Quelle: Archiv MG - BRD KERNENERGIE ALLGEMEIN - Von der strahlenden Gegenwart
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Der GAU von Tschernobyl in sowjetischer Sicht
SOZIALISTISCHE MORAL BEZWINGT RADIOAKTIVITÄT
Ein sowjetischer Atomreaktor ist explodiert und die sowjetische
Öffentlichkeit ist davon unterrichtet worden. Wie - davon ist ei-
nem vieles vertraut. Auch drüben gehorchen die Techniken der Be-
wältigung dem einen Muster: Eine Katastrophe verlangt nach obrig-
keitlicher Betreuung, und zuständig dafür sind allemal die Zu-
ständigen. Es ist etwas "passiert", aber die Instanzen haben be-
reits "alles unter Kontrolle", "Fachleute" haben die
"erforderlichen Maßnahmen" ergriffen... Auch das kennt man von
hier zur Genüge: die dosierte Information, die Meldung der Kata-
strophe mit der sofortigen Betonung ihrer - verhältnismäßigen -
Ungefährlichkeit, die Anordnung von Maßnahmen zugleich mit der
Beschwichtigung, damit die Ordnung gewahrt bleibt... Und schließ-
lich auch in der Hinsicht dasselbe: Anlaß für eine gründliche
Aufklärung über die Gründe der Atompolitik und die damit vorpro-
grammierten "Risiken" dieser Technologie waren die "Ereignisse"
am Ort des Geschehens genausowenig wie in der so unglaublich auf-
geklärten wie kritischen westlichen Öffentlichkeit.
Auf der anderen Seite läßt die sowjetische Berichterstattung
vieles vermissen, verglichen mit westlichen Sitten. Beschwerden
darüber hat es ja übergenug gegeben: Ausmaß, Aussehen und die
plastischen Details der Katastrophe, um all diese wissenswerten
Nachrichten hat TASS die Welt und die eigenen Russen betrogen.
Auf Sensationsjournalismus müssen die Sowjetbürger verzichten,
also auf die Sorte Unterhaltung, die die Gräßlichkeit des Un-
glücks in allen Einzelheiten ausmalt, am Befinden der Opfer nach-
empfindet, im Idealfall ein besonders exotisches Sterben mitfilmt
und dafür den Fotopreis des Jahres kassiert. Die damit verbrei-
tete Botschaft von einem grund- und zwecklosen S c h i c k-
s a l, das in der B e l i e b i g k e i t seines Zuschlagens
eine einzige Aufforderung zur B e s c h e id e n h e i t
darstellt und zur Würdigung des Umstands, wie - vergleichsweise -
gut der Betrachter es doch getroffen hat, d i e moralische
Nutzanwendung paßt offensichtlich nicht ins Weltbild der
sowjetischen Massenbetreuung. Im Gegensatz zum A u s k o s t e n
von Verhängnissen und dgl. ist deren Standpunkt vielmehr: Das
hätte nicht passieren dürfen.
Was die sowjetische Bewältigung des GAU auch nicht zu bieten hat,
ist eine ausgiebige Debatte darüber, wer von den zuständigen In-
stanzen sich wo welche Fehler hat zuschulden kommen lassen, mit
Standpunkten für alle Geschmäcker von zupackenden Notstandsregle-
ments bis zum sensiblen Eingangs- und Ausgangsohr für die Ängste
der Bevölkerung. Sogar die Fragen, wo Gorbatschow am Abend der
Katastrophe war und ob er sich rechtzeitig und im angemessenen
Tonfall dazu geäußert hat, mußte die westliche Presse mit sich
allein erörtern. Und anstelle eines Streits zwischen Aufsichtsbe-
hörde und Betreibergesellschaft mit der Abklärung der wechselsei-
tigen Rechte und Pflichten haben die sowjetischen Stellen ein
paar verantwortliche Versager in der Betriebsleitung, der örtli-
chen Parteiführung, demnächst vielleicht auch noch in der Regie-
rungsmannschaft der Ukraine ausgemacht und kurz und schmerzlos
ihrer Posten enthoben. Auch in der Abteilung dringt die sowjeti-
sche Bewältigung auf eine andere Sorte von Sicherheitsstiftung:
Ein solches Unglück stört die heile, geordnete Welt der soziali-
stischen Gesellschaft; daß es e i g e n t l i c h nicht vorkom-
men d ü r f t e, wird mit aller Entschiedenheit an den dafür
haftbar gemachten Figuren exekutiert.
