Quelle: Archiv MG - BRD KERNENERGIE ALLGEMEIN - Von der strahlenden Gegenwart
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Unsere Umwelt
NACH EINEM JAHR HARRISBURG
Ein Jahr nach dem Reaktorunfall in Harrisburg zieht die öffentli-
che wie die alternative Presse Bilanz, wie es mit der Bewältigung
der Risiken der Kernenergie bei uns steht.
Angesichts dessen, daß in unserem Land kein Jota am Atomprogramm
geändert wurde und sich die ersten Bundesländer für die Errich-
tung einer Wiederaufbereitungsanlage für abgebrannte Kernelemente
melden, träumt die taz einer vertanen Chance nach:
"Schon damals, aber erst recht auch angesichts der Situation, die
heute schlechter denn je erscheint, ist in vielen Köpfen der,
meist nur im Verborgenen geäußerte, sofort wieder zurückgenommene
Wunsch, Gedanke: Wäre es in Harrisburg zum Super-GAU gekommen,
wäre der Kampf gegen die verbrecherische Atomindustrie vielleicht
schon gewonnen." (28.3.1980)
Die Süddeutsche Zeitung resümiert die Erfolge von Politikern und
Öffentlichkeit beim Ausnutzen der Chance Harrisburg:
"Es konnte bis heute nicht die triviale Tatsache verständlich ge-
macht werden, daß jedes technische Verfahren ein Risiko in sich
birgt... Daß bisher noch kein Menschenleben der friedlichen Nut-
zung der Atomenergie zum Opfer fiel, bestätigen die Sicherheits-
berechnungen der Ingenieure, doch es ist so sicher wie die
100.000 Lungenkrebstote durch Tabakgenuß pro Jahr, daß die 400
Millionen Dollar (!), die Harrisburg insgesamt kosten wird,
preiswert sind gegenüber den Opfern, die die Kernkraft noch ko-
sten wird." (17.4.1980)
Gezielte Wahrheiten für die Betroffenen
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Die in der Bekanntmachung des "Problems" bereits durchgeführte
Agitation verdankt sich einem Verfahren, das von den deutschen
Politikern vor- und von ihren freiberuflichen Komplizen nachge-
macht wurde, nach Jahren gezielten Schweigens dem Volk gezielte
Wahrheiten zu präsentieren, d.h. die "Skandale" zu melden in der
Sicherheit, daß aus ihnen keine werden. Die Sorge, daß solche
Nachrichten bei den Betroffenen "Angst" und fehlendes Vertrauen
in die Krisenmanager bewirken könnten, existiert offenbar nicht
mehr. Während also die Linken seit Harrisburg nichts dazugelernt
haben, wird der Unfall von den an der Kernkraft Interessierten
nicht nur zum Paradefall erklärt, der dazu beigetragen hätte,
"die Sicherheit dieser Technik zu verbessern", sondern auch zum
geeigneten Anlaß, das Bewußtsein der Bevölkerung für die unver-
meidlichen Gefahren d e r Technik zu schärfen. Zu den täglichen
Meldungen, mit denen ein moderner Zeitungsleser verköstigt wird,
gehören mittlerweile die 5-7 cm langen Artikel auf den Seiten 2
ff., die ihn davon in Kenntnis setzen, an welchen vorgesehenen
Stellen überraschend Radioaktivität "freigeworden" ist, und stets
mit derselben amtlichen Stereotype abschließen: "Es bestehe je-
doch keine Gefahr für die Umgebung".
"Die vorgeschriebenen Grenzwerte wurden nur kurzfristig über-
schritten." - "Der Betrieb konnte nach drei Stunden wieder aufge-
nommen werden." - "Die Anlage wird ohnehin in zwei Wochen über-
holt." usw.
