Quelle: Archiv MG - BRD KERNENERGIE ALLGEMEIN - Von der strahlenden Gegenwart
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Was Tschernobyl uns sagen wollte - eine Rezension der veröffent-
lichten Gedankenwelt der kritischen Geister der Republik "nach
dem Super-GAU" (rororo-Buchtitel)
SO LASSET UNS DENN ALLE IN UNS GEHEN!
"Ohohoho Tschernobyl -
das letzte Signal vor dem overkill"
(Wolfgang Maahn (!), in der ZDF-Hitparade nur knapp geschlagen
von den Flippers, mit "Die rote Sonne von Barbados")
Wenn es heißt, daß der GAU von Tschernobyl eine K a t a s t r o-
p h e war, so ist damit meist nicht einfach das Ausmaß des
eingetretenen Schadens gemeint. Vielmehr pflegt mit dieser
Bezeichnung gerne die Auffassung verbunden zu werden, der Schaden
sei (diesmal) derartig groß geraten, daß "die Menschheit"
(diesmal) wirklich nicht drumherumkomme, sich bestimmte "Lehren"
ins Stammbuch schreiben zu lassen - ein zwar trauriger Anlaß,
aber immerhin auch ein unübersehbarer Wink mit dem Zaunpfahl,
endlich auf die Botschaften zu hören, welche die Katastrophe "uns
allen" schmerzlich vermittelte.
Dieser Lesart von Katastrophe hat sich auch die bundesdeutsche
Kopfarbeiter-Szene verschrieben. Tschernobyl-Bücher, Super-GAU-
Platten und Atom-Lyrik: alle wollen sie davon künden, der GAU sei
ein "letztes Signal", das uns gehörig Mores zu lehren habe.
Diese Anschauung ist kreuzverkehrt: Ein Ereignis ist ein Ereignis
und keine Mahnung; Katastrophen passieren - sie "brechen herein"
oder werden verursacht -, aber sie b e d e u t e n nichts und
auch niemandem etwas: weder, daß alles so weitergehen müsse wie
bisher, noch, daß "Umkehr" angesagt sei. Die Deutung eines Ereig-
nisses als Mahnmal, dem man "seine" message abgelauscht habe,
vermag zwar der gewünschten Pose des wehenden Zeigefingers Ge-
wicht verleihen, bedient sich aber einer höchst weltfremden
H e u c h e l e i! Statt sich nämlich zu fragen, welche
I n t e r e s s e n dafür verantwortlich zeichnen, daß nationale
Atomprogramme aus der Taufe gehoben, betrieben und auch durch
einen mittleren GAU nicht in Frage gestellt werden, hantiert die
Redeweise vom "Fanal" Tschernobyl, aus dem "wir alle" lernen sol-
len, von vornherein mit einer faustdicken Unterstellung: Konse-
quenzen seien jetzt für j e d e r m a n n - also
j e n s e i t s der offenbar sehr langweiligen Frage, ob jemand
nun als Urheber und Nutznießer oder bloß als Betroffener mit AKWs
zu schaffen hat sozusagen u n a u s w e i c h l i c h! Damit
allerdings stellt sich alles auf den Kopf: die beileibe nicht zu
übersehende Tatsache, daß von dem postulierten "Lerneffekt" bei
den Zuständigen der Atom-Politik herzlich wenig zu bemerken ist,
läßt sich nun nämlich nur noch daraus erklären, daß diese die
"Warnung" unverantwortlicherweise. in den Wind schlagen und
t r o t z des angeblich doch so leuchtenden "Fanals" so weiter-
machen wie bisher. Die gemachte Politik samt ihrer handfesten
Wirkungen ist damit endgültig heruntergebracht auf einen
V e r s t o ß gegen die eingebildeten "Lehren ", die Tschernobyl
uns aufnötige: S e h t I h r d e n n n i c h t, daß wir ei-
nem "technischen Größenwahn" verfallen sind; daß das Atom uns
längst zu einer "Risikogemeinschaft" zusammengeschmiedet hat; daß
die Politiker sich mehr um uns kümmern sollten; daß wir unsere
grünen Wiesen nicht so verseuchen dürfen; daß wir Opfer einer
grandiosen "Verdrängung" waren; etc.?! Ob man sich dabei nun mehr
in Optimismus wiegt - der GAU als "C h a n c e" zur Umkehr -,
oder mehr einen auf Pessimismus macht - wie der Apokalypsen-Guru
Sloterdijk: "Wieviel Katastophe braucht der Mensch?" -, ist ei-
gentlich egal: jedesmal verbuchen diese Kulturkritiker die Genug-
tuung, wie richtig sie mit ihrem Weltbild doch liegen und welch'
enorme B e s t ä t i g u n g es durch den Vorfall doch erfahren
habe. Derartige "Lehren" haben diese ideellen Katastrophengewinn-
ler nach Tschernobyl gleich haufenweise unters (Intel-
lektuellen-)Volk geworfen. Hier ein Querschnitt duch die Hit-
parade der beliebtesten Katastrophenschlager.