Katastrophengrund: Atom
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Die sowjetische Politik hat an ihrem GAU etwas zu bewältigen. Mit
dem Eingeständnis von Versäumnissen oder gar einem Fehler im Sy-
stem wird der interessierte Westen allerdings nicht bedient. Die
sowjetische Führung sorgt sich um das Verhältnis zu ihrem Volk,
das sie als erstes mit ihrer D e u t u n g des Geschehens be-
kannt macht. Dabei wird der "Vorfall" genauso entschieden von
s e i n e n G r ü n d e n getrennt wie in den westlichen Be-
trachtungsweisen. Das militärische und ökonomische Diktat zur
Benützung der Atomtechnologie steht genausowenig zur Debatte, um
so mehr der Mensch im Mittelpunkt. Allerdings der Mensch in Kon-
frontation mit einem ganz unvorhersehbaren und ganz außergewöhn-
lichen Ereignis. Das ist das erste, was der Generalsekretär in
seiner Fernsehansprache betont haben will:
"Wir sind zum ersten Mal real mit einer so gefährlichen Kraft
konfrontiert worden wie der außer Kontrolle geratenen Kernener-
gie... Angesichts des außerordentlichen und gefährlichen Charak-
ters dessen, was in Tschernobyl geschehen ist. ...
Wie ich schon sagte, haben wir es zum ersten Mal mit so einem au-
ßergewöhnlichen Vorfall zu tun..."
Der wissenschaftliche Einsatzleilter vor Ort, Vize-Präsident der
Akademie der Wissenschaften, steuert eine sehr wissenschaftliche
Übertreibung bei:
"Mit vielen dieser Probleme - das kann man ohne Übertreibung sa-
gen - wurde die Menschheit überhaupt zum ersten Mal konfron-
tiert."
Ganz im Gegensatz zur abgebrühten westlichen Katastrophenmoral,
die mit der Erkenntnis wuchert, daß das Leben nun mal so ist und
der Mensch sich außer den verschiedensten "Risiken" und
S c h a d e n s-Alternativen nichts davon zu erwarten hat, ganz
im Gegensatz dazu versetzt das sowjetische Weltbild "den Men-
schen" in eine spannende Auseinandersetzung mit "der Natur", und
zwar an der vordersten Front, so daß man darauf s t o l z sein
kann. In diesem Fall mit "dem Atom".
Obwohl das in seiner Normalform an überhaupt gar nichts schuld
ist und die Sowjetbürger in der Schule gründlich darüber unter-
richtet werden, daß diese Dinger überall herumzischen, ohne daß
deswegen irgend etwas in die Luft geht, zitiert der Generalsekre-
tär "die gefährliche Kraft des außer Kontrolle geratenen Atoms".
"Das Atom", das in diesem Fall von naturwissenschaftlichem Obsku-
rantismus in der Einzahl aufzutreten pflegt, hat zwei, weniger
wissenschaftlich als moralisch unterschiedene Seiten: eine
n ü t z l i c h e und eine g e f ä h r l i c h e.
"Bekanntlich bringt das friedliche Atom der Menschheit nicht we-
nig Nutzen."
Wenn es sich aber auf die Hinterfüße stellt und "außer Kontrolle
gerät", dann betätigt es seine "gefährlichen Kräfte". Dann
schwelgen die Anhänger der wissenschaftlich-technischen Revolu-
tion in ihren Märchenmetaphern vom "Rachen des atomaren Vulkans"
und dem "aufsässigen atomaren Riesen". Der unbedingte Wille zur
B e n ü t z u n g dieser Naturkraft unter Einschluß der damit
wissenschaftlich bekannten und technisch b e h a n d e l t e n
W i r k u n g e n erzeugt eine komplette Philosophie des Atoms,
das dem Menschen als sehr e i g e n w i l l i g e r Widerpart
gegenübertritt. Das ist dialektischer Materialismus, Marke Ost-
block.
Katastrophenbewältiger: Mensch
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In dieser Sorte Ringen von Mensch und Natur hat allerdings
O p t i m i s m u s zu gelten. Der Mensch ist dem Atom über!