Was vor dem GAU auf Three-Miles-Island in den Verdacht einer Re-
aktorpanne gekommen wäre, kann inzwischen als Normalbetrieb vor-
stellig gemacht werden. Wenn bei den Atomkraftwerken nicht dau-
ernd massenhaft Radioaktivität an "unvorhergesehenen" Stellen
entweichen würde, man müßte die Meldungen erfinden, so dienlich
sind sie inzwischen, dem Bürger ein Bewußtsein von den richtigen
Relationen in der Welt zu vermitteln.
Eine Enthüllung in der Presse ist heutzutage nicht mehr skan-
dalträchtig (es sei denn, das KKW steht in der DDR), sondern er-
ledigt jedes weitere Aufheben wegen dieser Geschichte. Mit den
Alltag gewordenen Meldungen, daß Atomkraftwerke neben ihrem re-
gelmäßigen output an Strahlung auch noch einigermaßen unzuverläs-
sig sind, wird so recht elegant das Problem gelöst, daß die
Menschheit überrascht sein könnte von dem, was ihr zugedacht ist.
Endlich kann man auch dem Laien unter der Rubrik "Forschung, Wis-
senschaft, Technik" in seiner Zeitung eine Ahnung von den Schwie-
rigkeiten vermitteln, mit denen sich die Fachleute herumschlagen,
die
"offen über die Probleme und Risiken der Atomenergie sprechen,
ohne sie allerdings (wie notorische Querulanten) grundsätzlich in
Frage stellen zu wollen." (SZ, 17.4.80)
"Es hat seine Vorteile, daß in der Bundesrepublik bereits die er-
sten Kernkraftwerke verschrottet werden... Solche Risse (im Re-
aktordruckbehälter, die bis zu einem Drittel der Wandstärke tief
sind) hätten zur Katastrophe führen können, wenn die Anlage in
Gundremmingen - irreparabel - kaputtgegangen wäre." (SZ, 27.3.80)
Kraftwerksruinen, die das Ergebnis einer langjährigen voraus-
schauenden Energiepolitik sind, bieten zuerst einmal die faszi-
nierende "Möglichkeit", "Erfahrungen " beim Abbruch, bei der kon-
trollierten Freisetzung des verstrahlten Inneren, zu sammeln.
Auch nach ihrer Stillegung bleiben Atomkraftwerke, was sie von
Anfang an sind: Experimentieranlagen, über die zuletzt noch ganz
beiläufig festgestellt wird, wie weit die Techniker mit ihren
wissenschaftlichen Daumenpeilungen von einem Unfall entfernt wa-
ren.
Fürs einfache Volk wurde die Sache mit der Sicherheit mittels an-
schaulicher Vergleiche weiter popularisiert. Weil irgendjemand
irgendwann einmal radioaktive Kacheln aus Italien entdeckt hat,
ist es inzwischen wesentlich gefährlicher, in sein eigenes Bad zu
gehen als an die frische Luft, was ja bekanntlich schon lange ri-
sikoreicher als die Nachbarschaft von einem Atomkraftwerk ist.
Eine englische Studie gelangt zu der Spitzenleistung, daß jemand,
der aufgrund eines Kernkraftwerkes in seiner Nachbarschaft um-
zieht und jetzt eine um 500 m längere Autofahrt zur Arbeit zu-
rücklegen muß, "wahrscheinlicher" zu Tode kommt, als wenn er bei
seinem strahlenden Nachbarn wohnen bliebe.
Mit solchen Vergleichen, in denen die Kernkraft so gut wegkommt,
weil ja nur alle 1700 Jahre (an den berühmten Super-GAU bei Lin-
davium im Jahre 280 n. Chr. erinnert heute nur noch der Bodensee)
ein Meiler in die Luft fliegt, werden Strahlenschäden in den Rang
eines "normalen Lebensrisikos" erhoben. So gehört es heute aner-
kannt zu den sonstigen Gefährdungen "unserer hochtechnisierten
Welt", daß um die AKW's herum , mehr Kinder sterben, mehr Tot-
und Feblgeburten auftreten und ein paar Leute mehr an Leukämie
verrecken. Das heißt natürlich nicht, daß ein toter Balg und erst
recht kein Blutarmer mit Sicherheit behaupten darf, daß sein Fall
durch die bei ihm in der Nähe ach so ungefährlich strahlende An-
lage verursacht ist.
