Quelle: Archiv MG - BRD KERNENERGIE ALLGEMEIN - Von der strahlenden Gegenwart
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Münchner Hochschulzeitung Nr. 11, 17.02.1982
Wiederaufbereitungsanlage Schwandorf
ENTSORGUNG OHNE WENN UND ABER
"Bundesinnenminister BAUM hat betont, daß es ohne Fortschritte
bei der Entsorgung der Kernkraftwerke auch beim Ausbau der Kern-
energie keine Fortschritte geben würde." (SZ, 12.2.82)
Zwei Dinge sind an diesem Statement bemerkenswert:
- Zum einen wird hier mit der Lüge operiert, die Entsorgung sei
eine notwendige Bedingung der Nutzung der Kernenergie. Die Fort-
schritte, die das deutsche Atomprogramm bis jetzt gemacht hat,
sind ja zweifellos ganz unabhängig von Fortschritten bei der
"Bewältigung der Entsorgungsfrage" über die Bühne gegangen und
das so aufgemachte Junktim zwischen Entsorgung und Ausbau der
Kernkraft, das Politiker so gerne aufmachen, heißt vielmehr
- zum zweiten, daß sie mit dem angesammelten strahlenden Dreck
ein schlagendes Argument für die Perfektionierung dieser Abtei-
lung der deutschen Industrie in der Hand haben. So eine Wirt-
schaft ist halt erst komplett, wenn neben jeder Menge Reaktoren
der Schnelle Brüter und sein Zulieferbetrieb zur Verfügung ste-
hen. Es wäre ja schade um das gute Zeug, würde es einfach so in
die Erde gebuddelt. Schließlich sind ja zum Zweck der Weiterver-
wendung immer kompaktere Kompaktlager und Zwischenlager errichtet
worden.
Die parlamentarischen Debatten um die Entsorgung und ihren aktu-
ellen Knüller - die "Atomfabrik" von Schwandorf - zeugen von der
Rücksichtslosigkeit, mit der seit jeher bei der Durchsetzung des
staatlichen Atomprogramms verfahren wird. Der einzige Unterschied
besteht darin, daß heutzutage das Herausstreichen eines Vorteils,
den sich der kleine Mann einbilden soll, ganz entfällt. Heutzu-
tage werden die g e p l a n t e n Konsequenzen als "Sachzwang"
präsentiert.
Einigkeit auf der ganzen Linie
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Während in Bonn darum gestritten wird, wer denn nun die unbedingt
notwendige Entsorgung am konsequentesten verfolgt, hat Bayerns
CSU gleich mal ein Exempel statuiert, wie politisch verantwort-
lich mit dem Problem der Entsorgung umgegangen werden muß und den
Bereich Schwandorf der gefälligen Begutachtung durch die Deutsche
Gesellschaft für Wiederaufbereitung anheim gestellt.
Die derzeit laufende Debatte im Bayrischen Landtag, in der sich
die SPD als Opposition profiliert, ist entsprechend unverschämt.
Ob denn der Standort wohl bedacht sei ob denn die anderen mögli-
chen Standorte nicht nur Scheinalternativen seien, und ähnlich
gelungene Einwände werden da ventiliert. Die Notwendigkeit einer
solchen Anlage steht selbstverständlich außer Frage.
Daß solch ein souverän geführter Disput nichts fürs Volk übrig
hätte, darf man nicht annehmen, ist doch die geplante Atomfabrik
eigentlich nichts anderes, als eine geschickt getarnte Produktio-
nestätte für Arbeitsplätze. Der deutsche Prototyp für Plutoniums-
produktion wird also nicht einfach irgendwo in die Prärie ge-
stellt, wo ein paar ausgebaute Landstraßen, Kühlwasser und Bau-
hilfsarbeiter leicht zu rekrutieren sind, nein, man sorgt sich
eigentlich um das Schicksal der paar tausend überflüssigen Braun-
kohlekumpel denen man anderenfalls erhöhte Mobilität empfehlen
müßte. Auch der Einwand einiger SPDler aus der Oberpfalz:
"die mögliche Gefährdung wiege schwerer als der Vorteil in zehn
Jahren tausend neue Arbeitsplätze zu gewinnen." (SZ, 8.2.82),
sollte doch wohl so verstanden werden, daß wenn ein paar mehr
Oberpflälzer Lohnarbeiter sich für ihre profitable Verwendung
beim Bau der Anlage verdingen dürften, dann würde auch noch diese
"Kritik" verstummen.
