Quelle: Archiv MG - BRD KERNENERGIE ALLGEMEIN - Von der strahlenden Gegenwart
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Symposium: "Probleme der Energieversorgung"
DER KERN DER ENERGIEDEBATTE
Um daß einmal klarzustellen: wenn es von irgendetwas genug auf
der Welt gibt, dann ist es Energie, denn die ganze Natur ist voll
davon. Wissenschaft und Technologie haben noch immer Mittel und
Wege gefunden, sich die vorhandene Energie auch nutzbar zu ma-
chen. Der Haken bei der Anwendung ihrer Entdeckungen liegt nur
darin, daß manche von ihnen nicht oder noch nicht in beherrschba-
ren Verfahrensweisen angewandt werden können. Ein solches Verfah-
ren liegt in den Atomkraftwerken vor; daß seine Anwendung dennoch
stattfindet, hat die Menschheit den geschäftstüchtigen Rechnungen
ihrer Politiker und Stromindustriellen zu verdanken. Denn ein
G e s c h ä f t ist auch mit gefährlichen Sachen zu machen.
Atomstrom - was sonst
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Die Referenten, die sich im 1. Teil des Symposiums Probleme mit
dem künftigen "Energiebedarf" der BRD machten, taten alle so, als
stünde es noch als Frage zur Debatte, ob die BRD nicht mit den
herkömmlichen Energieträgern auskommen könnte, ohne die Atomener-
gie anzuwenden. Als Gegenargument Nr. 1 legte ein Herr WALKING
von der VEBA-OEL dem Auditorium eine Statistik vor, die besagte,
daß der Ölverbrauch auch in Zukunft in dem Maße zunimmt, wie die
Nachfrage steigt. Damit daraus überhaupt ein Problem wird, prä-
sentiert sich der VEBA-Mensch als einer, den beim Ölgeschäft 1979
hauptseitig die Sorge quält, wie es mit diesem Geschäft in the
year 2525 laufen wird. Wie wenig ihn diese Sorge praktisch
drückt, wird allerdings schon daraus klar, daß noch kein Öl-Kon-
zern auf den rentablen Verkauf auch nur eines Liters Öl verzich-
tet hat, u m dieses kostbare Gut für die Welt zu erhalten.
Also: Unsichere KKW's heute, damit das Überleben der Menschheit
morgen gesichert ist!
Es tat der, gemeinsamen Sache keinen Abbruch, daß ein Professor
SCHNEIDER vom Kölner Energieinstitut aus der behaupteten
"Knappheit" des Erdöls einen ganz anderen Schluß zog - nämlich
eine drohende Verdreifachung des Ölpreises, die das Wirtschafts-
wachstum gefährden könnte. Denn er hatte im Kopf, daß
a u f g r u n d der "Knappheit der Ölressourcen" die OPEC-Länder
höhere Preise verlangen. Ab ob die Ölverkäufer nicht unabhängig
von ihren Ölvorräten den Preis verlangen, den sie auf dem Markt
kriegen können. Und als ob nicht ein Ölkäufer jedes Barrel Öl
deshalb einkauft, weil der Preis, den er dafür zahlt, sich für
ihn lohnt. Von einer B e d r o h u n g des Wirtschaftswachstums
durch einen hohen Ölpreis kann nicht die Rede sein. Was aller-
dings nicht heißt, daß das Wirtschaftswachstum nicht umso besser
f l o r i e r t, je billiger das Kapital an seinen Strom kommt.
Also: Kernenergie als Nothelfer für die gefährdete deutsche Wirt-
schaft.
Daß man die Notwendigkeit von KKW's auch begründen kann, ohne
eine "Ölknappheit" zu erfinden - dafür standen die Ausführungen
von Dr. MESSER - RWE: Am Erdöl mangelt es nicht, weil man heute
weiß, daß es davon noch jede Menge (rein oder in chemischen Ver-
bindungen) gibt. Das Ölproblem ist vielmehr darin begründet, daß
das Öl im Ausland liegt. Das ist für MESSER deshalb ein Problem,
weil für ihn die Abhängigkeit der Ölländer (die ihr Öl verkaufen
m ü s s e n, weil sie nichts anderes haben) nichts anderes dar-
stellt als einen Beweis für die ständige Erpreßbarkeit der BRD.