Während westliche Politiker die Gelegenheit benutzt haben, ihr
Publikum gründlich über die Unentbehrlichkeit der Strahlen und
anderer "Risiken" aufzuklären, mit denen es nun einmal zu leben
hat, versichert der sowjetische Generalsekretär seinem Volk, daß
die "Gewährleistung einer sicheren Meisterung der gewältigen und
ungeheuren Kräfte, die im Atomkern stecken", e r l e d i g t
wird. Während hierzulande die Wahrscheinlichkeitsrechnung, das
"Restrisiko" und die Güte des nationalen Geräts jeden Zweifel be-
schwichtigen sollen, garantiert drüben die Moral selbst im Augen-
blick der eingetretenen Katastrophe alles. Und der Organisator
auch dieses moralischen Sieges ist der Sowjetstaat.
Der metaphysische Unsinn über das Atom stellt schließlich nichts
anderes dar als das von der Partei ausgegebene Selbstbewußtsein,
nach dem unter ihrer Anleitung die Menschen nurmehr mit der Ent-
faltung der Produktivkräfte zu tun haben. Das ist die Elementar-
lüge dieser Staatsdoktrin, die die Differenz zwischen dem un-
ablässigen Bemühen der Massen und den weniger großartigen Resul-
taten der Reichtumsproduktion nicht auf die Beschaffenheit ihrer
ökonomischen Anweisungen zurückführen will, sondern statt dessen
lieber die Produktivkräfte für sehr nützlich, aber auch sehr
schwierig erklärt. Konkurrenzgedanken, Vergleiche mit anderen im
Dienste eines Feindbilds sind dieser Perspektive fremd.
Materialismus buchstabiert die Partei als F o r t-
s c h r i t t s g l a u b e n - eine schöne Alternative zur im
Westen üblichen Sitte, die ruinösen Wirkungen des Kapitals auf
die menschliche und sonstige Natur als Rache der mißbrauchten
Schöpfung zu interpretieren und sich angesichts von lauter Glanz-
leistungen der Kapitalakkumulation den pessimistischen Glauben an
eine Welt voller "Knappheiten" zu leisten.
Der von der Partei für verbindlich erklärte Idealismus, daß die
von ihm benützten Mittel prinzipiell tauglich zu sein haben, be-
schert den Sowjetbürgern das Atom als "den Fortschritt", den sie
zu "bemeistern" haben.
"Ich bin zutiefst überzeugt, daß das Atomkraftwerk der Gipfel der
Errungenschaften der Energietechnik ist. Das ist das Fundament
der nächsten Etappe in der Entwicklung der menschlichen Zivilisa-
tion."(Akademiemitglied W. A. Legasow)
Eine üble Kosten-Nutzen-Philosophie, in der ausgerechnet die
M i t t e l für ein sorgenfreies Leben, Natur und Technik, ohne
Sorgen nicht zu haben sein sollen:
"Der stürmische Fortschritt von Wissenschaft und Technik bringt
nicht nur Erfolge mit sich, sondern auch Opfer - materielle und
menschliche. Kein Bereich der menschlichen Tätigkeit ist da eine
Ausnahme. Für jeden Fortschritt muß die Menschheit bezahlen. Man
kann an den 15. Start der scheinbar vollkommen erprobten Raum-
fähre erinnern. Das betrifft auch die Forschungen auf dem Gebiet
der Atomenergie. Ausnahmen kann es da nicht geben, wenn auch au-
ßergewöhnliche und kostspielige Maßnahmen zur Gewährleistung der
Sicherheit der Menschen ergriffen werden. Den Kampf des Menschen
um die Beherrschung aller Kräfte der Natur kann man nicht als ab-
geschlossen ansehen." (Prawda, "Was die Fakten aussagen", 5.5.)
Wenn die Russen in ihrem menschheitssüchtigen Beweisdrang schon
so großzügig sind, ein Stück Kriegsprogramm der USA unter
"Erforschung des Kosmos" abzubuchen, soll man auch bei ihnen
nicht kleinlich nach der Natur eines "Fortschritts" fragen, der
mit seinen Opfern für sich Reklame macht. Das Beileid der Sowjet-
regierung für die Opfer des SDI-Programms scheint ernst gemeint
gewesen zu sein. Am widerlichen US-Beerdigungszeremoniell für die
Challenger-Besatzung ist den Russen nichts aufgefallen. Vielmehr
hielten sie es für passend, die einzementierte Reaktorruine zum
Grabstein für die beiden ersten Opfer zu ernennen. Eben auch für
eine gute Sache draufgegangen!
