Quelle: Archiv MG - BRD KERNENERGIE ALLGEMEIN - Von der strahlenden Gegenwart
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Münchner Hochschulzeitung Nr. 15, 11.06.1981
MIT TABLETTEN-JOD GEGEN DEN ATOM-TOD?
Wenn jemand für die Kernkraft eintreten will, kann er wie Bundes-
kanzler Schmidt behaupten, daß das Leben neben einem Kernkraft-
werk ungefährlicher sei als in der Umgebung eines Kohlekraft-
werks. Dieses Argument erweist sich als besonders gesundheitsför-
dernd bei denen, die neben einem Atomkraftwerk wohnen und inzwi-
schen mit einem Röhrchen voll Jod-Tabletten ausgerüstet worden
sind. Die Verabreichung von stabilem Jod kurz nach einem Reak-
torunfall soll nämlich die Aufnahme des dann allenthalben umher-
fliegenden radioaktiven Jods in der Schilddrüse verhindern und
bildet so die
"Alternative oder Ergänzung zur Evakuierung aller Personen, die
infolge eines Reaktorunfalles dem Risiko einer Inhalation von Ra-
diojod ausgesetzt sind." (Rahmenempfehlungen für den Katastro-
phenschutz in der Umgebung kerntechnischer Anlagen, Bundesmini-
ster des Inneren 1977)
Anläßlich des Vollzugs dieser Richtlinien, die den Haushalten
bunte Broschüren und nette Tablettenröhrchen beschert, demon-
strieren Naturwissenschaftler ihre Verantwortung: Selbstverständ-
lich erwähnt keiner von ihnen die einschlägigen Passagen zum Feh-
ler von Risikoabschätzungen von AKW's aus der Broschüre der MG:
Atomtechnologie und Atompolitik, stattdessen entdecken sie ein
neues Risiko der Risikobekämpfung: die Jodverfütterung selbst.
Zurückhaltende Vertreter dieser Spezies merken höflich an, daß
damit die angeblich geringere Strahlenbelastung durch andere Sa-
chen (z.B. vorbeiziehende radioaktive Wolken, am Boden abgela-
gerte Radioaktivität, innere Strahlung der mit der Atemluft in-
korporierten Radionuklide) gar nicht tangiert werde, verantwor-
tungsvolle Diskutanten geben zu bedenken, daß Jod-Verabreichung
eine Hemmung der Schilddrüsen-Funktion (Hypothyreose) nach sich
ziehen könne und Radikale werfen ein, daß der Nutzen der Jodmedi-
kation anzuzweifeln sei, weil dann zwar nicht die Schilddrüse
verbrannt werde (deren Funktion von Medikamenten übernommen wer-
den könne), sondern das im Körper auf dem Wege zur Ausscheidung
vagabundierende Radiojod allenthalben seine unguten Spuren hin-
terlasse. Ganz Konsequente schließlich wollen eine Jodierung des
Trinkwassers, das ja bekanntlich jeder irgendwie säuft.
Diesen schönen Wissenschaftlerstreit hat der Staat gelöst. Die
Theoretiker haben nämlich erkannt, daß
"das Risiko einer Verabfolgung von Jodtabletten um so vernachläs-
sigbarer wird, je höhere Schilddrüsengefährdung durch Radiojod zu
erwarten ist."
Und dafür sorgt der Ausbau der Atomkraftwerke allemal.
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