Wenn die politisch Verantwortlichen schon zur Genüge die erlaub-
ten Einwände vorwegnehmen und auch der Bund Naturschutz in ge-
konnter Manier die "Wirtschaftlichkeit" einer solchen Wiederauf-
arbeitungsanlage in Zweifel zieht, wo staatlicherseits beschlos-
sen ist, daß man sich diesen Einstieg in die lohnende Entsorgung
leisten will, dann wird jedwede Gegnerschaft zum unberechtigten
Querulantentum p u r erklärt und die ihr entsprechende Behand-
lung angedroht:
"Zum möglichen Widerstand aus der Bevölkerung meinte Scheuten,
die hessische Landesregierung habe mit ihrem Vorgehen bei der
Startbahn West in Frankfurt ein 'deutliches Zeichen' gesetzt. Er
könne nicht akzeptieren, daß etwas für politisch nicht durchsetz-
bar erklärt werde, was Regierung und Parlament beschlossen hät-
ten. Der Staat müsse sich unter Umständen auch gegen den Wider-
stand von Minderheiten durchsetzen. In Hessen sei man dabei 'auf
dem richtigen Weg'." (SZ, 8.12.81)
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Reaktorsicherheit neu definiert
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Mußte man nach der Berichterstattung in deutschen Zeitungen über
amerikanische Kernkraftwerke in der letzten Zeit zur Auffassung
gelangen, daß die amerikanische Kernindustrie in den letzten Zü-
gen liege und kurz vor dem Dichtmachen sei, können wir den Leser
beruhigen. Die Nuclear Regulatory Commission (NRC) hat sich nach
dem GAU von Three Miles Island hingesetzt und nun "'akzeptable'
Reaktor-Risiken" vorgeschlagen.
"Es ist das erste Mal, daß wir versucht haben zu definieren, wie
sicher sicher ist." (Herald Tribune 13.2.82)
Um alle Mißverständnisse auszuschließen, wollte die NRC von vorn-
herein klarstellen, daß sie nicht akzeptable Todesfälle, sondern
akzeptable Risiken diskutiere." Ihre dementsprechend vorgeschla-
genen Richtlinien für Sicherheitsziele:
"Eine Änderung in den Sicherheitsmaßnahmen sollte vorgenommen
werden, wenn die Kosten geringer als $ 1000 sind, um eine Strah-
lenexposition von einem 'man-REM' zu verhindern, dem Äquivalent
von 30 Röntgenbestrahlungen des Oberkörpers pro Person... Die
Wahrscheinlichkeit des Durchschmelzens des Reaktorkerns nach ei-
nem Betriebsunfall sollte geringer als 1 zu 10 000 pro Reaktorbe-
triebsjahr sein."
Die Feststellung eines Kommissionskolllegen, daß dieses Risiko
mathematisch 13.000 Unfalltote bei einem größeren Kernkraftwerk-
sunfall in den nächsten 30 oder 40 Jahren ergebe, will der Vor-
sitzende richtig gestellt wissen:
"Die Schätzung von 13.000 Todesfällen durch Kernkraftunfälle
sollten in Relation zu den 13 Millionen Todesfällen unter dem
gleichen Bevölkerungsquerschnitt im gleichen Zeitraum als Folge
von Unfällen oder Krebs gesehen werden, die nicht von Kern-
kraftunfällen stammen."
Ja dann!
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