Katastrophenmoral: einmalig!
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Daß Leichenfeiern und ein gutes Gewissen ganz ausgezeichnet zu-
sammenpassen, ist ein Vorzug beider Systeme; was die Sowjetbürger
aus der Katastrophe alles lernen können, wodurch sich die Kata-
strophe in ihr glattes Gegenteil, nämlich einen Anlaß für eine
nationale Jubelfeier verwandelt, ist eine sowjetische Speziali-
tät. "Das Atom" als eine großartige Herausforderung für die
Menschheit verlangt mit seiner negativen Seite ziemlich viel
H e l d e n t u m. Wenn es aus schierer Laune aus den Fugen ge-
rät,
"was, wie die Physiker der theoretischen und der angewandten Phy-
sik behaupten, sogar im System der unwahrscheinlichsten Wahr-
scheinlichkeiten nicht geschehen sollte", (Prawda, 23.5.)
also gerade so wie ein äußerer Feind die friedliche Sowjetgesell-
schaft überfällt, sind lauter K r i e g s t u g e n d e n ge-
fragt.
Lauter Parallelen zum "Großen Vaterländischen Krieg" "drängen
sich" auf.
"AKW Tschernobyl: alltägliche Heldentat Kampfarbeit
'KRIEGER! Den Auftrag der Sowjetregierung werden wir erfüllen!'
Unter solch einer Devise arbeiten an dem havarierten Atomkraft-
werk die Truppen und Truppenteile...
Der Weg von Kiew bis Tschernobyl läuft durch Orte schwerster
Kämpfe, die vor dreiundvierzig Jahren die sowjetischen Krieger
führten, besonders die 38., 60. und 13. Armee, beim Stürmen des
Dnjepr... Wir hielten eigens in Nowye Petrowzy an, das auf dem
ehemaligen Brückenkopf Ljutesh liegt. Südwestlich von diesem be-
siedelten Punkt befanden sich auf einer namenlosen Höhe die Kom-
mando- und Beobachtungsposten des kommandierenden Armeegenerals
der 1. Ukrainischen Front, N. Watutin und des Armeebefehlshabers
der 38., General K. Moskalenko, sie lagen 200 Meter vor den vor-
dersten Verteidigungslinien des Gegners!
Still und ruhig war es über den sorgsam erhaltenen Verbunkerungen
und Verbindungsgängen, über dem Denkmal für die Befreier Kiews.
Nur das unbekümmerte Schlagen der Nachtigall stört diese Ruhe.
Mit einem Wort, überhaupt gar nichts sagt einem, daß nördlicher,
in wenigen Dutzend Kilometern sich eine Schlacht entwickelt hat.
In dieser Schlacht ist kein Geschützdonner zu sehen, den jetzigen
Gegner, dessen Name Strahlung ist, kann man nicht mit dem Fern-
rohr ausspähen, seine 'Sprache' nicht auffangen, um die feindli-
chen Absichten in Erfahrung zu bringen...
Das geflügelte Wort der Front 'Kommunisten, voran!' erklingt hier
auf dem Schauplatz von Tschernobyl hell und deutlich. Jetzt, in
Friedenszeiten, lösen die Truppen eigentlich eine Kampfaufgabe.
Das ist der Angelpunkt der aktiven, dynamischen Arbeit der Par-
tei, die sozusagen nach den Maßstäben der Kriegszeit geführt
wird... daß die Befehle mit maximaler Geschwindigkeit die Solda-
ten und Offiziere erreichen..." (Prawda, 20.5.)
Was die Kriegstugenden lehren, ist Optimismus: Der Feind ist zu
besiegen! Die Strahlung kann noch so unsichtbar sein, der Roten
Armee und dem Sowjetvolk ist sie nicht gewachsen. Das Umgekehrte
zu denken, ist nicht erlaubt.
"Die Attacke gegen den havarierten Reaktor begann vor kurzem auch
'frontal'. Die Strategie des Kampfes ist festgelegt, die nötigen
Mittel sind vorhanden. Und das heißt, der Sieg wird unbedingt
kommen."
