Quelle: Archiv MG - BRD INNENPOLITIK INNERE-SICHERHEIT - Vom demokratischen Kontrollwesen


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       Bremer Hochschulzeitung Nr. 105, 20.11.1984
       
       Der Veranstaltungskommentar
       
       Podiumsdiskussion im Schlachthof über "Geheimpolizei in Bremen"
       

KRÖNINGS ARGUMENTE: EINE HUNDERTSCHAFT STAATSSCHÜTZER

Zum schiedlichen Meinungsaustausch zwischen den Leuten, die der Polizei-V-Mann Klaus-Dieter Hoffmann bespitzeln und gemäß dem Auftrag seines Kommisariats als "anarchistische Gewalttäter" auf- bereiten sollte, und seinem politischen Auftraggeber" Innensena- tor Kröning, kam es dann doch nicht. Volker Kröning war nämlich im Schlachthof genau in der Funktion erschienen, in der er ein- geladen worden war: Als "Vertreter der freiheitlichen Demokratie" (Kröning über Kröning) hatte er mit deren Staatsschutztruppen die Hälfte des Saales füllen las- sen. "Kein Interesse an Diskussion mit einem Mann, der das ein- zige Interesse hat, uns in den Knast zu bringen." Keine Diskus- sion mit einer "Dienstversammlung" der Polizeikräfte, "die uns bespitzeln und auf Demonstrationen zusammenschlagen", demon- strierten daraufhin etliche andere Anwesende. Das wiederum hat die grünen Staatsmoralschützer Mützelburg und Thomas schwer düpiert. Sie hätten den Innensenator so gerne in die "politische Verantwortung genommen", als ob er die nicht auch an diesem Abend voll wahrgenommen hätte. "Geheimpolizei in Bremen - außer Kontrolle?" -------------------------------------------- hieß der Titel der beabsichtigen Podiumsdiskussion. Auf die Frage muß man erst einmal kommen! Was soll den "außer Kontrolle" gewe- sen sein am perfekten Einschleusen und Operieren des "Polizeispitzels" Hoffmann, außer vielleicht seiner Enttarnung? Sollen sich allen Ernstes die Leute, deren Opposition gegen die NATO-Kriegsvorbereitung vom sozialdemokratischen Polizeisenator als Terrorismus verfolgt wird, mit diesem gemeinsam den Kopf dar- über zerbrechen, wie er immer alles unter Kontrolle behält? Ge- genüber dem Zuständigen für Staatsschutz, dessen ausschließliche Aufgabe in der Durchsetzung von bürgerlichem Gehorsam vor den rechtskräftigen Beschlüssen der Staatsgewalt liegt, läßt sich nur um den Preis des Schwachsinns die demokratsche "Wir"-Lüge durch- halten, nach der die "Betroffenen" der Politik in den zuständigen Politikern nicht etwa die Täter, sondern die richtigen Ansprech- partner vor sich haben. "Weil er nun mal hierzulande die Macht hat", meinte der alte Entertainer der Bewegung Robert Bücking, hat er trotz seines "Ekels" mit Kröning diskutieren wollen. Da hatte er so brav aus der politischen Gegnerschaft seine private Gefühlssache gemacht, um sich den realpolitischen Zugang zum Zu- ständigen nicht zu verbauen, und mußte nun Lehrgeld bezahlen. Senator Volker Kröning, SPD, ---------------------------- wußte offenbar genau, welche Sorte Kritik er an diesem Abend zu kontern hatte: ob sich denn demokratische Meinungsfreiheit und ihr Schutz mit dem Einsatz von Geheimpolizisten vertrage? Und da war ihm die glänzende Idee gekommen, den Spieß umzudrehen. Wenn er denn schon als unentbehrlicher Schützer der Meinungsfreiheit angesprochen war, ließ sich daraus doch ein Lackmustest auf demo- kratische Untertänigkeit machen! Offensiv bekannte er sich dazu, seine Truppe mitgebracht zu haben. "Es ist richtig, daß sich eine Reihe von Beamten im Saal befin- den. Diese Beamten haben ein Recht darauf zu erfahren, was über sie geredet wird. Polizeibeamte sind auch demokratische Staats- bürger und haben das Recht, ihre Meinung zu sagen und zu disku- tieren. Dafür stehe ich als Vertreter der freiheitlichen Demokra- tie ein." Wehe, dagegen wendet einer ein, das Recht, sich zu informieren, sei bei Polizisten so ziemlich dasselbe wie ihre Dienstpflicht zu spitzeln. Kaum waren die ersten "Bullen-raus"-Rufe erklungen, "mußte" der Senator "feststellen", was er von Anfang an demon- strieren wollte: Wer sich nicht mit Geheimpolizisten verträgt, verträgt sich auch mit der Meinungsfreiheit