Quelle: Archiv MG - BRD KERNENERGIE ALLGEMEIN - Von der strahlenden Gegenwart
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Wissenschaft für DICK und rem:
"WIR SIND DAZU VERURTEILT, MIT DEM RISIKO ZU LEBEN!"
Prof. Spaemann lud ein, um interdisziplinär über "umweltschonende
Energiepolitik" zu diskutieren. Für die geladenen Gäste aus den
Disziplinen Politik (Umweltminister Dick) und Kapital (Bölkow)
also wieder einmal das Angebot, ihre Taten in Sachen Vergiftung
von Land und Wasser und in Sachen Festlegung von Maßstäben in er-
laubter Schädigung im Lichte höherer Prinzipien als denen von
Macht und Profit, zu bespiegeln; für die geladenen Wissenschaft-
ler die Offerte, den weltfremden Prinzipien ihres parteilichen
Denkens den Schein praktischer Geltung und Bedeutsamkeit zu ver-
leihen. Bedingung für das Gelingen dieser wechselseitigen Ehrung
von Geist und Macht war wie immer einerseits, daß die Vertreter
der Macht die Heuchelei glaubhaft aufrechterhalten, sie wären
nicht als Vertreter feststehender Beschlüsse, die über die Ge-
schicke anderer Leute entscheiden, gekommen, sondern würden auch
nur eine Meinung vertreten, zur Diskussion stellen und sich im
Zweifelsfall in der auch korrigieren lassen; andererseits, daß
die Vertreter Geistes diese Heuchelei nicht damit platzen lassen,
daß sie die vorneweg feststehende Praxis der anderen Seite nicht
ernsthaft in Frage stellt.
Für die Abteilung Geist hatte Spaemann gleich eingangs diese Be-
dingung damit erfüllt:
"Vor- und Nachteile müssen gegeneinander abgewogen werden. Poli-
tische Sachzwänge sind relativ. Denn wer nicht leben will, für
den gelten keine Sachzwänge."
Klargestellt war damit, daß eine Problematisierung der von den
Politikern vertretenen Sachzwänge angesagt war, die diese Sach-
zwänge allesamt anerkennt - wenigstens für die Lebenden. Und an-
heben sollte damit eine Diskussion, in der dem Staat und dessen
Vertretern die eigene gute Absicht, "das Rechte zu tun" unter-
stellt wird, in der im Konjunktiv über lauter realistische Mög-
lichkeiten, die niemand wahrmacht, sinniert wird und Grußadressen
in Form von Argumenten wie: "könnte man nicht lieber mehr...",
"vielleicht sollte man...", "Eindeutige Lösungen kann es nicht
geben..." den Entscheidungsträgern unterbreite werden.
Das DICKste Argument: Jetzt red' i!
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Doch es kam anders. Letzteren war es nämlich bei der "Diskussion"
weniger darum zu tun, den Schein zu wahren, auf dem die Ehrung
durch den Geist beruht, als vielmehr darum; klarzustellen, wie
die richtige Rangfolge von Geist und Macht geht. So hat der maß-
gebliche Herr aus dem Umweltministerium erst einmal definiert,
was er unter Verantwortung versteht: Er trägt sie, Probleme sind
ihm unbekannt; Verantwortlich ist, was der Staat macht:
"Weil er nicht nur einzelne Duschen, sondern ganze Großstädte zu
versorgen" habe, "komme der Verantwortliche um Atomstrom nicht
herum." Und das ist gut so. "Wir in Bayern haben vorbildliche
Kernkraftwerke, ein wunderbares Netz von Meßstationen, wir stehen
an erster Stelle in Deutschland, was die Versorgung mit Atomstrom
betrifft."
Vor diesem Staat, der "alles im Griff hat", Hut ab! Den haben
auch die Sowjets gezogen, denen ich persönlich gesagt habe, daß
sie von uns nur lernen können". Fazit: Tschernobyl ist in Tscher-
nobyl, "wir" bauen "bedarfsgerecht" aus. Daß die Arroganz der
Macht, die ohne Wenn und Aber sagt, was sie beabsichtigt, einem
Herrn Feller. vom Bayerischen Rundfunk als die "einzige Position
(gefällt), die es sich nicht zu leicht macht", verwundert nicht
angesichts eines Journalisten, der, katzbuckelnd nach oben, sein
ganzes Leben lang von unten Verrat wittert.
Dieser Vorgabe mochte sich auch der Rest der versammelten Promi-
nenz nicht verschließen. Bis auf einen Herrn von den Isar-Amper-
werken, der dankenswerterweise gleich den Mund hielt, schloß man
sich der Dick'schen Gleichung von Politik und Verantwortung an,
so daß für die philosophische Überhöhung der Verantwortung in ein
moralisches Prinzip in der Diskussion einfach keine Zeit blieb.
