Quelle: Archiv MG - BRD KERNENERGIE ALLGEMEIN - Von der strahlenden Gegenwart


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       Erdgas
       

DIE LOGIK EINER AUSSERORDENTLICHEN PREISENTWICKLUNG

Die enorme Steigerung der Verbraucherpreise für Erdgas im letzten Jahr hat den Verdacht aufkommen lauen, daß es "uns mit dem Gas genauso gehen könnte, wie mit dem Öl". Dabei ist es erst ein paar Jahre her, daß im Zeichen des "Öl- preisschocks" dem Gas eine wichtige Rolle bei der Bewältigung bundesrepublikanischer Energieversorungsprobleme zugewiesen wurde. Der Ausbau der Gasversorgung, so hieß es damals, sollte die fatale Abhängigkeit von den Ölförderländern und damit die ständige Aufwärtsbewegung bei den Ölpreisen "abdämpfen". Mittler- weile wurde der Gasmarkt zu einer "ernsthaften Alternative" zum Ölmarkt entwickelt - allerdings begegnet uns hier eine Alterna- tive der dritten Art: Es soll sie nämlich nur dann geben, wenn es sie als Alternative des Preises für den Verbraucher nicht mehr gibt: "Erdgas kann nicht billiger sein als andere Energien, weil es sonst nicht zu wettbewerbsfähigen Bedingungen gegenüber dem Öl zur Verfügung gestellt werden kann." (Ruhrgas AG) Man erinnert sich, daß der "Ausbau der Wettbewerbsposition des Gases" die Position des Verbrauchers stärken und so den Ölkonzer- nen zu etwas mehr Preisdisziplin verhelfen sollte. Nun findet der beabsichtigte Wettbewerb statt, aber gerade so - laut Ruhrgas AG -, daß, wenn er stattfände, es die Alternative des Gases nicht gäbe und damit auch keinen Wettbewerb. Wenn ausgerechnet die An- gleichung der Preise den Wettbewerb ermöglichen soll, die "Entlastung des Energiemarktes" dann vollzogen ist, wenn die "Entlastungsfunktion" des billigeren Gases nicht mehr gegeben ist, dann läßt sich erschließen, wem denn eigentlich durch die Entwicklung der Gasversorgung eine "Wahlmöglichkeit" eingeräumt worden ist. Die "Wahlmöglichkeit des Verbrauchers" löst sich auf in eine des A n b i e t e r s, der die Freiheit besitzt, das Gas nicht unter dem Ölpreis zur Verfügung stellen zu "können". Und dies, obwohl er es jahrelang gemacht und auf diese Weise den Gasmarkt beachtlich expandiert hat, mit dem Resultat, daß er seine Preispolitik auf dem einen Markt nunmehr für seine Preispo- litik auf dem anderen Markt verantwortlich macht. Dafür muß man erstens beide Energien exklusiv anzubieten haben und zweitens müssen die Abnehmer darauf angewiesen sein, weshalb man nach vollzogenem Ausbau des Gasversorgungsnetzes und der damit einher- gehenden Abhängigkeit der Abnehmer es nicht mehr nötig hat, das Gas billiger zur Verfügung zu stellen. So führt denn die Frage, wer auf diesem "alternativen Energie- markt" das Geschäft macht, zu lieben alten Bekannten: den Ölmul- tis - vereint in der Ruhrgas AG, getrennt in der Konkurrenz um Lieferverträge und wieder vereint bei der Preisgestaltung. Die konkurrenzlose Billigkeit von Öl und Gas auf diesem monopolisier- ten Markt läßt kein Russengas oder Saudi-Öl ohne die Multis hier aufkommen und ermöglicht ihnen, die Preise so teuer wie nur mög- lich zu gestalten. Beim Gas hat man es sich mit der Preispolitik jahrelang ziemlich leicht gemacht. Der Erdgaspreis, so lautete die Indexklausel, folgt der Preisentwicklung beim schweren Heizöl mit einem Jahr Verzögerung zu 70%. Damit waren die Verbraucher geködert, der Absatzmarkt erschlossen, das Gas "kalkulierbar" ge- worden und die öffentlichen Mittel zum Ausbau des Versorgungsnet- zes geritzt. Jetzt hat diese Berechnungsweise aber auch ihre Schuldigkeit ge- tan. Mittlerweile ist die 70%ige Indexberechnung der 100%igen ge- wichen, man bindet sich teilweise schon an den wesentlich höheren Rohölpreis, und etwa in einem Jahr wird man die Frage diskutieren können, ob nun der Gaspreis den Ölpreis dämpft oder umgekehrt. Während der geschäftsmäßige deutsche Gasverbraucher Sondertarife zugestanden bekommt, bekommt der Normalverbraucher eine Reihe guter "Gründe": - Der beste Grund ist, wenn die Russen und Algerier ihre Liefer- preise erhöhen, was sowohl in der Bildzeitung als auch im Han- delsblatt als "eklatante Vertragsverletzung" vermerkt wird und hierzulande nie passiert. - Der zweitbeste Grund ist, wenn wir's wieder anpacken müssen. - Der drittbeste ist, wenn die Ölpreise steigen. - Der viertbeste ist, wenn uns irgendein Öl-Manager auf doppel- seitigen Farb-Glanzpapier vertrauensbildend anstiert. - Und der allerbeste ist, wenn Franz Beckenbauer mit dem HSV und einem 'BP' an der Brust deutscher Meister wird und in die Natio- nalelf zurückkehrt. Zahlen muß der Verbraucher sowieso, also kann er auch zufrieden sein, daß er die guten Gründe in wechselnder Reihenfolge gratis dazugeliefert bekommt. Irgendwie scheint ihre Dämlichkeit der seinigen zu entsprechen. zurück