Quelle: Archiv MG - BRD KERNENERGIE ALLGEMEIN - Von der strahlenden Gegenwart


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       Prof. Scheer spricht zu "Tschernobyl ist überall"
       

STUDENTEN ENTSEUCHEN SICH

Das Bedürfnis der Zuhörer, über Natur und Ausmaß der radioaktiven Schädigung und taugliche Schutzmaßnahmen informiert zu werden, war groß. Hier herrscht eben Unkenntnis. Denn Wissen über die Na- tur und ihre technische Benutzung wird in der BRD für deren poli- tische und geschäftstüchtige Macher produziert, nicht zur Volks- aufklärung. Hochschulmitgliedern könnte es zu denken geben, wie wenig es sich um Wissen zur praktischen Bewältigung des Lebens in der strahlenden BRD handelt bei dem, was sie laut Zeugnis zur Elite der mündigen Bürger qualifiziert. Richtige Auskünfte erwartete das Publikum zu recht von einem Geg- ner, statt von einem Propagandisten der Kernkraftwerke. Prof. Scheers Erklärungen und "Tips" waren eindeutig: Man hat auf Dauer mit einer im Prinzip unabwendbaren und nur bedingt einzugrenzen- den Gesundheitsruinierung zu leben. Die Frage nach einem noch un- gefährlichen Strahlungs- bzw. Belastungsmaß ist der Sache so un- angemessen, wie es im Fall des Falles für die Umstehenden egal ist, ob jemand mit 200 oder 300 Schuß pro Minute wild in die Menge feuert. Über die Verteilung und Konzentration der radioaktiven Stoffe entscheidet die Laune des Wetters, über ihre jeweilige Aufnahme in den Körper zum Gutteil der Zufall, beim Wirkungsgrad der Schä- digung entscheidet die Beschaffenheit des Organismus mit. Bei all diesen Zufällen redet man aber bloß über die jeweilige Treffer- quote, nicht über die unterstellte Schadensquelle, an der nichts zufällig ist. Sie liegt in der Freisetzung von radioaktiver Ener- gie beim Betreiben von Kernkraftwerken, die nicht erst bei Unfäl- len außerhalb des Reaktors anfällt. Scheers naturwissenschaftli- che Erläuterungen beweisen die Notwendigkeit, mit der Betreiber von Kernkraftwerken die Leute an Leib und Leben schädigen, und sollen deshalb politische Konsequenzen begründen. Scheer will nicht mehr Berstschutz beisteuern und sich nicht auf Tips zur alltäglichen Dekontamination im atom(waffen)freien Haushalt be- schränken. Er will die Kernkraftwerke weghaben. Von der herr- schenden politischen Ordnung der Bundesrepublik und all ihren po- litikfähigen Parteien ist das nicht zu haben. Doch das spricht gegen diese, nicht gegen das Anliegen. Viele der Frager beharrten auf einem anderen. In nicht endenwol- lenden Varianten wollten sie vom Experten wissen, wie schlimm sie betroffen seien und was an Strahlenbelastung noch auszuhalten sei und mit ihr noch ginge. An purer Unwissenheit konnte dieser Idea- lismus, den perfekten Schaden für sich ungültig oder zumindest das Schadensrisiko zu einer berechenbaren Größe machen zu wollen, nun nicht mehr liegen. Wer fragt, ob denn "auch die Eierstöcke, die Keimzellen und das Erbgut" geschädigt würden, erkundigt sich auch nicht mehr bloß nach Maßnahmen der individuellen Schadensbe- grenzung, sondern verkündet den unverwüstlichen Willen, noch die strahlendste BRD für den Mutterboden seiner Wünsche zu halten. Der Eifer, weiter mit allem zurechtkommen zu wollen, will alles kennen, womit zu rechnen ist, und nichts darüber wissen, weshalb überhaupt. "Das Muroroa-Atoll ist zwar weit weg, aber kommen von dort nicht noch Strahlenbelastungen aus dem Atombombenversuch Frankreichs hinzu?" fragte eine Teilnehmerin. In der Nebenwirkung möchte sie sich auf zwei Stellen hinter dem Komma auskennen, statt einmal zu entdecken, daß dort die allsichtliche Verseuchung und Tötung des westlichen Feindes ausprobiert wird. Damit würde man allerdings auf ein Übel stoßen, dem nicht mit der Dusche und nicht einmal mit Jodtabletten beizukommen ist. Weltpolitiker wie Mitterand planen zur Durchsetzung ihrer Nation die Erledigung von Völkern. Und schon zu Friedenszeiten kalkuliert auch ein Kohl (nicht nur) durch seine AKW Opfer an Volk für die Größe der Repu- blik ein. Aber brave Hochschulmitglieder wissen zu verhindern, daß die Falschen ihr "politisches Süppchen" auf ihrer reinen "Betrof- fenheit und Angst" kochen. Eilig bekunden sie, viel zu gelähmt zu sein, als daß von ihnen ein