1. Wir sind alle kleine Sünderlein - oder: Babel ist überall
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Kaum ein Autor der Nach-Tschernobyl-Literatur läßt es sich neh-
men, das Lied von den nun "erwiesenen Grenzen menschlicher Fähig-
keiten" (Kursbuch Nr. 85) anzustimmen. Frederic Vester ("Bilanz
einer Ver(w)irrung") hält AKWs für einen Ausdruck "unserer Gi-
gantonomie", der Psychologe Ulich, der sich mit Mehrwertigkeits-
komplexen ja auskennt, weiß von einer "Krise des Größenwahns" zu
berichten, und das Kursbuch stellt Tschernobyl und Challenger in
eine Reihe "nie für möglich gehaltener Katastrophen" wie etwa den
"Einsturz des Turmes zu Babel und den Untergang der Titanic, die
jeweils ein Weltbild zum Einsturz brachten".
In den angeführten Texten dagegen wird ein solches gerade aufge-
baut. Dazu bedarf es freilich einiger künstlicher Verrätselungen,
Kunstgriff Nr. 1: Man setze Tschernobyl geschwind in eins mit
früheren Ereignissen, wo auch schon mal was Großes kaputt gegan-
gen ist, was Menschen gebaut haben - solch kindische Abstraktio-
nen braucht's eben, um die Sache hinter einer Prinzipienfrage
verschwinden zu lassen -, und schon hat man ein n e u e s
T h e m a, das etwa auf die Melodie hört: Wenn d e r Mensch
mit d e r Technik über'n Eckstein springt... Kunstgriff Nr. 2:
Man tue mal schnell so, als ob "der Mensch" von einer Art
b l i n d e m Vertrauen in die Sicherheit seiner Technologien
beseelt gewesen sei - obwohl (einmal abgesehen von einschlägigen
Großkotzsprüchen aus dem Atommanagement, die so gerne zitiert
werden) die ganze Konstruktion eines AKWs vielmehr von einer sehr
intimen K e n n t n i s der prinzipiellen Unsicherheit dieser
Sorte Energieproduktion zeugt, die als das berüchtigte
"Restrisiko" einkalkuliert ist -, und landet mit dieser Verdre-
hung zielsicher bei Kunstgriff Nr. 3. Umso fassungsloser steht
nun der "homo technicus", zu dem unsereiner sich inzwischen ge-
mausert hat, vor den überresten seiner in Stahl, Beton, Elektro-
nik und Raketen manifestierten "Weltbilder".
Fragt sich bloß - wenn es denn gar nicht um den
G e b r a u c h s w e r t von Waffen oder AKWs gegangen sein
soll, sondern um deren monstermäßige Symbolik -, warum es dann
gigantische Gummibärchen oder größenwahnsinnige Fußballstadien
nicht auch getan hätten...
Doch sei's drum - die B o t s c h a f t heiligt die Kunst-
griffe. Und da muß es eben heißen, daß der Mensch an Tschernobyl
"die Unbeherrschbarkeit seiner eigenen (!) Entwürfe" (Kursbuch)
erfahren habe (und nicht etwa die Unbeherrschbarkeit von Kern-
kraftwerken, die andere ihm vor die Nase geknallt haben). So ist
auf jeden Fall klargestellt, daß der Mensch ein Zwerg, ein Wurm,
ein Stäubchen, oder alles dreie ist, dem mehr Bescheidenheit gut
zu Gesicht stünde - quod Tschernobyl demonstrandum!
