Quelle: Archiv MG - BRD KERNENERGIE ALLGEMEIN - Von der strahlenden Gegenwart


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       Naturwissenschaft
       

ATOMTECHNOLOGIE UND ATOMPOLITIK

Wenn sich Naturwissenschattler, Ingenieure, Intellektuelle und die ganze teilnehmende Öffentlichkeit angesichts staatlicher Ent- scheidungen über die nationale Energiewirtschaft in Atomkraft- werksbefürworter und Atomkraftwerksgegner spalten, dann mögen sie sich zwar naturwissenschaftlicher Aussagen über Energie und Ener- giegewinnung bedienen - der Streit ist einer über Alternativen staatlicher Politik. Mit Erkenntnissen über den Aufbau der Atome, mit Forschungsergeb- nissen über Kernspaltung und mit der Entwicklung technischer Ver- fahren der Kernenergiegewinnung läßt sich der Zweck, gemäß dem mit diesen Gesetzen umgegangen wird, weder begründen noch kriti- sieren. Daß die Auseinandersetzung dennoch als Streit über die Qualität der Atomspaltung, die Wirkungen radioaktiver Strahlen, die Funk- tionsweise der Kernkraftanlagen usw. kurz, als Streit um natur- wissenschaftliches Wissen und im Namen einer höheren naturwissen- schaftlichen Vernunft geführt wird, wirft ein schlechtes Licht sowohl auf die Naturwissenschaftler, die mit ihrer Kompetenz in Sachen Naturbeherrschung politischen und ökonomischen Entschei- dungen den Schein naturgesetzlichen 'Sachzwangs' verleihen, wie auf den technischen Fortschritt und seine Zwecke, die mit und ne- ben solchem Streit ins Werk gesetzt werden. Freisetzung ideologischer Staatsenergien ---------------------------------------- Es liegt aber wohl nicht in der Natur der Technik, daß mit ihrer Hilfe Arbeiter im Betrieb zerschlissen werden und die Zerstörung von Gesundheit und natürlichen Lebensvoraussetzungen zur Normali- tät zählt. Es liegt auch nicht am Atom oder der Endlichkeit aller Dinge - insbesondere justament heutzutage der 'Energievorräte' -, sondern an den gesellschaftlich gültigen Prinzipien der Reich- tumsvermehrung, wenn Anlagen gebaut werden, bei denen die techni- sche Unausweichlichkeit schädlicher Wirkungen aus Rentabilitäts- gründen in Kauf genommen wird, bei denen andererseits aus densel- ben Gründen auch technisch machbare Verbesserungen unterlassen werden. Es folgt auch nicht aus einer irgendwie gearteten natur- wissenschaftlichen Vernunft, wenn Gegner wie Befürworter staatli- cher Energiepolitik gewaltige ideologische Staatsenergien frei- setzen. Vielmehr zeugt es von ihrem Willen, den Einsatz ihres Wissens nach Maßgabe politischer und ökonomischer Interessen für einen Segen der Menschheit zu erklären, wenn sie diesen Einsatz in einer Weise diskutieren, als sei es Auftrag und Ziel einer or- dentlichen Herrschaft (oder hätte es zumindest zu sein), ewig menschliche Probleme im Umgang mit der Natur zu bewältigen. Und das ausgerechnet in der kapitalistischen Gesellschaft, die die Beherrschung der Natur ganz zum Gegenstand ökonomischer Kalkula- tionen und zum Mittel der möglichst profitablen Anwendung von Lohnarbeitern im Betrieb gemacht hat. Das Aufheben, das um die staatliche Energiepolitik in puncto Atomenergie gemacht wurde, gründet daher auch nicht in einer Kri- tik an den gesellschaftlich anerkannten Prinzipien des 'technischen Fortschritts' im Dienste von Staat und Wirtschaft, sondern in dem einvernehmlichen Streit, ob nicht - im Gegensatz zur 'normalen', oder zu einer vorstellbaren 'menschen- und natur- freundlicheren' Technik - die Atomkraftwerke ein Irrweg des Staa- tes und ein Verrat an seiner Verantwortung gegenüber der Mensch- heit und der Natur seien. Beide Seiten gehen dabei von der ganz und gar nicht naturwissenschaftlichen Gleichung aus, daß Zweck der gesellschaftlichen Reichtumsvermehrung die Versorgung der Ge- sellschaftsmitglieder mit ganz viel Gütern sei, daß Knappheit der Naturvoraussetzungen diesem Zweck Grenzen setze. Die Befürworter setzen das mit der Behauptung fort, die zerstörerischen Wirkungen des technischen Fortschritts seien deshalb die naturnotwendige Folge der Sicherung des allgemeinen Wohlstandes bei knapper wer- denden Ressourcen. Die Gegner dagegen geißeln dies als staatlich erlaubte und beförderte Verschwendung von Naturbedingungen für einen Konsum, der über das natürlich erlaubte Maß hinausginge. Beide Seiten machen also die Alternative auf, entweder weniger 'Wachstum' (= angeblich Reichtum für alle) oder diese Sorte 'technischer Fortschritt' samt seinen zerstörerischen 'Risiken für Mensch und Natur'. Die apokalyptischen Visionen von der U n- vernunft des Staates, seiner Gefährdung des