Quelle: Archiv MG - BRD KERNENERGIE ALLGEMEIN - Von der strahlenden Gegenwart
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ALLE REDEN VOM ATOMSTROM - WER BRAUCHT IHN EIGENTLICH?
Alle fachsimpeln zur Zeit über Stromversorgung und Atomenergie.
CSU und Grüne, die Gewerkschaften und "Bild am Sonntag", Profes-
soren, die dafür bezahlt werden, und Leserbriefschreiber, denen
gar kein Lohn winkt. melden sich mit Sorgen und Vorschlägen über
"unsere Energieversorgung" zu Wort. Und wahrscheinlich hat auch
schon so ziemlich jeder mitdenkende "Kollege" sein bestens be-
gründetes Urteil zum Thema auf Lager.
Bevor man sich an dem verantwortungsbewußten Geschwätz über die
Überflüssigkeit oder Unentbehrlichkeit des Atomstroms beteiligt,
empfiehlt es sich, einen Blick in
Die Preislisten der Elektrizitätswerke
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zu werfen. Darin zeichnet sich nämlich eine Unterscheidung zwi-
schen sehr verschiedenen Gattungen von Strom k u n d e n ab, auf
die es in der nationalen Stromwirtschaft sehr ankommt. Da gibt es
ziemlich hohe Kilowattstunden-Tarife für die "privaten Haus-
halte"; die Figur des "Endverbrauchers" - und das sind alle, die
kein eigenes Geschäft betreiben, das große Heer der "Mitarbeiter
und Mitarbeiterinnen" also - wird beim Verbrauch elektrischer En-
ergie geschröpft wie bei jeder Ware. Das ist ja der höhere
wirtschaftliche Sinn, Zweck und Nutzen seines Konsums, daß die
Märker und Groschen, die er dafür zu entrichten hat, den
Produzenten zu einem lohnenden Geschäft verhelfen. Für diese
Sorte Kundschaft darf der Strom ruhig t e u e r sein; denn sie
ist z u a r m, um auf irgendwelche "alternativen Energien"
umzusteigen: Wer kann, wer will sich schon Solarzellen auf dem
Balkon oder eine Biogasanlage im Keller leisten? Selbst die
"sparsameren" Heiz- und Küchengeräte sind meistens schon zu
kostspielig; und auf den Stromverbrauch verzichten, fällt einem
"Haushalt" nördlich der Alpen auch nicht leicht. Von wegen
"Strom v e r s o r g u n g" also - dem "Versorgungs u n t e r-
n e h m e n" jedenfalls kommt es auf die Strom r e c h n u n g
an, die es Monat für Monat stellen darf.
Darauf kommt es ihm natürlich auch bei der Belieferung der
k o m m e r z i e l l e n Kunden an: der Unternehmen, für die
Strom ein Produktionsmittel, die Stromkosten ein Geschäftsmittel
sind. Die hier gewährten Billigtarife zeigen aber, daß der Ge-
schäftssinn der Elektrizitswerke da auf einen ziemlich gleichge-
arteten Geschäftssinn trifft. In den belieferten Unternehmen ist
ein R e i c h t u m am Werk, für den es dauernd Alternativen
gibt, der sich sogar Alternativen schaffen kann, wenn das Ergeb-
nis seine Bilanzen verbessert. Schon das zieht der Strompreisge-
staltung in diesem Bereich enge Grenzen. Etwas noch viel Gewich-
tigeres kommt aber hinzu. Der Staat, der in seiner Wirtschaftspo-
litik überhaupt in der rührendsten Weise auf den weltweiten Ge-
schäftserfolg des "made in Germany" bedacht ist, hat ein ganz
massives Interesse daran, daß elektrischer Strom für die Firmen-
welt hierzulande e r s t e n s b i l l i g ist; außerdem soll
die Belieferung damit s i c h e r sein; drittens so
r e i c h l i c h, daß von der Stromversorgung her keine
Schranke für die Gründung neuer Firmen, für die Ausdehnung alter
und schon gleich nicht für die Ersetzung von "teuren Arbeitern
durch elektrische Apparate besteht - also für "Rationalisie-
rungen" und Wirtschaftswachstum; und bei alledem soll das
Produktionsmittel Elektroenergie a u f D a u e r billig,
sicher und reichlich bleiben.