Damit deren führende Stellung in der internationalen Konkurrenz
auch weiterhin gesichert bleibt, gibt es laut MESSER für den
Staat nur eine Alternative: KKW's oder Krieg.:
Also: Es ist schon sicherer, KKW's zu bauen als Kriege zu führen!
Eine Alternative zu dem bisher vorgetragenen Plädoyers für die
Atomkraft war Atomkraft-Gegner BOSSEL in einer Hinsicht nicht.
Auch er glaubt an das "Dilemma" der staatlichen Energiepolitik,
mit knappen Ressourcen haushalten zu müssen. Nur macht er dem
Staat eine andere Rechnung auf, indem er vorschlägt, statt Atom-
kraftwerke zu bauen, lieber der Industrie einen sparsameren Um-
gang mit der Energie nahezulegen. Weil für die aber in der Praxis
die Energie kein Energieproblem, sondern eine Kostenfrage ist,
kommt auch keiner auf die Idee, E n e r g i e zu sparen, son-
dern stellt sicher, daß er seine Energie k o s t e n g ü n-
s t i g kriegt. Mit seinem gutgemeinten Ratschlag, "alle
Einsparungsmöglichkeiten wahrzunehmen", um s o die Notwendig-
keit der Errichtung von KKW's zu verhindern, steht Herr BOSSEL
daher ganz schön blöd da.
Alternativen sind eben bloß Alternativen
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Die Frage, ob es alternative Energien zum Uran gibt, war schon
vor dem Symposium eindeutig positiv beantwortet. D a ß man an
allen Ecken in der Natur auf Energie trifft, ist selbstverständ-
lich. Sonne, Wind und Wellen interessierten deshalb auch nur
insofern, als an ihnen bewiesen werden sollte, ob ihr Einsatz
eine Alternative zur staatlichen Kernenergiepolitik sein könnte
oder nicht. Diese Rechnereien bestanden darin, anhand möglicher
anderer E n e r g i e n zu belegen, daß der Staat entweder gar
nicht umhin könne, KKW's zu bauen, oder aber in eine Kernenergie-
politik hineingestolpert wäre, weil er sich verrechnet habe. Als
Befürworter von KKW's traten KREMER und VOSS den Beweis für die
Notwendigkeit dieser gefährlichen Dinger damit an, daß sie an den
vorgeschlagenen Alternativen die mit ihrem Einsatz verbundenen
Kosten herausstellten und sie mit den augenblicklichen Energie-
preisen, die die Menschheit bezahlen muß, verglichen. Obwohl, so
das Fazit, KKW's mit "einigen sozio-politischen Problemen" ver-
bunden seien, gebiete es die Rationalität der trockenen Zahlen,
ihrem Einsatz zuzustimmen.
Die Bremer Kernenergiegegner CLAUSEN und FRANKE rechneten auch:
sie rührten vor, daß der Strom aus KKW's deshalb so billig sei,
weil die Kosten, die er eigentlich verursacht, ("ethische Kosten"
inbegriffen) über Steuern und Strompreis von der Bevölkerung ge-
zahlt werden, was - würde man richtig kalkulieren - den Einsatz
ungefährlicherer Alternativen gebiete.
Diese Rechnung tut so, als müssen es staatlicher Energiepolitik
eigentlich darum gehen, jedermann billigen Strom zu liefern.
Warum will diese Sorte Naturvolkswirte nicht einsehen, daß eben
deshalb für diejenigen der Strom billig ist, die nicht ihre Toa-
ster, sondern rationalisierte Produktionsprozesse anwerfen,
w e i l der von der Bevölkerung bezahlte Strompreis und Steuern
die KKW's finanzieren?
Sicherheit ist eine Frage des Vertrauens
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Man weiß nicht erst seit Harrisburg, daß die Technik, auf der die
Atomkraft beruht, nicht beherrscht wird. Spaltbares Material aus
der Erde zu holen, es für seine energieliefernde Wirkung zuzube-
reiten, ist keineswegs dasselbe wie die Kontrolle des einmal aus-
gelösten Prozesses. Daß "jede Phase" dieses Prozesses ein "Si-
cherheitsrisiko" darstellt, daß auch die Abschaltung des Kraft-
werks eine "schwere Betriebsstörung" darstellt, weil damit der
Brennstoff nicht abgeschaltet ist - dies alles wußte der Bochumer
Professor ZIEGLER seinem Publikum anschaulich vor Augen zu
führen. Was er aber keineswegs als Argumente gegen die Anwendung
von Kernenergie verstanden wissen wollte. Die einfache Konsequenz
aus seinen eigenen Aussagen, daß Atomkraftwerke eine ständige
Gefährdung für Leib und Leben darstellen und daher weg müssen,
hält er für ein "primitives Denken". Weshalb er der einfachen
Gleichung: Risiko - Gefährdungspotential noch einen weiteren
"Faktor" hinzufügt: Risiko - Gefährdungspotential x Ein-
trittswahrscheinlichkeit.