2. Wir sind eine "Risikogemeinschaft" - oder:
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das Atom sprengt alle Ketten
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Mindestens ebenso attraktiv ist der Gedanke von einer unglaub-
lich gleichmacherischen Wirkung, die das Atom auf die zivili-
sierte Welt ausübe. Galt der Begriff der "Klassengesellschaft"
bei den meisten unserer kritischen Köpfe mehr und mehr als ver-
staubt, weil er noch zu sehr an so etwas Häßliches wie
"Gegensatz" erinnert und damit für ein verantwortliches Denken
über "Probleme u n s e r e r Gesellschaft" nicht übermäßig ge-
eignet ist - so war Tschernobyl tatsächlich ein "Signal": nämlich
das alte Geschwätz von der "Klassengesellschaft" einmal noch
fruchtbar zu machen, indem es für o b j e k t i v überholt er-
klärt wird. Der Soziologe Ulrich Beck hat daraus gleich "ein
Standardwerk der Nachkriegssoziologie" (Frankfurter Rundschau)
gezimmert, in dem er "bereits seit einigen Jahren die Ablösung
der Klassengesellschaft des 19. und 20. Jhd. durch die Risikoge-
sellschaft von heute" beobachtet hat.
P l a u s i b e l machen soll man sich diese neue Qualität unge-
fähr so: Alpha- und Beta-Strahlen kennen keine Klassen - ob Kapi-
talist, ob Lohnarbeiter; ob Politiker, ob Regierter; ob Fernseh-
star, ob Putzfrau... -, das rem macht sie alle gleich! Freilich
darf man an diese Unterschiede wirklich nur denken, u m sie
m i t t e l s dieser Erinnerung sofort wieder zu vergessen!
Nicht ganz einfach. Jetzt sollen es nämlich plötzlich n i c h t
mehr Kapitalisten und Lohnarbeiter, Herrscher und Beherrschte
sein, die hier rumlaufen, sondern lauter risikogeprägte
A t o m - B ü r g e r, die angesichts einer "grenzensprengenden
(!), basisdemokratischen (!!) Entwicklungsdynamik, durch die die
Menschheit in der einheitlichen (!!!) Lage zivilisatorischer
Selbst (!!!!) gefährdungen zusammengezwungen wird", einander
gleichen wie ein Ei dem anderen. Welch ein Eiertanz! Und das nur,
um das Publikum mit dem moralisierenden Gedankenspiel zu betören,
daß die Kohls und Flicks im Ernstfall genauso atomisierbar wären
wie die Otto Normalos, die es ja sowieso immer trifft... Ein
schöner Trost: Führer und Geführte dürfen sich erstmalig, nun
aber auch endgültig die basisdemokratische Einheitszwangsjacke
teilen - wenn auch nur in der Einbildung eines soziologischen
Gleichheits-Stifters.
3. Unser Vertrauen ist erschüttert - oder:
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Sag mir, wo die Führer sind, wo sind sie geblieben...
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Doch damit geht's erst so richtig rund. Kaum sind die Politiker
gedanklich eingemeindet in den Club zur Rettung der bedrohten
"Gattung" (ein ebenso penetrantes Surrogat des "Wir"), wird die
Beschwerde laut über deren mangelhaft wahrgenommene
"Verantwortung". "Skandalöse Unbedenklichkeit" (Traube) wird ih-
rer Atom-Politik bescheinigt, "unfaßbare behördliche Nonchalance"
(Vester) ihren Katastrophenschutzplänen, ingesamt "erwies der
Staat sich als unbenutzbar" (Kursbuch). Fazit: "Es entstand der
Eindruck, denen da oben kann man nicht trauen."
