Quelle: Archiv MG - BRD KERNENERGIE ALLGEMEIN - Von der strahlenden Gegenwart
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"Die Betreiber und Hersteller von Kernkraftwerken" informieren:
KERNKRAFT? - WAS DENN SONST?
Da haben sie sich was einfallen lassen, die Herren "Betreiber und
Hersteller von Kernkraftwerken in der Bundesrepublik Deutsch-
land". Nach dem Motto: "Jetzt kommen wir den Leuten mal ganz
menschlich", lassen sie seit ein paar Wochen optimistisch drein-
blickende Menschen in doppelseitigen 80.000 DM-Anzeigen lauter
Scheinfragen stellen, bei denen die Antworten von vorneherein ge-
nauso klar wie erlogen sind.
"Hat die Kernenergie noch eine Zukunft?" (Ein blonder Jüngling in
lässiger Jeansjacke.)
"Ja, denn es gibt auf absehbare Zeit keine Alternative."
Natürlich gibt es zur Kernenergie keine Alternative
- wenn es um das dicke Geschäft mit der Kilowattstunde und
zugleich um die möglichst billige Ausstattung deutscher Industrie
mit Strom geht;
- wenn es einem Staat wie der BRD unbedingt auf eine möglichst
selbständige Energieversorgung ankommt weil er sich vom russi-
schen Erdgas oder vom libyschen Öl nicht abhängig machen will,
sondern umgekehrt die Lieferanten von sich;
- wenn es der Regierung auf die Produktion von Plutonium ankommt,
das sich aus abgebrannten Brennstäben wiederaufbereiten läßt
- vielleicht muß sich die Bundesrepublik ja eines Tages mit eige-
nen Atombomben "verteidigen".
"Unterschätzen wir die Risiken der Kernenergie?" (Ein nachdenkli-
cher junger Mann mit Brille.)
"Viele glauben das oder sind skeptisch. Aber dazu besteht kein
Grund."
Dazu besteht nun wirklich kein Grund. Die Risiken für Leib und
Leben der Menschheit werden nämlich keineswegs unterschätzt son-
dern höchst offiziell g e s c h ä t z t. Bekanntlich gibt es ja
- und darin können sich die hier werbenden Betreiber und Herstel-
ler von KKWs voll auf die regierende wie oppositionelle Politi-
kermannschaft berufen - sowieso "keine Alternative". Also muß man
eben mit dem sog. "Restrisiko" leben. Damit ist zwar sogar von
oben zugestanden daß die Kernenergie nicht ganz ungefährlich ist.
Gerade so als wäre der angerichtete Schaden eine Begleiterschei-
nung der allgemein menschlichen Unzulänglichkeit in Sachen Be-
herrschbarkeit der Natur tut die schönfärberische Vokabel vom
"Restrisiko" aber so, als würde Man damit auch leben
m ü s s e n, und unterschlägt dabei völlig, daß es sich bei den
AKWs allemal um eine s t a a t l i c h e i n g e p l a n t e
Z u m u t u n g handelt. Wieviel kostet die Verringerung der
durchschnittlichen Schädigung? Was können wir uns an Belastung
der Volksgesundheit im Schnitt leisten? So lauten die menschen-
freundlichen Fragen in denen die "Sicherheit" der Leute vorkommt.
Beantwortet werden sie allemal entlang den Bedürfnissen des Ge-
schaftserfolgs industrieller Stromabnehmer und an ihm entscheidet
sich demzufolge auch wann das Gefahr-Schaden-Verhältnis das
rechte Maß hat.
"Können wir soviel Strom sparen, daß die Kernenergie überflüssig
wird?" (Ein zukunftsfroher, dynamischer junger Mann.)
"Das hoffen viele. Die Erfahrungen der letzten Jahre sprechen
aber dagegen."
"Wir"? Wer soll denn dieser gesamtgesellschaftliche Stromsparer
sein? Die Erfahrungen sprechen jedenfalls dafür, daß die Indu-
strie vom Strom als preiswertem Energieträger gar nicht genug
kriegen kann. Und daß das Sparen eine Kalkulation ist, die der
Bevölkerung über die ständige Erhöhung der Energiekosten aufge-
macht wird: die Heizung ein paar Grad runterdrehen und sich dafür
einen Pullover mehr überziehen, damit das Haushaltsgeld doch noch
etwas länger reicht? Dadurch kann Kernenergie natürlich nie im
Leben überflüssig werden. Eine nationale Energieversorgung ist
nämlich nie und nimmer darauf bedacht, daß in den Stuben der Re-
publik Öfen und Lampen nicht ausgehen!
