Quelle: Archiv MG - BRD KERNENERGIE ALLGEMEIN - Von der strahlenden Gegenwart
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WAS WILL TÖPFER?
Die F r a g e des Abends "Ist die Politik der Technik gewach-
sen?" ist scheinheilig. Die sogenannten "Probleme" der Technik,
vom Gift am Arbeitsplatz bis zum strahlenden AKW, sind erstens
keine der T e c h n i k. Zweitens ist die Politik keine Instanz
zur A b w e n d u n g solcher angeblich "technischen Risiken".
Die sind nämlich - drittens - ein E r z e u g n i s von Politik
und Wirtschaft. Viertens ist deswegen klar, welche konkrete Ant-
wort Töpfer mit der abstrakten Frage verlangt:
Das Atomprogramm geht weiter. Konstruktive Zweifel als Auftrag an
die Staatsgewalt sind erlaubt. Den Rest erledigen Polizei und Ge-
richte.
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"Die friedliche Nutzung der Kernenergie fügt den bekannten Ge-
fährdungen nuklearspezifische Risiken hinzu." (Töpfer)
Eines wird Töpfer sich nicht nachsagen lassen: Er sei ein unver-
besserlicher F a n a t i k e r des Atoms. Die Kernspaltung ist
kein Z w e c k der BRD - wozu auch? Sie ist das M i t t e l
einer nationalen Energie- und Plutoniumprodukion, sogar von einem
C-Minister als "Übergangslösung" betitelt. Wie schön, daß AKW
n u r u n d g e n a u s o l a n g e die Umwelt verstrahlen,
wie es der Umweltminister f ü r n o t w e n d i g hält. Töpfer
räumt sogar ein, Risiken für Mensch und Natur sehr wohl zu ken-
nen! Und das soll die Krebstoten durch die radioaktive Verseu-
chung beim AKW-Normalbetrieb verschmerzbar machen? Nur weil ein
Minister "Problembewußtsein" demonstriert, also sagt, daß er
w e i ß, was er kraft Amtes der Menschheit an Schäden a u f-
b ü r d e t?
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"Jeder technische Fortschritt muß immer wieder hinsichtlich sei-
ner gewollten und ungewollten Folgewirkung hinterfragt wer-
den."(Töpfer)
Daß letztlich a l l e technischen Mittel Risiken in sich ber-
gen, ist eine Lüge, mit der Töpfer diese Frechheit akzeptabel ma-
chen will. Die gesundheitliche Ruinierung, die aus der politisch
definierten und kapitalistisch kalkulierten Anwendung der Technik
folgt, wird damit als Eigenart der Technik selbst behauptet. Zum
Beweis kann ein Töpfer die Steinstaublungen der Bergleute, den
Bremer Smog von Klöckner und die PER-Vergiftungen am Arbeitsplatz
in der chemischen Industrie zitieren; kurz: den Umstand, daß die
Menschheit überall d e n s e l b e n kapitalistischen Kriterien
des Technikeinsatzes ausgesetzt wird. Die k o s t e n g ü n-
s t i g e Entsorgung von allerlei Giften und Gasen über den
Schornstein oder die Weser ist nämlich keineswegs die natürliche
Folge eines Hochofens oder Erlenmeierkolbens. Genauso wenig wie
strahlende Atommeiler die "natürliche" Folge der zugegebenermaßen
natürlichen radioaktiven Zerfallsprozesse sind.
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Auf diesem verlogenen Fundament wird der Minister dem Publikum
verklickern, warum die Atomindustrie ein u n v e r z i c h t-
b a r e s Mittel der Nation ist - jedenfalls solange, wie es
keinen gleichwertigen Ersatz dafür gibt. Für ihre nationale
Energieversorgung, für ihren Zugriff auf e i g e n e s
Plutonium hat die BRD eine Atomindustrie ins Leben gerufen, um
i h r diese Mittel nationaler Größe exklusiv und dabei auch noch
geschäftsträchtig ins Haus zu liefern. In seine inter - nationa-
len Zwecksetzungen und Ansprüche mag sich ein Staat wie die BRD
nämlich von niemandem reinreden lassen. Sie wird schon wissen,
warum vom deutsch-nationalen Standpunkt aus jede "Abhängigkeit"
von ausländischer Zulieferung als (potentielle) Erpreßbarkeit und
daher als unerträgliche Zumutung erscheint! Weil die BRD mit ih-
ren TÖPFERn s e l b s t das S u b j e k t aller möglichen
weltweiten Erpressungen sein will, "braucht" sie ihre Atomwirt-
schaft. Ohne stünden "WIR" nämlich im Konzert der Mächte ganz
mies da - und daß das nicht sein darf, ist das oberste Gebot.
