Quelle: Archiv MG - BRD KERNENERGIE ALLGEMEIN - Von der strahlenden Gegenwart
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Jens Scheer: Stade - Tschernobyl
GEMEINSAMES UND VERSCHIEDENES DER REAKTORTYPEN
In beiden Typen findet die Kernreaktion, die Wärme liefert, in
mit Uran(oxyd) gefüllten Rohren, sogenannten Brennstäben, statt.
Die entstehende Wärme wird durch Wasser abgeführt, das direkt
oder indirekt zum Betrieb von Dampfturbinen genutzt wird.
Stade:
Die Brennstäbe und das Wasser befinden sich in einem einzigen
großen Kessel. Die Brennstäbe bilden ein Paket und werden gemein-
sam von Wasser umspült.
Tschernobyl:
Je 18 Brennstäbe befinden sich in einem einzelnen Rohr und werden
darin von Wasser umspült
Beide:
Die Kettenreaktion läuft so ab, daß bei der Spaltung eines Uran-
Atomkerns auch Neutronen entstehen, die neue Kerne spalten, so
daß sich eine lawinenartige Verstärkung bildet, die durch neutro-
nenschluckende Steuerstäbe geregelt wird. Voraussetzung dafür
ist, daß die entstandenen Neutronen abgebremst werden, bevor sie
neue Uran-Kerne treffen. Je effektiver die Bremsung (Moderation)
desto, mehr wird die Kettenreaktion angefacht. Zur Abbremsung
dienen relativ leichte Materialien.
Stade:
Dazu dient das Wasser, das damit eine Doppelfunktion als Kühler
und als Moderator hat.
Tschernobyl:
Dazu dient Graphit, der die eigentliche Reaktorstruktur bildet -
ein zylindrischer Bau, 11m Durchmesser, 7m hoch in dem 2000 Boh-
rungen sind, die die Rohre mit Wasser und Brennstäben aufnehmen.
Bei Verlust des Wassers infolge eines Lecks...
Stade:
...hört die Kettenreaktion automatisch auf.
Tschernobyl:
...steigt infolge der Erhitzung die Moderatorwirkung des Graphits
an, die Kettenreaktion steigert sich bis zu einer möglichen Ex-
plosion. (Diese Eigenschaft teilt der Tschernobyl-Typ mit dem
Schnellen Brüter; auch dort steigert sich die Kettenreaktion bei
Kühlmittelverlust bis zur Explosion.)
In beiden Typen verbleibt bei Kühlmittelverlust die gespeicherte
Radioaktivität,
Stade:
das 500fache (bei Biblis das 1000fache)
Tschernobyl:
das 1500fache
der Radioaktivität, die die Bombe von Hiroshima produziert hat.
Dies führt zu so großer Hitzeentwicklung, daß der Kernbrennstoff
schmilzt.
Stade:
Bei Kühlmittelverlust soll ein Notkühlsystem verhindern, daß sich
die Brennstäbe überhitzen. Die Steuerungen, Pumpen etc. sind
mehrfach ausgelegt; abgesehen vom Versagen aufgrund gemeinsamer
Ursache bestehen schwere Zweifel, ob das eingespritzte Notkühl-
wasser seinen Zweck erfüllt, d.h. an die überhitzten Stellen ge-
langt, ohne vorher zu verdampfen.
Tschernobyl:
Dabei kann der Graphit in Brand geraten, wie in Tschernobyl ge-
schehen.
Ein Notkühlsystem westlicher Bauart gibt es nicht. Was in der
DDR-Literatur so genannt wird, beschränkt sich lediglich auf ei-
nige bereitgestellte Reservepumpen. Explizit wird von sowjeti-
schen und DDR-Technikern dem Westen "unökonomische Bauweise" vor-
geworfen, die "immer mehr Stahl und Beton einsetzt, um auch un-
wahrscheinlichsten Unfällen zu begegnen". - Vielmehr komme es
darauf an, schwere Unfälle "durch ingenieurtechnische Maßnahmen
zu verhindern".
Bei beiden Reaktortypen sind Unfallabläufe möglich, die jeweils
im anderen nicht möglich sind. Hier seien nur zwei der bedeutend-
sten Unfalltypen genannt, die die schlimmsten Folgen haben kön-
nen:
1. Graphitbrand und unkontrolliert ansteigende Kettenreaktion mit
tagelanger Freisetzung der Radioaktivität...
...sind im Stade/Biblis-Typ nicht möglich, da kein Graphit vor-
handen; wohl aber im Hochtemperatur-Reaktor von Hamm-Uetrup.
...sind im Tschernobyl-Typ sehr wohl möglich, wie die Realität
gezeigt hat. Dabei wurde er noch 1983 im westdeutschen Fachblatt
gelobt als inhärent sicher, sehr zuverlässig und wartungsfreund-
lich und zur Früherkennung von Fehlern geeignet.