Und jetz' alle miteinand'
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Unisono wurde klargestellt, daß die Politik keineswegs die
Menschheit ohne Skrupel verseucht, verstrahlt oder sonstwie weg-
schwemmt -
"bei Verbrennung fossiler Stoffe erhitzt sich die Atmosphäre und
die Pole schmelzen ab" -,
sondern gar nicht anders k a n n.
Münch vom Kernforschungszentrum Jülich stand für die Generalli-
nie:
"Es gibt keine Energieerzeugung ohne Belastung. Wir müssen eben
bezahlen, mit Geld und Belastung."
Tätig unterstützt würde er dabei von einem Pharmakologen namens
Forth, der zwar "Öl- und Kohleverbrennung für einen Atavismus"
hielt, und daraus lieber Arzneimittel produzieren lassen wollte -
schließlich ist er Pharmakologe -, ansonsten aber mit
"Verkehrstoten", "Krebsrisiko bei konventionellen Energieträ-
gern", "Vergiftung durch Autofahrer" und "natürlicher Radioakti-
vität" belegte, daß jede zusätzliche Gefährdung unausweichlich
sei und "wir mit ihr leben müssen" und "dennoch an den Auftrag
der Schöpfung" denken sollen. Dem Parlament fällt es da sicher
nicht schwer, "verdammt noch mal unsere Sachverhalte verstehen zu
lernen".
Die Träume bezüglich der Solarenergie beendete Prof Ahlefeld von
der TU durch den Hinweis, daß "bei der Herstellung von Solarzel-
len Selen, Selenverbindungen, Kadmium, Arsen und Gallium ent-
stehe" - ein Einwand, den der gelehrte Mann gegen die Chip-Pro-
duktion wohl nicht erheben wird. Es gibt "keine intelligenteren
Verfahren als die, die wir schon haben", also abermals mit "der
Belastung leben und Energie sparen". Dem Staat wollte er aber den
harten Vorwurf nicht ersparen, nicht genug durchgegriffen und die
Leute "zu wenig motiviert" zu haben als er es versäumte, "den
Fall der Benzinpreise durch Steuererhöhungen aufzuhalten". Das
Auto gehört in die Garage.
Risikoberechnungen, durchgeführt von Herrn Münch, die bislang als
vorsichtige Mahnung an unsere Macher galten, sie doch bitte auch
zu berücksichtigen, sind heutzutage ein Argument für staatliche
Kernenergiepolitik: "Die pessimistisch eingeschätzte Phase A, wo
man bis zu 14.000 Toten bei Störfällen rechnete", ist überwunden.
Unsere Sicherheitsmaßnahmen machen Störfälle "extrem unwahr-
scheinlich" und auch dann wären "nur etwa 100-150 Soforttote zu
beklagen". Phase B also rundum prima - man denke nur an Forths
Verkehrstote -, wo noch dazu "durch geringe Dauerbestrahlung eine
gewisse - Resistenz" erzielt werden kann.
In der Sache radikaler, in der Konsequenz jedoch gleich der Nu-
klearmediziner Moser, der weiß, daß j e d e radioaktive Strah-
lung schädlich ist:
"Die Werte der Risikoerhöhung waren leicht anzugeben. 100 von 1
Mio. der heutigen Kinder werden in 50 Jahren an Schilddrüsenkrebs
sterben."
Er bringt die Sache mit der wissenschaftlichen Verantwortung 1986
auf den Punkt:
"Man kann von uns nicht verlangen, daß wir uns einmischen. Wir
liefern die Daten, aber die Konsequenzen daraus zu ziehen, das
ist eine gesellschaftspolitische Sache. Das ist Sache der Poli-
tik."
Er w i l l die Politik also gar nicht mehr verantworten, son-
dern besteht auf der Trennung von ihr, um dem quengelnden Schrö-
der von der "Süddeutschen Zeitung" -
"Die Wissenschaft macht es sich zu leicht. Dabei muß Energiepoli-
tik das fein austarierte Interessensnetz berücksichtigen." -
zu demonstrieren, wie es geht, das Verantwortungsbewußtsein.
Nicht zuletzt bewährt es sich in veritabler Feindbildpflege.
Forth entdeckt "Unmenschlichkeit in Tschernobyl, wo Feuerwehr-
leute so ungeschützt zum Löschen geschickt wurden." Er müßte doch
wissen, daß es dagegen keinen Schutz gibt; hätten die Russen den
"Störfall" einfach weiterbrennen lassen sollen. Ahlefeld plädiert
für ein "Eureka-Ost", wobei er denen da drüben unsere "Methoden
in Sachen Energieeinsparung zur Verfügung stellt, damit deren
hiesige Energieverschwendung endlich ein Ende hat". Und allgemein
ist man sich ziemlich einig, daß der Ostblock nie mitzieht, wenn
wir abschalten würden - obwohl wir das doch gar nicht
w o l l e n. So hat man wieder einmal russische Sturheit als
Grund in die Welt gesetzt - für die Unmöglichkeit einer Entschei-
dung, die sowieso nicht zur Debatte steht.
