Quelle: Archiv MG - BRD KERNENERGIE ALLGEMEIN - Von der strahlenden Gegenwart
zurück
Sozialdemokratische Arbeitsteilung:
Atomtransporte über Bremer Häfen - ja, aber...!
------------------------------------------------
Im Zusammenhang mit dem Hanauer Atommüll-Skandal erfährt die hie-
sige Öffentlichkeit, daß radioaktives Material aller Art in
b r e m i s c h e n Häfen umgeschlagen wird. Das Zeug strahlt
samt Verpackung und verseucht das mit solchen Arbeiten befaßte
Personal. Das alles ist "den Verantwortlichen" bekannt und gilt
als normal, solange sich der Gesundheitsruin von Hafenarbeitern
in staatlich gesetzen Grenzwerten abspielt. Schließlich ist die
Atomindustrie eine national wichtige Geschäftssphäre; und zu dem
Geschäft gehört dazu, daß mit dem dafür nötigen Material über
deutsche Häfen ein schwunghafter Handel betrieben wird. Dafür
sind "unsere Häfen" schließlich da, dafür wird das Geschäft mit
dem Transport von Waren aller Art staatlich eingerichtet und be-
treut.
Insofern ist der Umstand, daß in Bremen a u c h "radioaktives
Material" umgeschlagen wird, für den Bremer Senat überhaupt kein
Aufhebens wert; das gehört eben zum normalen Geschäft des Hafens
dazu. Nichts anderes drückt Kunick aus, wenn er auf Anfrage hin
beteuert, Bremen könne es sich gar nicht "leisten", den Umschlag
radioaktiven Materials zu stoppen. In der Tat: welches Interesse
sollte auch der Bürgermeister der Stadt haben, die ihre nationale
Bedeutung, ihr Renommee und ein Gutteil ihres Landeshaushaltes
aus dem Betrieb des Hafens bezieht, das Geschäft in einer natio-
nal so bedeutenden Sphäre wie der Atomindustrie zu
b e h i n d e r n? Das weist Kunick für sich zurecht als poli-
tisch unvorstellbar zurück. Das allerdings in der SPD-üblichen
Tour, das eigene politische Interesse als eine Konsequenz von
N o t w e n d i g k e i t e n auszudrücken, zu denen der po-
litische Verwalter eines Welthafens dann selbstverständlich auch
steht. Das ist hanseatisch-weltmännisch und überzeugt Bremer Bür-
ger. Vor allem, wenn Kunick beteuert, daß er "als Mensch" natür-
lich auch kein Liebhaber des Atoms sei. Das stimmt wahrscheinlich
sogar und soll beruhigend wirken - nämlich auf Leute, die den
"Menschen" Kunick per Wahlstimme in ein politisches Amt hieven
sollen, in dem er dann den Bremer Hafen weiter mit strahlender
Ladung versorgt.
In Schleswig Holstein wird demnächst wieder gewählt. Deshalb ist
Kunicks Parteigenosse, der SPD-Kandidat für die Barschelnach-
folge, Björn Engholm, auf die Idee verfallen, Leuten seine Soli-
darität zu versichern, die in Lübeck die Verschiffung von Atom-
müll nach Schweden blockieren wollten, wohl wissend, daß aus die-
ser Aktion ohnehin keine ernsthafte B e h i n d e r u n g des
Transports werden konnte.
Linienkämpfe in der SPD? Nie und nimmer! Es ist vielmehr so: So-
lange die SPD in der O p p o s i t i o n ist, zeigt sie werbe-
wirksam pfeiferauchend ihre Sympathie für Leute, die meinen,
Atommüll müßte nicht sein. Wenn man sich das w ü n s c h t,
soll man die SPD a n d i e M a c h t b r i n g e n. I s t
die SPD dann mehrheitlich gewählt und an der Macht, fällt ihr
schon ein Sachzwang ein, weshalb n i c h t m a c h b a r ist,
w a s a u c h s i e s i c h a n g e b l i c h
w ü n s c h t e.
So sind Kunick und Engholm die beiden Seiten der SPD-Medaille.
zurück