihm
anscheinend schon das Recht gibt, seinen Untertanen vorzuschrei-
ben, wie und wann sie zu sterben haben. Mehr hintenrum sagt's die
SPD so: "Man muß den Leuten offen und ehrlich sagen, daß es der-
zeit keine Alternative zur Kernenergie gibt." Das ist Radioakti-
vität mit SPD-Heuchelsoße.
Jetzt braucht der Bürger nur noch eines zu tun: Er muß sich ent-
scheiden, wem er die geheuchelte Sorge um die Verträglichkeit von
"uns" und "Kernenergie" a m m e i s t e n g l a u b t. Da hat
die SPD derzeit offenbar die besseren Punkte, weil sie schon
"Problem, Problem" geschrieen hat, als Albrecht noch meinte, mit
der Linie "Wir haben alles im Griff" Punkte zu machen.
Denn daß die Politiker a l l e s a m t irgendwie das Vertrauen
ihrer Bürger v e r d i e n t haben, wenn sie so verantwor-
tungsvoll Krebstote gegen kalte Rentnerwohnungen aufrechnen - das
scheint die Mehrheit der Wähler ja um jeden Preis glauben zu wol-
len.
Die Grünen
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haben als Ergänzung zu dem Vertrauensbildungszirkus gerade noch
gefehlt. Sie sehen nämlich in dem aufkommenden M i ß t r a u e n
in die etablierten Parteien ebenfalls eine Chance zur
V e r t r a u e n s b i l d u n g - allerdings in s i c h.
Mehr Argumente als SPD oder CDU brauchen sie dazu auch nicht. Sie
sagen nicht b l o ß: "Die Angst der Bürger ist berechtigt",
sondern auch noch: "Wir sind die einzigen, die das glaubwürdig
sagen können, weil wir schon immer gegen Kernenergie waren." Auch
sie befürchten nicht, daß der Umstand gegen sie sprechen könnte,
daß sie in Hessen in einer Regierung sitzen, die AKW betreibt;
und daß sie, um in diese Regierung zu k o m m e n, das "AKW-
Problem" extra "ausgeklammert" haben.
Sie werfen nicht bloß die Frage auf "ist ein Ausstieg möglich",
sondern beantworten sie auch noch - mit Ja. Das macht die Grünen
überhaupt am allerglaubwürdigsten, weil sie damit zeigen, daß sie
die einzigen sind, die "den Ausstieg" wirklich wollen. Um das zu
beweisen, läßt ihr radikalfundamentalrealistischer Minister
Joschka Fischer gleich ein 130-Seiten-"Szenario" ausarbeiten, in
dem erstens die Lüge bestätigt wird, daß AKW für unser aller
Stromversorgung erfunden worden seien, und zweitens der äußerst
konstruktive Beweis angetreten wird, daß beim Verzicht auf Atom-
strom wirklich kein einziges nationales Nachttischlämpchen ausge-
hen müßte.
D a s wiederum macht die Grünen andererseits unglaubwürdig: daß
sie partout behauptet haben wollen, daß sich an unserer schönen
BRD samt allem, was das Leben in ihr für die Bürger so gesund und
erfreulich macht, auch ohne AKW rein gar nichts ändern müßte au-
ßer den Wahlprozenten für die Grünen. Das kommt dem Wähler, der
die Sachzwanglogik von Kohl und Rau gefressen hat, vielleicht
doch etwas unrealistisch vor. Deswegen ergänzen die Grünen ihren
Beweis um den "Realismus", daß natürlich auch ihr Modell ohne al-
ternative Schäden für die Leute - vom "Energiesparanreiz" mittels
Strompreiserhöhungen bis zu zusätzlicher Luftverpestung - nicht
auskommt. Sie rechnen offenbar fest damit, daß solche Ankündigun-
gen ihr moralisches Ansehen eher noch erhöhen! Was bleibt, ist
erstens die gemeingefährliche Lüge, daß eine BRD mit einer wie-
derbelebten Kernkraftdiskussion, die man außerdem noch wählen
kann, eine durchaus erträgliche Angelegenheit sei. Und zweitens:
noch: ein Grund zum Wählen!
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