Quelle: Archiv MG - BRD KERNENERGIE ALLGEMEIN - Von der strahlenden Gegenwart
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Isar I wieder in Betrieb
POLITIK SICHERT KERNKRAFT
Neulich ist im Kernkraftwerk Isar I in Ohu ein Zufall passiert:
Ein Kugellager ging kaputt, ein paar Kugeln fielen in den Druck-
behälter mit den Kernbrennstäben. Das war ein Störfall - der Ka-
tegorie N (= normal). Da kümmert sich selbstverständlich unser
bayerisches Umweltministerium drum; Isar I blieb abgeschaltet. So
streng sind unsere einzigartigen bundesdeutschen Sicherheitsbe-
stimmungen:
"Einzelne Kügelchen sind in den Reaktorbehälter gefallen; wie
viele, weiß man nicht genau. Ende August soll die Anlage wieder
ans Netz, aber nur, wenn sichergestellt ist, daß da keine Kugel
mehr drin ist. Jede Kugel muß gefunden werden." (Erklärung des
Umweltministeriums Anfang August)
Es wurde genau gearbeitet - am Ende hat man sogar erfahren, daß
in etwa "67 - 69 Kugeln" vermißt wurden. Und von denen haben sie
doch tatsächlich "59 oder 60" (Umweltminister Dick) herausge-
fischt.
Da mußte natürlich eine neue "Sicherheitsbetrachtung" her. - De-
ren Ergebnis:
"Die vermißten Stahlkugeln sind wahrscheinlich in den Filter ge-
spült worden und befinden sich damit außerhalb des Reaktorkerns."
Oder vielleicht sind sie auch:
"im Reaktordruckbehälter - aber auf dessen Boden in den sogenann-
ten Totwasserzonen ..." (Erklärung des Umweltministeriums Ende
August)
Oder wie auch immer - die Sicherheit unserer Reaktoren ist durch
ein paar Stahlkugeln - oder was auch immer - nicht zu erschüt-
tern. Also ging Isar I am 6. September wieder ans Netz. 10 Tage
später deutete ein Ansteigen der Radioaktivität im geschlossenen
Wasserkreislauf auf einen Defekt an einem oder mehreren Brennstä-
ben hin. Solch ein "Störfall" ist laut Dick nicht einmal ein
"meldepflichtiges Vorkommnis, weil Schäden an den Kernbrennstäben
alltäglich sind". Ach so ist das bei uns. Ganz interessant, was
man hier so nebenbei über den strahlenden Normalbetrieb der
sicheren deutschen Kernkraftwerke erfährt.
Gibt es nun einen Zusammenhang zwischen dem jüngsten Störfall und
den drei fehlenden Kugeln? Der verantwortliche Minister mochte
dies zunächst nicht ausschließen und soll sich damit - laut
"Bild" - furchtbar "blamiert" haben. Hat er aber nicht, - denn
seit dem 28. September ist sich der Minister wieder ganz
"hundertprozentig" sicher, daß die erhöhte Radioaktivität im
Druckbehälter nicht durch die vermißten Kugeln verursacht wurde,
sondern durch "Haarrisse" an einem Hüllrohr der Kernbrennstäbe.
So etwas käme öfters vor, ohne daß man deswegen gleich die ge-
samte Anlage abschalten müßte.
Der Minister hat diese neue "Sicherheitsbetrachtung" sofort in
die Tat umgesetzt: Isar I durfte wieder ans Netz. Angeblich hat
auch die "rechtliche Situation" keine andere Entscheidung er-
laubt. Ein Minister muß eben wissen, wann er mit neuen Rechtsver-
ordnungen die alten nachbessern muß, und wann er sich im Inter-
esse der Bayernwerke AG mit dem Hinweis auf die geltende Rechts-
lage geschlagen geben muß.
Die politische Betreuung von Störfällen in Atomanlagen durch
einen zuständigen Minister kann also einen weiteren Erfolg verbu-
chen: Auf Grund "sicherer Annahmen" aller Beteiligten ist der
neueste Störfall bewältigt worden und unsere atomare Energiewirt-
schaft wieder aus den Schlagzeilen der Tagespresse - bis zum
nächsten Störfall!
Übrigens liest man, daß bayerische Milch, Pilze, Wild und Beeren
"immer noch" hochgradig radioaktiv verseucht sind. Warum eigent-
lich immer noch? Ach ja - wegen Tschernobyl vor über drei Jahren!
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