Deswegen drängt der Staat darauf, daß die Stromunternehmen ihre
kommerzielle Kundschaft so preiswert versorgen, wie sie das ja
tatsächlich tun. Aber selbstverständlich: Wenn Vater Staat seinen
Lieblingkindern, und die Elektrizitätserzeuger gehören da ganz
zweifellos dazu, einen D i e n s t am Gedeihen des nationalen
Wirtschaftswachstums auferlegt, dann h i l f t er ihnen auch
dabei, ihn zu erfüllen. Die Stromproduzenten werden daher mit
Milliardenbeträgen subventioniert, damit die bundesdeutsche Ge-
schäftswelt die benötigte Energie preiswert und reichlich bezie-
hen kann. Die Übernahme von Entwicklungs- und Baukosten für die
A t o m k r a f t w e r k e sowie für deren E n t s o r g u n g
sind einer der Beiträge, die der Finanzminister hierfür leistet.
Für einen kapitalistischen Staat wie den unseren ist das nämlich
s e h r l o g i s c h - und dazu braucht er von keinem Flick
erst bestochen zu werden -: Er scheut keine K o s t e n, damit
die BRD ein erstklassiger Industriestandort bleibt, der seiner
Geschäftswelt k o n k u r r e n z l o s niedrige Energiekosten
und eine absolut krisenfeste Energiezufuhr zu bieten hat.
"Unsere Stromversorgung" - Ein demokratischer Kurzschluß
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Nun sind manche Kritiker der Stromerzeugung durch Atomkraft auf
die Idee gekommen, diese Subventionen auf die Strompreise drauf-
zuschlagen, die die Versorgungsunternehmen ihren Kunden in Rech-
nung stellen, und von einem eigentlichen Strompreis zu reden, der
viel höher sei als der wirkliche. Das ist allerdings Unsinn. Wenn
der Staat Subventionen leistet, dann ist das schon so gemeint:
Die Bilanzen der mit Strom versorgten Firmen sollen besser ausse-
hen, die Energiekosten pro Produkt niedrig bleiben und nach Mög-
lichkeit auf diesen w i r k l i c h e n Strompreis k o m m t
e s i h m a n. Das Geld, das dafür nötig ist, besorgt er sich
gerade nicht bei den Firmen, die er so fordert; das hieße ja
wirklich mit der linken Hand kaputtmachen, was er mit der rechten
gerade eingerichtet hat. Für diese Gelder hat wieder die trost-
lose Figur des E n d v e r b r a u c h e r s einzustehen, der
außer höheren Stromtarifen ja schließlich auch die Masse der
Steuern, zahlt. Den Dreck und das Gift, das bei der Stromerzeu-
gung anfällt - und nicht nur dort 71 schluckt er ja auch; und
wenn ihn das die Gesundheit kostet, belastet das seine Lebensbi-
lanz, aber eben n i c h t, weder wirklich noch eigentlich, die
Geschäftsbilanzen, auf die es ankommt: die der Stromerzeugungsun-
ternehmen und ihrer kommerziellen Kunden.
Es ist also Vorsicht geboten bei bei der zur Zeit so furchtbar
interessanten Frage, ob Atomstrom "brauchen". Dieses "wir", die
nationale Gemeinschaft aller Stromverbraucher und womöglich der
stromproduzierenden Unternehmen gleich noch mit dazu, dieses
"wir" gibt es in der ökonomischen Wirklichkeit überhaupt nicht.
Was es da gibt, ist die große Masse der "Haushalte", die ihre Ki-
lowattstunden teuer zu bezahlen haben und deren Rolle damit auch
schon ausgespielt ist. Zweitens gibt es das vom Staat betreute
Geschäftsinteresse der stromabnehmenden Firmenwelt, die setzen
die Ansprüche in die Welt, die durch die Energieunternehmen der
Nation tatsächlich bedient werden müssen, und die Maßstäbe, nach
denen das zu geschehen hat. Einer dieser Maßstäbe heißt
Ü b e r f l u ß; und ein andere schreibt vor, daß die
U n k o s t e n dieses Überflusses von denen zu bezahlen sind,
die nichts davon haben und für die er auch gar nicht gemacht
wird. So sieht die Klangesellschaft in der "Gemeinde" der
"Stromkunden" aus. Die Stromlieferanten verfolgen überhaupt bloß
den Zweck, den der Staat ihnen vorschreibt, und den sie ihren
Aktionären schuldig sind: mit einem Überangebot von Kilowatt-
stunden ihr Geschäft, zu machen.
Von wegen: "Wir" hätten irgendwie gemeinschaftlich über "unsere
Stromversorgung" zu beratschlagen oder gar zu beschließen. Wer so
denkt, denkt über nichts als eine d e m o k r a t i s c h e
L ü g e nach. Und das ist die beste Garantie dafür, daß auch
weiterhin Geschäftswelt und Staatsgewalt Preise und Unkosten dik-
tieren - nicht nur für den elektrischen Strom.
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