Über-lebens, seinen Vergehen gegen angebliche Gesetze der Natur enden deswegen auch regelmäßig in Vorschlägen an den Staat, wie er ohne Atomkraft mit Energiealternativen, mehr Sparsamkeit bei seinen Bürgern und we- niger Technik sich in ein verantwortlicheres Verhältnis zu dem vorgeblichen Zweck setzen könnte, der Energieknappheit im Einver- nehmen mit den erfundenen natürlichen Grenzen seiner Gesellschaft Herr zu werden. Behauptungen der Gegenseite, die praktizierte En- ergiepolitik und die geschäftliche Kalkulation mit der Konkur- renzfähigkeit 'unserer' Energiewirtschaft sei die vernünftigste Sicherung eines für alle segensreichen gesellschaftlichen Fort- schritts, endet umgekehrt ebenfalls bei der Rechtfertigung staat- licher Sparzwänge und Sparargumente gegen Otto Normalverschwen- der, der die Segnungen der Zivilisation schamlos genießen, ihre negativen Seiten aber nicht ertragen und an sich selber korrigie- ren will. Wozu die Verantwortung des Naturwissenschaftlers alles führt ------------------------------------------------------------ Das Niveau dieses naturwissenschaftlich verbrämten Streits über das uralte staatsbürgerliche Aufsatzthema 'Fluch und Segen der Technik' ist denn auch kaum höher als bei Primanerübungen und ge- horcht demselben Prinzip, den Fortschritt in seinen Wirkungen zu debattieren, ohne seine Gründe, seinen Charakter und daher seine wirklichen Wirkungen zur Kenntnis zu nehmen. Philosophische Spe- kulationen über das Atom, die Grenzen naturwissenschaftlicher Er- kenntnis, die Subjektivität der Natur finden sich da einvernehm- lich neben Beschimpfungen der Menschennatur, die zur Zerstörung und zu Zügellosigkeit neige. Die Behauptung, wer Energie wolle, müsse auch Strahlen in Kauf nehmen, verbindet sich da schöpfe- risch mit dem Appell, dem Menschen und vor allem der Natur die Atomkraft durch mehr Zurückhaltung gegenüber der Ausnutzung der Natur zu ersparen. Oder sie paart sich mit der wörtlichen Aus- kunft von seiten derjenigen, die sonst alles, was sich der Mensch so leistet, für krebsförderlich erklären, die Atomstrahlung sei ein - im übrigen noch gar nicht bewiesenes - Risiko, das man ge- fälligst zu tragen habe, usw. usw. Die Besonderheit der Atomkraftwerke liegt also nur darin, daß sie den hierzulande gültigen Prinzipien des technischen Fortschritts und seiner staatlichen Beförderung in einer Größenordnung zur Durchsetzung verhelfen, die die Öffentlichkeit und die Naturwis- senschaftler selbst beschäftigt, so daß sämtliche Ideologien über diesen Fortschritt im selben Maße blühen - und zur öffentlichen Beruhigung und Gewöhnung auch an diese Abteilung des Fortschritts führen. Die von keiner Seite unvoreingenommen betrachtete Ent- wicklung von der Atomspaltung bis zur Kernkraftindustrie unter den Fittichen staatlicher Energiepolitik; die Extra-Veranstaltun- gen, die dieser Entwicklung gewidmet worden sind; die konsequente Fortentwicklung der Atomkraftwerksgegner zur parlamentarischen Alternative bürgernäherer Herrschaft mit Sparsamkeitsidealen; die staatliche Propaganda und öffentliche Durchsetzung eines allge- meinen 'Energie- und Umweltbewußtseins', das über Rauchverbote und Benzinsparen debattiert und die regelmäßigen Strah- len'unfall'meldungen auf den hinteren Zeitungsseiten 'nach Har- risburg' nur noch gelangweilt zur Kenntnis nimmt - dieser Fort- schritt auf allen Seiten taugt deswegen als Paradebeispiel der Anwendung von Naturwissenschaft und Technik im Dienste von Staat und Kapital und ihrer öffentlichen Bewältigung. Hier lassen sich nicht nur die praktischen Leistungen der Naturwissenschaftler und Techniker studieren, sondern auch die Wirkungen, welche die Prin- zipien der Geschäftswelt auf ihr Forschen und Konstruieren aus- üben. Und nicht zuletzt auch die Übergänge zu pseudowissenschaft- lichen Verfahren und Argumenten, welche der Auftrag und die Ver- antwortung eines ordentlichen Naturwirts im Staats- und Unterneh- merinteresse erfordern und die von Alternativlern für ihre Vor- stellungen einer besseren Welt bemüht werden. Denn beide Abtei- lungen wollen sich ja mit ihren schönen naturwissenschaftlichen Ergebnissen nicht nur für diese Gesellschaft nützlich machen, sondern auch diese Nützlickeit in der Gesellschaft propagieren. Daß dabei auch die praktisch erforderte naturwissenschaftliche Redlichkeit einem s t a a t s b ü r g e r l i c h e n Agitati- onsbedürfnis zum Opfer fällt, die sich mit n a t u r w i s- s e n s c h a f t l i c h e r Autorität schmückt, zeigt nur, wozu die Verantwortung des Naturwissenschaftlers alles führt. zurück