Damit hat der Professor für Reaktortechnik zwar den Boden der Na-
turwissenschaft verlassen und sich in das Reich der Spekulation
begeben. Das macht aber nichts, weil ZIEGLER weiß, worauf es bei
derartigen Rechnungen ankommt: nie so zu tun, als ob das in den
Kraftwerken e i n g e b a u t e Gefährdungspotential nicht not-
wendig, sondern höchst z u f ä l l i g zu einem Risiko für den
Menschen wird. Unvorhergesehenes kann schließlich immer mal pas-
sieren. Und wenn man's genau nimmt, ist mit der Anwendung der
Technik immer ein Risiko verbunden. Weil auch beim Gebrauch ande-
rer technischer Errungenschaften wie Flugzeug oder Auto Unfälle
passieren, leugnet ZIEGLER den Unterschied zwischen beherrschter
und nicht beherrschter Technik, um damit die Unsicherheit der
Kernkraftwerke als notwendige Begleiterscheinung des technischen
Fortschritts hinzustellen: Kritik an Kernkraftwerken ist daher
fehl am Platz und zeugt nur von der Unwissenheit derer, die sie
äußern:
"Viele wissen gar nicht, von was sie reden", wissen somit gar
nicht - so ZIEGLER -, daß der "Begriff Sicherheit" eigentlich
einen psychologischen Inhalt hat. Auf das "Gefühl der Sicherheit"
kommt es nämlich an, und du hat man dann, wenn man du nötige das
hat man dann, wenn man das nötige "Vertrauen" in die Fähigkeiten
derer mitbringt, die für den Bau von Kernkraftwerken verantwort-
lich sind.
Warnungen am falschen Platz
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Die höchst eindeutige Belehrung über die Notwendigkeit unsicherer
Kernkraftwerke wurde von dem nachfolgenden Redner, dem Bremer
AKW-Gegner und Physik-Professor SCHEER gründlich mißverstanden.
Anstatt zu bemerken, daß die Schlüsse, die ZIEGLER aus seinen
Ausführungen zog, Ausdruck einer politischen Parteinahme für den
Einsatz der Kernenergie waren, tat SCHEER so, als würden seinem
Vorredner die richtigen Zahlen abgehen. Als ob dieser nicht genü-
gend Beweise erbracht hätte, daß er die gegebene Gefährdung durch
radioaktive Strahlung inclusive der erwarteten Störfälle für zu-
mutbar hält, gab sich SCHEER die größte Mühe, Zahlen und Fakten
anzuschleppen, die belegen sollten, daß vieles "noch gefährlicher
ist, als man bisher wissen konnte". (SCHEER zu ZIEGLER: "Ich kann
Ihnen meine Studien zur Verfügung stellen.") Eine Kritik, die
deshalb blöd ist, weil sie die Nutznießer der Kernenergie (die
eine unsichere Technologie für sich ausnutzen, weil sie sich
trotz aller Ausfälle rentiert) damit enschuldigt, sie wüßten
nicht, welches Risiko sie der Menschheit aufladen. Und das ange-
sichts der Tatsache, daß Kapital und Staat eben kein Problem da-
mit haben, das ganze Land mit technisch nicht beherrschten Kern-
kraftwerken zu überziehen.