Fazit: Mit Strahlen fertig zu werden ist 1. eine Frage des
'Gewußt wie', 2. eines straffen Kommandos, 3. und hauptsächlich
aber eine des W i l l e n s!
"Ca. 40.000 Menschen wurden in feldmäßig eingerichteten Sanitäts-
bataillons untersucht, die Menschen erhielten qualifizierten Rat,
erwarben, und das ist sehr wichtig, psychologische Stabilität."
Eine stabile Moral ist der beste Strahlenschutz. Und wenn das so-
wjetische Fernsehen die Feuerwehrleute vorzeigt, die demnächst
fällig sind, was auch jeder weiß, weil die Wirkung der Strahlen
b e k a n n t ist, dreht es keinem den Magen um. Wenn die versi-
chern, wie gut sie sich fühlen und wie gut sie versorgt werden,
bricht Begeisterung über diese großartigen Heldencharaktere aus.
Das ist Sensationsjournalismus sowjetischer Machart, die Aus-
schlachtung der Katastrophe unter dem Gesichtspunkt ihrer
B e w ä l t i g u n g durch das hervorragende sowjetische Men-
schenmaterial. Von wegen also "Verschweigen", wie der westliche
Haupt- und Generalvorwurf gelautet hat: Der GAU ist eine einzige
G e l e g e n h e i t, die Erfordernisse der Staatsmoralität
breitzutreten und Erfolgsmeldungen zu veröffentlichen, deren fei-
erlicher Zynismus kaum zu überbieten ist.
Opfer gehören gefeiert!
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Ein ordentliches Unglück fordert erstens lauter Tugenden heraus:
"Bei aller Schwere des Geschehens konnte der Schaden in entschei-
dendem Maße dank des Mutes und des Könnens unserer Menschen, dank
ihrer Pflichttreue und dank der Dynamik der Handlungen aller...
in Grenzen gehalten werden." (Gorbatschow)
"Ja, die Menschen waren bereit für ein solches Ereignis."
(Prawda, 23.5.)
Daß Kriege, Katastrophen und sonstiges Unglück für das betroffene
Menschenmaterial eine sachliche E r p r e s s u n g darstellen,
sich der eigenen Haut zu wehren und den Dreck wieder wegzuräumen,
schmälert nicht das Lob der Tugend: Ausgerechnet dabei soll ganz
viel Bereitschaft und Selbständigkeit am Werk sein.
"Bei der Lage, die sich da ergeben hatte, erlaubte sich niemand
auch nur die geringste Schwäche, sondern im Gegenteil, man zeigte
seine Geschlossenheit und Organisiertheit, sein Können und die
Kühnheit, selbständige Entscheidungen zu treffen, manchmal auch
riskante."
Und daß dabei ein paar krepiert sind, ist ein Fleck auf ihrer
Ehre, der so nicht stehenbleiben darf:
"Er, der Ober-Operateur im Reaktor, der seine gewöhnliche Wache
im vierten Block angetreten hatte, versuchte, die außer Kontrolle
geratene Gewalt zu bändigen. Und deshalb" - eine Folgerung der
moralischen Logik -"ist er nicht Opfer, sondern der Mensch, des-
sen Name Walerij Chodemtschuk ist."
Zweitens hat die Katastrophe, nach dem Prinzip: Je größer die
Scheiße, desto mehr Tugend nötig, eine klassische B e w ä h-
r u n g s p r o b e fürs Volk geboten. Unter der Überschrift
"Die Zone der Wahrheit und des Gewissens" erörtert die Prawda die
Ergebnisse dieser Volkstugendüberprüfung.
"Die Situation hat jeden ins Licht gestellt. Ihn kompromißlos
ausgeleuchtet... Doch heute schon kann man sagen, daß auf je
zehntausend Einwohner von Pripjat nicht mehr als einer entfiel,
dessen Seele außer Kontrolle geriet... Insgesamt bestehen die
Menschen die Prüfung, der sie ausgesetzt wurden, mit Ehre..."
Die Versager sind also eine verschwindende Minderheit und werden
garantiert ihres Lebens nicht mehr froh.
"Ich war auf der ersten Parteiversammlung der Atomarbeiter nach
der Havarie. Das Protokoll dieser Versammlung ist ein Dokument
seltener Art. In ihr erklang kein einziges Mal das Wort 'Held'.
