Quelle: Archiv MG - BRD KERNENERGIE ALLGEMEIN - Von der strahlenden Gegenwart
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Hamburg aktuell
Der SPD-Senat begutachtet seine AKWs:
SOFORT AUSSTEIGEN - DAMIT WIR DEN NÄCHSTEN GAU IM GRIFF HABEN!
Vergangene Woche hat Hamburgs Umweltsenator J. Kuhbier senatsof-
fiziell zu Protokoll gegeben: Wenn es in einem der vor der Stadt
konzentrierten AKWs zu einer Kernschmelze kommt, ist der Hambur-
ger Bevölkerung eine radioaktive Verseuchung von tödlichem Ausmaß
garantiert.
Wie ihre Chancen stehen, wenn der GAU eintritt, hat sich der Se-
nat in einem Katastrophenszenario ermitteln lassen:
"Die nun der Öffentlichkeit vorgelegte Studie kommt zu dem Er-
gebnis, daß Hamburg bereits nach wenigen Stunden mit einer Dosis
von 500 rem radioaktivem Jod belastet sein wird. Zum Vergleich:
Bei Personen, die in ihrem Beruf radioaktiver Strahlung ausge-
setzt sind, darf die jährliche Dosis 15 rem nicht überschreiten."
(taz, 29.1.87)
Vom Ergebnis her nichts, was die wirtschaftlichen Betreiber von
Kernkraftwerken und die zuständigen Stellen des Senats nicht
schon längst wüßten. Gab es da nicht schon im vergangenen Jahr
eine geheimgehaltene Studie des TÜV, die in ihrer Prüfung
g e m ä ß d e n o f f i z i e l l e n S i c h e r h e i t s-
v o r s c h r i f t e n für AKWs zum gleichen Resultat gekommen
ist? Von der wollte Kuhbier zwar erst nichts wissen, bis dann
bekannt wurde, daß sie seit langem in den entsprechenden Ressorts
zirkulierte. Dafür ist nunmehr, wie Kubhier betont, alles
wissenschaftlich neutral, also keinesfalls "irgendwie politisch
gefärbt", was die politisch Verantwortlichen der Bevölkerung an
"Restrisiko" auflasten, von der laufenden Verstrahlung durch den
normalen Betrieb der AKWs ganz abgesehen. Das lohnt der
staatliche Zweck einer rentablen nationalen Energieversorgung.
Die Politiker aus Regierung und Opposition leugnen keineswegs die
"Gefährlichkeit" der Atomenergie. Deren Katastrophenträchtigkeit
ziehen sie vielmehr ganz grundsätzlich ins Kalkül: als Abwägung
der Gefahren gegen die Vorteile, die sich eine weltweit führende
Nation wie die BRD mit ihren AKWs ausrechnet. Dieses staatsmänni-
sche Kalkül zeichnet verantwortliche Politiker aus. J. Kuhbier
ist einer von ihnen. Daß der Betrieb von AKWs prinzipiell unsi-
cher ist, hält auch er für eine "Gefahr", die selbstverständlich
"in Kauf zu nehmen" ist. Skeptisch wird er dann, wenn die sicher-
heitstechnischen Einrichtungen der Atommeiler im Falle eines GAU
den gesammelten radioaktiven Druck z u s c h n e l l und un-
kontrolliert in die Umgebung entweichen lassen - früher jeden-
falls, als im staatlichen Katastrophenkalkül und den sicherheits-
technischen Berechnungen gemäß vorgesehen ist. Ein versprödeter
Betonmantel z.B. wie in Stade oder Krümmel geben da nur zur Sorge
Anlaß, ob der berühmte deutsche Berstschutz die Katastrophe nicht
bereits nach so kurzer Zeit freisetzt, daß all die schönen Kata-
strophenpläne, die m i t d e m G A U und seiner Unbeherrsch-
barkeit rechnen, mit einem Schlag überholt sind: "Innerhalb von
10 Stunden ist eine Stadt wie Hamburg nicht zu evakuieren". Da
werden Hamburgs oberste GAU-Verwalter ungeheuer kritisch, wenn