Diesem "Sachzwang" imperialistischer Konkurrenz haben die von al-
lerlei Strahlung und anderen Schädigungen Betroffenen sich ge-
fälligst zu fügen.
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"Energie ist eine conditio sine qua non für einen hohen Lebens-
standard der Bevölkerung." (Töpfer)
Die praktische Seite dieser Klarstellung erledigt die Polizei -
in Wackersdorf und anderswo. Als d e m o k r a t i s c h e r
Atomminister weiß ein Töpfer allerdings, was er dem Publi-
kumsgeschmack schuldig ist. Die gewaltsame Durchsetzung des Atom-
programms zum Nutzen der Nation schmückt er auch noch mit ein
paar verlogenen guten Gründen für die Betroffenen. Da wird "für
uns" Strom produziert, auch wenn "wir" den Strompreis immer weni-
ger bezahlen können, vom gratis gelieferten Strahlenkrebs ganz zu
schweigen. Da werden unsere Arbeitsplätze gesichert - hallo,
Rheinhausen! -, wenn NUKEM/ALKEM Lohnabhängige dazu heranzieht,
für das Bundeskanzleramt Plutoniumfässer in einem Bunker zu sta-
peln und für frühzeitigen Haarausfall eine Prämie ausspuckt. So
hat am Ende jeder, was er braucht: Töpfer die Macht, die Betrof-
fenen die guten Gründe, mit denen man "einsieht", was man ohnehin
muß.
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"Sichergestellt werden muß durch Organisation und Kontrolle, daß
der immer wieder fehlerhafte Mensch durch sein Handeln keine Ge-
fahren für Mensch und Umwelt auslösen kann. Der Ruf nach dem Aus-
stieg allein - bezogen auf die Kernenergie - wir dieser
grundsätzlichen Anforderung an das Verhältnis von Individuum,
Staat und Gesellschaft im Umgang mit modernen Techniken nicht ge-
recht werden." (Töpfer)
Ist der Kopf erst einmal so zurechtgerückt, wird die K r i t i k
ganz groß geschrieben. Auch von Töpfer selbst. Da gibt es
b e s t e c h l i c h e Atommanager, f a l s c h etikettierte
Giftfässer, obendrein auch noch in den f a l s c h e n
H ä n d e n, wenn sie brauchbares Plutionium enthalten und nach
Libyen statt Bonn wandern. Von dieser Sorte Kritik kann der Herr
Minister gar nicht genug hören. Sie besteht nämlich einzig und
allein darin, die E i n h a l t u n g s t a a t l i c h e r
R e g e l n b e i m B e t r i e b der Atomindustrie zu vermis-
sen, statt diese selbst anzugreifen. Sogar die Steigerung dieses
Einwands bis zur Lüge, die Verschiebereien in Hanau würden die
O h n m a c h t d e s S t a a t e s beweisen, ist bei Töpfer
beliebt - auch wenn der ganze Atompark nur dank staatlicher
M a c h t ins Leben gerufen und finanziert worden ist.
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"Mehr Kontrolle, also mehr Macht für den Staat" - das ist nämlich
das einzige Verlangen, das aus dieser Kritik spricht. Und das hö-
ren Macht h a b e r gern. So gern, daß sie d i e s e Kritik
selber schüren. Damit wird nämlich ironischerweise als F o r-
d e r u n g an sie zurückgegeben, was die verantwortlichen
Politiker g e g e n ihre Untertanen schon immer d u r c h-
s e t z e n: die u n a n g e f o c h t e n e Z u s t ä n-
d i g k e i t der Macht. Mehr braucht sie auch gar nicht, um ihr
Atomprogramm durchzusetzen.
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