Die Anwendung dieses "Unsicherheitsarguments" bekamen auch Natur-
schützer aus Landshut zu hören, denen aufgefallen war, daß just
in ihrer Stadt weiße Spatzen aufgetaucht sind. Daß hier das KKW
Isar 1 die Evolution vorangetrieben hat, ließ das Bayerische Um-
weltministerium schlicht für "abwegig" erklären, weil die natür-
liche Radioaktivität auch...
Kernkraftwerksgegner dagegen machen sich trotz des offensichtli-
chen Unwillens von Politikern und Wissenschaftlern, ihre Kern-
energiepolitik anzweifeln zu lassen, ausgerechnet das Problem,
immer noch nachweisen zu wollen, wie gefährlich die Gewinnung der
Energie durch Atomkraft ist, und halten damit einen Streit in
Gang, bei dem jedermann den Eindruck gewinnen muß, als sei diese
Frage noch nicht entschieden. Dabei tun sie so, als wäre die
Menschheit über die Gefahren falsch unterrichtet - aus den ange-
stellten Risikovergleichen können sie das Gegenteil entnehmen.
Wieviel Blei verträgt der Mensch?
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Für das offene Verhältnis zu seinen Bürgern müßte der Staat al-
lerdings einen Preis zahlen. Schließlich ist der Umweltgedanke
ein anerkannter Standpunkt geworden, so daß noch in der hinter-
letzten Behörde, die die Verseuchung der Abwässer regelt, das
häßliche Umweltgraupapier (sehr im Unterschied zum dezenten Grau
unseres Umschlags. MSZ) eingeführt wird, und immer mal wieder ein
Beamter oder Minister wegen einer Umweltbestechungsaffäre seinen
Hut nehmen muß. Allerdings lassen die Art der Skandale auf diesem
Gebiet oder die Angelegenheit, die eine Zeitung als Anwalt der
Bürger durch Vorsprache bei der zuständigen Behörde durchficht,
erkennen, daß dem Umweltbewußtsein mit seiner Anerkennung auch
schon Genüge getan ist. Es nimmt die ihm zugrundeliegende Gefähr-
dung der Leute als etwas Alltägliches, solange nur der Stand der
Technik eingehalten ist und die entsprechenden Stellen nicht
Gleichgültigkeit, sondern eine gehörige Portion Problembewußtsein
für die Umweltproblematik an den Tag legen. Auch der konventio-
nelle Dreck, was also die deutsche Industrie an Blei, Cadmium
usw. frisch auf deutschen Landen zu bieten hat, ist daher ein
"Problem", nämlich eine Frage der Grenzwerte, die der Staat fest-
legt.
In dem Skandal, den das Freiburger Ökoinstitut aus einer von der
niedersächsischen Regierung veröffentlichten Broschüre machen
wollte, in der die Schönheit des Landes mit Bleiblutwerten, die
über der EG-Richtnorm liegen, angepriesen wird, ging es daher
auch nicht darum, daß Blei im Blut schädlich ist, sondern einmal
mehr um die Frage, wer verantwortlich gehandelt hat.
Das Freiburger Institut bemühte sich, einen Skandal aus der Ange-
legenheit zu machen, sprach von "Vertuschung" - obwohl der Mini-
ster alle Daten selbst veröffentlicht hatte -, und malte die Ka-
tastrophe aus: Goslar umgraben und evakuieren. Damit gab es nicht
nur kund, daß es dort und überall kein Problem mit der "normalen"
Belastung hat, die sich an die EG-Norm hält, sondern bedeutete
auch, daß die Kritik gar nicht so ernst gemeint war, sondern daß
man nur gegen die Ausmaße des betreffenden Falles protestiert ha-
ben wollte.