2. Schlagartiges Bersten des Kessels und sofortige Freisetzung
der Radioaktivität...
...sind in allen westlichen Reaktoren vom Druckkesseltyp jeder-
zeit möglich, ohne Vorwarnung und Früherkennung durch Risse oder
Lecks. Speziell für das AKW Stade wurde in bekanntgewordenen Ge-
heimprotokollen der Gesellschaft für Reaktorsicherheit des TÜVs
unerwartet rasche Versprödung festgestellt. Daraufhin wird das
AKW nur noch im "Schongang" mit verringerter Leistung gefahren.
Die Betreiber haben versucht, durch das Landgericht Hamburg mir
per einstweiliger Verfügung die Aussage zu verbieten, daß der
Kessel jederzeit mit katastrophalen Folgen bersten kann. Dem
wurde n i c h t entsprochen; ich erhielt lediglich die Auflage,
anzumerken, daß der TÜV die Zuversicht geäußert hat, der Betrieb
sei "bis weit über das Jahr 2012 gewährleistet". Als Physiker muß
ich dazu bemerken, daß dem TÜV die wissenschaftliche Grundlage
für eine so weitgehende Aussage fehlt. Auf die Abhängigkeiten von
TÜV-Gutachtern, deren Vorgesetzte vielfach den zu begutachtenden
Firmen angehören, sei nur am Rande hingewiesen.
Spontanes Bersten eines kleineren Druckbehälters, der in Verbin-
dung mit dem großen stand, ohne vorherige Leckagen oder Risse war
übrigens die Ursache des Unfalls im AKW Brunsbüttel bei dem die
automatische Abschaltung des Reaktors in krimineller Weise kurz-
geschlossen war, um diesen trotz Lecks weiterzufahren.
...sind in Tschernobyl mangels Kessels nicht möglich
Die Verschweigungstaktik ist im Osten und Westen durchaus ähn-
lich:
In Brunsbüttel wurde, während das radioaktive Gas ausströmte,
eine Schulklasse durchs Gelände geführt. Der ganze Vorfall wurde
nur durch einen anonymen Anruf eines Werksangehörigen bei dpa be-
kannt.
Schon damals wurde von unserer Gruppe das radioaktive Jod 131 in
Milch von Weiden südlich der Elbe gemessen.
In Kiew wurde nach dem Unfall der 1. Mai festlich begangen und
ein Radrennen gestartet.
Die internationale Verseuchung infolge Tschernobyl ist bekannt.
Dabei wurden den Kernforschungszentren Jülich etc. untersagt, die
Meßergebnisse über langlebige Isotope neben dem kurzlebigen Jod
131 bekanntzugeben. Sie rückten erst damit raus, als die Bremer
Gruppe bekanntgab, daß in unerwartet hohem Maße, nämlich in ver-
gleichbarer Stärke, das langlebige Cs 127 vorhanden war, damit
auch Sr 90. Das heißt, daß dieser Super-GAU keine Angelegenheit
von wenigen Wochen ist, sondern ein säkulares Ereignis. Ab jetzt
werden unsere und die folgenden Generationen in einer Umwelt er-
höhter Radioaktivität leben, die wesentlich schlimmer ist als
nach den Bombentests der 50er und frühen 60er Jahre.
Die Konsequenzen lassen sich für die BRD ganz grob so abschätzen.
Die radioaktive Belastung der kommenden Jahrzehnte ist doppelt
bis 5 x so groß wie die jetzige, die von der natürlichen Strah-
lung und den Resten der Bombentests herrührt. Diese fordert jähr-
lich 30.000 der 150.000 Krebstoten in der BRD. Deren Zahl von
30.000 wird sich mithin verdoppeln bis verfünffachen, d.h. die
Gesamtzahl der Krebstoten steigt um 20-100%.
Die Folgen in der SU selbst sind dagegen unermeßlich.
Die Konsequenz kann nur sein, die AKWs in Ost und West sofort
stillzulegen. Dies ist in beiden Ländern ohne Verringerung der
Stromproduktion möglich. Denn in beiden Ländern werden AKWs
n i c h t aus Energiemangel betrieben. In beiden Ländern ist der
Atomstrom unter Berücksichtigung aller Kosten teurer als der aus
fossilen Energiequellen. Die Ursache für den Betrieb von Atoman-
lagen ist jedoch unterschiedlich.
Die BRD ist in erster Linie am Export von atomtechnischen Anlagen
interessiert. Die Produktionskapazität der Kraftwerks-Union ist
zu 80% auf den Export orientiert. Die AKWs (und die geplante WAA)
sind in erster Linie Schaufensterstücke für den Export.