nicht. "Ihr unterbindet hier eine demokratische Diskussion. Was ihr treibt, ist Linksfaschismus!" Gehört also als staatsgefährdend abgeräumt. So "argumentiert" ein demokratischer Machthaber: Wer sich die Verwechslung nicht bieten läßt, s t a a t l i c h e G e w a l t und ihre Maßnahmen seien so etwas wie folgenlose private Meinungen, die man also im Namen der freien Meinung zu akzeptieren hat, der hat sein Recht auf Meinungsfreiheit verwirkt. Und das soll nicht etwa gegen die staatliche Meinungsfreiheit sprechen, die offenbar in der Pflicht zum mehr oder weniger kritischen Tolerieren der Staatsmaßnahmen und ihrer Exekutoren bester, sondern gegen Leute, die sie zu Unmutsäußerungen dagegen gebrauchen. Die mißbrauchen sie, be- findet dann Bremens oberster Staatsschützer, um zielstrebig aufs Kommando "Knüppel raus" zuzusteuern: "Welche Eskalationsstufen außer Sprechchören und Pfeifen habt ihr euch denn noch ausgedacht?" brüllte er durchs Mikrophon. Hätten seine Mitdiskutanten die Ver- anstaltung nicht abgebrochen, wer weiß, vielleicht hätte Kröning auch noch das letzte Argument des herrschenden Demokraten vorge- führt. Seine Truppe war ja da. Aber auch so war er mit sich zu- frieden: "Der Abend war ein voller Erfolg." An diesem Erfolg hatten Die Grünen als demokratische Schiedsrichter ------------------------------------------- nicht unwesentlichen Anteil. Natürlich hatten sie erst einmal "viel Verständnis für die Empörung von denen, die mit der Polizei so schlechte Erfahrungen gemacht haben." Schließlich muß man sich seinen potentiellen Wählern ja verbunden zeigen. Aber "Bullenraus"-Rufe sind kein Weg zur Einsicht in die Unentbehrlichkeit grüner Parlamentsarbeit. Deshalb fuhr der Herr Abgeordnete Mützelburg auch gleich fort: "Aber man sollte doch die Chance dieser Diskussion nutzen, dem zuständigen Senator für Polizei und Staatsschutz in Bremen keine Möglichkeit zu lassen, sich seiner politischen Verantwortung zu entziehen." Das ist natürlich ein ziemlich verrücktes Angebot an Leute, denen die Wahrnehmung der "politischen Verantwortung" des Innensentors gar nicht gut bekommt. Andererseits: den Machern der Regierungs- partei immer vorzuwerfen, sie genügten i h r e n Gesetzen und selbsterteilten Aufträgen nicht, so will sich eben auch eine grüne parlamentarische Opposition als besseres Personal für die Regierungsaufgaben empfehlen. Deshalb verlangt sie auch bespit- zelten und verprügelten Antikriegsdemonstranten den Fehlschluß ab, der sie erst zu (grünen) Wählern macht: ihr Interesse sei al- lein durch eine bessere Erledigung der Staatsgeschäfte zu befrie- digen. Wehe, sie machen sich nicht zum Deppen einer Basisbewegung für einen grünen parlamentarischen Kontrollauftrag. Kaum gelingt es mal Leuten, einem Innensenator zumindest die Propaganda für sein Amt zu vermissen, lamentieren die grünen Parteistrategen: "Das ist ein politischer Sieg des Innensenators!" Warum? Weil die Pfeiferei leider auch den Grünen die Gelegenheit vermiest hat, die Spitzelelaffaire zur Profilierung zu nutzen. Und dafür haben alle Zuschlägereien des Bremer Senats nun mal da- zusein, daß die Grünen "Betroffene" haben, auf die sie sich beru- fen können. Da ist es natürlich - parlamentarisch gesehen - eine Riesensauerei, wenn die Polizei einen so schönen Fall liefert, den die Grünen als demokratischen Fehltritt interpretieren und an die große Glocke hängen wollen, und die Betroffenen - darauf pfeifen: "Ihr macht mehr kaputt als die Polizei. Ihr Idioten habt unserer Bewegung nur geschadet", brüllte mit knallrotem Kopf der Grüne Martin Thomas. Zwei Tage später zitiert ihn zustimmend der WESER-KURIER. Weil keiner an diesem Abend im Schlachthof die demokratische Perfidie besser be- herrschte, im Namen der Betroffenen diesen ein Kritikverbot aus- zustellen. *** Kröning kommt an die Uni: am Freitag, den 23.11., Bereichsbiblio- thek 13 in GW 2, 8.30-11.00 Uhr. Was will er da? "Die Sicher- heitspolitik der SPD" referieren. Diesmal nicht die Sicherheits- politik gegen Kritiker im Innern, sondern gegen die erklärten Feinde außen. zurück