Ein Vertrauensbruch, der nicht mehr zu kitten ist? Keineswegs:
gerade die Klage über mangelndes Vertrauen ist ein ganz besonders
zäher Kitt! Da wird nämlich jeder Hinweis auf die Unerschütter-
lichkeit, mit der die Regierung ihr Nuklearkonzept samt WAA
durchzieht, keine Sekunde als zumindest desillusionierendes Fak-
tum über die Absichten derer zur Kenntnis genommen, die diese
Fakten qua ihrer Amtsgewalt setzen, sondern schnurstracks unter
das - übrigens von oben in Umlauf gebrachte - schönfärberische
Vorurteil subsumiert, wieder einmal verstoße die politische Füh-
rung gegen ihren vornehmsten Auftrag, "Schaden vom deutschen Volk
abzuwenden" und Rücksicht walten zu lassen. Und wenn die bundes-
deutsche Realität '86 noch so wenig zu diesem Ideal passen will:
Zweifel daran, ob dann das Ideal nicht schiefgewickelt ist, sol-
len nicht aufkommen; lieber faßt man gar keinen klaren Gedanken
über die Absichten derer in Bonn - vor allem nicht den, ob diese
Herrschaften nicht in erster Linie die Schädigungen
b e s o r g e n, die sie hinterher dauernd "bewältigen" sollen -
, als daß man einmal das wohlfeile Gejammer über die "unfaßbare
Verantwortungslosigkeit" fahren ließe! Auf diese Weise ist das
Vertrauensverhältnis des kritischen Untertanen zu "seinem" Staat
gerade dann bestens bedient, wenn er sich über dessen Störung be-
klagt.
4. Wie weiterleben nach Tschernobyl? - oder: Verlorenes Paradies!
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Großen Raum innerhalb der intellektuellen Beschäftigung "nach
Tschernobyl" nimmt die Frage ein, ob "wir nun noch so weiterleben
können wie bisher". Und siebe da: wir können - dank intensiver
Trauerarbeit um den Zustand vor dem GAU! Da läßt es sich kaum ei-
ner nehmen, darüber zu sinnieren, daß "die Wiesen noch nie so
grün waren, die Erdbeeren noch nie so geleuchtet haben wie in den
unsichtbaren Strahlen dieses Frühlings" (Kursbuch); und da werden
in der "taz" seitenweise Lesergedichte veröffentlicht, die diese
krampfhaft stilisierte Idylle in die passenden holprigen Reime
verpackt ("Blumen blühen / Raketen verglühen - Bienen summen /
Panzer brummen - Kinder lachen / Bomben krachen - Vögel singen /
Kriege entspringen - Während alles kreucht und fleucht / werden
wir atomverseucht"). Kaum also wird der Alltag der Leute noch ein
bißchen ungemütlicher gemacht, werden die Burschen sentimental
und betränen die gute alte, von Politik und Gewalt unbeleckte
Zeit, über die nun das Unheil gebrochen sei. Und weil diese alt-
bewährte Technik des Vergleichs, mit der es sich allemal noch auf
jede Situation einstellen läßt, sowieso weder das Vorher noch das
Nachher ernsthaft zu prüfen gewillt ist, was die Leute da zu la-
chen haben oder hatten, kann man sich auch umgekehrt darüber be-
schweren, wie gut es uns doch gehen muß und wie verweichlicht wir
wohl sind, wenn wir uns wegen ein paar lächerlicher Strahlendosen
in die Hose machen, wo in Afrika die Neger verhungern...
Moralismen, die nur eines bezeugen: eine ziemliche Selbstzufrie-
denheit über die tiefen Empfindungen, zu denen der fortschrittli-
che Teil der Menschen fähig ist!
5. Verdrängt die Verdrängung - oder:
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"Ich habe keine Angst - stellt sich ein Problem,
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stell' ich mich drauf ein" (Milva)
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Wenn irgendwo was Schreckliches passiert, dauert es meist auch
nicht lange, bis Psychologen auf der Matte stehen und die Opfer
fragen, wie sie sich fühlen.
Da traf es sich nach Tschernobyl gut, daß "psychologie aktuell"
gerade ein Buch auf den Markt brachte mit dem bezeichnenden Titel
"Nukleare Bedrohung - Psychische Dimensionen atomarer Katastro-
phen" (mit aktuellen Ergänzungen). In diesem Machwerk erfährt der
geneigte Leser dann, daß er diese nukleare Bedrohung weniger als
objektiv gesetzten Tatbestand denn vielmehr als subjektive Emp-
findung ("Ich fühle mich bedroht") zur Kenntnis nehmen soll - was
dazu führt, daß Atomkraftwerke außer als äußerlicher
A u s l ö s e r für diverse i n n e r e Regungen im Buch schon
gleich nicht mehr vorkommen. Als solcher ist er freilich ungemein
interessant: eine derart massive "Bedrohung" - also eine Art
überdimensionierter Spinne, Schlange oder Schwiegermutter (um bei
den klassischen Bedrohungssyndromen aus der Psychologenpraxis zu
bleiben) - muß ja einfach zu "psychosozialen Streßerscheinungen"
führen!