Aus dem Mund der Menschen, deren Wache in den drei Reaktoren ge-
rade abgelöst worden war, war das Wort 'Mann' sogar umfassender.
Dafür strahlte das Wort 'Deserteur' eine mörderische Dosis Ekel
und Verachtung aus... Sie sitzen offensichtlich irgendwo rum wie
die Mäuse und warten ab, bis alles sich hier beruhigt."
Drittens ergibt also die Katastrophe die Erfolgsmeldung, daß das
Volk in seiner 99,9-prozentigen Mehrzahl einwandfrei funktio-
niert. Keine Ausfälle, die Front steht - und das ehrt das System:
"Ja, die Sowjetmenschen demonstrierten in dieser Stunde erneut
die eherne Geschlossenheit unserer Gesellschaft, ihr hohes huma-
nes Wesen, in der Tat zeigten sie die Einheit von Partei und
Volk, die Einheit von Volk und Armee, die Stärke der Kampf- und
Arbeitertraditionen, die Freundschaft der Völker unseres Landes
aus vielen Nationalitäten."
Und dieses Erlebnis ist so klasse, daß sich der Oberwissenschaft-
ler kaum noch vom Strahlenherd Tschernobyl losreißen konnte:
"Mit Bedauern verließ ich Tschernobyl, obwohl mein Arbeitstag
dort 18 Stunden dauerte. Es ist angenehm, sich in einem Kollektiv
zu wissen, in dem jeder bereit ist, eine beliebige Aufgabe zu er-
füllen, dem Kameraden zu Hilfe zu eilen, in dem alle, unabhängig
von ihren Titeln und Rängen, durch ein gemeinsames Ziel, einen
gemeinsamen Wunsch vereinigt sind, die für die Menschen nützliche
Arbeit bestens und schnellstens auszuführen."
Jetzt muß der bedauernswerte Mensch wieder bis zum nächsten GAU
warten.
Der Sozialismus will sich ausgerechnet als ein großangelegtes Er-
ziehungsprogramm zur Volkseinheit verstehen, zu einer Einheit, in
der sich die Menschen durch viele Opfer und Tugenden heftig nüt-
zen. Bei der Feier dieser strapaziösen Einheit sind störende Hin-
weise auf die Differenz von oben und unten nicht erlaubt: Im Un-
terschied zum geheuchelten Verständnis für die Betroffenheitsma-
sche westlicher Staatsbürger, die ihre Ohnmacht und "berechtigte
Angst" locker zugestanden kriegen, sind sowjetische Staatsbürger
als Zupacker beim Einheitswerk gefragt und haben sich für
"Hysterie" bestenfalls zu schämen:
"Zur Ehre der tausend Menschen, die im AKW arbeiten und gleich
daneben wohnen, gab es keine Panik, obwohl auch einzelne Panikma-
cher auftauchten."
Und umgekehrt sind Zynismen, mit denen Führernaturen der Sorte
Zimmermann und Strauß Punkte machen, nicht erlaubt: Daß der Bür-
ger ohnehin nicht durchblickt, deswegen auch nichts zu wissen
braucht, weil er dann sowieso nur Unordnung stiftet, sich dafür
aber jeden Unsinn über die "Lage" zurechtlegen darf, der nicht
schadet - darauf kämen Sowjetführer nie.
Die unbedingte Einheit von Führung und Volk muß nämlich geglaubt
werden, damit die Moral das Volk auch nicht verläßt.
"Es gibt eine Kraft, die mächtiger ist als die Energie des Atoms.
Sie nährt uns in allen schweren Prüfungen. Diese Kraft ist der
sowjetische Charakter. Unsere monolithische Einigkeit hat der un-
erwarteten Not den Weg versperrt."
Die Partei ist eben der festen Auffassung, daß unter allen Pro-
duktivkräften die Moral die allerwichtigste ist. Sie denkt also
gar nicht daran, die Katastrophe zu verschweigen, sondern veran-
staltet mit ihr eine regelrechte Kampagne. Zur Verbreitung des
gehörigen Optimismus, daß der Sozialismus noch alle seine Feinde
an der zähen Natur des gelungenen sozialistischen Menschen zer-
schellen lassen wird, und zur Aufklärung über die nächsten Etap-
pen, an denen sich die Volksmoral bewähren soll.