Aufstand zu befürchten sei. Dafür aber habe jedermann ihnen durchgehen zu lassen, wie sie sich fühlen. "Ich fühle so viel Betroffenheit und Angst in mir, daß ich völlig leer und gelähmt bin." Wer seine Seelenschau vor versammelter Mannschaft in wohlgesetztem Gestammel zu schildern weiß, ist nicht vor Angst gelähmt. Angst hat er nicht, zumindest kein Problem mit diesem unangenehmen Gefühl: Er trägt weder vor, wovor er Angst hat noch worin. Er t r ä g t Angst v o r, denn er hat sie als Argument für ein bißchen Seelenfrieden und Gedan- kenfreiheit entdeckt: Unter solchen Umständen könne man - wen im- mer das betrifft - von seiner Subjektivität nicht erwarten, daß sie voll des Optimismus beim Mittun sei. Auch das dauernde Beteu- ern der Betroffenheit gilt nicht dem harten Fakt radioaktiver Verseuchung. Da wäre Duschen das eine, Sichklarwerden über die Ursache bzw. die politischen Urheber das andere, um sich gegen Letztere zu wenden. Die beschworene Betroffenheit meint eine Art Verbrechen gegen ein vorgestelltes Recht auf die Unverletzlich- keit eines ausgeglichenen Gemüts. Um den Preis, gar kein Anliegen gegen die Atomkanzler und -kandidaten durchsetzen zu wollen resp. zu "können", wird darauf geklagt, sich wenigstens als mißachtetes Subjekt fühlen zu dürfen. Und d i e s e s "Anliegen" läßt man sich nicht durch den Verdacht unanständig machen, die Mühlen po- litischer Gruppen anzutreiben, und räumt ihn prophylaktisch aus. Allerdings wissen solche Leeren und Gelähmten zu unterscheiden. "Widerstandsformen, die jeder für sich machen kann, ohne immer gleich organisiert sein zu müssen", gehen schon. "Viele Menschen aufrufen, um mit ihnen die Betroffenheit zu teilen", das genügt den Preis-Leistungs-Anforderungen des aufbegehrenden Anstands. Und mit "Briefen und Appellen an die Verantwortlichen" erlaubt man den Richtigen, ihr Süppchen zu kochen. Die Betreiber der ra- dioaktiven Verseuchung dürfen sich des Vertrauens sicher sein, als Schutzmacht gegen die Folgen ihrer Politik zu gelten. So be- ginnt der GAU im Osten aus dem Seelenkern westlicher Subjektivi- täten beträchtliche Staatsenergie freizusetzen. Einigen Rednern fiel zurecht auf, daß ganz unverdächtig ein Stück innere Kriegs- vorbereitung populär wird: der Katastrophenschutz und seine Medi- zin. *** Macht der GAU Kritik(er) glaubwürdig - -------------------------------------- oder: die Logik der Betroffenheit durch die Katastrophe ------------------------------------------------------- "...der Widerstand gegen die Atomenergie hat jetzt überzeugende Argumente zur Hand - zum ersten Mal vielleicht in diesem Land, Bislang blieben die Einwände abstrakt, da gab es keine Meldungen von erhöhten Strahlenwerten", " (FR-Kommentar v. 6.5.86) So ist das also: Solange die Katastrophe noch nicht da ist, ist Kritik unglaubwürdig. Die Katastrophe ist ja noch nicht da! Es fehlt die Betroffenheit, die konkrete, Die Leute kommen ja zu- recht, Die (Lohn-)Arbeit - halb so schlimm; wenig Geld - man muß sich halt einteilen, Gift in der Luft und in Lebensmitteln - man hält es ja noch aus. (Vielleicht raucht man ja auch zuviel.) Krieg in... - es ist ja noch woanders und noch nicht der große Krieg. Und Kritiker sind Miesmacher, die den Leuten ihre kleinen Freuden nicht gönnen... Und jetzt? Jetzt ist die Katastrophe da, Noch nicht direkt bei uns, aber auch wir sind betroffen. Also wird jetzt kritisiert, daß die Schwarte kracht: Schluß mit dem Standpunkt des Zurecht- kommens: Denkste! Jetzt heißt die Devise erst recht: Ratschläge und Tips her, wie sich die Scheiße bewältigen läßt. Die "Verantwortlichen" sollen ihre Pflicht tun. "Konkrete Hilfe" lau- tet das Gebot der Stunde - die armen Kinder und die schwangeren Frauen darf man nicht im Regen stehen lassen! Ein Zyniker, wer ausgerechnet jetzt, wo die "Gefahr" so "konkret" ist, sagt, es gelte, sich die Gründe klarzumachen und die aus der Welt zu schaffen. Außerdem "zerredet" er die ganze schöne Betroffenheit, indem er sie - pfui Teufel! - "politisiert". Das Kritisieren ver- schieben wir auf später, wenn wir aus dem Gröbsten raus sind. Also auf den St. Nimmerleinstag, denn dann ist sie ja wieder futsch, die Betroffenheit, und die Kritik wieder so furchtbar ab- strakt... zurück