Verveugung vor der Staatsgewalt
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Was machen Bürgerinitiativen, die sich "i m Z u s a m m e n-
h a n g mit Kernkraftwerksbauten" gebildet haben? Jedenfalls
nichts gegen das Bauen von Kernkraftwerken, so ließ es Frau DEGEN
von der Interessengemeinschaft gegen radioaktive Verseuchung und
Mitglied der BBU das Auditorium wissen. Bei dem Versuch, jene
Vorurteile zu widerlegen, die in den Bürgerinitiativen immer noch
eine Gegnerschaft zu unserer Gesellschaft erblicken wollen, war
auch folglich von Kernkraft gar keine Rede mehr. Nicht das
Faktum, daß der Staat mit dem Bau von Kernkraftwerken Gesundheit
und Leben seiner Bürger aufs Spiel setzt, macht den
Bürgerinitiativen Sorgen, sondern vielmehr der Umstand, daß der
Staat solche Entscheidungen nicht genügend demokratisch absi-
chert:
"Der Bürger fühlt sich verplant, durch eine bürgerfremde Bürokra-
tie eingeengt und sieht keine Möglichkeit mehr, bei wesentlichen
Entscheidungen mitzubestimmen."
Dabeisein ist alles, man will eben gefragt sein, wenn der Staat
seine Sauereien auf die "Menschheit" losläßt. So wird die staat-
liche Entscheidung für Kernenergie in eine "Krise der Demokratie"
verwandelt, um den Staat in höflicher Form wissen zu lassen, daß
das Mißtrauen gegenüber den Bürgern fehl am Platz ist, weil die
nur Positives im Sinn haben. Die Zeiten, in denen sich Bürgeri-
nitiativen gründeten, um A n s p r ü c h e an den Staat anzu-
melden, sind - so Frau DEGEN - längst vorbei. Heutzutage geht es
darum, unter Beweis zu stellen, wie ernst es einem mit dem Enga-
gement f ü r den Staat ist: "demokratische Grundhaltung", das
Pflegen "menschlicher Kontakte" und eine "grenzüberschreitende
Solidarität" sind die beispielgebenden Tugenden einer modernen
Bürgerinitiative. Daß dabei auch Vorsorge getroffen wird, die ei-
genen Reihen von schädlichen Einflüssen frei zu halten, versteht
sich schon von selbst:
"Der enge örtliche Zusammenschluß ist auch wichtig dafür, daß man
einander kennenlernt und dadurch sicherer geht, störende Elemente
(!) auszuschalten."
Gesetzliche Schadensregelung
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Bei so viel Anteilnahme für die "Probleme" staatlicher Energiepo-
litik tat sich der anwesende Vertreter des Regierungspräsidenten,
MATZKE, leicht, die Leistungen des Staates in Sachen Kernenergie
ins rechte Licht zu rücken. Denn wenn überhaupt einer von diesem
Problem betroffen ist, dann ist es der Staat, der - zwischen den
verschiedensten "Zielkonflikten" hin- und hergerissen - es allen
recht machen will und trotz aller Bemühungen nie so richtig
schaffen kann:
"Bei so vielen Ansprüchen sind Zielkonflikte unvermeidbar."
Daß der Staat mit seiner Entscheidung für den Einsatz der Kern-
energie die Prioritäten längst gesetzt hat, hält MATZKE nicht da-
von ab, die staatlichen Maßnahmen als Bemühen um lauter Wohltaten
für die betroffenen Bürger zu preisen. Es besteht überhaupt kein
Anlaß zur Sorge, so verkündete er, denn schließlich hat der Staat
ein "Atomgesetz" gemacht, welches das Betreiben von Kernkraftwer-
ken "genehmigungspflichtig" macht:
"Ziel des Genehmigungsverfahrens ist es in erster Linie, die in
der Umgebung der Anlage lebende Bevölkerung, aber auch die Allge-
meinheit als solche, vor nachteiligen Einwirkungen zu schützen."
Wobei sich natürlich die Frage, warum der Staat überhaupt Anlagen
genehmigt, von denen er weiß, daß davon "nachteilige Einwirkun-
gen" ausgehen, erübrigt. Der "Schutz" der Bevölkerung besteht
eben darin, der Kernkraftindustrie Sicherheitsvorschriften aufzu-
erlegen, die den Umfang der z u l ä s s i g e n U n s i-
c h e r h e i t festlegen. Der von MATZKE gelobte Einsatz des
Staates, einen "Ausgleich der widerstreitenden Interessen"
herbeizuführen, bedeutet für die eine Seite, daß ihr der
rücksichtslose Umgang mit der Gesamtheit der Bevölkerung aus-
drücklich gestattet wird. Dem Interesse der Betroffenen wird da-
durch Rechnung getragen, daß sie die Gewißheit haben, daß das
Ausmaß ihres Schadens vom Staat gesetzlich geregelt ist. Für Ge-
rechtigkeit ist gesorgt.
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