Die nützliche Seite des Atoms will schließlich nur um so mehr
"bemeistert" werden und nicht nur die.
"In den Betrieben des Donbass, wie auch in vielen anderen Betrie-
ben des Landes, läuft die Fertigung für Eilaufträge für das AKW
Tschernobyl. So montiert das Kollektiv des Maschinenbau-Werks
Nowokramatorsk im Stoßarbeits-Tempo ein spezielles Erdbewegungs-
aggregat. Die Metallurgen des Gebiets haben als Sonderlieferung
bereits 1.700 t Walzgut, 10.000 t Großrohre, 1.200 t Magnesit-
Pulver verladen..."
Die mit der Katastrophe nun einmal unausweichliche Entscheidung,
den Schaden gering zu halten und in gemeinsamem Werk aufzuräumen,
die p r a k t i s c h e N o t erfährt da eine staatliche Deu-
tung, die es in sich hat. Es ist, als ob in der Katastrophe das
Ideal der Harmonie zwischen Staat und Volk wahrgeworden ist und
die Politik s i c h f e i e r n wollte - angesichts einer Lage,
die "Hader und Zwietracht" gar nicht zuläßt.
Die Ernte in den nicht-verstrahlten Gebieten braucht natürlich
ebenso ihre Helden, überhaupt ist Tschernobyl ein einziger Auf-
takt für analoge Großtaten allüberall: Sonderschichten wegen und
für Tschernobyl! Auch für die Kompensation der Schäden, die der
GAU der nationalen Wirtschaft beschert, heißt das Rezept: ein
einsatzfreudiges Sowjetvolk! Das ist die russische Variante des
Spruchs "Tschernobyl ist überall!" Das ist eben auch ein Unter-
schied der Systeme: Während sich hier Ängste und Nöte des geschä-
digten Bürgers einwandfrei in Wahlstimmen, in die Ermächtigung
der Führung umsetzen, die die Nöte weiterhin verordnet, veran-
staltet die KPdSU mit ihrem GAU eine einzige Kampagne zur Feier
und Stärkung der Volksmoral, die sich unter bewährter Anleitung
an der Produktionsfront zu bewähren hat. Bloß - für oder gegen
welches von beiden Systemen spricht das jetzt?
Katastrophe sortiert Freund und Feind
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Systemvergleichen können sie übrigens auch, nämlich so:
"Es ist jedoch zu bedauern, daß vor diesem weiten Hintergrund des
Mitgefühls und des Verständnisses von bestimmten Kreisen Versuche
unternommen werden, das Geschehene zu üblen politischen Zwecken
auszunutzen. Propagandistisch wurden Gerüchte in Umlauf gebracht,
Erfindungen die den elementaren sittlichen Normen zuwiderlaufen.
Zum Beispiel werden unglaubliche Geschichten über Tausende von
Getöteten, über Panik in der Bevölkerung herumposaunt. Jedem nor-
malen Menschen ist verständlich, daß Schadenfreude in der Not
eine unanständige Betätigung ist." (Prawda, 5.5.)
"Dennoch, wer in seiner Verblendung durch den Antisowjetismus und
den Antikommunismus eiligst jeden Vorwand nutzt, um mit fremdem
Unglück zu spekulieren, sollte endlich verstehen, daß in einer
zivilisierten Menschheit solche Ausfälle nur die verdiente Verur-
teilung finden." (Prawda, 6.5.)
Eine Aufklärung über den Imperialismus ist das nicht gerade und
auch ein sehr passives Feindbild: Dem Feind g e h e n nämlich
nur die guten Sitten, die Hochanständigkeit des sowjetischen Men-
schenschlags a b. U n sittlichkeit, U n zivilisiertheit, al-
lenfalls Verblendung wird dem Gegner attestiert. Während der die
Schäden für die sowjetische Ökonomie und Rüstungsprogramme hoff-
nungsvoll hochrechnet, gönnen sich die Sowjetmenschen den Glauben
an die Möglichkeit von dessen Besserung. Oder sind im schlimmsten
Fall beleidigt über soviel Unanständigkeit.
Inwiefern die moralische Blamage des Feindes an der sowjetischen
Katastrophe ein besonderes "Ablenkungsmanöver" v o n der Kata-
strophe sein soll, wie es sich der "Spiegel" ausgedacht hat, wird
wohl dessen Geheimnis bleiben.