Die Sowjetunion ist in erster Linie daran interessiert, ihre rei-
chen fossilen Energieträger, vor allem Erdöl und Erdgas, auf dem
Weltmarkt devisenbringend abzusetzen. Um diese nicht für den ei-
genen Bedarf zu verschwenden, verwendet sie die Atomenergie für
den "Hausgebrauch".
Der Zusammenhang ziviler und militärischer Atomenergienutzung ist
in beiden Ländern vorhanden, aber entsprechend technischen und
politischen Gegebenheiten verschieden. Das Hauptproblem der
"zivilen" Atomenergie ist die Tatsache, daß der Atombomben-
Sprengstoff Plutonium mit dem Atomgewicht 239 zwar als Nebenpro-
dukt in jedem Reaktor erzeugt wird, aber bei zu langer Verweil-
zeit sich teilweise in schwerere Plutoniumisotope verwandelt, die
die Effektivität als Sprengstoff verschlechtern (ohne sie jedoch
ganz zu beseitigen). Die Militärs sind deshalb vor allem an Pu
interessiert, das nicht zu lange im Reaktor war.
Stade:
Bei den AKWs mit Druckkessel können die Brennstäbe nur einmal im
Jahr bei Gelegenheit der Revision entnommen werden, wenn unter
großem Aufwand der Deckel des Kessels geöffnet wird. Das dann
vorhandene "Reaktorplutonium" soll mit Hilfe einer neuartigen
physikalischen Technik, Laserisotopentrennung, von den störenden
Isotopen befreit werden. Diese soll in den neunziger Jahren in
industriellem Maßstab funktionieren, gerade wenn in der WAA
Wackersdorf das Gesamtplutonium chemisch rein hergestellt werden
soll und wenn auch der Atomwaffensperrvertrag ausläuft.
Die USA planen auch, auf diese Weise ihren zivilen Atommüll län-
gerfristig militärisch zu nutzen. Bisher produzieren sie ihr Bom-
benplutonium in speziellen Reaktoren, die nicht der Stromversor-
gung dienen und deshalb öfter geöffnet werden können.
Tschernobyl:
Der Reaktor vom Tschernobyl-Typ war ursprünglich zur Produktion
von Militär-Plutonium konzipiert und die Stromerzeugung als ein
Mittel vorgesehen, den Pu-Preis zu senken. Die Brennstäbe, sind
leicht zugänglich und können während des laufenden Betriebs je-
weils entnommen werden, wenn das Pu noch nicht durch zu langen
Aufenthalt "verdorben" ist.
Dieser Reaktortyp wird wohl wegen seiner militärischen Bedeutung
auch nicht in die Comecon-Länder exportiert. Dort sind sowjeti-
sche Reaktoren vom Druckkesseltyp, die ihrerseits noch gegenüber
den westlichen schwere Mängel aufweisen (z. B. keine Notkühlwas-
ser-Ausspeisung).
Die Forderung nach Stillegung aller Atomanlagen schließt die nach
Einfrieren der Atomwaffenarsenale ein. Daran schließt sich das
politische Ziel an, daß beide Supermächte ihre Arsenale auf eine
"defensive Atomrüstung" zurückfahren, d.h.: Sicherung einer
Zweitschlagskapazität als Vergeltungsdrohung, wie die VR China
sie besitzt, und Aufgabe der Erstschlagskapazität, gekennzeichnet
durch Overkill-Möglichkeit und extreme Zielgenauigkeit, orien-
tiert auf die Zerstörung der gegnerischen Raketensilos.
Für die BRD heißt das endgültiger Verzicht auf die Atomwaffen-Op-
tionen.
Zur sowjetischen Atomstrategie vgl. meinen Aufsatz in der
"Kommune", 1/12 (dez. 83)
Der Widerstand gegen Atomanlagen in Ost und West sieht sich durch
die Katastrophe von Tschernobyl auf makabre Weise bestätigt.
In der BRD erleben wir eine Verunsicherung über Strahlengefahr
und Sinn der Atomenergie, die so hart ist wie nie zuvor, verbun-
den mit Mißtrauen und Erbitterung über staatliche Täuschungsmanö-
ver und Inkompetenz.
Es ist zu hoffen, daß daraus eine so starke Bewegung erwächst,
die das Atomprogramm wirklich zu Fall bringt.
Es hat in der UdSSR vereinzelt Protestbewegungen gegeben, die
einen AKW-Direktor zu der Bemerkung veranlaßten, die Akzeptanz in
der Bevölkerung sei viel schwieriger gewesen als technische Pro-
bleme. Es ist zu hoffen, daß die Katastrophe von Tschernobyl
trotz aller Täuschungsmanöver auch dort zum Ende des Atompro-
gramms führt.
