Quelle: Archiv MG - BRD KERNENERGIE ALLGEMEIN - Von der strahlenden Gegenwart
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Die Angeberei mit deutscher Reaktorsicherheit - und was sie ver-
rät:
AKWS SIND PRINZIPIELL UNSICHER!
Seit dem GAU in Tschernobyl geistert ein Gerücht durch die Repu-
blik: So etwas kann bei uns überhaupt nicht passieren; so etwas
kann nur bei den - rückständigen, verantwortungslosen - Russen
passieren. U n s e r e Reaktoren besitzen eine vierfache Not-
kühlung; u n s e r e Reaktorgebäude halten alles aus und jede
radioaktive Wolke hermetisch dicht unter Kontrolle. U n s e r e
Sicherheitsvorschriften sind einsame Weltspitze...
Lassen wir mal die Heuchelei beiseite, als hätten bei uns Staat
und AKW-Betreiber freiwillig lauter Sicherheiten eingebaut - die
sie selber übrigens bislang immer als nutzlosen Zierat hinge-
stellt haben (und damit haben sie wahrscheinlich sogar recht!).
Die verdoppelten und verdreifachten Sicherheitsvorkehrungen
selbst sind doch gar nicht beruhigend, sondern einigermaßen ent-
larvend. Sie beweisen nämlich alle nur, daß die Nutzung der Atom-
kraft einen gewaltigen Haken hat. Einerseits darf in AKWs einfach
absolut nichts schiefgehen, weil die Zerstörungskraft des radio-
aktiven Prozesses, der dort Energie erzeugt, so ungeheuer groß
ist und über weite Gebiete nicht wieder gut zu machende Schäden
verbreiten kann. Andererseits ist die Zerstörungskraft dieses
Prozesses, auch wo sie "gebändigt" wird, so groß, daß ein dauern-
des 100-prozentiges Funktionieren gar nicht zu garantieren ist -
deswegen ja die mehrfachen Sicherungen, und deswegen am Ende noch
ein stabiler Betonkasten um das Ganze, damit im Ernstfall nicht
gleich ganze Landstriche entvölkert bzw. evakuiert werden müssen.
Und im "Normalbetrieb", solange (noch) nichts schiefgeht, müssen
die Sicherungssysteme deswegen so zahlreich sein, weil sie alle-
samt die portionsweise Freisetzung gesundheitsschädlicher radio-
aktiver Strahlen n i c h t v e r h i n d e r n, sondern gerade
u n t e r d i e G r e n z w e r t e d r ü c k e n sollen, die
Vater Staat in seiner tiefen Weisheit - und mit seinem noch tie-
feren Verständnis für die Kostenprobleme der AKW-Betreiber - als
Maß für z u m u t b a r e Schädigung f e s t g e l e g t hat.
Kurz: Ein AKW muß immer 100prozentig klappen, nicht bloß damit es
seinen Zweck erfüllt und Strom liefert, sondern damit es nicht
zur Katastrophe kommt. Dabei strapaziert jedoch die Art der Ener-
gieerzeugung selbst, vor allem die radioaktive Strahlung, die ge-
samte Installation fortwährend ganz extrem; das Risiko wird durch
den Betrieb selbst schnell immer größer. Bei den vorbeugenden Re-
paraturen, die deswegen dauernd nötig sind, wird fortwährend die
Umgebung mit strahlendem Dampf und verstrahlten Ausbauteilen an-
gereichert. Noch so viel Angeberei mit nationalen Sicherheitsvor-
schriften setzt weder diese dauernde Schädigung noch das kalku-
lierte unkalkulierbare Katastrophenrisiko außer Kraft - ganz ab-
gesehen davon, daß Vorschriften noch etwas anderes sind als ihre
Einhaltung, wie jeder weiß.
Die öffentliche Entwarnung bezüglich bundesdeutscher Atomkraft-
werke ist denn auch ziemlich albern ausgefallen: D e r
"Unfall", den die Russen hingekriegt haben, ist bei uns nicht
drin. Na klar, Graphit kann nicht in Brand geraten, wenn man es
gar nicht verwendet. Aber sonst haben die heimischen Experten
doch im Nu Bescheid gewußt, wie so ein "Störfall" abläuft, wie
man ihm vielleicht vorbeugen und was man im Schadensfall machen
kann. Das heißt doch wohl: Mit s o ä h n l i c h e n Katastro-
phen wird ständig gerechnet! Die vielen Sicherheitsvorkehrungen
in westdeutschen AKWs haben nämlich ihren guten Grund: Sie sind
noch viel riskanter konstruiert. Bis zum GAU galten die sowjeti-
schen "Primitivreaktoren" auch nach westlicher Expertenmeinung
als vergleichsweise sicher.