"Wirkt sich der Einsatz von Kernenergie auf mein Haushaltsgeld
aus?" (Eine moderne Hausfrau.)
"Das kann man wohl sagen. Denn ohne die Kernenergie wäre nicht
nur Ihre Stromrechnung erheblich höher."
Das sagen ausgerechnet die, die ein ausgeklügeltes Preissystem
für private und industrielle Nachfrage installiert haben und
leicht drohen können, den Strompreis auch noch anzuheben. Im Ge-
gensatz zum kommerziellen Kunden kann sich nämlich ein Privat-
haushalt nicht um eine eigene Energieversorgung kümmern, wenn ihm
der Saft aus der Steckdose zu teuer wird. Darum darf für diese
Sorte Kundschaft der Strom auch ruhig teuer sein. Ein Ge-
schäftsinteresse wird ja dadurch nicht geschädigt. Billigtarife
bekommen dagegen die Unternehmen, weil sie sich sonst Gedanken
über eine Alternative machen könnten. Darüberhinaus hat natürlich
Vater Staat ein Interesse an einer günstigen Energieversorgung
seiner Lieblingskinder: Billig, dauerhaft und reichlich soll sie
sein. Das ist ihm allemal sogar ein paar Milliarden an Subventio-
nen wert.
"Verdrängt die Kernenergie die heimische Steinkohle?" (Ein pro-
blembewußter Magnum-Typ mit kritischem Stirnrunzeln.)
"Darum sorgen sich viele Menschen in Kohlerevieren, aber Kohle
und Kernenergie sind Partner - nicht Konkurrenten."
Es werden schon dieselben Konzerne sein, die mit Steinkohle und
mit Uran ihr Stromgeschäft machen. Genau das beschert allerdings
vielen Bergarbeitern ihre Existenzprobleme. Und die Auskunft soll
man jetzt großartig finden, daß es weiterhin beides gibt: stau-
bige Arbeitsplätze unter Tage und strahlende in keimfreien AKWs.
Bei anderer Gelegenheit sollte man sich schon einmal darüber
freuen, daß "die Kernenergie die heimische Steinkohle verdrängt
und damit hunderten von Bergleuten das Leben gerettet" haben
dürfte. Mit solchen Antworten ist ein Mensch gut bedient, wenn
man sich wie ein Riesenhuber ganz verantwortungsbewußt an die na-
tionale Energiefront begibt.
"Sind sich die Mitarbeiter in den Kernkraftwerken eigentlich der
Risiken Arbeit bewußt?" (Ein junger Mann, der garantiert in kei-
nem arbeitet.)
"Ja, aber sie wissen, daß sie nicht nur auf die technischen Si-
cherheitseinrichtungen ihrer, sondern auch auf ihre Ausbildung
und Erfahrung bauen können."
Die sind sich der Risiken und Gefahren schon bewußt. Ihre Ausbil-
dung und Erfahrung nützt ihnen allenfalls für die Einschätzung,
wann man im Normalbetrieb störende Sicherheitsrichtungen auch mal
umgehen muß - im Interesse der Rentabilität. Sie hilft ihnen al-
lerdings einen Scheißdreck, wenn ihnen das Ding um die Ohren
fliegt - oder sollte es den Arbeitern in Tschernobyl ausgerechnet
daran gemangelt haben? Aber so etwas gehört zu einem Arbeitsplatz
1986 allemal: Gesundheitsschäden im Normalbetrieb und ein Restri-
siko, das der Arbeitnehmer aber nicht alleine zu tragen braucht.
"Wer profitiert eigentlich von der Kernenergie?" (Einer, der ge-
nau so dumm schaut, wie die Frage ist, die er stellt.)
Wer sollte denn außer denen, die diesen Unsinn fragen lassen,
noch davon profitieren? Ach genau: Zeitungen, die diesen Schwach-
sinn drucken dürfen.
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