Quelle: Archiv MG - BRD KERNENERGIE ALLGEMEIN - Von der strahlenden Gegenwart
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Bremer Hochschulzeitung Nr. 31, 09.02.1981
Vulkanarbeiter für Esenshamm:
WAS KOSTET DER MUT ZUM STRAHLENRISIKO?
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Das Kernkraftwerk Esenshamm an der Unterweser wird demnächst ab-
geschaltet und gereinigt. Das gehört zum normalen Betrieb eines
Kernkraftwerkes dazu und geschieht in regelmäßigen Abständen
schon solange, wie es Kernkraftwerke in der BRD gibt. Die Nord-
deutsche Kraftwerksunion sucht für diese Arbeiten fremdes Perso-
nal. Derzeit werden auf dem Bremer Vulkan dafür Arbeiter angewor-
ben. 40 haben sich laut WESER-KURIER letzte Woche schon gemeldet.
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Der Grund, weshalb die Kernkraftwerk-Betreiber für Reinigung und
Wartung von Kernkraftwerken fremdes Personal anwerben, ist ein-
fach.
Diese Arbeit ist nämlich in noch höherem Maße strahlengefährdet
als die Arbeit im Kernkraftwerk ohnehin schon. Sie besteht darin,
das Reaktorinnere mit chemischen Mitteln von den radioaktiven Ab-
lagerungen zu entseuchen, die sich während des laufenden Betriebs
des Reaktors niederschlagen und regelmäßig entfernt werden müs-
sen, weil mit ihnen die Gefahr der Verseuchung der "Umwelt" durch
das Kernkraftwerk wächst. Das eigene Personal nimmt die Kern-
kraftwerksunion deshalb nicht, weil das bereits soviel Radioakti-
vität beim laufenden Betrieb abbekommt, daß es mit der Wartungs-
arbeit über die "zulässige Jahresdosis" radioaktive Strahlung
kommen würde. Deswegen müssen fremde her.
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Schwierigkeiten, die zu bekommen, haben die Kernkraftwerksbetrei-
ber jedoch noch nie gehabt. Einerseits steht ihnen schon immer
der Teil des "Arbeitsmarktes" zur Verfügung, der sich in Gestalt
von Pennern und Fixern in den Obdachlosenasylen und an den Bahn-
höfen versammelt. Andererseits greift ihnen der Staat, der ihnen
die Auflagen bezüglich "zulässiger Strahlenbelastung" ihrer Mit-
arbeiter macht, bei der Beschaffung einsetzbaren Arbeitermateri-
als kräftig unter die Arme. In den USA kam im Falle der notwendi-
gen "Entseuchung" von Harrisburg die Armee zum Einsatz, deren Be-
ruf ja bekanntlich darin besteht, sich für den Staat in Gefahr zu
begeben. Hierzulande stellen die zuständigen staatlichen Behörden
bereitwillig die Insassen von Gefängnissen und Irrenhäusern für
solche Aufgaben zur Verfügung: die haben den Vorteil, daß sie gar
nicht erst gefragt werden müssen. So geschehen z.B. beim Abbau
des Kernkraftwerks Ohu in Bayern. Offiziell ist zwar der Stand-
punkt des "lebensunwerten Lebens" in der Demokratie abgeschafft,
weswegen solche Praktiken auch nicht an die Öffentlichkeit drin-
gen sollen. Praktisch weiß der Staat jedoch sehr wohl zwischen
zwei Sorten von Bürgern zu unterscheiden: solchen, denen er mit
der Freiheit auch das Recht entzogen hat, sich mit seinen Zumu-
tungen auch noch einverstanden erklären zu dürfen; und solchen,
auf deren f r e i w i l l i g e n Einsatz es ihm gerade an-
kommt.
