Quelle: Archiv MG - BRD KERNENERGIE ALLGEMEIN - Von der strahlenden Gegenwart


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       Münchner Hochschulzeitung Nr. 13, 19.05.1982
       
       Der GAU wird neu bewertet
       

MUT ZUM RISIKO

Ein Bekenntnis zu neuen "Prinzipien" unserer Gesellschaft ist ge- fragt: "Als bemerkenswertes Phänomen der Gegenwart bezeichnet es Helmut Lohr, Chef des Elektronikkonzerns SEL, 'daß die zweifellos vor- handenen Risiken moderner Teehnologien und Techniken nicht allge- mein als Herausforderung begriffen werden und daß nahezu kein Vertrauen in die gesellschaftliche Verantwortung unserer Forscher und Ingenieure gesetzt wird'." (Spiegel, 18/82) Die ansonsten gepriesenen "Vorteile" technischer Zivilisation hö- ren sich hier etwas anders an. Das verehrte Publikum wäre noch nicht so weit wie die Herren Ingenieure, die in ihrer 'Verantwortlichkeit' nicht die Garantie übernehmen, daß einem an ihren Geräten nichts zustößt, sondern eher dem gesteigerten öko- nomischen Anspruchsdenken ihrer Dienstherren Rechnung tragen. Vorbei ist die Zeit, in der Vertreter der Wissenschaft die Un-Wahrscheinlichkeit" von Reaktorunfällen nachzuweisen versuch- ten, darauf pochten, was "gesellschaftlich akzeptiert" und daher doch nicht kritikabel sei, oder was dem "Stand der Technik" ge- schuldet sei, aus dem sich gewisse 'Belastungen' am Arbeitsplatz und 'technisch nicht zu unterschreitende' Emissionen von Schadstoffen ergäben. Das Argument, Risikoabschätzungen würden angestellt, um nicht ü b e r dem gesellschaftlich, d.h. staat- lich akzeptierten Durchschnitt für Unfälle des täglichen Lebens zu liegen, und dienten insofern der 'Sicherheit' der betroffenen Menschheit, wird heutzutage ganz offensiv verwendet. 'Man' soll sich doch nicht so haben, teilt der Chef über etliche Beschäf- tigte mit; ein Wirtschaftsunternehmen hat doch wohl ein Recht auf das Leben seiner Untergebenen. "Ein Kernkraftwerksunfall im Ausmaß einer 'nationalen Katastro- phe' ist nach Ansicht von Experten der Reaktorsicherheit ausge- schlossen. Auch die Folgen schwerer Reaktorunfälle seien bisher überbewertet worden. Die Wahrscheinlichkeit schwerer Reaktorun- fälle bei den heute meist verwendeten 1300 MW Druckwasserreakto- ren wurde als gering (0,1 - O,01%) eingeschätzt. Nach neueren Er- kenntnissen würden bei einem solchen Unfall zudem geringere Men- gen an Radioaktivität freigesetzt als bisher angenommen worden sei, erklärte Peter Hosemann vom Kernforschungszentrum Karlsruhe. Die Auswirkungen wurden jedenfalls auf die Anlage beschränkt bleiben. Selbst in extremen Fällen ist nach Darstellung eines Vertreters des Bundesforschungsministeriums die Annahme von 10.000 Toten völlig irrelevant. Das Risiko eines Reaktorunfalls sei heute in einer 'anderen Perspektive' zu sehen und in seiner Auswirkung mit möglichen Folgen eines Flugzeugabsturzes oder einer Gasexplosion vergleichbar. ... Hans Hennig Hennies (Karlsruhe) hat darauf verwiesen, daß die Konsequenzen bisheriger Störfälle 'auch dann nicht katastrophal gewesen wären, wenn es zu einem Fortschreiten des Unfalls bis zum Kernschmelzen gekommen wäre.' Frühere Annahmen hätten sich als übervorsichtig herausgestellt." (Süddeutsche Zeitung, 7.5.82) Daß angesichts der "Probleme", denen man sich weltweit gegen- übersehe, auch die Risikobereitschaft des einzelnen wachsen müsse, ist nur eine andere Ausdrucksweise dafür, daß das Risiko gar nicht als so groß anzusehen ist, wie man bisher immer ange- nommen hat, was sich demnächst auch in den Berechnungskriterien niederschlagen wird. Zugrunde liegt diesen Ergebnissen fachwis- senschaftlich-technischer Diskussion eine geänderte Auflagenpra- xis des Staates gegenüber seiner Wirtschaft. Für die anvisierten wirtschaftspolitischen Erfolge steht eine Lockerung staatlicher Vorschriften in Bezug auf Sicherheitsbestimmungen bei Kernkraft- werken an. Ohne steigende Opfer an Gesundheit und Leben ist die freiheitlich-demokratische Marktordnung derzeit nicht zu haben, lautet der Beschluß an höchster Stelle. Und der verantwortliche Techniker kann sich freuen, daß Technik "wieder etwas gilt" und "wahr" wird. zurück