Quelle: Archiv MG - BRD KERNENERGIE ALLGEMEIN - Von der strahlenden Gegenwart


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KALKULATIONEN MIT DER VOLKSGESUNDHEIT

Warnungen... "Kleinkinder sollen nicht in Sandkasten spielen und vor allem keine Gegenstände in den Mund nehmen, die auf dem Boden liegen. Vermeiden Sie es nach Möglichkeit, sich während des Regens drau- ßen aufzuhalten. (Durchnäßte Kleidung möglichst schnell wech- seln!) Lassen Sie während des Regens keine Wäsche draußen hängen. Freigewachsene Gartenfrüchte nur gut gewaschen und geschält ver- wenden. Zurückhaltung beim Genuß frischer Milch ist geboten, soweit diese von Kühen stammt, die bereits auf Weiden grasen." und Entwarnungen.. "Die Behörde gibt diese Empfehlungen, obwohl nach ihrer Auskunft die derzeitige Situation keine Gesundheitsgefährdung bedeutet. Die Hinweise sollen aber dazu beitragen, möglichen Langzeitwir- kungen und Spätfolgen entgegenzuwirken. Von der Einnahme jodhal- tiger Präparate rät die Gesundheitsbehörde weiterhin dringend ab." lassen bundesdeutsche Politiker derzeit auf die Bevölkerung los. Alles Mögliche, was man normalerweise so tut, soll man "nach Mög- lichkeit" lassen; gleichzeitig erfährt man, es bestehe eigentlich gar kein Grund zur Beunruhigung. Was soll das? Was man den guten Ratschlägen von Evi Lemke und Kollegen auf je- den Fall entnehmen kann: E r s t e n s stehen jede Menge Schäden durch die jetzt erhöhte Radioaktivität f e s t; Mittel dagegen gibt es nicht. Das ver- künden ganz unbekümmert Leute, die z w e i t e n s nicht im Traum daran denken, deswegen etwa w e i t e r e Schäden von ihrer geliebten Bevölkerung abzuwenden - etwa durch ein Abstellen bundesdeutscher Kernkraftwerke. Das würde ja das bundesdeutsche Wachstum stören! Nein - wenn Politiker auf derart doppelzüngige Weise ihrer "Fürsorgepflicht" gegenüber der Bevölkerung nachkommen, plagt sie eine Sorge ganz anderer Art: lassen sich durch geeignetes Verhal- ten der Betroffenen nicht vielleicht ein paar u n n ö t i g e Schäden am Volkskörper vermeiden - und das ganz ohne Beeinträch- tigung eines reibungslosen Funktionierens von Staat und Wirt- schaft? Deswegen sind ihre Ratschläge auch sehr berechnend: Wenn der Bo- den radioaktiv verseucht ist sollen K i n d e r nicht im Sand spielen. Das "Argument": Kinder sind empfindlicher als Erwach- sene. Mit dem Hinweis auf einen medizinischen Unterschied zwi- schen dem kindlichen Körper und dem der Erwachsenen wird begrün- det, warum staatlicherseits kein Einwand besteht, etwa B a u a r b e i t e r weiter im Dreck buddeln zu lassen; obwohl jeder "Experte" gerne zugibt, daß auch für die natürlich das "Risiko", krank zu werden, steigt. Hier wird ganz offen mit der Funktion kalkuliert, die Kinder erst noch für Staat und Kapital zu erbringen h a b e n und Bauarbeiter jetzt schon bringen: weswegen allzugroße Rücksichtnahme auf letztere dem gedeihlichen Fortgang des Wirtschaftslebens bloß abträglich wäre. Kinder muß man schonen, die werden noch gebraucht, heißt der zynische Stand- punkt, der umgekehrt Erwachsene verpflichtet, es mit dem Schaden nicht zu eng zu sehen. Die wohlfeile propagandistische Wirkung einer öffentlichen Sorge um die lieben Kleinen wird gerne mitge- nommen - wenn die zuhause bleiben, stören sie höchstens ihre El- tern. Der Regen bringt radioaktive Partikel runter. Evi Lemke wußte auf Anfrage eines Arbeiters in "Buten und Binnen", ob er bei Regen arbeiten müsse, sofort: "Das muß der Betreffende mit seinem Ar- beitgeber bzw. seinem Betriebsrat ausmachen." "Nach Möglichkeit" nicht in den Regen - das heißt doch nicht, daß man seine Pflicht gegenüber dem G e s c h ä f t nicht mehr erfüllen müßte! Da will sich Evi um Gotteswillen nicht einmischen! Aber den Besuch bei der Oma oder die Radtour am Wochenende die sollte man lieber lassen: da ist ja b l o ß die P r i v a t s p h ä r e betrof- fen! Auch bei den "Empfehlungen" für Milch und Gemüse mag der Staat derzeit (noch?) nicht allzusehr in die Kalkulationen seiner Ge- schäftsleute eingreifen. Daß die Gesundheit der Leute das Mittel von deren Geschäftskalkulation ist, steht ja sowieso fest. Also wird sich frei entschieden: ein bißchen was vom Markt genommen, ein paar gute Ratschläge an die Bauern, ein bißchen Hin und Her über Grenzwerte... So bekommt jeder sein Recht: der Bürger darf sich entscheiden, wie er sein Quantum Bequerel zu sich nimmt, Handel und Molkereien werden nur soweit in ihrem Geschäftsinter- esse beschränkt, wie es zur Vermeidung allzu großer "Spätschäden" am Volkskörper u n b e d i n g t sein muß. Und wenn dann tatsächlich das Gemüse eingezogen und die Milch weggeschüttet wird dann weiß man, woran man ist. Die Entwarnung verbreitet deshalb auch gar keine andere Botschaft als die Warnung. Keine aktuelle Gesundheitsgefährdung - das heißt eben bloß, daß der Staat mit d i e s e n Schäden anders kalku- liert. Denn daß spätere Schäden bloß "mögliche" und nicht sicher g e w u ß t e wären, das teilen die befragten Experten auch gleich mit: schließlich kennt die Medizin die Wirkung von Radio- aktivität auf den menschlichen Körper sehr genau, und jetzt schon wird ausgerechnet, wieviele zusätzliche Krebsfälle es im Jahr 2000 geben wird. Kein Wunder also, daß es hinsichtlich des M a ß e s für die zu erwartenden Spätschäden bundesweit unter- schiedliche Auffassungen gibt. Hier vergleicht nämlich schlicht der S t a a t zwei Interessen, die er an seinem Menschenmate- rial hat, miteinander: die Schäden, die ihr j e t z i g e r Einsatz - etwa bei Regen auf einer Werft - mit sich bringt, wird ins Verhältnis gesetzt zu möglichen Einschränkungen ihrer s p ä t e r e n Vernutzung. Die Frage heißt: was ist schlimmer: ein paar zusätzliche Krebsfälle später - oder eine zu große Stö- rung des Wirtschafts- und Staatslebens heute? Das legt der Staat sehr freihändig fest: und mit seinen Empfehlungen teilt er den Bürgern mit, was e r für s i e als gefährlich d e f i- n i e r t hat. Daneben entspinnt sich ein munterer Streit darüber, wer hier wie sehr unter- oder übertreibt mit dem, was er den Leuten zumuten will und was man als "normales" Risiko der Industriegesellschaft abzuhaken hat - wie üblich. Mit ihrer Tour des Warnens und Entwarnens demonstrieren die Poli- tiker also nur eines: Gegenwärtig haben sie offenbar entschieden, daß sie getrost die Sorge um die Volksgesundheit mithilfe von ein paar Empfehlungen in die Hände der Betroffenen legen können; daß sie also unbegrenztes Vertrauen in die Abgebrühtheit eines 40 Jahre kapitalistisch vernutzten Volkes haben: Wer an die eigene Gesundheit denkt und die staatlichen Empfehlun- gen b e a c h t e t, hat den staatlichen Auftrag schon erfüllt. Erlaubt ist aber auch, die staatlichen Empfehlungen zu m i ß a c h t e n. Da macht man auch nichts verkehrt: schließ- lich muß "das Leben" ja genauso weiter gehen wie bisher! E i n e n Rückschluß soll man jedenfalls aus all diesen Warnun- gen und Entwarnungen auf keinen Fall ziehen: welche wenig men- schenfreundlichen Zwecke eigentlich Politiker verfolgen, die öf- fentlich verhandeln, wieviel Grenzwerte pro Quadratkilometer und Lebensalter ihr Volk aushält. *** Wieviel Radioaktivität vertragt der Mensch? ------------------------------------------- Oder: ----- Lehren aus einem Unfall, die sicher nicht gezogen werden -------------------------------------------------------- 1. "Es bestand zu keinem Zeitpunkt eine akute Gesundheitsgefahr für die bundesdeutsche Bevölkerung. Über Langzeitschäden liegen noch keine Erfahrungen vor." - Es findet also die ganze Zeit eine unmerkliche Gesundheitsschädigung statt. Die Experten sind neu- gierig, was dabei herauskommt. 2. "Die Einnahme von Jodtabletten ist Unsinn." - Sehr richtig; Jod ist kein Impfstoff gegen Radioaktivität. So etwas kann es überhaupt nicht geben. Bloß: Wer hat die Jodtabletten denn ei- gentlich als Wundermittel gegen Strahlenbelastung aufgebracht und an die Anwohner bundesdeutscher AKWs verteilt?! 3. "Die sowjetische Informationspolitik macht es schwer, die pas- senden Schutz- und Abwehrmaßnahmen einzuleiten." - Das ist gelo- gen. Denn es gibt keine Schutz- und Abwehrmaßnahmen gegen radio- aktive Verseuchung. Und ob Milch noch nicht gesundheitsschädlich ist, müssen die bundesdeutschen Molkereien allemal selbst ermit- teln; da hilft ihnen keine sowjetische Offenherzigkeit. 4. "Die Wolke aus Tschernobyl wandert..." Lassen wir mal dahinge- stellt, wieviel Prozent der gemessenen Radioaktivität wirklich noch aus dem 2 000 km entfernten Tschernobyl stammt und was deut- sche AKWs zwischendurch hinzugefügt haben. Eins ist auf alle Fälle klar: E i n solcher Unfall in der BRD, und man kann die- ses Wirtschaftswunderland vergessen. Dann können Westdeutschlands Facharbeiter sich bei den Tamilen um Asyl anstellen - und als "Wirtschaftsflüchtlinge" abweisen lassen. 5. "Wir brauchen mehr internationale Kontrolle." - Nein, die hilft gar nichts. Deutsche Experten z.B. wissen ja ganz genau: gegen radioaktive Verseuchung gibt es kein Mittel. Sie läuft nach einem Naturgesetz ab. Es gibt keinen vernünftigen Umgang damit. Was soll besser werden, wenn eine internationale Kommission sich trifft, um sich das zu versichern: Außer dem westlichen National- stolz hilft das niemandem! 6. "Der Weltwirtschaftsgipfel macht Tschernobyl zum Thema." - Klar, da sind ja auch die 7 besten Atomkraftexperten der Welt beieinander. Und das Thema ist richtig eingeordnet: als Propa- gandaschlager für den frechen Anspruch der Weltwirtschafts-Her- ren, überall hineinzuregieren. So nutzt man eine Katastrophe zur psychologischen Kriegführung! zurück