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Die Anwerbung von Vulkanarbeitern für Esenshamm durch die Kraft-
werksunion stellt hinsichtlich der bisherigen Personalbeschaf-
fungspraktiken durchaus einen Fortschritt dar. Heutzutage bedarf
es offensichtlich keiner staatlichen Zwangsrekrutierung mehr, um
Leute zu finden, die sich der - auch noch offen angekündigten -
Gefährdung durch radioaktive Strahlung aussetzen. Um sich das in
diesem Fall nötige zuverlässige Fachpersonal mit entsprechender
Arbeitsdisziplin zu besorgen, macht sich die KWU folgende Um-
stände zunutze:
- Das Entgegenkommen des Bremer Vulkan, der seine Leute für diese
Arbeit zur Verfügung stellt. Auf Seiten der Geschäftsleitung
spricht alles f ü r diese Zusammenarbeit mit der Norddeutschen
Kraftwerksunion. Ohnehin ist sie ständig dabei, sich nach mögli-
chen neuen Geschäftspartnern und Aufträgen umzusehen. Da ist es
durchaus von Nutzen, einem möglichen späteren Auftraggeber eine
Gefälligkeit zu erweisen, indem man seinen Wünschen in Sachen
Fremdarbeit entgegenkommt - man weiß ja nie, wozu diese Zusam-
menarbeit noch einmal gut sein kann. Und dies gilt insbesondere
dann, wenn die betreffenden Arbeiter derzeit ohnehin "unter-
beschäftigt" sind, die Werft sie also zwar bezahlt, ihre
Arbeitskraft aber selbst nicht optimal ausnutzt.
- Die Armut von Arbeitern in der BRD '81. Die Frechheit, mit der
die Norddeutsche Kraftwerksunion unter Benennung aller garantier-
ten Schäden unter den Vulkanesen für diese Arbeit wirbt, beweist,
daß sie sich s i c h e r ist Geldmangel muß für die Arbeiter
ein Grund sein, sich diese Kalkulation mit der eigenen Gesundheit
aufzumachen. Deswegen macht die KWU auch das "Zugeständnis", daß
jeder täglich vom Vertrag zurücktreten kann, der t r o t z sei-
ner Angewiesenheit auf die Moneten das Risiko nicht einen Tag
länger auf sich nehmen will. Und nicht einmal jeder, der bereit
wäre, sich der Schädigung durch radioaktive Strahlung auszuset-
zen, d a r f deswegen schon in Esenshamm arbeiten. Eben weil
der Staat sehr dafür ist, daß KKWs gebaut, betrieben, deswegen
auch gereinigt werden, ist er sehr dagegen, daß sich sein Arbei-
tervolk bei der Durchführung der dazu notwendigen schädlichen Ar-
beiten einfach unkontrolliert verseucht. Der Nachwuchs für Fami-
lie und Staat soll schließlich nicht allzu große Schäden aufwei-
sen. Deswegen läßt der niedersächsische Sozialminister die Anwär-
ter auf die radioaktiven Jobs einen Fragebogen ausfüllen, mit dem
die A n f ä l l i g k e i t für das Strahlenrisiko erfaßt wird:
Wohnsitz während der letzten 10 Jahre, Krankheiten, Familien-
stand, bisherige Strahlenuntersuchungen. Und wer die staatlich
gesetzten gesundheitlichen Voraussetzungen nicht mitbringt, bei
wem also zu starke oder zu baldige Schäden durch seinen Einsatz
befürchtet werden müßten, der wird als untauglich ausgemustert.
Und schließlich geht dies Geschäft nicht ohne solche Arbeiter,
die es sich zur G e w o h n h e i t haben machen lassen, die
eigene Schädigung als unabdingbare Notwendigkeit in Kauf zu neh-
men, um an Lohn zu kommen. Arbeiter, denen angesichts der Art und
Weise, wie das Kapital sie mit ihrer Armut erpreßt, nur ein Ge-
danke kommt: schaffe ich das nicht auch noch? Arbeiter, denen es
auf der Werft zur selbstverständlichen Lebensbedingung geworden
ist, alles zu machen, was ihr Arbeitgeber gerade von ihnen ver-
langt: Schweißen in Tanks, Herumturnen auf ungesicherten Ge-
rüsten, Arbeiten mit Asbest...
Wie fest sitzt eigentlich den Arbeitern die Gleichgültigkeit ge-
genüber dem eigenen Leben und der eigenen Gesundheit in den Kno-
chen, daß sie selbst noch Jobs, bei denen sie
a u s s c h l i e ß l i c h für die Bereitschaft bezahlt werden,
die eigene Gesundheit zerstören zu lassen, als Angebot auffassen,
mit dem s i e kalkulieren könnten?
(Nachdruck aus: Marxistische Arbeiterzeitung - MAZ -)
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