Quelle: Archiv MG - BRD KERNENERGIE ALLGEMEIN - Von der strahlenden Gegenwart
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Münchner Hochschulzeitung Nr. 11, 17.02.1982
Störfall im AKW "Robert E. Ginna"
DEN GAU IM GRIFF
Die mit der großangelegten Durchführung des strahlenden Energie-
programms "als unabdingbarer Bestandteil der künftigen Energie-
versorgung unseres Landes" einhergehende Überzeugungsarbeit in
Sachen Unbedenklichkeit solcher Anlagen gehört längst der Vergan-
genheit an. Mit dicken Reaktorsicherheitsstudien wurde damals der
Beweis angetreten, daß erstens die einem s t a a t l i c h e r-
s e i t s z u g e m u t e t e Gefahr für Leib und Leben gar
nicht ins Gewicht fällt gegenüber den "Risiken des alltäglichen
Lebens" (von deren Gründen und Subjekten vornehm abgesehen
wurde), also alles, was einem Menschen so zustoßen kann, viel
wahrscheinlicher ist, als das zu Tode kommen durch ein AKW. Und
zweitens das Eintreten eines Störfalles umso unwahrscheinlicher
ist, je gravierender er a n g e n o m m e n wird. So war der
erste Schritt ein GAU, das Platzen des Primärkühlkreislaufs
höchstens alle 17 000 Reaktorjahre zu befürchten. Auf die
Vorstellung wurde abgehoben, daß mit dem GAU - der Normalbetrieb
mit seinen radioaktiven Freisetzungen galt sowieso als ver-
träglich - nur t h e o r e t i s c h gerechnet werden muß.
Spätestens seit Harrisburg ist diese Stiftung von Reaktorsicher-
heit tabu. Heutzutage wird die Öffentlichkeit nicht nur ganz
schonungslos darüber aufgeklärt, daß der Normalbetrieb kleine,
mittlere und auch den ganz großen Störfall miteinschließt, dient
vielmehr deren praktische Abwicklung als der Beleg, daß diese Art
der Energiegewinnung beherrscht ist.
Als am 4.12.81 im US AKW "Robert E. Ginna" die Rohre im Primär-
kreislauf platzten, da zeigten sich die öffentlichen Sicherheits-
philosophen auch keinesfalls überrascht, daß hier ein Unfall ein-
getreten war, der 'eigentlich' nicht passieren sollte.
Ganz aufgeklärt gibt man sich. Schließlich war so ein Unfall ja
längst v o r a u s z u s e h e n,
"Bei 37 der insgesamt 48 amerikanischen Druckwasserreaktoren hat-
ten NRC-Inspektoren an den dünnen Rohren innerhalb der Dampfer-
zeuger 'bestimmte Verfallserscheinungen' entdeckt."
Und zweitens spricht ja die abgelaufene 'Bewältigung' des GAU's
gerade dafür, daß man inzwischen selbst solch einen Unfall fest
im Griff hat.
"Den Betriebsplänen entsprechend öffnete sich in den folgenden 3
Minuten wiederholt ein Sicherheitsventil, durch das jeweils 5 Se-
kunden lang radioaktiver Wasserdampf ins Freie entwich ... Auto-
matisch sprang das Notkühlsystem an, ersetzte das aus dem defek-
ten Rohr entweichende Wasser, hielt den Druck im Primärkreislauf
aufrecht und sorgte dafür, das die Brennstäbe stets unter Wasser
blieben ... Etwa 42 000 Liter Wasser wurden in einem Rückhalte-
becken aufgefangen ... Der dünne radioaktive Nebel, der sich auf
15 auf dem Firmenparkplatz befindliche Autos gelegt hatte, konnte
mit einem g e w ö h n l i c h e n Gartenschlauch abgespritzt
werden ... 150 Angestellte waren o h n e H a s t vom Gelände
evakuiert worden. ..."
Klar, auch dieser Störfall wurde wie jeder andere "planmäßig" aus
der Welt geschafft:
1. Wurde das Durchschmelzen des Reaktors durch Kühlen im
D u r c h f l u ß verhindert, wobei einem die G r ö ß e des
Risses hilfreich zur Seite stand
2. die entstandene Radioaktivität einfach dadurch beseitigt, daß
man sie zu Luft und Wasser abblies bzw. abließ, und die Kontami-
nationen durch eifriges Abspritzen woandershin ausschwemmte;
3. die Strahlenschädigung der Angestellten rückgängig gemacht,
indem sie heiß abgeduscht und ein bißchen weiter weg geschickt
wurden
und 4. die umliegende Bevölkerung darüber informiert, daß zu kei-
ner Zeit "ein Grund zur Besorgnis bestand", weshalb gleich noch
die "lokalen Notunterkünfte" zur "Evakuierung" vorbereitet wur-
den. Und damit "der Stillstand" des Reaktors sich zu keiner Schä-
digung des AKW-Betreibers ausweitet, kündigt dieser gleich eine
Erhöhung der Strompreise an:
"Wenige Stunden nach dem Unfall kündigte Firmensprecher Oberlies
den 'Ginna'-Kunden 'leichte Erhöhungen' des Strompreises an."
Bei uns muß sich schließlich dank der "vorbildlichen deutschen
Sicherheitstechnik" von AKW's sowieso niemand beunruhigen. Die
Deutsche Gesellschaft für Reaktorsicherheit "beobachtet das Pro-
blem der Korrosionsanfälligkeit im Rohrsystem der Druckwasserre-
aktoren sorgfältig" und hat auch bei der Auslegung künftiger Re-
aktoren schon "vorgebeugt":
"Es werden von vornherein etwa 20 Prozent mehr Rohrleitungen als
nötig in die Dampferzeuger eingebaut Bei vorzeitiger (!) Korro-
sion und Rissebildung können dann Teile des Rohrsystems ohne Lei-
stungsminderung abgeschaltet und totgelegt werden."
Also, wenn die Rohre dort platzen, wo gerade eine 'Umleitung'
vorgesehen ist, einfach umschalten und unrentable Stillstandzei-
ten sind vermieden. Für eines ist so bei den am 9.2.82 genehmig-
ten drei neuen "Super AKW's" (eines in Lingen direkt neben dem
'79 wegen eines Risses im Primärkreislauf stillgelegten AKW) zu-
mindest gesorgt: nämlich für die Sicherheit des dort angelegten
Kapitals.
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