Alle Problematisierungen beseelt nur eine einzige Absicht: nach-
zuweisen, daß die Politik nicht einmal mehr mit einem "Dilemma"
zurechtzukommen hat, weil es einfach keine Alternativen gibt. Wo
"keine eindeutigen Lösungen möglich sind" (alle), ist die prakti-
zierte Lösung die richtige. "Intelligentes Energiemix" (Münch)
heißt die Formel, mit der die Wissenschaft zu den politisch ge-
setzten Fakten die Sprachregelung nachreicht. Der Staat baut aus,
was er braucht, die Wissenschaft sage "intelligent" dazu. Bravo.
Alt-Solo
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Gegen die Formel vom "Energiemix" verstieß allerdings Seniordi-
rektor Bölkow. Ungestört davon, was in seiner Fabrik tagtäglich
produziert wird, verweist er auf ein Leben als deutscher Bastler
im Dienste der Solarengerie, ist von deren Machbarkeit überzeugt,
weil man "660 000 km² am Äquator mit Solaranlagen" vollpflastern
könne und das "Transportsystem qua Wasserstoff" eigentlich auch
schon gelöst sei. Nur das Problem, "ob die Neger da mitmachen"
ist noch offen. Weil er aber weder darauf beharrte, daß man auf
ihn hören müsse, sondern nur sagen wollte, daß es ginge und eine
Entscheidung doch bitte getroffen werden solle, konnte man ihn
als selbstverliebten Spinner und Einzelkämpfer integrieren. Gegen
die D e n k b a r k e i t einer solchen Alternative hatte man
nichts.
Häßliche Töne
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Ausgesprochen böse wurde man dagegen bei Prof. Mayer-Tasch. Er
hatte doch tatsächlich den Konsensus gebrochen und 'wirtschaft-
liche Kosten' und 'politische Zwänge' nicht als unübergehbare
Aspekte akzeptiert, sondern als Eigen(un)arten des hiesigen
Systems kritisiert. So etwas ist selbstredend u n v e r a n t-
w o r t l i c h. Sein politologischer Hinweis, Kernkraft sei,
weil sie enorme Überwachung von und Eingriffe in wirtschaftliche
und persönliche Entscheidungsfreiheit bedeuten müsse, zutiefst
verfassungsfeindlich, wurde noch sehr lässig mit den "intakten
Verfassungen der Atomstaaten Frankreich und USA" abgeschmettert,
sein "Bekenntnis zu Nostradamus" belächelt, aber dann bewies man
Verantwortung. Selbst gegen den allseits düpierten Diskus-
sionsleiter Spaemann mußte er sich durchsetzen, um folgendes
Statement überhaupt s a g e n zu dürfen:
"Daß wir heute Solarenergie nicht nützen können, ist kein techni-
scher Zwang, sondern Ergebnis einer f a l s c h e n Entschei-
dung von früher. Man hat für Kernkraftforschung einfach entschie-
den mehr Geld ausgegeben. Außerdem ist eine Meßstation kein Argu-
ment für die Sicherheit von Atomanlagen, weil sie nur bereits
eingetretene Schädigungen mißt."
Die Heuchelei, wir könnten nicht abschalten wegen der Russen und
der anderen, nahm er ernst und betonte, "daß unsere Haltung als
fortgeschrittene Industrienation doch wahrscheinlich nicht ohne
Einfluß auf unsere Nachbarn bleiben dürfte." Eklat! "Wir können
doch unser System nicht ändern!" (Schröder)
Wir lassen uns das Singen nicht verbieten!
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Wer so argumentiert, macht sich in den Augen verantwortungsvoller
Wissenschaftler strafbar, für den wird plötzlich der Begriff der
Einmischung zum Schimpfwort. Nie angezweifelt wurde die Notwen-
digkeit, unsere Öl- und jetzt Solarenergiequellen gegen die Neger
und anderes Gesindel zu schützen, Mayer-Tasch soll jedoch angeb-
lich in wilhelminische Zeiten zurückfallen. Ahlefeld faßte das
neue wissenschaftliche Selbstverständnis als Vorwurf zusammen:
"Sie predigen hier eine Haltung, die fatal an die Losung 'Am
deutschen Wesen soll die Welt genesen' erinnert. Wir dürfen nicht
Vorbild sein wollen."
So drehen sich heute die Maßstäbe um. Der Politik zuarbeiten ist
Verantwortung, Alternativen aufstellen ist belächelte Spinnerei,
Lösungen anbieten zu wollen ist "Volksverdummung" (Forth, Schrö-
der, Feller), dem Staat Verfehlungen an seinen eigentlichen Auf-
gaben nachzuweisen ist Zersetzung. Ideologische Einseiferei ver-
steht man heute ganz wörtlich: Wie gesagt: Verantwortung erweist
sich in der Parteilichkeit.
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