Außerdem sind AKWs auch keine Unschuldslämmer, solange sie nicht
"durchgehen", wie das hiesige Katastrophengeschrei glauben machen
will. Für das wöchentliche Wölkchen und die halbjährliche Wolke
aus radioaktivem Dampf braucht man gar nicht auf den GAU, den
g r ö ß t e n anzunehmenden Unfall, in einem bundesdeutschen AKW
zu warten. Die fallen immer wieder an, werden übrigens auch nicht
gerade vor laufenden Fernsehkameras abgeblasen - sondern z.B.
jetzt, wo sowieso an jeder "erhöhten Radioaktivität" automatisch
die Russen schuld sind! - und treiben die Krebsstatistiken für
die Umgebung solcher strahlender Energielieferanten in die Höhe.
Ganz zu schweigen vom Normalbetrieb einer Wiederaufbereitungsan-
lage, wie sie unbedingt nach Wackersdorf soll: Das britische Vor-
bild hat, nach neulich bekanntgemachten Messungen, die irische
See zum radioaktivsten Gewässer der Erde gemacht.
Doch nach dem Motto "Jetzt erst recht!" bleiben Zimmermann, Rie-
senhuber und die Atomindustrie bei ihrer Parole: "Von deutschen
Werken keine Gefahr!" Eine kritische Debatte über Atomkraft paßt
eben überhaupt nicht zu unserer großartigen "Wende"-Republik.
Der Grund der Atomkatastrophe: Das System...
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Da trifft es sich hervorragend, daß ausgerechnet den Sowjets ein
noch großartigerer Unfall gelungen ist als vor sieben Jahren den
amerikanischen Atomstromproduzenten in Harrisburg. Es ist ja
längst kräftig an dem Vorurteil gebastelt worden - in letzter
Zeit hauptsächlich mit theoretischen Vergleichen zwischen den
Waffen und Rüstungsvorhaben in Ost und West! -, das sowjetische
System wäre zu technischen Glanztaten irgendwie gar nicht fähig.
Für den ewigen prowestlichen Systemvergleich macht sich ein bren-
nendes sowjetisches Kernkraftwerk eben ganz hervorragend!
...des gewinnbringenden Wirtschaftswachstums um jeden Preis
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In der Tat: Eine "Systemfrage" ist ein s o l c h e s "Unglück"
durchaus; ausgerechnet d i e hat aber mit dem Unterschied der
Wirtschaftssysteme in Ost und West ausnahmsweise nichts zu tun.
Drüben wie hierzulande soll die Energieproduktion billig sein und
dabei Gewinn abwerfen. Dieses kapitalistische Prinzip kritisieren
die regierenden "realen Sozialisten" im "Ostblock" schon längst
nicht mehr; sie eifern im Gegenteil den vorbildlichen Erfolgen
nach, die die westliche "Marktwirtschaft" h i e r b e i vorzu-
weisen hat. Daß sie das unter anderen Produktionsverhältnissen
betreiben als die Konkurrenzgeier im Westen, macht sie bei den
gewählten Methoden kaum weniger skrupellos als die demokratischen
AKW-Fans. Beide Systeme verbuchen es als U n k o s t e n und
lästige Rücksichtnahme, daß man auf die geringe Widerstandskraft
des Menschentiers gegen harte Strahlung achten muß, wenn AKWs
hochgezogen werden.
Überall wird aus Geschäftsgründen mit Zeug hantiert, das gar
nicht unschädlich zu machen ist, dessen Wirkung nur durch x-fache
Abschirmung abgedämpft werden kann, bis diese in die großzügigen
Vorschriften im Interesse der unerläßlichen Volksgesundheit hin-
einpaßt.
Ziemlich lächerlich ist also die Lüge, ö s t l i c h e Kata-
strophen lägen allemal im System und offenbarten dessen
"menschenverachtenden" Charakter, während es sich bei den
w e s t l i c h e n prinzipiell um s y s t e m w i d r i g e
Zufälle handelte. Hier wie drüben steckt der Fehler in dem
I n t e r e s s e, das mit dem großindustriellen Wasserkochen
auf Basis radioaktiver Kettenreaktionen zum Zuge kommt - so daß
die schleichende Vergiftung wie die dramatische Katastrophe
tatsächlich zu einer Frage der billigsten Zufälle w e r d e n.
Wer dieses Interesse nicht bekämpfen mag, hat nur die eine Si-
cherheit: Mit der Attitüde der Wurstigkeit - "Man kann ja doch
nix machen!" - macht er sich zum willfährigen Opfer seiner Obrig-
keit; und mit Rezepten wie Duschen, Milchpulver und Privat-
Geigerzähler kommt er in der lächerlichsten Weise zu spät - tod-
sicher!
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