Das friedliche und das böse Atom
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Den V e r g l e i c h von GAU und Atombombe stellt die sowjeti-
sche Öffentlichkeit ebenfalls wieder sehr sittlichkeitsbewußt an.
Getreu ihrer Unterscheidung der beiden Seiten dieses Dings:
"Was die friedliche Nutzung angeht, so muß hier mit der Realität
gerechnet werden. Denn das friedliche Atom wurde schon zu einem
mächtigen Wirtschaftszweig in vielen Ländern."
Und wenn das friedliche Atom außer Kontrolle gerät, nimmt man das
als Warnung - vor seiner unfriedlichen Nutzung:
"Wir verstehen diese Tragödie als ein weiteres Alarmsignal, eine
weitere schreckliche Warnung, daß die nukleare Epoche ein neues
politisches Denken und eine neue Politik erfordert."
(Gorbatschow)
Nicht etwa, daß die B e s c h a f f u n g dieser Waffen sehr
eindeutig auf die p o l i t i s c h e n A b s i c h t e n zu-
rückschließen läßt, auf die NATO-Kriegserklärung und die sowjeti-
sche Gegendrohung. Sowjetische Politiker denken viel komplizier-
ter: Die Moral der Sache stellt die Moral des Benutzers vor große
Aufgaben. Und da melden sie ernsthafte Zweifel am Charakter des
amerikanischen Präsidenten an:
"Es sei gestattet, Mister Reagan zu fragen, ob eine solche Poli-
tik einer zivilisierten Nation würdig ist? Ist es denn würdig,
sich für zivilisierte Menschen zu halten und gleichzeitig Waffen-
berge aufzuhäufen, die für die Massenvernichtung von Millionen
bestimmt sind, demonstrativ das sowjetische Moratorium für Atom-
waffenversuche zu durchbrechen, sich zu weigern, der elementaren
Logik und dem gesunden Menschenverstand zu folgen?
Nein, so verhalten sich zivilisierte Menschen nicht, das ist eher
das Niveau des Denkens von Neandertalern..." (Prawda, 6.5.)
Eine g e r a d l i n i g e H e t z e gegen die USA, die immer-
hin die Atombombe e r f u n d e n, schon einmal e i n g e-
s e t z t, die atomare Energieerzeugung in große Maßstab und mit
den entsprechenden "Störfällen" installiert haben, bringt die
Sowjetpolitik nicht zustande: Der Standpunkt, daß die Dinger i n
i h r e n H ä n d e n sehr nützlich sein sollen, verbietet das.
Statt dessen wird wieder das Recht auf g e m e i n s c h a f t-
l i c h e Bewältigung der "nuklearen Epoche" angemeldet. Und
wenn sich sowjetische Politiker schon einmal darüber auslassen,
daß sie in diesen Fragen einer gewissen E r p r e s s u n g von
Seiten der USA ausgesetzt sind und auch über die
Zusammengehörigkeit der beiden Seiten des Atoms Bescheid wissen,
dann tun sie das 1. im Westen und 2. nicht ohne die Betonung, daß
sie das für vermeidbar halten:
"Es stimmt schon, ist makaber, aber ebenfalls unzertrennlich, zi-
vile und militärische Nutzung der Atomenergie. Sehen Sie, neulich
im 'SPIEGEL' aus der Feder des Herrn Augstein stand es
geschrieben und dem könnte ich sofort beipflichten, daß es
letztendlich keinen Ausstieg aus der Atomenergie für die
Sowjetunion geben darf, abgesehen von wirtschaftlichen Nöten. Das
dürfen wir uns im Moment nicht leisten. Sondern aus einfachem
Grunde, daß wir mittenmang in der militärischen Konfrontation
sind und Atomgleichgewicht halten müssen. Deswegen auch alle
unsere Vorschläge über Atomabrüstung, deswegen unsere Vorschläge
über Testverbot." (Nikolai Portugalow im "Internationalen
Frühschoppen", zitiert nach "Spiegel", Nr. 22/86)
Verraten hat der gute Portugalow den Westlern vom "Frühschoppen"
und dessen Publikum damit freilich nichts. Daß bei den
R u s s e n die "friedliche Nutzung allemal nur Tarnung ist,
weiß doch bei uns jedes Kind.
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