Prompt kann der zuständige Minister Schnipkoweit das geschilderte
Ausmaß nicht entdecken, weil die dortige Bevölkerung schließlich
seit Jahrhunderten das Zeug schluckt, von "Panikmache" sprechen
und öffentlich verkünden, daß das eigentlich Bedauernswerte an
der Goslarer Geschichte sei, daß es
"noch keine verbindlichen Grenz- oder Richtwerte für den Blei-
oder Cadmiumgehalt bei Menschen, Lebens- und Futtermitteln gäbe."
Damit spricht sich der Minister, der schließlich festlegt, mit
wieviel Blei und Cadmium man erst ein Mensch ist, und dafür ein
paar Wissenschaftler besoldet, die dies staatsverantwortlich her-
ausfinden, von aller eigenen Verantwortung frei und macht in vol-
ler Verantwortung für unser Staatswesen kurzerhand 10 Millionen
aus dem Staatssäckel locker, um es der betroffenen Bevölkerung in
die Taschen zu schieben.
Während die Auseinandersetzungen liefen, wurde die Verseuchung
ganz unbürokratisch aus der Welt geschafft. Neue Meßstationen
werden eingerichtet, die ihre Werte direkt nach Hannover melden,
als ob man dort bisher nichts über die Bleiverseuchung gewußt
hätte; die Firmen kriegen Geld für neue Filter geschenkt, damit
sie nie mehr unerlaubt Grenzwerte überschreiten und zudem ihre
lange vorgehabte Rationalisierung vornehmen können; zuguterletzt
darf die Bevölkerung, für die es schon selbstverständlich ist,
daß der Grünkohl im Schrebergarten nur noch als Zierpflanze
taugt, aus dem schlimmsten Dreck wegziehen. Daß bis jetzt erst
sechzig Familien von dem Angebot Schnipkoweits Gebrauch gemacht
haben, dürfte wohl daran liegen, daß sich die Familienväter noch
nicht im Klaren darüber sind, ob sie sich von ihrem Anteil der 10
Mio. Umzugshilfe jetzt einen Mercedes 450 oder einen Porsche 928
kaufen, um damit den dann weiteren Weg zur Arbeit in den Gosla-
rern Bleihütten zurückzulegen. Auch die nun leerstehenden Wohnun-
gen werden nicht lange auf neue Mieter warten müssen, nachdem die
PREUSSAG in Goslar bleibt und ihre Proleten schon kriegen wird.
Keine Schlamperei bei der Giftableitung
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Während im Falle Goslars die SPD-Opposition "künftig zügigere und
allgemeinverständlichere Informationen forderte" und mit der si-
cheren Verwirklichung dieser Forderung garantiert ist, daß das
Volk weiterhin ein Einsehen mit der schwierigen Aufgabe der Re-
gierenden hat, wenn nur alles mit rechten Dingen und offen zu-
geht, rollte in Hessen ein Kopf, der von Umweltminister Görlach -
auf den Parteivorsitz von Hessen-Süd. Diese klassisch zu nennende
Tour, durch Auswechslung der Charaktermasken dasselbe wie vorher,
nur jetzt mit neuer moralischer Integrität ausgestattet, zu be-
treiben, beendete die Affäre um die Mainverschmutzung durch
Hoechst. Es geht nämlich nicht an, daß die staatlich genehmigte
Gifteinleitung in den Fluß durch korrupte Beamte und unvorsich-
tige Firmenchefs in Verruf gebracht wird.
Der Fortschritt dieses Falles ist, daß die Mengen, die Hoechst in
den Main einleitet, gleich gar nicht mehr vorkommen, und gleich-
zeitig der Umweltgedanke so sehr an Gewicht gewonnen hat, daß er
sich eignet, frischweg Parteipolitik zu machen und einem Staats-
anwalt erlaubt, sich gehörig zu profilieren.
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