(Prof. Jens Scheer ist Hochschullehrer für Physik an der Univer-
sität Bremen)
Eine Anmerkung der MSZ-Redaktion zum Beitrag von Jens Scheer
------------------------------------------------------------
Der Physiker Scheer täuscht sich, wenn er einen Zusammenhang zwi-
schen Katastrophe und Widerstand - vermittelt über
"Verunsicherung" - in der Bevölkerung erhofft. Die Vermutung, daß
aus Betroffenheit Gegnerschaft erwächst, wird auch dadurch nicht
bestätigt, daß zumindest im Westen "Bewegungen" entstanden sind,
die vom Staat eine Berücksichtigung von Befürchtungen bei den
Staatsbürgern verlangen. Daß sich solche Kritik immer dann zu
Wort meldet, wenn der stinknormale Ablauf von Geschäft und Ge-
walt, also von Kapitalismus und Demokratie, zu Katastrophen führt
oder zu Konsequenzen, mit denen man nicht einverstanden ist,
zeigt vor allem eines: die prinzipielle "Akzeptanz in der Bevöl-
kerung", die e n t t ä u s c h t ist oder auch mal entsetzt
über bestimmte L e i s t u n g e n der Politik oder der Ökono-
mie, mit der sie ansonsten dadurch ihr Einverständnis dokumen-
tiert, daß sie m i t m a c h t. Im Appell ausgerechnet an
d i e V e r a n t w o r t l i c h e n, sie sollten Schaden vom
Volk abwenden - und darin erschöpft sich auch schon das
"Kritische" an der aktuellen Erregung über den GAU und seine Fol-
gen -, wird gerade das grundsätzliche Verhältnis zwischen Regie-
rung und Regierten bestätigt.
Wenn Jens Scheer meint, der Bundesregierung "Inkompetenz" vorhal-
ten zu müssen, so muß er sich fragen lassen, wie er sich denn als
Linker die K o m p e t e n z v o n H e r r s c h a f t
wünscht? Für ihre Zwecke und Absichten vertreten die Zimmermanns
und die Raus die Sache der Staatsräson gegen jede mögliche Unruhe
beim Bürger sehr kompetent. Das greift gerade nicht an, wer ihnen
Inkompetenz vorwirft. Es ist ein Fehler, wenn man das
A t o m p r o g r a m m d e s S t a a t e s zu Fall bringen
will und dabei gleichzeitig beteuert, man wolle nur des Staates
und damit unser aller Bestes. Solcher Protest, auf den Jens
Scheer seine Hoffnung setzt, ist inzwischen in der BRD p o l i-
t i s c h v e r t r e t b a r und in Hessen m i n i s t r a-
b e l geworden.
Für die sozialistischen Übergangsgesellschaften gilt für das Ver-
hältnis zwischen Volk und Führung in Sachen Kernkraft leider das
gleiche: Die Sowjetmenschen teilen durchaus die Vorstellungen,
mit denen die KPdSU "Planwirtschaft" macht, zumindest richten sie
sich darin ein: Die Wirtschaft müsse gewinnbringend wachsen, der
"technische Fortschritt" habe seinen Preis etc. Deswegen bezahlen
den jetzt auch genügend 'Helden der Arbeit', die zu ihrem Einsatz
in Tschernobyl nicht g e z w u n g e n werden müssen. Und auch
dort wird das Atomprogramm solange fortgeführt, wie es das Pro-
gramm des Staates ist. Im übrigen sind weder im Westen noch im
Osten die Staaten auf die "Akzeptanz" von einzelnen Maßnahmen und
Entscheidungen angewiesen, solange Menschen sich als Staatsbürger
einspannen und beherrschen lassen. Den Rest erledigt die Polizei.
*
Gewußt hätten wir von Jens Scheer noch gerne, warum sich der wis-
senschaftliche Kritiker der Reaktortechnik und radikale Gegner
einer "friedlichen Nutzung der Kernkraft" auf dem Felde der Nu-
klearrüstung wie ein A b r ü s t u n g s p o l i t i k e r äu-
ßert: Die Gänsefüßchen um den Terminus "defensive Atomrüstung"
hindern Scheer ja nicht, die ganze Ideologie um Angriff und Ver-
teidigung, von "Aggression" bzw. "Abschreckung" zur Grundlage von
politischen Forderungen zu machen, mit denen "eingefroren" werden
soll. Der I m p e r i a l i s m u s ist nun einmal ohne ein
"Atomwaffenarsenal" das täglich wächst, nicht zu haben. Wieso
sollte man sich im Irrealis für ihn erwärmen, wenn die ganz har-
ten Dinger eingefroren w ä r e n?
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Funktionsschema Stade
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Funktionsschema Tschernobyl
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