Schon i s t die nukleare Bedrohung ein psychologischer
F a l l. Die Diagnose steht auch schon fest: eine gewaltige
"Verdrängung"! Das funktioniert ungefähr so: "Wenn ich die Gefahr
atomarer Vernichtung leugne, dann deshalb, weil ich die Sinnlo-
sigkeit nicht ertragen kann, die meinem Leben durch die Gefahr
des Gattungsmordes droht " (H. Keupp) - und das ermöglicht mir
dann, mit der Bedrohung unbekümmert zu leben. Wenn der Psychologe
also der Frage nachgeht, warum die Leute gegen die "atomare Ge-
fahr" nichts unternehmen, dann begegnet er ihnen mit sehr viel
f a l s c h e m V e r s t ä n d n i s: Weil sie die Vorstellung
der Vernichtung im Kopf nicht aushielten, hätten sie sie einfach
beiseite geschoben - ab ins "Unterbewußtsein"! Eine absurde Kon-
struktion: weil die "Angst v o r der Angst" unerträglicher wäre
als diese selbst, benutze ich mein Bewußtsein von der Drohung
ausgerechnet dafür, mich schleunigst von ihm zu verabschieden! -;
ein widersinniges Konstrukt, daß eines allerdings klarstellt: Der
W i l l e der Leute, sich aus mancherlei verkehrten Gründen auf
die ihnen vorgesetzte und äußerst ungesunde "Lebensbedingung
Atom" einstellen zu wollen, war von vornherein gar nicht Gegen-
stand des Psychologen, weder der Erklärung noch damit der Kritik.
Und darum gilt seine Sorge denn auch ausschließlich der aparten
Frage, ob der angenommene Verdrängungsmechanismus wirklich zu
psychischer Gesundheit verhilft oder ob es nicht heilsamer wäre,
sich doch zu der eigenen Angst zu bekennen: "Laßt uns unsere
Angst nicht unterpflügen!" fordert Autorin Thea Bauriedl im glei-
chen Buch und fügt explizit hinzu, daß sie mit dem "uns" im
strengsten Sinne alle meint, auch und vor allem "die Regierenden,
deren persönliche Abwehrmechanismen gegen Angst vor Strahlenbela-
stung ganz besonders ausgeprägt sind, was vielen von uns in deren
Rolle genauso gehen würde". Damit ist der gleichmacherische Er-
trag der psychologischen Sichtweise, den Menschen als ein ziem-
lich verrücktes Karnickel mit ausgeprägtem Verdrängungsmechanis-
mus zu interpretieren, komplett: wenn wir uns unserer Angst -
verdammt, woher kam die nochmal? - endlich stellen und den ver-
klemmten Würstchen, die zufällig gerade die "Rolle" des Machtha-
bers spielen und im Grunde doch auch nur Menschen sind wie Du und
ich, gehörig was vorzittern, dann ist "der GAU eine Chance und
keine Gefahr" (Keupp)! Eine Chance sogar für einen "Widerstand"
ganz spezieller Art: gemeinsam schlottern vor einer "Gefahr", von
der endgültig keiner mehr wissen will, wer sie eigentlich in die
Welt gesetzt hat.
Wofür Tschernobyl doch alles gut ist!
Man kann pfäffischer als die Pfaffen die Vorstellung bestätigt
sehen, Bescheidenheit sei für uns armselige Erdenbürger im
"Atomzeitalter" eine ganz besondere Zier; man kann sich daran er-
freuen, daß das böswillige Gerede von der "Klassengesellschaft"
im Schatten des Atommeilers seine Daseinberechtigung verloren
habe; man kann gewichtig beteuern, daß zwar Marmor, Stein und Ei-
sen und auch ein Reaktor bricht, aber unser Staatsvertrauen
nicht; man kann öffentlich beschwören, daß einem im Lichte der
Strahlung unsere deutsche Heimat (wieder) total liebenswert vor-
kommen muß; man kann die Theorie bekräftigt sehen, der Mensch sei
unfähig, "der Gefahr" ins nukleare Auge zu blicken, und müsse
lernen, sich zu fürchten - und wenn man das alles gelernt hat,
dann weiß man genau, warum die Welt demnächst untergeht oder
nicht.
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