sie plötzlich bei der geplanten Abwicklung des Katastrophen davon
ausgehen müssen, daß die Zeitspanne zwischen Kernschmelze und Ex-
plosion sich rechnerisch auf 3 Stunden reduziert. Unter der Vor-
aussetzung sehen sie ihre Verantwortung aufs unerträglichste ein-
geschränkt, die Abwicklung des Katastrophenfalls planmäßig zu or-
ganisieren. Also souverän zu entscheiden, in welchen Regionen
eine Evakuierung vorgenommen wird, welche abgesperrt und zu Si-
cherheitszonen erklärt werden, die weder betreten noch verlassen
werden dürfen; wo Kontrollpunkte eingerichtet werden, an denen
Militär, Polizei und Ärzteteams Posten beziehen, um den Verstrah-
lungsgrad der Leute zu untersuchen, sie als hoffnungslose Fälle
auszusortieren usw. Daß all diese "geeigneten Schutzmaßnahmen
(nicht mehr) getroffen werden" können, weil die "geringe Vorwarn-
zeit" für die Stadt eine realistische Notfallorganisation nicht
mehr zuläßt, macht also die anteilnehmende Sorge des Senats aus.
S e i n e K a t a s t r o p h e n s c h u t z p l ä n e
s i e h t e r b e t r o f f e n. Die sind zwar auch für den
staatlich geplanten I d e a l f a l l eines GAU: einer aufgrund
eingehaltener Sicherheitsvorschriften erst nach 15 Stunden
eintretenden Katastrophe, überhaupt nicht darauf berechnet, die
Bevölkerung von Hamburg zu evakuieren. Eine alberne Fiktion von
Katastrophenschutz! Wo verantwortungsbewußte Politiker sich ihrer
Handlungsfreiheit beraubt sehen, im Katastrophenfall zu s o r-
t i e r e n, wer gleich abziehen darf und wer welches Scha-
densausmaß wie lange auszuhalten hat, halten sie den Verlust
i h r e r K o n t r o l l e für die eigentliche Betroffenheit
der Bevölkerung. Die gilt ihnen nämlich als vermeidbares Übermaß,
als eine Größenordnung des atomaren Katastrophenfalls, die nicht
sie in ein "annehmbares Restrisiko" umgerechnet und beschlossen
haben, sondern sich aus mangelhaften technischen Sicherheitsvor-
kehrungen ergibt. Da steigt ein J. Kuhbier aus. Vielmehr: er for-
dert den sofortigen Austieg von seinen CDU-Kollegen. Solange,
bis, alle Sicherheitsbedenken ausgeräumt sind, damit der Hambur-
ger Senat wieder mit einem katastrophenplanbaren GAU rechnen
kann.
Man darf gespannt sein, ob die GAL die absurde Lüge wieder auf-
legt, das höchste Streben der Staatsgewalt wäre ein Schutz der
Bevölkerung, der durch den Betrieb von AKWs widerrechtlich ver-
nachlässigt wird:
"Die jetzt vorliegenden Daten über die AKWs Brunsbüttel und Küm-
mel lassen jeden Schutz für Hamburgs Bevölkerung endgültig zur
Makulatur werden. Der Schutz der Bevölkerung vor Katastrophen
aber ist eine öffentlich rechtliche Verpflichtung des Senats.
Dieser ist von ihm nicht mehr zu gewährleisten. Die AKWs sind da-
her ein Eingriff in die Hoheitsgewalt des Senats." (Antrags-
begründung der GAL im Senat anläßlich des TÜV-Gutachtens, taz,
29.12.86)
Die Hoheitsgewalt des Staats kalkuliert rücksichtslos mit der Be-
völkerung. Und die GAL reklamiert sie a l s L e b e n s v e r-
s i c h e r u n g, die durch unsichere AKWs an der Entfaltung
ihrer menschenfreundlichen Wirkungen gehindert wird. Sehr
katastrophentaugliches Gedankengut!
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